Assistierter Suizid: Getötet wider Willen

Die Niederlande, Belgien, Kanada: Wo immer der assistierte Suizid legalisiert und normalisiert wird, avanciert er vom „extremen Ausnahmefall“ zur gesellschaftlich akzeptierten Tötung kranker und alter Menschen – auch gegen deren Willen, wie unter anderem ein Fall aus Kanada zeigt.

picture alliance / BSIP | AMELIE-BENOIST

10.000 Menschen erwarteten die Organisatoren des Marsches für das Leben, der am 18. Januar in Paris stattfand – über 15.000 kamen, um gegen die geplante Legalisierung der aktiven Sterbehilfe zu protestieren. Die Bilder zeigen vor allem junge Menschen, die sich hier gegen eine Tötung als Gesundheitsleistung aussprachen. Nur wenige Tage später scheiterte das Gesetzesvorhaben im französischen Senat.

(c) Marche pour la vie

Ein wichtiges Zeichen: Tod und Sterben werden in westeuropäischen Gesellschaften an den Rand gedrängt und ungern diskutiert. Dennoch ist der Umgang mit Leidenden und Sterbenden ein Maßstab für den Zustand einer Gesellschaft, sowohl in zivilisatorischer als auch in sozialer Hinsicht.

Gleich ob in den Niederlanden, in Belgien oder jüngst in Großbritannien, wo ein entsprechendes Gesetz 2025 durch das Unterhaus angenommen wurde, und seitdem der Bestätigung durch das Oberhaus harrt: Stets steht am Beginn der Legalisierung das Versprechen, lediglich Extremfällen gerecht werden, unsägliches Leid lindern zu wollen. Der aktuelle Stand der Schmerztherapie und der Palliativ- und Hospizversorgung wird hingegen nicht kommuniziert, sodass überkommene Horrorszenarien von unerträglichen Schmerzen bei gleichzeitiger Handlungsunfähigkeit den emotionalen Ton der Debatte prägen: dann lieber rechtzeitig selbstbestimmt „gehen“.

Erst Ausnahmesituation, dann Normalfall

Doch die Legalisierung geht stets einher mit einer Normalisierung von Euthanasie. Patientenschutz wird unterlaufen, das Interesse des Staates, Geld einzusparen, und Interessen der Angehörigen übertrumpfen regelmäßig die Bedürfnisse der Kranken und Alten.

Immer wieder sticht hier Kanada unrühmlich hervor: Das Land ist bekannt für die albtraumhaften Zustände, die seit der Einrichtung des staatlich erlaubten Tötungsprogramms herrschen. Das heißt ausgerechnet MAiD. Dieses Akronym steht für Medical Assistance in Dying und bedeutet für sich genommen „Dienerin“.

Zynischer geht es kaum, denn um einen Dienst handelt es sich bei diesem Programm gerade nicht – jedenfalls nicht an Menschen, die medizinischer oder anderweitiger Hilfe bedürften.

Besonders anschaulich wird dies anhand eines Falls in der kanadischen Provinz Ontario, der sich bereits 2024 zugetragen hat, dem aber erst jetzt vermehrt mediale Aufmerksamkeit zukommt. Eine Frau, die ambulante palliative Versorgung in Anspruch genommen hatte, wurde gegen ihren Willen getötet, weil ihr Mann mit der Pflege überfordert war.

Der Ehemann ist überfordert – die Frau muss sterben

Laut des Berichts des „MAiD Death Review Committee“ (MDRC) hatte die Frau ursprünglich den Wunsch geäußert, euthanasiert zu werden, wollte den Antrag aber zurückziehen. Als sie gemeinsam mit ihrem Mann in der Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses vorstellig wurde, wurde ihr Ehemann mit Burnout diagnostiziert, der auf Überforderung mit der Pflege seiner Frau zurückzuführen sei. Ein Antrag auf stationäre Palliativversorgung oder die Aufnahme in ein Hospiz wurde abgelehnt, da sie, so der Bericht, „die Hospizkriterien für das Lebensende nicht erfüllte“. Im Klartext: Sie erschien als zu gesund fürs Hospiz.

Der Ehemann wandte sich daraufhin nochmals an die MAiD-Koordinationsstelle – mit der Bitte um schnelle Durchführung der Tötung. Der Gutachter, der mit dem Fall ursprünglich betraut war, wollte sich am nächsten Tag vor Ort ein Bild von der Situation machen, da ihm der plötzliche Sinneswandel verdächtig vorkam.

Stattdessen wurden zwei andere Gutachter herangezogen, die die Betroffene als MAiD-berechtigt einstuften. Noch am selben Abend wurde die Frau getötet.

Ein Dienst an der Patientin, oder ein Dienst am Angehörigen, der in der Diagnose eines Burnout die willkommene Ausrede fand, sich seiner Last zu entledigen?

Über 5 Prozent aller Todesfälle durch MAiD 

Und es ist nicht anzunehmen, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Schlagzeilen machte unter anderem der Fall der Paralympionikin Christine Gauthier. Der Veteranin wurde zu assistiertem Suizid geraten, obwohl sie lediglich einen Lift für ihren Rollstuhl beantragen wollte. Ähnlich erging es Kayla Pollock, einer jungen Kanadierin, die seit einer mRNA-Impfung gegen COVID-19 gelähmt ist. Auch ihr wurde als Therapie für ihr Leiden der assistierte Selbstmord empfohlen, ebenso wie gleich einer Reihe von Veteranen, die unter posttraumatischer Belastungsstörung litten. In diesen Fällen wandten sich die Betroffenen an die Medien, verfügten über genügend Resilienz und Mittel, um sich zu wehren. Wie viele bettlägerige, demente und hilflose Menschen können das nicht?

Auch wurden Fälle publik, in denen sozial Abgehängte, Obdachlose oder chronisch Kranke vortäuschten, die Bedingungen von MAiD zu erfüllen, um das Programm in Anspruch nehmen zu können, da sie ihre Situation als hoffnungslos einschätzten – Menschen, denen mit einer Unterkunft, Reintegrationsmaßnahmen oder entsprechenden Therapien ausreichend geholfen wäre.

Die Entwicklung Kanadas belegt eindrücklich, dass assistierter Suizid das Gegenteil dessen ist, was er zu sein vorgibt: kein Ausdruck von Mitgefühl, sondern Ausweis sozialer Kälte. Nicht nur werden Schutzbestimmungen unterlaufen, sodass Menschen auch ohne Einwilligung oder gegen ihren Willen getötet werden. Euthanasie führt auch zu einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung, da ein System, das auf Einsparungen ausgerichtet ist, logischerweise günstige Optionen teuren vorzieht. Mit der Folge, dass unter anderem aufwendige Palliativversorgung unterbleibt, während Patienten in den Tod gedrängt werden.

In Kanada ist MAiD mittlerweile für über fünf Prozent aller Todesfälle verantwortlich – eine Todesmaschinerie, die eine eindringliche Warnung an Staaten darstellt, die ihrerseits die Gesetzgebung liberalisieren wollen.


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.


Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 80 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

80 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Emsfranke
10 Tage her

Vor wenigen Tagen hat Bundeskanzler März in einer seiner „visionären“ Reden auch davon gesprochen, dass die Deutschen Bürger mit unangenehmen Zumutungen konfrontiert werden könnten. Ich möchte dem Herrn Merz nun keine bösen Absichten unterstellen, aber ich bin mir nicht sicher, welche alternativlose Zumutungen bei der immer schlimmer werdenden wirtschaftlichen Lage, auf die Menschen in diesem Land hereinbrechen könnten. Im Rahmen einer aus wirtschaftlichen Nöten, verbunden mit einem massiven Beitragseinbruch in den Sozialkassen, erwartbar zunehmenden Verrohung, Gleichgültigkeit und Gewalttätigkeit dürfte es nicht mehr lange auf sich warten lassen, dann könnte offensichtlich werden, was auch aus den Worten des Kanzlers herausgelesen werden… Mehr

Edwin Rosenstiel
10 Tage her

Hat man nicht in Deutschland auch den wohlklingenden Begriff „Sozialverträgliches Frühableben“ geschaffen, der genauso verlogen ist wie „Entsorgungspark“ für „Müllhalde“? Und dann sollte man doch mal fragen, wer die Menschen hinter den Kulissen sind, die solche Begriffe sich ausdenken, und dann auch für die dahinter stehende Maschinerie die Entscheider und Ausführer sind. Und wie sie ihr Tun mit schönen Worten bemänteln, obwohl sie genau der Typus UNMENSCH sind, den man fürchten muss. Heute werden Schauprozesse gegen fast Hundertjährige, damals halbe Kinder gemacht, die als Bürokraft im KZ angeblich Tausende ermordet haben, weil man zeigen will, wie „gut“ man ist, und… Mehr

Henriette
10 Tage her

Nach 40 Jahren hausärztlicher Erfahrung muss ich sagen, dass das Problem nicht die Tötung auf Verlangen ist. Es gibt viele schwer Kranke, die eine Hilfe beim Sterben gerne in Anspruch nähmen. Das unlösbare Problem ist die Delegation der Entscheidung an „professionelle Gutachter“, die darüber letztlich entscheiden „nach wissenschaftlichen Kriterien“. Wie auch sonst in allen staatlichen Institutionen müssten sie Übermenschen sein, wenn sie „sachlich“ gutachten könnten über Menschen, dich sich selber nicht mehr wirklich äußern können. Viele werden immer Knechte der gesellschaftlichen Bedingungen sein. Siehe jene Richter, die Ärzte für die Ausstellung von Maskenbefreiungs-Atteste ins Gefängnis stecken. Eine staatliche Regulierung menschlichen… Mehr

Martin Mueller
10 Tage her

Frankenstein-Horror staatlich legalisiert.

Alte weise Frau
10 Tage her

Derartigen Unfug habe ich bei Tichys Einblick noch nicht gelesen. Leider habe ich nicht die Zeit, um diesen Artikel in fast jeder Zeile zu zerpflücken. Es wird undifferenziert alles in eine Schüssel geworfen und heftig rumgerührt. Ja, und das ist richtig, der Zustand einer Gesellschaft lässt sich am Umgang mit den Leidenden und Sterbenden ablesen. Das hat wohl jeder in der C-Krise gesehen oder hautnah erlebt. Und wo stehen wir denn da? Ganz unten. Man hat die Sterbenden alleine gelassen. Teilnahme am Sterbeprozess verweigert. Aber jetzt das scheinheilige Getue um Menschlichkeit. Ist doch klar, dass nur Jüngere an diesen Demos… Mehr

Sonja Dengler
10 Tage her

Zur Erinnerung: Kanada hat als 1. Land SOFORT Ausgleichszahlungen wegen der von Trump gestrichenen Millionen Dollar für die Abtreibungsindustrie zugesichert.
Mehr als 70 Millionen Kinder werden jährlich im Mutterleib getötet – und das sind nur die gemeldeten Zahlen. Solange die Menschheit diesen Kinder-Massenmord zulassen und sogar durch Steuern finanzieren, wird die Menschheit immer bösartiger.

Ganzunten
10 Tage her

Deutschland hat doch schon ein Programm zum assistierten Suizid: Covid19-Schutzimpfung.

prague
10 Tage her

Ich glaube sie vergleichen Appfel mit Birnen, Natürlich ist das pervers, was in Canada passiert, aber ich glaube sie haben keine Ahnung, wie es den menschen mit unheilbare Krankheiten mit Schmerzen, die fast nicht zu aushalten sind. Sie haben keine Ahnung, was ein Arzt, der solche Menschen behandelt für Ängste hat. Giebt man zuviel Morfium und der Menscht stirbt, wird der Arzt belangt, da giebt man eher weniger und der Mensch leidet. Ich glaube die Leute, die keine Erfahrung mit diesen Menschen haben, die mit denen nicht sprechen und die diese Quallen nicht sehen, haben kein Recht darüber zu schreben.

Emsfranke
10 Tage her
Antworten an  prague

Sie verwechseln Sterbehilfe auf Wunsch des Betroffenen mit der Tötung von Menschen aus z.B. wirtschaftlichen Gründen oder, wie im Text beschrieben, Verwandte nicht pflegen können.

Ornhorst
10 Tage her

Dazu muss man allerdings wissen, dass Kanada schon immer andere Uhren hatte. Dort ist man für sein soziales Wohl weitestgehend eigenverantwortlich. Es gibt dort nicht Sozialstaat, sondern Individualverantwortung, oder anders gesagt, Kanada hat keine sozial funktionierende Gesellschaft. Da kann der kanadische Premierminister noch so tiefschürfende Reden halten, in denen er sein Kanada so anpreist. Sozial ist es ein Entwicklungsland, technisch ein Industriestaat.

Last edited 10 Tage her by Ornhorst
Elisabeth5
9 Tage her
Antworten an  Ornhorst

Das ist hier in Deutschland auch nicht anders. Nur zahlen wir 30% des Bruttogehaltes Zwangsversicherung in Sozialkassen, die inzwischen überwiegend gar nicht leisten. Das haben die, die zahlen, aber noch keine Leistungen beansprucht haben, nur noch nicht mitbekommen. Wir haben hier gut 650.000 komplett unbehandelte Pflegefälle mit LongCovid/MECFS/PostVAC. Diese Pflegefälle erhalten auch keine angemessenen Pflegestufen, und die Verwandten, die über die Pflege selber erwerbsunfähig werden, erhalten auch keine Erwerbsunfähigkeitsrenten. Das ist nicht nur bei den genannten Krankheiten so. Meinem Vater wurde 9 Monate sein Krebs nicht operiert, nur um dann zu sagen: jetzt nicht mehr operabel. Er starb dann. Noch… Mehr

suesssauer
10 Tage her

Von einem Messerstecher werde ich auch gegen meinen Willen getötet. Ein Fall macht es nicht gleich zur Norm. Ich werde vielleicht mal froh sein um einen assistierten Suizid.