Offenbar will Putin die Gaslieferungen über die Ostsee bald wieder aufnehmen. Schließlich hat er nun, was er haben wollte: ein Deutschland, das seine Abhängigkeit von russischem Gas eingesehen hat. Die entsprechenden Signale hat Olaf Scholz schon gesendet.
IMAGO / ZUMA Wire
Nun kann Deutschland also wohl doch damit rechnen, dass bald wieder russisches Gas durch die derzeit gewartete Pipeline Nord Stream 1 fließt. Reuters und Handelsblatt wissen es aus Insider-Informationen. Wladimir Putin bestätigte das auch am Dienstag aus Teheran, wo er zu einem Gipfel der beiden offen antiwestlichen Mächte Russland und Iran mit dem antiwestlichen Nato-Mitglied Türkei weilte. Aber Putin wäre nicht Putin, wenn er diese Ankündigung nicht um die Ansage von „dauerhaft reduzierten Mengen“ ergänzt hätte. Und er wies auch auf die Existenz der betriebsbereiten zweiten Pipeline Nord Stream 2 hin.
Dieser Selbstbetrug, den der frühere SPD-Außenminister Heiko Maas mit seiner Behauptung „Es gibt keine Abhängigkeit Deutschlands von Russland, schongar nicht in Energiefragen“ personifizierte, wird jetzt immer offenkundiger. Der steile Anstieg der Energiepreise und die unverdeckte Angst der deutschen Industrie und Bevölkerung haben Putin und dem Rest der Welt gezeigt, wer am längeren Hebel sitzt. Die verzweifelten Versuche in Berlin und Brüssel, LNG als Ersatz einzukaufen, scheitern schon daran, dass es nicht genug LNG-fähige Schiffe und Hafenanlagen gibt.
Die politische Antwort der Bundesregierung muss also irgendwo zwischen Frieren/Armwerden und Nachgeben gegenüber Russland liegen. Dass sie derzeit näher bei Letzterem liegt, ist offenkundig. Putin hat es durch seine pseudognädige Ankündigung noch deutlicher gemacht. Aber seine „dauerhaft reduzierten Mengen“ signalisieren auch drohend: Ihr solltet euch noch tiefer beugen.
Nach innen beschwört Scholz weiterhin die Unterstützung der sich verteidigenden Ukraine. Diese Schwüre sind in viele vernebelnde Worte gepackt – beispielsweise in Scholz’ Gastbeitrag in der FAZ. Sie sollen vor allem davon ablenken, dass hinter ihnen relativ wenige materielle Taten stehen, wie der Ukraine Support Tracker des Kiel Instituts für Weltwirtschaft belegt. Sieben Panzerhaubitzen! Damit wird die Ukraine die angreifenden Russen nicht entscheidend schlagen können.
Die Kritik der Union und von koalitionsinternen Eifrigen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) ist aber billig und dient nur den Selbstprofilierung. Sie wissen, dass die Untätigkeit einen Grund hat, nämlich Deutschlands fatale Abhängigkeit von russischem Gas. Aber den erwähnen sie selbst nicht, weil sie daran mitschuldig sind. Niemand bringt den Mut auf, den fatalen Energie-Pfad zu verlassen, der in die jetzige Misere und Erpressbarkeit gegenüber dem Putin-Regime geführt hat. Und selbst wenn, wäre es jetzt zu spät, um kurzfristig Linderung zu verschaffen.
Die Botschaft wird in Kiew mit Bitterkeit und im Kreml mit Genugtuung aufgenommen worden sein. Wenn schon die Siege seiner Truppen in der Ukraine nur sehr blutig erkauft und begrenzten Umfangs sind, so ist doch Putins Erfolg im Sanktionskrieg gegen Deutschland umso größer. Deutschland wird, das weiß man spätestens jetzt in Kiew und Moskau gleichermaßen, keine entscheidende Rolle spielen, falls die Ukraine tatsächlich noch versuchen sollte, ihre verlorenen Gebiete zurückzuerobern.






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