Gaddafis Sohn Saif al-Islam erschossen

Als Student genoss er in Europa seinen Playboy-Lifestyle, besuchte in Wien den Opernball und war mit dem Rechtspolitiker Jörg Haider befreundet – jetzt wurde Saif al-Islam (53), der Sohn von Muammar al Gaddafi, in Libyen erschossen.

IMAGO / BRIGANI-ART

Saif al-Islam Gaddafi, der zweitälteste Sohn des ehemaligen libyschen Diktators Muammar Gaddafi, ist am Dienstag in seinem Haus in Zintan ermordet worden. Der 53-jährige Politiker, der einst als potenzieller Nachfolger seines Vaters galt und längere Zeit in Wien studierte, wurde von vier maskierten Bewaffneten erschossen. Diese Tat, die von seinem Anwalt und Berater als „feiger und verräterischer Anschlag“ bezeichnet wird, bestätigt die anhaltende politische Instabilität in Libyen.

Saif al-Islam Gaddafi war lange Zeit das Gesicht der „modernen“ Seite des Gaddafi-Regimes. Als zweiter Sohn von Muammar Gaddafi und seiner zweiten Frau Safia Farkash übernahm er nie ein offizielles Amt, agierte jedoch als de facto Außenminister und PR-Manager seines Vaters. Er war bekannt für seine westlich orientierte Ausbildung und seine Bemühungen, Libyen international zu rehabilitieren – eine Rolle, die ihn in den 2000er-Jahren zu einem häufigen Gast in europäischen Metropolen machte. Besonders prägend war sein Aufenthalt in Wien Ende der 1990er-Jahre, wo er an der privaten Business School IMADEC Executive Education einen MBA-Abschluss erwarb.

In Europa Playboy mit weißen Bengal-Tigern

Während seiner Zeit in der österreichischen Hauptstadt lebte Gaddafi junior keineswegs unauffällig: Er residierte in einer luxuriösen Villa, ließ sich stets in einem Auto mit diplomatischem Kennzeichen chauffieren und war oft Gast in Wiener Nachtlokalen. Besonders spektakulär war die Ankunft seiner weißen Bengal-Tiger, die er mit nach Wien brachte. Nach Verhandlungen mit dem damaligen Wiener Bürgermeister und dem Direktor des Tiergartens Schönbrunn durften die seltenen Tiere vorübergehend im Zoo untergebracht werden – ein Vorfall, der Gaddafis Image als exzentrischer „Playboy-Student“ bestätigte.

Guter Bekannter von Jörg Haider

In Wien knüpfte er enge Kontakte zu bekannten Persönlichkeiten, darunter dem OPEC-Funktionär Shukri Ghanem und dem FPÖ-Politiker Jörg Haider. Mit Haider besuchte er 2006 den Wiener Opernball, was die Bande zwischen libyscher Elite und österreichischer Politik unterstrich. Diese Phase markierte den Höhepunkt seiner westlichen Integration: Von Wien zog er nach London, wo er 2008 an der London School of Economics promovierte. Zu seinem Abschluss wurden später Plagiatsvorwürfe erhoben.

Zurück in Libyen wurde Saif al-Islam zu einer Schlüsselfigur im Regime seines Vaters. Er war maßgeblich an der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern beteiligt, die seit 1999 in Libyen festgehalten worden waren, und positionierte sich als Reformer. Doch während des Arabischen Frühlings 2011 zeigte er eine andere Seite: Er drohte Aufständischen mit „Flüssen von Blut“ und wurde für die brutale Unterdrückung von Protesten verantwortlich gemacht. Nach dem Sturz und grausamen Tod seines Vaters im Oktober 2011 wurde Saif al-Islam von Rebellen in der Wüste gefangen genommen. Ein Gericht in Tripolis verurteilte ihn 2015 in Abwesenheit zum Tode wegen Kriegsverbrechen, einschließlich Mord und Verfolgung.

Ein gesuchter Kriegsverbrecher

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag erließ einen Haftbefehl gegen ihn. Dennoch wurde er 2017 freigelassen und verbrachte die folgenden Jahre im Untergrund in Zintan, um Attentate zu vermeiden. Trotz seiner Vergangenheit versuchte Saif al-Islam in den letzten Jahren ein politisches Comeback. Er kündigte 2021 an, für die Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, und gründete die Popular Front for the Liberation of Libya (PFLL). Seine Anhänger sahen in ihm einen Garanten für Stabilität und Einheit in dem zerrissenen Land, das seit 2011 von Bürgerkriegen und rivalisierenden Milizen geplagt wird. Kritiker warfen ihm jedoch vor, das Erbe seines Vaters fortzusetzen und für weitere Instabilität zu sorgen.

Am 3. Februar stürmten vier maskierte Männer das Haus von Saif al-Islam in Zintan, etwa 136 Kilometer südwestlich von Tripolis. Laut seinem Anwalt Khaled al-Zaidi und seinem politischen Berater Abdullah Othman wurde er erschossen. Die Angreifer deaktivierten zuvor die Überwachungskameras, was auf eine professionelle Operation hindeutet.

Libysche Behörden, darunter der Generalstaatsanwalt, untersuchten den Leichnam und bestätigten, dass Gaddafi an Schussverletzungen starb. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, um die Täter zu identifizieren. Sein ehemaliger Sprecher Moussa Ibrahim postete auf X: „Sie haben ihn heimtückisch getötet. Er wollte ein vereintes, souveränes Libyen, sicher für all seine Menschen.“

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Kommentare ( 16 )

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Sonny
9 Tage her

„Er wollte ein vereintes, souveränes Libyen, sicher für all seine Menschen.“
Ja, genau.
Wers glaubt, wird selig.

CasusKnaxus
10 Tage her

In China ist kein einziger Sack Reis umgefallen. Ganz im Ernst: wen interessierts?

Legolas
10 Tage her

Allzu herb ist dieser Verlust für Libyen sicher nicht. Mir fallen noch eine ganze Reihe von Figuren ein, denen niemand nachtrauern würde, wenn sie auf diese Weise spontan zu ihren Schöpfer abberufen würden. Auch und insbesondere bei uns…

Laurenz
10 Tage her

Wer zuerst schießt, lebt meist länger.

Digenis Akritas
10 Tage her

Zur unschönen Wahrheit gehört auch, dass der Diktator Gaddafi die Massen aus Afrika abgehalten hätte, nach Europa überzusetzen. Ihn wegzubomben war ein Fehler. Chaos ist da und der Weg nach Europa bzw. Deutschland ist frei!!

Nibelung
6 Tage her
Antworten an  Digenis Akritas

Und deshalb bleibt ein Auftragsmord zu befürchten, denn er war wie sein Vater vielen im Weg und nur der Allmächtige weiß, wer ihn liquidiert hat und was dabei erreicht wurde, sieht man überall dort, wo die Freiheit mit Gewalt eingetrichtert wurde und ein Chaos einschließlich Unfreiheit beschert hat und das sieht man in Libyen, Irak, Syrien und anderen Staaten, wenn die Selbstherrlichkeit m um sich schlägt, wie derzeit an Irans Grenzen und dabei am Ende nichts erreicht wird, außer einer bekannten unerfreulichen Hinterlassenschaft.

Milton Friedman
10 Tage her

Die ganze Region gleicht einer „Perlenkette“ – im Sinne des Sprichworts „Perlen vor die ….“ Könnte man Zeitreisen und man würde den antiken Bewohnern der südlichen Mittelmeerküste zeigen, wie es dort heute zugeht – vom Sinai bis Atlas – sie würden in Unglauben verfallen, in Angst und Schrecken, welche fürchterliche Waffe hier tausende Jahre Zivilisation so nachhaltig in die Steinzeit zurückbombte. Mir will es einfach nicht einfallen, welche „Waffe“ das sein könnte. Sarkasmus aus. Ach ja, Ghaddafis Jr.s Mörder wird man, entsprechend der eingangs angedeuteten Zustände, dort suchen können wo der meiste Nutznießen sich bald einstellen wird. Das kann also… Mehr

Danton
10 Tage her

Da nennen doch wirklich noch Autoren den Überfall der Muslimbrüder auf die anti-islamischen Staaten in der Mittelmeerregion „Arabischen Frühling“. Mubarack, Gaddafi, Assad waren das Bollwerk gegen den politischen Islam. Aber der Westen kann einfach nicht aufhören den wahren Kampf gegen die Islam-Ideologie als das Böse zu brandmarken. Bei Gaddafi und Assad waren die Hauptargumente immer, das beide mit aller härtesten Mittel (Gefängnis) gegen den fundamentalistischen Islam vorgehehen. Das sie IS- und Taliban Terroristen einsperren würden. Deshalb galten sie bis heute im Westen als Verbrecher. Die wollten nicht wie Birmingham oder Essen zum Sammelpunkt für die Muslimbrüder werden. Die kannten die… Mehr

Michaelis
10 Tage her

Libyen war das wohl „fortschrittlichste“ muslimische Land in Afrika, politisch weitgehend stabil und auf relativ hohem Wohlstandsniveau. Der Fehler seines Vaters war, dass der versuchte, den afrikanischen Kontinent unabhängig zu machen vom finanziellen Einfluss v.a. der USA. Ermordet wurde er unter dem großartigen Obama, der bekanntlich noch andere Menschen auf dem Gewissen hat.

Last edited 10 Tage her by Michaelis
M. B.
10 Tage her
Antworten an  Michaelis

Da gab es schon einmal ein Land, das ein dollarloses Wirtschaftssystem hatte und als Wirtschaftslokomotive einen ganzen Kontinent ohne Dollarbeteiligung hervorbringen konnte. Das wurde auch von seiner Dollarlabkehr befreit.

Mausi
10 Tage her

Sechs Jahre irgendwo von „Rebellen“ festgehalten und „dennoch freigelassen? Da haben sich „Rebellen“ nicht an den Haftbefehl gehalten? Erstaunlich. „Er drohte Aufständischen mit „Flüssen von Blut“ und wurde für die brutale Unterdrückung von Protesten verantwortlich gemacht.“ Ich kenne die Situation Libyen nicht. Dort herrscht seit wievielen Jahren eine „Übergangsregierung“, vgl. wikipedia. Ds Auswärtiges Amt bezeichnet Libyen als „Parlamentarische Republik“. Ich kenne die Aussage, wir seien in Bezug auf den Nahen Osten ungebildet. Und ich vermute, dass die Staaten, die nicht radikal islamisch regiert werden, ebenfalls mit genau diesen Mitteln – Flüssen von Blut – verhindert haben bzw. verhindern, dass ihre… Mehr

MeHere
10 Tage her

Naja, die ARABISCHE FORM von „echter Demokratie und Meinungsfindung“ .. der brutalste Mörder und Vergewaltiger wird Chef und beutet alle anderen aus. Zumindest ist der Mord „gut fürs Klima“ (Satire). Was haben sine Leibwächter gemacht ? Orgie nebenbei ?
Zum Glück haben wir hier in Europa „unsere Demokratie“, mit der wir durch eine Minderheit von Linksextremen Egomanen und Westentaschendiktatoren zu Steuersklaven gemacht werden und für die schuften müssen, während die Europa und unser Land in ein Irrenhaus verwandeln.