Sexy Frauen reichen nicht

Wer sich bei der Victoria's Secret-Show über den Mangel an Plus-Size-Models empört, versprüht den säuerlichen Duft von Neid.

TIMOTHYA. CLARY/AFP/Getty Images

Jüngst ging wieder einmal die ultimative Parade für Endlos-Beine und gnadenlose Schönheit über die Bühne: Die Victoria’s Secret Show. Hübsche Unterwäsche wurde da auch präsentiert.

Wer schon Teile der Edelmarke getragen hat, weiss, dass sie komfortmässig nicht gerade der beste Kumpel der praktisch veranlagten Frau sind; die Steinchen am Tanga verheddern sich mit der Strumpfhose, der hohe Nylongehalt des BHs scheuert an den Nippeln und das Korsett hält locker dem Vergleich mit einer Zwangsjacke stand. Auch fällt der durchsichtige Spitzenbody nach mehrmaligem Waschen auseinander.

Das Einzigartige daran: Es ist uns völlig egal. Im Moment, in dem eine Frau sich das Satinhöschen im Halbdunkel ihres Schlafzimmers vor einem wichtigen Date überstreift und sich behutsam den mit Strasssteinchen-besetzten BH umschnallt, wird sie zur Belle de Nuit. Dann verschwinden Orangenhaut und Hüftspeck, die Selbstzweifel ziehen sich beleidigt in den Schrank zurück. Das Spiegelbild gaukelt nicht Erotik vor – es offenbart sie. Wer schon Teile von Victoria’s Secret getragen hat, weiss, dass sie mehr für das Sexy-Gefühl tun als 1.000 Stunden Sport am Stück. VS ist eine Marketing-Bestleistung.

Kaum war die Show zu Ende, ging die Kritik los. Feministen und Verfechter der sogenannten Diversität beklagten sich über den Mangel an unterschiedlichen Körpertypen und insbesondere, dass Transgender- und Plus-Size-Models fehlten. Die feministische Website „Jezebel.com“ ging unzimperlich auf den VS-Marketingchef Edward Razek los: „Er wirkt wie ein totaler Witz und ein absolutes A******** und ist klar der Grund, warum das Unternehmen in 2005 stecken blieb“, schrieb eine Journalistin.

Der 70-jährige Razek, der die Models für die Show mitauswählt, hatte sich im Interview mit „Vogue“ die Aussage erlaubt: „Wir vermarkten, an wen wir verkaufen, und wir vermarkten uns nicht an die ganze Welt.“ Sie hätten zwar Transgender- und Plus-Size-Models in Betracht gezogen, entschieden sich für die Show aber dagegen, auch wenn das für manche politisch nicht korrekt sei: „Weil die Show eine Fantasie ist. Ein 42-Minuten Entertainment Special.“

Die vielbeschworene Diversität ist zwar gut gemeint und macht teilweise sicher Sinn in Anbetracht vieler Frauen, die sich mit den stereotypen Modelkörpern nicht identifizieren können. Nur zielt sie eben auch an der Realität vorbei. Grosse, schlanke, bildschöne Frauen sind Gegenstand immerwährender Verehrung, sie regen an zu Träumereien – und gerade bei etwas Erbarmungslosem wie Unterwäsche funktioniert das Erwecken der Fantasie nur, wenn die Wahrheit ausgesperrt bleibt. Das heisst nicht, dass es für Sexyness einen perfekten Körper braucht. Aber für den Kaufentscheid schon: Erotische Unterwäsche möchte ich von makellosen Grazien vorgeführt bekommen, deren Sexappeal ich mir durch das Tragen ein kleines bisschen aneigne, nicht von 60-jährigen, nicht von Durchschnitts-Figuren, nicht von kleinen Pummelchen, ich will keine Cellulite sehen und keine fetten Schenkel.

Für den Hype um berühmte Plus-Size-Models wie Tess Holliday (130kg/165cm) habe ich mich sowieso nie begeistern können. Ich gönne ihr den Erfolg, und natürlich ist es gut, seinem Körper mit Akzeptanz zu begegnen und zu sagen: Ich lasse mir nichts vorschreiben. Aber Adipositas ist weder schön noch bewundernswert. Vor allem ist sie ungesund.

Natürlich sind nicht alle Plus-Size-Models stark übergewichtig, und selbstverständlich können sie Unterwäsche präsentieren. Es gibt mittlerweile genügend Mode- und Dessous-Schauen, wo kleine, grosse, sportliche, unsportliche, übergewichtige Frauen und solche mit Durchschnittsmassen über den Laufsteg stöckeln. Da ist für alle etwas dabei. Aber man kann sich natürlich auch an der Fantasy-Show der Victoria’s Secret-Engel abarbeiten, an ihren fitten und durchtrainierten Models. Nur, wer sich ausgerechnet hier, dem Runway der Perfektion, über das Fehlen von molligen Damen oder Plus-Size-Grössen empört, versprüht halt einfach nur den säuerlichen Duft von Neid.

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Kommentare ( 32 )

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Die Show ist wie ein Viehmarkt. Menschen sind aber kein Vieh.

Nun stelle ich mir gerade vor, die antiken Bildhauer, die Maler der Renaissance hätten ihre Vorbilder anhand der heutigen PC-Regulatorien darstellen müssen… Die Nike von Samothrake als Ebenbild C. Roths, Die Geburt der Venus mit A.Nahles, David modelliert nach A.Hofreiter oder P.Altmeier? Der vitruvianische Mann nach H.Maas? Es gäbe keine Kunst mehr. Sex sells und der Durchschnittsmensch vermeint mit dem Erwerb der von schönen Menschen beworbenen Produkte zumindests einen Abglanz dessen erwerben zu können. …und als alter, weißer Mann finde ich es auch verstörend, wenn für Herrenprodukte mit diesen kernigen Naturburschen Typ „Bergsteiger“ geworben wird, wo ich doch mein „Waschbrett“… Mehr

Es mag sein, dass es Frauen gibt, die neidisch auf die abgebildeten, schlanken Modells sind, aber denen hat man noch nicht gesagt, dass pralle Frauen angesagt sind.

An den Modells auf dem Bild, ist doch nichts aber auch gar nichts, was einen Mann reizen könnte. Skelette in VS- Unterwäsche.

Wo ist das Problem?!
Niemand wird gezwungen, daran teilzunehmen, noch sich diese Show anzusehen.
Ergo ist jede Debatte darüber schlicht und einfach lächerlich.
Aber natürlich: wenn es keine Probleme gibt, muß man welche künstlich erschaffen

Was für eine dämliche Diskussion… Wahrscheinlich müssten sich die Renaissance-Künstler heute auch dafür rechtfertigen, dass sie Menschen „schön“ modelliert oder gemalt haben. Mona Lisa mit Doppelkinn, schiefem Auge und Warze; den David von Michelangelo mit Männerbrust und Hängebauch; jede Ganzkörper-Darstellung einer Frau mit Schwabbelarmen und Cellulite bis zum Horizont. Weil sie ja sonst „auf ihr Aussehen reduziert würden“. Was für eine Idiotie! Nach dieser Logik müssten wir auch einen schön gewachsenen Baum, z.B, mit geradem, kräftigem Stamm und symmetrischer, ausladender Krone sofort abholzen. Weil er „zu perfekt“ aussieht. Dabei wäre ein verkrüppeltes Bäumchen, mit vielen Löchern im Holz ein viel… Mehr

Dein „Liebsgeflüster“ läßt sich sehr gut (im Vergleich), mit der Realitätsfremden Sprache des Adels im Ausgehenden 18 Jhd einordnen. Die waren genauso Dekadent, wie die neuen Religionshüter von Heute.

Wow Frau Wernli!
Übrigens habe ich da die Klasse von Frau Heidi Klum erkennen können, als ich einmal sah, wie sie in VS Wäsche herumlief, unglaublich natürlich.
Toll.

Hab‘ ich auch gefunden. Die „Rheinische Pest“ hat da gleich ’ne Pro und Kontra-Debatte losgetreten (https://rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/pro-und-contra-kontroverse-um-das-plakat-zum-leichtathletik-meeting-2019-mit-sandi-morris_aid-34755989).
Und Düsseldorf geriert sich als mondäne Metropole und legt Wert auf die diversen Modemessen. Mittlerweile ist D’dorf provinzieller und bornierter als Köln (sage ich mal als jeborene Düsseldorfer Jong).

Ich versuche mir gerade ein paar genderkonforme Gestalten und King size Modells in dieser Wäsche vorzustellen…
Historisch ist es allerdings nicht neu, auf den damaligen Jahrmärkten wurden gerne, gegen entsprechenden Eintrittspreis, Menschen vorgeführt die „anders“ waren.

Die feministischen Miesepeter haben das Durchschnitts-Frausein restlos zerstört. Wer heute sein Frausein unbeirrt und selbstbewusst leben will, muss auf den Feministen-Quatsch pfeifen. Der dogmatische Feminismus schwächt die Identität der Frau, statt sie zu stärken, er hat zudem das Verhältnis der Geschlechter vergiftet statt sie auszusöhnen. Ich begegne häufig Frauen, die Simulantinnen sind, in ihrem Innern zutiefst verunsichert und nach außen eine Abwehrhaltung einnehmend, die mit Stärke oder Authentizität verwechselt wird. Authentische und unabhängige Frauen sind rar geworden. Viele Männer wenden sich ab und leben bereits in der inneren Emigration. Auch sie leiden unter größten Verunsicherungen, es beginnt bereits in der… Mehr

Sehr treffend, Ihr Text. Allerdings fühle ich mich als MGTOW-Mann und klarer Antifeminist durch das Wort „feministische Miesepeter“ diskriminiert. Es muss „Miesepetras“ oder „Miesepeterinnen“ heißen, So miesmachend und meckerig wie eine Feministin ist (fast gar) kein Mann.

Na Gott ja. Die Frau Wernli hat ja nun gut reden 😉

Wie wir Thüringer immer zu Sagen pflegen (bin aus Jena): Tamara is a schmuckes Mädel. Hat schon was. Sieht jesund aus und macht Eindruck.