Die Grünen: Einsatz für alle Menschen

Die niedersächsische Erstwählerin machte Briefwahl, weil sie am Wahltag bereits unterwegs ist für ein freiwilliges soziales Jahr in Asien. - In den kommenden Tagen folgen Gespräche mit Mitbürgern, die Die Linke, FDP, AfD und SPD stimmen wollen.

© Sean Gallup/Getty Images

Die hier vorgestellte Gesprächspartnerin aus der Nachbarschaft ist dem Autor bekannt als zuvorkommendes Mädchen. Eine junge Frau, wie sie sich wohl viele ältere Semester als Schwiegertochter wünschen. Die Interviewte fiel bisher überhaupt nicht als politische Person auf. Sie ist warmherzig und freundlich. Wir führen ein schnelles Gespräch auf der Straße, quasi über den Gartenzaun hinweg.

Sie hat dieses Jahr ihr Abitur gemacht, ist 19 alt, lebt mit den Eltern und einer jüngeren Schwester zusammen in einem Einfamilienhaus. Der Vater arbeitet bei Volkswagen, die Mutter halbtags in einem kleinen Unternehmen im Büro. Die Familie unternimmt viel zusammen, Freizeit-, Bildungs-, und Sportangebote werden gerne und häufig angenommen. Der Vater ist eher ein stiller Typ, die Mutter etwas extrovertierter und im freundlichen Wesen ihrer Tochter ähnlich.

Die niedersächsische Erstwählerin machte Briefwahl, weil sie am Wahltag bereits unterwegs ist für ein freiwilliges soziales Jahr in Asien. In den nächstenTagen folgen noch einige kurze Vorbereitungsseminare. Es gibt um die 300 Euro Taschengeld im Monat.

Politisch sieht sie sich selbst als bisher unauffällig und ohne nennbare Aktivitäten. Wählen allerdings hält sie für ihre Pflicht. Auf die politische Atmosphäre zu Hause angesprochen, sag sie, dass dort eher selten politisch diskutiert wird. Höchstens einmal vor Wahlen wie jetzt und mal ein paar Sätze zu den Nachrichten.

Beide Eltern würden aber prinzipiell auch für solche Gespräche zur Verfügung stehen, glaubt sie. Was die Eltern wählen, ist ihr bekannt. Die Tochter fällt da auch nicht aus der Reihe. Sie ist sich aber bei dem Vater nur bedingt sicher – die Sache sei – da muss sie schmunzeln – etwas mysteriös.

Sie hat die Grünen gewählt. Als die Briefwahlunterlagen kamen, hat sie sich extra die Wahlprogramme im Internet angeschaut. Beispielsweise die der SPD, die waren ihr aber zu „Wischiwaschi“.

Angela Merkel und die CDU würde sie auf keinen Fall wählen, denn die ist ihr zu konservativ. Auch, weil Frau Merkel gegen die Homo-Ehe stimmte, das ist ihr bitter aufgestoßen. Außerdem sei die CDU mit der CSU verbunden, die bayrische Partei empfindet sie aber als ganz besonders schlimm.

AfD ist für sie überhaupt kein Thema. Würde man sie trotzdem zwingen, etwas Positives zu sagen, dann höchstens, dass der nette Opa ganz sympathisch rüberkommt, wenn er nicht den Mund aufmacht.

Die FDP steht für sie für freien Handel. Und freier Handel unterstütze nun Mal nicht die Armen. Die FDP sei auch gegen Gerechtigkeit, zu marktwirtschaftlich orientiert, das hätte sie in der Schule länger durchgenommen, damit hat sie sich intensiver beschäftigt.

Merkelland Exkursion 1
Angela Merkel: Mehr geht eben nicht
Die Linke findet sie gut. Aber sie hat dann doch Grün gewählt, einfach weil der Bauch entschieden hat. Sie könne das nicht einmal genau begründen, warum nicht Die Linke. An den Grünen gefiel ihr, dass sie die Umwelt schützen wollen. „Ich habe einfach das gute Gefühl, dass sich die Grünen für alle Menschen gleich einsetzen. Es sollte auch mehr für die Länder getan werden, aus denen die Flüchtlinge kommen. Und das traue ich den Grünen zu.“

Den Wahlkampf fand sie bisher ziemlich krass, was die Plakate angeht, z.B. die von der NPD und der MLPD. Die MLPD hätten Sprüche, die klingen ja ganz gut, aber sie hat das Gefühl, da fehlt ein Konzept.

„NPD war nur dumm und abstoßend. Das mit Luther, da habe ich mich gefragt, ob man das überhaupt darf, ob das legal ist. Die Kandidaten der Grünen, da mag ich den Özdemir. Ich sah ihn mal im TV bei Hart aber Fair, da war er sympathisch und hatte gute Argumente – es ging im Wesentlichen um Erdogan und Türken im Deutschland.“

Spontan fällt Ihr kein Slogan ein, die Wahlplakate der Grünen fand sie aber eher enttäuschend unauffällig. Wenn sie selbst einen Slogan für die Grünen schreiben müsste, dann hätte sie vielleicht inhaltlich erzählt, dass die Nationalstaaten sich noch mehr öffnen müssen für Europa. „Separatismus muss verhindert werden. Es gibt keine Zukunft ohne Verständigung.“

„Wenn ich sage sollte, was ich an Deutschland mag, dann fällt mir zuerst ein, dass sie Flüchtlinge aufnehmen und sich nicht so darum drücken wie Großbritannien und Ungarn. Falsch im Umgang mit den Flüchtlingen läuft auf jeden Fall die Integration, die werden nur abgestellt wie Objekte und nicht behandelt wie richtige Menschen.“

Auf Koalitionen angesprochen, empfiehlt sie den Grünen, sich mit den Linken und der SPD zusammen zu tun, dass würde noch am ehesten etwas werden. Wenn sie nun für ein Jahr im außereuropäischen Ausland ist, möchte sie als Erfahrung mitnehmen, dass sie selbstbewusster wird, sich persönlich weiterentwickelt.

„Ich hoffe, dass ich, wenn ich Deutsch unterrichte, etwas über unser Land erzählen kann und im Gegenzug etwas über das Land erfahre. Über die andere Kultur und wie die Menschen leben und arbeiten.“

Zuletzt gelesen habe ich „Die Farben des Nachtfalters“, da geht es um ein Albino-Mädchen in Afrika, dass sich gegen eine feindliche Umwelt zur Wehr setzen muss. Das hat mich sehr bewegt.

Wir danken ihr für die Offenheit und das nette Gespräch.

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Kommentare ( 165 )

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Das nennt man Abnabelung, das muss so sein. Entwicklungspsychlogie.

„früher immer in den Urlaub fahren musste“ – Was das Bezness früher an Geld verschlungen hat für die paar schönen Tage. Und dann noch das viele CO₂. Heute kommen die Knackigsten zu uns; das kostet nichts, das zahlt der Staat.

Bei 18-jährigen?

Jawohl, gerade bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen!

Umsichtige Eltern/Lehrer wollen ihre Schützlinge nicht indoktrinieren. Sie erziehen sie zum moralischen Urteilen; geben aber die Werturteile nicht vor. Ich will nicht, das die Jungen so denken wie ich, denn es wird ihre Zukunft sein, wenn ich längst tot bin. Ich will, dass sie sich ein eigenes Urteil bilden, denn sie tragen die Folgen in ihrem Leben.

Gesunde Heranwachsende sollen und müssen sich ihre Werte von selbst gesuchten Autoritäten holen: Peers oder andere Erwachsene.

Sorry, ich vergaß. Natürlich Satire.

Das ist schön:-))

Lieber Herr Wallasch, klar, man soll nicht zu hart urteilen über die junge Frau, und ich finde es richtig, daß Sie sich vor sie stellen (danke bei der Gelegenheit für Ihre meinungsneutrale Wiedergabe der Aussagen ihrer Befragten; das zu lesen ist, als ob man plötzlich nicht mehr gegen die blendende Sonne schauen muss… 😉 Allerdings habe ich ebenso Verständnis für Wut und „Düsterkeit“ von uns „Alten“/Alten bezüglich Haltungen von Menschen, die, obwohl qua Jugend von den jetzt allmählich eintretenden Folgen gewisser Politik noch langfristig schwer betroffen, diese einfach blind unterstützen, weil es persönlich psychologisch angenehmer ist. Weil es bequemer ist,… Mehr

Man fragt sich, wie eine Gegenbewegung in die konservativ/liberale Richtung überhaupt funktionieren soll? Also so etwas wie 68er nur andersherum. Alles was links ist, hört sich erstmal gut an und fängt Leute ein, insbesondere junge Frauen. So was wie „Regeln durchsetzen“, „Fleiß und Demut“, „Prinzipientreue“ wirkt schon ganz schön altbacken und wenig sexy. Waren es nicht 10% der Deutschen, die den ganzen Laden letztlich tragen. Die Anzahl der Linken und Grünen darunter hält sich wohl in Grenzen. Machen wir uns nichts vor: Der Laden Deutschland wird in den nächsten Jahren / Jahrzehnten dichtgemacht.

Es ist das Vorrecht der Jugend, mangels Lebenserfahrung häufiger zu irren beim Suchen. Das meine ich gar nicht ironisch. Wie soll jemand in ihren Lebensumständen und ihrem Erfahungshintergrund denn auch anders denken können? „Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz; wer es mit 30 immer noch ist, keinen Verstand“… heutzutage sollte man den Begriff „Sozialist“ vielleicht durch grüner Gutmensch“ ersetzen. Die heutige Jugend (ich packe sie, obwohl rechtlich erwachsen, mal unter diese Rubrik) ist konfrontiert mit quasi-realtime-Verbindung zur gesamten Welt. Es ist kein Wunder, daß die Grundausrichtung zunächst mal immer global ist – umso mehr, je besser die… Mehr

In 20 Jahren gibt es über alle Parteien nichts mehr zu reden – meine unmaßgebliche Sicht.

Sie haben recht; ich hätte genauer formulieren müssen:
In 20 Jahren reden wir nochmal über die AfD-Inhalte von heute, und was diese ihr dann bedeuten.

Im Prinzip weiß man das ja, aber es schwarz auf weiß zu lesen, kommt noch einmal viel härter an.
Zu dem Wenigen was da überhaupt in dem jungen Kopf sein kann, kommt auch noch der ganze Propaganda Müll. Das Mädchen hatte keine Chance eine vernünftige Entscheidung zu treffen.
Rot und Grün wird sich sein williges Wahlvolk niemals freiwillig wegnehmen lassen, sondern sinnt unablässig nach noch mehr sicherem Stimmvieh.

Wir sind wahrscheinlich an einem Punkt angelangt, wo die Demokratie vor sich selbst geschützt werden muss.

Werden sie. Ist noch bei jeder Generation so gegangen. Die Linken meiner Generation wählen heute auch (fast) alle nicht mehr links. Ich habe Bauklötze gestaunt, als mir meine Schwester sagte, sie wählt diesmal nicht die Sozen!
Wie war das noch? „Wer mit 20 nicht links wählt, hat kein Herz. Wer es mit 40 noch tut, hat keinen Verstand!“