Schweden reißt Brandmauer ein und droht mit Ende der Stromlieferungen

Schweden wirkt, könnte man sagen: Der EU-Abgeordnete Charlie Weimers hat die Fraktionen rechts der Mitte in Migrationsfragen geeint. In Stockholm geben die Liberalen den Widerstand gegen eine förmliche Koalition mit den Schwedendemokraten auf. Und Energieministerin Busch revoltiert gegen den EU-Gebührenkraken.

picture alliance / TT NYHETSBYRÅN | Anders Wiklund/TT

In Schweden schmilzt gerade ein weiterer Teil der dort ohnehin kaum noch vorhandenen Brandmauer dahin. Die Liberalen, die sich bislang weigerten, direkt mit den Schwedendemokraten zu koalieren, haben diese Haltung aufgegeben. Dazu trat die Liberalen-Chefin Simona Mohamsson zusammen mit dem Vorsitzenden der Schwedendemokraten (SD), Jimmie Åkesson vor die Presse. Am Ende umarmten sich beide Parteivertreter buchstäblich.

Die Einigung öffnet die Tür für eine förmliche Koalition der konservativen Moderaten, der Liberalen und der SD nach den Wahlen, die am 13. September stattfinden sollen. Aber es gibt auch Gefahren. Denn natürlich gab es auch Unruhe bei den Liberalen. Führende Mitglieder verließen die Partei, etwa der Vorsitzende im Stockholmer Stadtrat Jan Jönsson. Zudem liegen die Liberalen seit Monaten fast in allen Umfragen unter drei Prozent – bei den Wahlen zum Riksdag gilt eine Hürde von vier Prozent des nationalen Wahlergebnisses. Die Liberalen könnten also durchaus aus dem Riksdag fliegen, und dann wären sie eben kein Mehrheitsfaktor mehr für eine rechts-konservativ-liberale Regierung. Vielleicht setzt Mohamsson gerade auf eine Revitalisierung ihrer Partei durch die Zuwendung zu den Schwedendemokraten.

Im Tausch für ihre Annäherung erhielten die Liberalen die Zusage, dass die Schwedendemokraten ein neues Euro-Referendum unterstützen, welches 2030 stattfinden soll. Das letzte Euro-Referendum hatte 2003 zu einer Mehrheit gegen die EU-Einheitswährung geführt. Premier Ulf Kristersson von den konservativen Moderaten will derzeit nicht über ein neues Referendum diskutieren, freute sich aber über die gefallenen Vorbehalte der Liberalen. So scheint alles auf eine echte Koalition der Partner im Herbst zuzusteuern.

Das Zugeständnis zeigt: Auch für die SD ist der Schwenk der Liberalen wie auch die engere Zusammenarbeit mit den Konservativen nicht ohne Gefahren. Die Partei könnte einerseits ihren Ruf als Stimme des Protests verlieren, andererseits auch substantiell an programmatischer Schärfe verlieren. Darüber hinaus haben sich L und SD auf die Verstaatlichung der Schulen geeinigt – auch nichts, was man von außen blickend direkt mit liberalen oder rechtskonservativen Werten assoziieren würde.

Migrationseinigung im EU-Parlament dank SD

Im EU-Parlament hatte der SD-Abgeordnete Charlie Weimers, der dort Mitglied der EKR-Fraktion ist, für eine Zusammenarbeit von der EVP (CDU) über die EKR und Patrioten für Europa (PfE) bis hin zu den Souveränisten (ESN, auch AfD) in Migrationsfragen gesorgt. Der Schwede hat also durch den Aufbau einer Chatgruppe effektiv die Brandmauer im EU-Parlament getilgt. Die Folge war, dass nun die „rechten“ Fraktionen über die Ausgestaltung der neuen Abschieberegeln entschieden, nicht wie gewohnt die Gruppe aus EVP, S&D und Renew, teils noch zusammen mit Grünen und Linken. Die EKR, zu der die Schwedendemokraten gehören, ist freilich der natürliche Vermittler, da die Fraktion sowohl von der EVP wie von ESN und PfE akzeptiert wird. Weimers spricht von einer neuen „stabilen Mehrheit in der rechten Mitte zu Migrationsfragen“.

Auch die schwedische Duldungs-Koalition sieht Weimers als Erfolgsmodell an. Die Parteien rechts der Mitte – SD zusammen mit Moderaten, Liberalen und Christdemokraten – hätten dort Erfolge zu verzeichnen: weniger Bandenkriminalität, mehr Abschiebungen und eine deutlich reduzierte Asylmigration. Man könne sich nicht auf EU-Ebene zur Geisel der deutschen Brandmauer machen.

Revolte gegen die Abpressung von Stromgebühren

Und nun – es mag Koinzidenz sein – hat die schwedische Energieministerin Ebba Busch (Vorsitzende der Kristdemokraterna) auf einer EU-Sitzung damit gedroht, dass das „brave Mädchen“ Schweden – eine schwedische Redensart – mit seiner im Vergleich vorbildlichen Energiebilanz zum bösen Mädchen werden könnte. Der Grund liegt in einer geplanten verstärkten Vernetzung der EU-Mitgliedsstaaten, die aber damit einherginge, dass Schweden höhere Energiepreise zahlen müssten, weil Deutschland nichts gegen die Energieknappheit tut. Die Schwedin drohte sogar in relativ klaren Worten, die bestehenden Verbindungen zu „kappen“ und also damit aufzuhören, die südlichen Nachbarn mit Strom zu beliefern.

Der Anlass der schwedischen Tirade war der Plan der Kommission, die Elektrizitätshandelsgebühren zu 25 Prozent für Energieinvestitionen in der gesamten EU einzusetzen. Bisher konnten schwedische Verbraucher davon ausgehen, dass die von ihnen entrichteten Gebühren auch für den Ausbau des schwedischen Energienetzes genutzt wurden. Nun soll das nicht mehr so sein – die Kommission will die Energielöcher und „Sinkgruben“ in anderen EU-Ländern mit den Gebühren stopfen. Es geht also gegen einen weiteren klandestinen Schritt in Richtung EU-Vereinigung zum Superstaat, gegen den Busch vielleicht gar nichts hat, der der liberal-konservativen Schweden-Regierung aber in dieser sozialistischen Form deutlich gegen den Strich geht.

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Kommentare ( 18 )

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Wilhelm Roepke
27 Tage her

Das ist nicht viel gutes, aber immerhin etwas.

Dreiklang
27 Tage her

Ebba Bush hätte m.E. noch härter austeilen können, etwa: „Sind nicht bereit, eure schwachsinnige Energiepolitik noch läner mitzutragen“. Und Charlie Weimers hat geschrieben: „Ich muss alles in meiner Macht Stehende tun, damit wir Europa wieder auf Kurs bringen.“ Ja, das wäre doch eine schöne Aufgabe für unseren Bundeskanzler. Aber es geht für ihn und die gesamte CDU nur noch darum, die AfD noch möglichst lang von der Macht fernzuhalten.

Sonny
27 Tage her

„…dass Schweden höhere Energiepreise zahlen müssten, weil Deutschland nichts gegen die Energieknappheit tut.“
und
„Man könne sich nicht auf EU-Ebene zur Geisel der deutschen Brandmauer machen.“
Unsere Nachbarn sprechen Wahrheiten ganz ungeniert aus. Gut so.
Nur beim Euro ist die schwedische Politik auf dem Holzweg. Welcher Bürger möchte schon für alle Bankrottstaaten innerhalb der Eurozone freiwillig haften???

Last edited 27 Tage her by Sonny
dienbienphu
27 Tage her

Das ist schlau von den Schweden. Deutschland muss mal diszipliniert werden: Sie können nicht ihre eigene Infrastruktur zur Stromerzeugung ruinieren und erwarten von den Nachbarn versorgt zu werden. Auch für die sind die Schwankungen aus dem deutschen Stromnetz Gift. Der deutsche Web führt ins Abseits.

Richy
28 Tage her

Es gibt Gott sei Dank noch vernünftige Demokraten, Schweden, weiter so!

Willm
27 Tage her
Antworten an  Richy

Ja,das Stimmt .Aber wir brauchen mehr
Davon,viel mehr.
Weimers und Buchs Argumente klingen ja auch so schön vernünftig.
Tut richtig gut.

Laurenz
28 Tage her

Simona Mohamssons Liberale werden mutmaßlich den Weg der FDP in den Orkus folgen. Wer braucht schon Politik, wo liberal draufsteht, aber links drin ist.

Fatmah
28 Tage her

Die deutsche Regierung spielt auf Zeit, es werden so viele Firmen aus Deutschland abwandern, bis der Energiebedarf konsolidiert ist, Win/Win.

norbertb783
27 Tage her
Antworten an  Fatmah

Die Frage wird sein ob der deutsche Michel den mit Ihrer Beschreibung einhergehenden Wohlstandsverlust klaglos akzeptiert oder sein Wahlverhalten ändern und nicht zu vergessen, wer weiß was Merkels Gäste machen, wenn der „All iclusive Urlaub“ in Deutschland plötzlich zu Ende ist.

ceterum censeo
27 Tage her
Antworten an  Fatmah

Mindestens seit Merkel wird auf Zeit gespielt. Nur, daß Merkel die Zeit mit Tafelsilber bezahlen konnte – und die Meisten haben es nicht gesehen (oder wollten es nicht sehen). Der Sauerländer hat, bis auf ein paar Espressolöffelchen, kein Tafelsilber mehr – nur „Sondervermögen“, um Zeit zu kaufen.

Retlapsneklow
28 Tage her

Nicht nur Ende der Stromlieferungen
Chinas geostrategischer Beitrag zum Iran-Krieg?
Presse:

China Chemiekonzerne erklären höhere Gewalt – und liefern nicht wie vereinbart medizinisches Material

Betroffen sind vor allem Einweghandschuhe, Schutzkittel und Drainagen – nach Einschätzung von Brancheninsidern rund 70 Prozent des gesamten klinischen Verbrauchsmaterials.

Sechs von zehn Herstellern aus China nehmen momentan keine Bestellungen mehr an – weil das Rohmaterial wieder gehandelt wird wie zu Corona-Zeiten. Wer am meisten zahlt, kriegt es.

Das Harzklinikum im sachsen-anhaltinischen Quedlinburg warnt bereits vor Aufschlägen von bis zu 30 Prozent, die die Krankenhäuser „hart treffen würden“.

November Man
28 Tage her

Den Schweden kann man den Euro nicht empfehlen. Der Euro ist eine kaputte und schwache Währung. Keine Euro-Staat kann diese Währung aufwerten oder abwerten um seinen Staatshaushalt zu stabilisieren. Aber auch Schweden hätte dann mit dem Euro die Möglichkeit in Deutschland über das Target II-Zahlungssystem kostenlos, ohne in Euro zu zahlen, einzukaufen. Zur Bezahlung reicht ein wertloser Schuldschein. Deutschland hats ja, Deutschland ist angeblich ein reiches Land und wir haben Platz. Erst in vergangenen Jahr wurden von unsere linksextremen Regierung so mir nichts dir nichts 500 Milliarden versenkt. Das geht nicht mehr lange gut. Bald fliegt uns der Laden um… Mehr

hoho
28 Tage her
Antworten an  November Man

Schwach oder nicht – hat man Euro ist man den Lügner und Verbrecher aus Brüssel ausgeliefert.

Fatmah
28 Tage her
Antworten an  November Man

Target II ist ein Verrechnungssystem, bei den Energie Einkäufen aus Schweden können die Kunden bei IKEA gar nicht genug kaufen um den Saldo ins Minus zu bringen.

Paul Brusselmans
28 Tage her

Interessant ist ja folgendes zur EVP, Weber und der Brandmauer: Weber ist zwar Chef der EVP, aber es gibt eine Menge Stellvertreter, darunter auch Xavier Bellamy. Die CDUCSU hat weniger als 30 Sitze von 180, es folgen Spanien und Polen und der Rest ist weit gestreut. Deutschland ist EIN Mitgiedstaat unter 27. Die Zeit, in der Deutschland das spätere Europaviertel kontrollierte, ist Gottseidank vorbei. Was ich damit meine: einfach Residence Palace googlen. Von Bellamy ging die Initiative mit aus. Wenn CDUCSU es Ernst mit der Brandmauer ist, dann respektiere ich das, aber dann sollen sie aus der EVP austreten und… Mehr

Laurenz
28 Tage her
Antworten an  Paul Brusselmans

Das basiert aber nur darauf, daß die Stimme des Deutschen Wählers am wenigsten in Brüssel zählt.