Großbritannien: Königin Elisabeth II. ist tot – Charles ist König

Nach 70-jähriger Regentschaft starb Königin Elisabeth II. am Nachmittag friedlich in Balmoral – im Kreise fast aller nächsten Verwandten. Sie hatte regelmäßige Unterredungen mit 15 britischen Premiers von Churchill bis Truss, traf 13 US-Präsidenten. Für Großbritannien endet eine Ära.

IMAGO/United Archives International

Am Nachmittag ist Königin Elisabeth II. nach einer Regentschaft von 70 Jahren auf Schloss Balmoral gestorben. Damit wird Prinz Charles zum König, Camilla zur Königin. Die beiden werden morgen nach London zurückkehren. Nach der Einsetzung der neuen Premierministerin bedurfte die Queen seit dem Mittag der ärztlichen Aufsicht auf Schloss Balmoral. Ihre Kinder und Enkel eilten umgehend nach Balmoral. Auch die Briten schienen in diesem Augenblick über die Parteien und Landesteile hinweg von neuem geeint. Ein ähnlicher Motor der Einheit dürfte in Deutschland fehlen.

Der Stand der Queen, einer passionierten Reiterin und Corgi-Liebhaberin, war zeitlebens ein unglaublicher. Noch als Mehr-als-90-Jährige vermochte sie es, ohne Stock oder Haltegriff auf zwei Stufen einer Freitreppe zu stehen. Direkt sportlich sah das angesichts ihres Alters aus. Nun sahen die Dinge leider anders aus.

„Nach weiterer Auswertung an diesem Morgen, sind die Ärzte der Königin besorgt um ihre Gesundheit und haben empfohlen, dass sie unter medizinischer Aufsicht verbleibt“, so lautete das Statement der Ärzte vom Donnerstagmittag. Zuvor hatte die Königin ihre Teilnahme an einer Sitzung des Kronrats abgesagt, in dem auch die neuen Minister aus der Regierung von Liz Truss hätten vereidigt werden sollen. Eine Krankenhauseinweisung wurde nicht für nötig erachtet: „Die Königin bleibt in aller Bequemlichkeit in Balmoral.“ Offenbar war es aber kein Fall mehr für die Hausapotheke.

Die ärztlichen Sorgen um die Queen schienen über das hinauszugehen, was sonst als „Probleme mit der Beweglichkeit“ beschrieben wurde und etwa zur Vertretung durch Prinz Charles bei der diesjährigen Thronrede im Londoner Oberhaus geführt hatte.

Bei Truss’ Amtseinführung am Dienstag war der britischen Presse ein großer Fleck an der Hand der Königin aufgefallen. Das war, so hieß es bald, nichts Ungewöhnliches. In der Times ferndiagnostizierte man „senile Purpura“, also einen Bluterguss, der leicht durch die zarteren Adern älterer Menschen entsteht. 2019 hatte die Queen mit ähnlich verfärbten Händen das Königspaar von Jordanien empfangen. Die Hand von Liz Truss ergriff auf dem offiziellen Foto eine lächelnde und gemäß ihren Möglichkeiten aufrecht stehende 96-jährige Königin. Normalerweise hätte die Amtseinführung im Londoner Buckingham-Palast stattgefunden.

Kinder und Enkel scharen sich um die Monarchin

Der 73-jährige Prince Charles, bekennender Ökologe und wohl nun nächster König des Vereinigten Königreichs, reiste umgehend nach Balmoral, ebenso seine Geschwister Anne, Andrew und Edward. Gattin Camilla, Herzogin von Cornwall, folgte. Auch Prinz William, seinerseits der zweite in der Thronfolge, machte sich auf den Weg. Nur dessen Frau Kate blieb einstweilen mit den schulpflichtigen Kindern in Windsor.

Schließlich wurde bekannt, dass sogar die mit dem Rest der Familie zerstrittenen Sussexes, Harry und Meghan, sich in Balmoral einfinden wollen. Dabei hatten sie noch vor Tagen angeblich einen Besuch auf Balmoral zusammen mit ihren Kindern Archie und Lilibet abgelehnt. Das war der deutlichste Hinweis auf den Ernst der Lage. Allerdings kamen die beiden erst kurz nach dem Ableben der Queen an. Daneben zeigten Bürger und Untertanen persönliche Präsenz am Schloss, um ihre Unterstützung für die Monarchin auszudrücken.

Die Ärzte führten den Zustand der Queen auf deren „vollen Tag“ am vergangenen Dienstag zurück, als sie erst Boris Johnson verabschiedete (Verweildauer: 39 Minuten) und dann Liz Truss rituell in ihr Amt einführte (33 Minuten). Es wäre eine ziemliche Ironie, wenn ein Wachwechsel in Downing Street, den viele konservative Parteimitglieder noch immer für unnötig halten, das Ableben der Queen hervorrufen würde.

Unterhaussprecher Hoyle: „Ich weiß, dass ich für das gesamte Haus spreche“ – Truss: „Das ganze Land wird tief betroffen sein“

Noch bevor die Öffentlichkeit am Mittag informiert wurde, trat Minister Nadhim Zahawi im Unterhaus zu Liz Truss, um ihr vor vorgehaltener Hand etwas mitzuteilen. Dann sprach Zahawi mit dem Speaker Lindsay Hoyle, der sich an die Abgeordneten mit den Worten wandte: „Ich weiß, dass ich für das gesamte Haus spreche, wenn ich Ihrer Majestät der Königin unsere besten Wünsche sende und hinzufüge, dass sie und die königliche Familie in diesem Moment in unseren Gedanken und Gebeten sind.“

Dieser Satz galt offenbar sogar für die neue Premierministerin Liz Truss, die die monarchische Regierungsform als Jugendliche noch als „Schande“ bezeichnet hatte. Nun sagte sie: „Das ganze Land wird von den Nachrichten aus dem Buckingham Palast heute mittag tief betroffen sein. Meine Gedanken – und die Gedanken der Menschen im gesamten Vereinigten Königreich – sind in dieser Zeit bei Ihrer Majestät der Königin und ihrer Familie.“ Oppositionsführer Keir Starmer hoffte auf die baldige Erholung der Queen. Auch die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon zeigte sich „tief betroffen“, sandte der Queen Gedanken und gute Wünsche. Gleiches galt für den walisischen First Minister Mark Drakeford. In der Sorge um die Gesundheit ihrer Königin scheinen die vier Nationen Großbritanniens noch immer geeint.

Bis zu dem Zeitpunkt galt die Gesundheit der Königin, die dieses Jahr unter großem Pomp und großer Anteilnahme der Briten ihr 70-jähriges Thronjubiläum feiern konnte, als ausgesprochen robust, mit nur einer Handvoll Krankenhausaufenthalten in so vielen Jahren. Als sie sich 1994 beim Sturz ihres Pferdes in Sandringham das Handgelenk brach, hielt sie es für eine Schramme. Erst am nächsten Tag fiel der Bruch den Ärzten auf.

Die Brexit-Botschaft der Queen: „Gut übereinander sprechen und unterschiedliche Standpunkte respektieren“

In politischen Dingen hat sich die Königin, altem Protokoll folgend, stets zurückgehalten. Eine Meinung zu aktuellen politischen Fragen wurde der Queen aber doch immer wieder unterstellt, teils gar aus der Farbe und dem Schnitt ihrer Kleider abgelesen. So auch zum Brexit, als sie ausgerechnet bei der Verkündung neuer Gesetze, die den Austritt aus der EU vorbereiteten, ein blaues Kostüm mit gelben Blütenkelchen am blauen Hut trug. Das Signal verstand auch der EU-Radikale Guy Verhofstadt als EU-Nostalgie der Monarchin. Die Königin galt fortan als „heimlicher Remainer“. Was sie allerdings sagte, ließ sich auch anders interpretieren.

Die Boulevardzeitung The Sun hatte vor der Abstimmung gar getitelt: „Queen backs Brexit“ – die Königin stünde also hinter dem EU-Austritt. Im Artikel fanden sich zwei Gespräche, in denen die Queen die EU kritisiert hatte. Aus dem Palast drang nur, dass die Königin wie seit damals schon 63 Jahren „politisch neutral“ bleibe. Über das Referendum müsse das britische Volk entscheiden. Als regierende Monarchin durfte Elizabeth selbst nicht abstimmen, ebenso besitzt sie kein Wahlrecht bei den Unterhauswahlen.

2019 sprach die Königin dann vor dem Sandringham Women’s Institute in Norfolk und hob hervor, wie wichtig es sei, einen „gemeinsamen Grund“ mit Menschen mit abweichender Meinung zu finden. Vielleicht war das ein Aufruf an das Land, bei aller politischen Spaltung nicht das Gemeinsame zu vergessen. Dieselbe Botschaft kam damals in einigen Reden der Königin vor, etwa wenn sie es als „bewährte Vorgehensweise“ beschrieb, „gut übereinander zu sprechen und unterschiedliche Standpunkte zu respektieren“ und „nie das große Ganze aus den Augen zu verlieren“. An diese Worte darf man auch die übrigen Europäer erinnern in den Tagen, in denen Liz Truss sich vornimmt, die letzten EU-Streitigkeiten (vor allem Nordirland betreffend) abzuräumen und – ähnlich wie Boris Johnson – durch wirksame Abkommen mit den Nachbarn im Südosten zu klären.

Liz Truss ist der 15. Premierminister, den die Queen während ihrer Regierungszeit eingesetzt hat. Der erste Premier, mit dem die Queen zu tun hatte, war 101 Jahre älter als Truss: Churchill, Jahrgang 1874. Daneben erlebte die Monarchin dreizehn US-Präsidenten und alle neun Bundeskanzler zumindest aus der Ferne. Die meisten traf die Königin freilich sogar bei offiziellen Staatsbesuchen.

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Kommentare ( 8 )

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H. F. Klemm
28 Tage her

An anderer Stelle bereits von mir kommentiert, aber trotzdem von mir auch hier noch mal. Mich irritieren hier einge der Kommentare deren „negativer Ton“ an der mir bei Betrachtung der untadeligen Lebensleistung – Militärdienst der Army in WK II und als Staatsoberhaupt des schrumpfenden Commonwealth – völlig unangemessen scheint. Hinsichtlich Kririk an der Monarchie, ein Labour-Vorstoss mit Abschaffungsdiskussion nach dem Tod von Diana Spencer ist letzlich, kläglich gescheitert – weil moralisierend die durchaus zu kritisierende Trauerzurückhaltung von E II R als Panier der Sozialistenfraktion und Monarchiegegner vergebens geschwenkt wurde. Nun ja, König Charles III, der Öko-Spinner, woke und WEF-Symphatisant, Tamponliebhaber,… Mehr

Last edited 28 Tage her by H. F. Klemm
Karina Gleiss
28 Tage her

Die „Wachablösung“ im Buckingham Palace und gleichzeitig in No.10 könnte man fast für ein Menetekel halten – für GB und Westeuropa. Es sieht auch danach aus, als ob die Briten zumindest mit der neuen Premierministerin „rather unhappy“ sind.
Der Wirbel um Johnsons Partygate bekommt jetzt irgendwie ein Geschmäckle. Scheinbar war er für das WEF nicht mehr berechenbar genug. Weil er sich auf Grund seiner Persönlichkeit immer noch einen Rest selbständigen Denkens bewahrt hat.

Last edited 28 Tage her by Karina Gleiss
Peter W.
28 Tage her

Mit Charles als König wird die Monarchie in Großbritannien weiter an Gewicht verlieren.
Er hat eine politische Meinung und dazu wenig politisches Einfühlungsvermögen. Als integrierende Figur für das Commonwealth ist er überfordert.
Zudem ist er bereits im Rentenalter. Das Theater um Diana und seine jetzige Frau werden ihm eines Tages zur Last werden.
Es wäre besser gewesen an William weiterzugeben. ,

Marco Mahlmann
28 Tage her

Möge Gott sie in seinen ewigen Frieden aufnehmen und ihrer Seele gewogen sein. Der erste Premierminister, mit dem Königin Elisabeth II. zu tun hatte, bedauerte sehr das Ende der deutschen Monarchie. In der Tat hätten wir in den zwanziger Jahren eine das Volk einigende Krone gut gebrauchen können; Kaiser Wilhelm wäre dafür auch der richtige Mann gewesen. Das haben uns Franzosen und Amerikaner verwehrt aus kleingeistigen politischen Gründen. Churchill hat gewußt, welche Bedeutung eine Monarchie für den Zusammenhalt einer Nation hat. Churchill hat auch nicht per Scheckbuch und Güterzug Krieg geführt, sondern er hat britische Truppen ganz real gegen uns… Mehr

der_chinese
28 Tage her

Möge sie in Frieden ruhen!
Meine persönliche Meinung ist, Charles sollte auf den Thron verzichten und somit William die Regentschaft ermöglichen.
Das würde Charakter beweisen!

eifelerjong
29 Tage her

Madame, R.i.P

badmoon
29 Tage her

Herrscherin einer Kolonialmacht-nie einen Tag im Leben gearbeitet-Vorläufer von Merkel, Gauck, Steinmeier, Habeck, Baerbock, Scholz und Co. Das gute an ihr: sie hatte keine Macht. Und nun ein grüner König-lässt sich mit Koffern voller Geld von den Scheichs schmieren.

Konradin
29 Tage her

Schaut man sich heute Abend die meinungsbeherrschenden TV- und TV-Nachrichtensender von ARD, ZDF, Springer (Welt) und Bertelsmann (n-tv) mit ihren Sondersendungen und Dauer-Live-Schalten auf den Buckingham-Palast an, könnte man meinen das amtierende Staatsoberhaupt Deutschlands wäre verstorben. Die – erwartbare – Betroffenheitsbeweihräucherung bei gleichzeitiger endloser Lobhudelei und beinahe unendlicher Ehrerbietung – gerade durch die Deutschen (Medien) – ist fast zum Fremdschämen. Die Fremdscham wird umso größer als sich die, vor der Königin des Vereinigten Königreichs derart tief verneigenden und bückenden, Deutschen (Medien) das eigene letzte monarchische Staatsoberhaupt, Kaiser Wilhelm II. aus einer Mischung aus Unkenntnis der Realität und Wahrheit hervorgerufen durch… Mehr