Corona-Test: Lösungen und intelligente Regeln statt Verbote

Die University of Illinois Urbana-Champaign (UIUC) hat ein Schnellwarnsystem eingerichtet, das Personen nach 30 Minuten von ihrem Testergebnis direkt benachrichtigt, wenn sie positiv getestet wurden, damit sie sich sofort isolieren und eine Ausbreitung der Infektion verhindern können. Von Ralf Krämer

IMAGO / ZUMA Wire
September 10, 2020, USA: A staff member stands outside of a COVID-19 testing site on the University of Illinois campus in Urbana-Champaign, Ill. USA

Manchmal scheint es, als würde die Zahl „eine Million“ nicht mehr ganz so viel Aufmerksamkeit bekommen wie früher. Sie ist – mathematisch gesehen – nicht besonders. Und in der heutigen Gesellschaft gilt sie nicht einmal als ungewöhnlich groß. Wir leben heute in einer Welt, in der die Bevölkerung in Milliarden gemessen wird, die Weltwirtschaft in Billionen skaliert und in der Computerspeicherleistung schon von Yottabyte geredet wird (also 1024 Byte).

Aber eine solche Zahl bekommt eine ganz besondere Bedeutung, wenn es darum geht, sich inmitten einer weltweit verheerenden Pandemie um das Wohlergehen der eigenen Gemeinschaft zu kümmern.

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Mitte Dezember 2020 hat die University of Illinois Urbana-Champaign (UIUC) zum einmillionsten Mal den in den Forschungslaboren der UIUC entwickelten PCR-Schnelltest COVID-19 auf Speichelbasis durchgeführt. Das SHIELD-Programm machte im Sommer und Frühherbst in den Vereinigten Staaten viele Schlagzeilen mit dem massiven Einsatz unseres schnelleren, billigeren und genaueren PCR-Tests, bei dem Speichel anstelle der üblicherweise verwendeten Nasenabstriche verwendet wird.

In nur wenigen Monaten hat eine Allianz transdisziplinärer Forscherteams eine umfassende Test-, Rückverfolgungs- und Überwachungsinfrastruktur aufgebaut, das im weltweit seinesgleichen sucht. Chemieprofessor Paul Hergenrother, der die Testentwicklung leitete, beschrieb das entscheidende Unterscheidungsmerkmal des Tests so. „Unser Speicheltest war innovativ, weil er eine Verarbeitungspipeline ermöglichte, die die herkömmlich verwendeten RNA-Reinigungsschritte verkürzt. Dadurch waren unsere Tests schneller, billiger und nicht von Engpässen in der Reagenzien-Lieferkette abhängig – und das alles bei größerer Sicherheit für das Laborpersonal.“

Robert Jones, Kanzler der Universität: „Um den universitären Betrieb möglichst Aufrecht zu erhalten, setzen wir den neuen, kostengünstigen COVID-19-Test ein. Er liefert uns extrem genaue Ergebnisse noch am selben Tag. Wir haben eine digitale App entwickelt und an fast 50.000 Benutzer verteilt, die bei der Benachrichtigung über eine Exposition hilft und den Zugang zu Gebäuden und Klassenzimmern kontrolliert. Wir haben ein Schnellwarnsystem eingerichtet, das Personen innerhalb von 30 Minuten nach ihrem Testergebnis direkt benachrichtigt, wenn sie positiv getestet wurden, damit sie sich sofort isolieren und eine Ausbreitung der Infektion verhindern können. Und wir haben unsere universitären Supercomputing-Ressourcen genutzt, um Echtzeitmodelle zu erstellen, mit denen sich aufkommende Ausbrüche schnell identifizieren und eindämmen lassen, bevor sie außer Kontrolle geraten können.“

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Für die Studenten gelten einfache Regeln, jeder Student öffnet die Türen der Universitätsgebäude mit einer elektronischen Zugangskarte, wird erfasst und per Anzeige ein bis zweimal die Woche aufgefordert, sich testen zu lassen. Der Test ist nach wenigen Augenblicken erledigt und der Student kann seiner Tätigkeit ohne Einschränkungen nachgehen. Wird ein Studierender positiv getestet, so wird er vier Tage unter Quarantänebedingungen isoliert und kann kein Universitätsgebäude mehr mit seiner elektronischen Zugangskarte betreten. Alle Personen, mit denen er Kontakt hatte, werden ebenfalls sofort benachrichtigt, getestet und bei Bedarf isoliert. Nach vier Tagen werden alle Betroffenen erneut getestet.

Der Erfolg dieser Strategie blieb nicht aus, obwohl die Studierenden am Wochenende und in den Ferien oft ein eher ausgelassenes Party-Leben und häufige Reisen bevorzugen. Während an mancher Universität Spitzenwerte von beinahe dreißig Prozent Positivrate der getesteten Personen aufwiesen, war die höchste Fallpositivität der UIUC 2,86 Prozent an einem Tag, also nur rund ein Zehntel. Am 3. September 2020 wurde das Programm durch die Priorisierung von Tests für Studenten und die Einführung noch schnellerer Isolierungsmethoden ausgeweitet, und es gelang, diese Spitzenwerte innerhalb einer Woche auf unter 0,5 % abzuflachen, wobei die tägliche Fallpositivität bis Mitte Oktober sogar auf 0,05 % fiel.
Ende Oktober und im November geriet die COVID-19-Pandemie im gesamten Mittleren Westen außer Kontrolle, auch in East Central Illinois. Aber selbst in dieser Zeit, die so große Veranstaltungen wie der Big Ten Football, Halloween, die US-Wahlen und Thanksgiving umfasste, blieben die Positivitätsraten im Allgemeinen unter 0,5 %, also um den Faktor 10 (oder mehr) geringer als in der umliegenden Region.

Die Mitarbeiter im Gebäudeservice, im Speiseservice und in den Unterkünften arbeiteten sogar während der gesamten Dauer des staatlichen Stay-at-Home-Befehls, um weiterhin wichtige Dienstleistungen und Unterstützung für Studenten, Fakultätsmitglieder und Mitarbeiter zu liefern. Im neuen Semester werden viele Kurse und Vorlesungen aus Infektionsschutzgründen online abgehalten. Die notwendigen Laborstunden, etwa bei den Ingenieursstudiengängen, können aber als Präsenzunterricht stattfinden.

Die Gesundheitsbehörden von Illinois und anderer Bundesstaaten interessieren sich vermehrt für den Weg, den die UIUC mit ihren 50.000 Studenten geht, trotz eines in den USA gut anlaufenden Impfbeginns.


Ralf Krämer

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Kommentare ( 15 )

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F.Peter
8 Monate her

Der Begriff „Intelligent“ wird wohl im nächsten deutschen Duden nicht mehr erscheinen.

andreask90
8 Monate her

Ein paar Anmerkungen, Champaign ist meine zweite Heimat:
In Illinois regieren die Demokraten, haben den härtesten Lockdown, hohe Infektionsraten. Der Grund ist Chicago, die drittgrößte Stadt der USA.
Der überwiegende Rest, einschließlich Champaign, ist republikanisch, praktisch, gut.
Die Folge: State Law ist katastrophal, County Law ist praktisch und human.

bkkopp
8 Monate her
Antworten an  andreask90

Mir scheint, dass der interessante Bericht von der UIUC handelt. Er handelt auch nicht von Gesetzgebung oder öffentlicher Verwaltung, sondern von effektiver und effizienter universitärer Eigenverwaltung. Diese, staatliche Universität ist so blau dass es blauer fast nicht mehr geht, auch wenn das kleinstädtische/ländliche Umland rot ist.

andreask90
8 Monate her
Antworten an  bkkopp

Das ist richtig. Aber was lernen wir daraus? Auf Kreis-Ebene ist eine Zusammenarbeit von Democrats und Republicans noch möglich und auch üblich, weil Menschen Probleme persönlich angehen. Aber auf Landes- und Bundesebene geht nichts mehr.
Ich habe hier verdeutscht zum besseren Verständnis. In den USA heißt es County, State und Federal. Auch bei uns ist auf Kreisebene noch möglich, was auf Landes- und Bundesebene tabu ist.

Sonny
8 Monate her

Ich kann nicht beurteilen, ob dieser Weg der University of Illinois Urbana-Champaign richtig ist oder nicht.
Aber wenigstens werden dort alle alternativen Ideen erforscht, besprochen, getestet und sich nicht einfach nur den politischen Vorgaben ergeben.
In Deutschland völlig undenkbar. Oder kriege ich das einfach nur nicht mit, weil unsere Politik und deren Hofpresse die Veröffentlichung unterbindet?

Fulbert
8 Monate her

Warum sollte sich ein Altersgruppe ständig testen und isolieren lassen, für die eine schwere Erkrankung statistisch im Minimalbereich liegt?

FerritKappe
8 Monate her

Sorry, Intelligenz und das vorgehen in DE. Das ist ein Widerspruch in sich.

Maximale Panik. Das ist was zählt.

Wer seine Maßnahmen auf Zahlen begründet, die eigentlich jeder Grundschüler als Bullshit durchschauen sollen könnte, der hat mit Intelligenz nun wirklich nichts am Hut.

Sonnenschein
8 Monate her

Wurden nur Studenten getestet oder auch das Universitätspersonal?

Talleyrand
8 Monate her

Die beste Möglichkeit wäre überhaupt nicht mehr zu messen.Damit kriegt man die Fallzahlen auf sofort Null und das Medien-und Politikerpanikorchester zur Ruhe. Falls man das nicht tut, tanzen die „Experten“ ab sofort das ewige Coronamutanten Balett auf unserer Nase. Wie bei allen RNA Viren wird’s sich wie seit tausenden von Jahren fröhlich weiter mutieren. Glaubt jemand im Ernst, solche Viren seien erst kürzlich vom Himmel gefallen?

Montesquieu
8 Monate her

Das Massentest- Schnellerfassungs-Isolierungs-Nachverfolgungskonzept erscheint erstmal intuitiv sinnig, scheitert aber an der blöden Realität. 1. Zahl der positiv falschen Ergebnisse – werden 1 000 000 Tests gemacht, bekommt man – unabhängig von der Zahl wirklicher Infektionen – immer mindestens 10 000 falsch positive Ergebnisse (= 1%) Das bedeutet vier Tage unnötige Quarantäne für den Getesteten sowie (das haut quantitativ rein) seine Kontaktpersonen. Würde man das Konzept deutschlandweit anwenden und nur 50 der 80 Millionen Bewohner einbeziehen, hätte man 50 (Millionen) x 52 (Wochen) x 2 (Tage in der Woche) x 0,01 (Rate falsch positiver Ergebnisse) x 4 (mit zu quarantänisierende engere… Mehr

Last edited 8 Monate her by Montesquieu
Klaus H. Richardt
8 Monate her
Antworten an  Montesquieu

Tut mir leid, der UIUC-Ansatz ist ideal im Vergleich zu dem Mist bei uns. Übrigens: Fehler treten stochastisch auf, mal mehr mal weniger. 1% Fehler täglich aufs Jahr hochzurechnen mit 200 Mio Fällen ist statistischer Nonsens!

Klaus H. Richardt
8 Monate her
Antworten an  Klaus H. Richardt

Zunächst bezog sich meine Bemerkung nur auf das, was die UIUC gemacht hat. Deren Vorgehen fand ich gut. Ja, ich sprach von stochastischer Verteilung, d.h. 1% Fehler ist das Maximum des Möglichen, es tritt aber selten auf, auf keinen Fall jeden Tag. Und dann überhaupt die Hochrechnung von 200 Mio, als ob jemals einer auf die Idee käme, 50 Mio. permanent zu testen. Die Universität Illinois hat eine neue Testmethode eingeübt und vernünftige Ergebnisse erzielt, um die Wirksamkeit ihrer Methode zu demonstrieren. Das ist ihr gelungen. Nur das hatte ich kommentiert, was man übrigens leicht mit einem Auge erkennen kann.

thinkSelf
8 Monate her

Niemand muss sich „testen“ lassen und niemand muss sich „isolieren“.
Auch wenn man Schwachsinn rationalisiert, so bleibt es trotzdem Schwachsinn.
Wieder ein schöner Beweis für das inzwischen unterirdische intellektuelle Niveau amerikanischer Universitäten. Vor diesem Land muss sich wirklich keiner mehr fürchten. Das wird China freuen.

h2m2
8 Monate her

Wer sich mit dem Thema anfreundet ist reingefallen.
Nicht Mangel an Medikamenten macht krank.
Und nicht jeder Grippe erkrankte wird andere anstecken.
Die Test an sich, sind die reinste Spalterei und Hysterie.