Der Focus 09/16 – So setzen Sie sich durch

Lange nicht mehr gelesen - aber der Focus hätte es verdient, sich wieder mehr am Kiosk durchzusetzen: Politischer, bestimmter und breiter in der Analyse, statt die weinerliche Nabelschau sonstiger Wochenblätter zu wiederholen.

Zugegeben, der Titel des dieswöchigen FOCUS hat mich angesprochen. Warum? Ich kann mich durchsetzen. Früher war das vielleicht mal anders. Aber heute kann davon nicht mehr die Rede sein. Nun gut. Die Ausgabe 09/2016 setzt sich schließlich durch und liegt an der Kasse beim Kiosk. Beim Thema „Durchsetzen“ kommt mir übrigens immer spontan Officer Hooks aus den „Police Academy“ Filmen in den Sinn.

Klare Antworten

Bereits das Editorial von Ulrich Reitz, der das Heft mehr politisch ausgerichtet hat, offenbart sich: BÄNG, da setzt sich jemand durch. „Merkel ist selbst schuld“ titelt es mir entgegen. Und nein, da kann ich Ulrich Reitz nicht widersprechen. Durchgesetzt ist schließlich durchgesetzt.

„Sultan gegen Zar“ – die Staatschefs der Türkei und Russlands beschreibt die hochgefährliche Lage nicht nur für die Region Syrien und Türkei, nein, vielmehr für die ganze Welt. Ja, gut. Wer setzt sich da jetzt durch?

2009 waren sich Erdogan und Putin in Sotschi menschlich noch ganz nah. Beide vesprachen Wohlstand und Frieden. 20 Handelsabkommen und einiges weitere später. Heute ist alles aus und vorbei. Die Partnerschaft zerbrochen. Und sie stehen sich in Syrien gegenüber. Eine sauber aufgemachte, aber nicht wirklich neue Story verschafft den Überblick über die verworrene Lage auf den diversen Schlachtfeldern in Syrien.

Volker Kauder, die „wichtigste Stütze Angela Merkels im Bundestag“ spricht in „Jetzt nicht die Nerven verlieren“ wie er sich auch zukünftig gegen unliebsame Abweichler durchzusetzen gedenkt. Ein lesenswertes Interview von Frank Thewes, der Merkels Number One bei manchen Fragen ordentlich die Zahnplomben kontrolliert. Bemerkenswert, wie die Flüchtlingskrise die Eurokrise im Bewusstsein verdrängt hat; FOCUS zieht sie wieder hoch. Das ist verdienstvoll.

„Einfach so aus dem Leben gerissen“ zeigt und erzählt von 100 Deutschen, die bei islamistischen Terroanschlägen weltweit um ihr Leben gebracht wurden. Der FOCUS schreibt dazu im Vorspann: „Die hohe Zahl der Opfer zeigt: Der Krieg im Namen Allahs ist längst bei uns angekommen.“ Eine Landkarte des Grauens zeigt neben den jeweiligen Orten das Datum und die Anzahl der Ermordeten im Afrikanischen und Eurasischen Raum. 2002 Bali und Djerba, Kabul 2003, Tunesien und Paris in 2015, Istanbul 2016. Einzelne Namen und Schicksale werden angerissen. Und was der gewaltsam verursachte Verlust dieser Menschen für tiefe Löcher in die Leben ihrer Familien gerissen hat, deren Trauer und Schmerz sich auch nach vielen Jahren herauslesen läßt. Es ist eine sensationelle Geschichte, denn es zeigt das wahre Gesicht des islamischen Terrors. Wird deshalb so wenig darüber geschrieben?

Wer kriegt die Halle?

„Trainingsnotstand“ beschreibt, wie Flüchtlinge sich bei der Belegung von Sport- und Turnhallen immer deutlicher gegen Spitzensportler durchsetzen können – welche immer weniger Orte haben, an denen sie für ihren Spitzensport trainieren können. Wie wird sich das auf zukünftige Teilnahmen an Wettkämpfen und Olympiade auswirken? Mein Vorschlag: Alle Sportler werden Schwimmer und ziehen um in Hallenbäder. Diese werden dann generell für die Nutzung von Otto Normal Verbraucher gesperrt, was sexuellen Belästigungen prinzipiell vorbeugt und wo die Hausverbote dann endlich für alle gleichermaßen gelten – außer eben für Spitzensportler. Das wäre auch sehr zur Freude von psychologisch Verkrampften, die noch ein Hühnchen mit Kartoffeln und blonden Handballern zu rupfen haben.

WELT AM SONNTAG Nr. 9, DIE ZEIT Nr. 10, Frankfurter Allgemeine SONNTAGSZEITUNG Nr. 9
Die WamS deutlich mehr am Puls der Zeit
Worum sich der Innenexperte der SPD in Berlin, Tom Schreiber, bemüht, wird beeindruckend auf zwei Seiten in „Der Kick der Gewalt“ von Julian Kutzim beschrieben. Tom Schreiber ist einer der profiliertesten Gegner des linken UND des rechten Extremismus. Unter Personenschutz werden die Fotos für den Beitrag im rechtsfreien Raum Liebigstrasse/Rigaer Strasse geschossen; dort, wo regelmäßig Autos brennen und Pflastersteine auf Polizisten geworfen werden. Manche Stadtteile kann der couragierte Politiker nicht mehr ohne Polizeischutz betreten. Dafür wird Schreiber auf Twitter als „dieses dumme Stück Scheisse“, das man „verachte“ und das eine „Schande für die SPD“ sei, beschimpft und bei Anschlägen auf das Wahlkreisbüro in Bekennerschreiben persönlich bedroht. Zwei Seiten mehr hätten dem Politiker mit Format, der sich gegen extremistische Gewalt und Anarchie durchsetzen möchte, auch nicht geschadet.

Absicht oder nicht, beim Umblättern findet man direkt zum „Bunten Netzwerk des Dieter Dehm – Ein Ex-Terrorist, ein früherer Bundespräsident und viele Musiker: Der Millionär sammelt Kontakte und Geld.“ Illustre Person Dehm, der Songs für Klaus Lage geschrieben und Eiskunstläuferin Katharina Witt vertreten hat – und eben auch einen guten Draht zu Christian Wulff hat.

Das war ja immer die Stärke des FOCUS – die Übersichtlichkeit, etwa in einer Gegenüberstellung der Pro- und Contras zum Thema TTIP. Und der Sozialrechtler Jürgen Borchert beschreibt, die wie SPD die soziale Spaltung beklagt und doch dafür sorgt, dass die Stärkeren sich durchsetzen. Sind die Spitzen der Partei ja bekanntlich selber.

Eher erstaunt setzt man den FOCUS nach solchen Stücken ab: Das abgedriftete Blatt ist zurück auf dem Kurs zum Nachrichtenmagazin; die eher triviale Titelgeschichte lockt hinein in ein Heft, das relevante Themen und neue Blickweisen bietet. So setzt sich der FOCUS durch.

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