Die EU und das Erdgas – von einer Abhängigkeit in die nächste

Ursula von der Leyen feiert einen Vertragsabschluss mit Aserbaidschan, das ab 2027 mindestens 20 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr nach Westen pumpen soll. Doch die Sache hat mehr als nur einen Haken – und schafft neue Abhängigkeiten.

IMAGO / Xinhua

„Gleich draußen vor Surachany brennen heute noch auf der Steppe die ewigen Feuer. Die Gase dringen hier so reichlich aus dem Erdinnern hervor, daß, wenn man mit dem Stocke ein Loch in den Boden stösst und ein brennendes Streichholz darüber hält, das Gas sich entzündet und brennt, bis man das Loch wieder zustopft oder die Flamme vom Wind ausgelöscht wird. … Große flackernde Flammen, von den starken Windstößen zerrissen, werfen nachts über die Steppe einen wunderbaren Schein, der bis nach Baku sichtbar ist. … Es sind nicht nur die ewigen Feuer oder die vulkanische Tätigkeit oder das reiche Vorkommen von Asphalt, die [die Halbinsel] Apscheron zum Gegenstand des größten Interesses machen, sondern weit mehr der große Reichtum an Naphta, das die Erde hier birgt. … Da die ganze Gegend mit Naphtaseen und Kanälen angefüllt ist und Erdboden, Häuser und Bohrtürme mit Naphta buchstäblich getränkt sind, gehören Feuersbrünste nicht zu den Seltenheiten. … In den ersten Jahren hatten die Brüder Robert und Alfred Nobel mit unglaublichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mord, Brandstiftung, Diebstähle gehörten zu den Alltäglichkeiten, und Tataren wie Russen und Armenier taten alles, um die neuen Anlagen und ihre Besitzer zu schädigen; man bohrte sogar die Naphtabassins an, um sie zu leeren, und riss weite Strecken der Rohrleitungen heraus.“

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So beschrieb der schwedische Abenteurer Sven Hedin das Kernland des heutigen Aserbaidschan nebst der dadurch entstehenden Probleme, die natürlich vorkommenden Quellen im Sinne menschlicher Schaffenskraft nutzen zu wollen, in seinem vor exakt 100 Jahren erschienenen Reisebericht „Meine erste Reise“. Tatsächlich lieferte die Region, die seit jeher die Begehrlichkeiten von Persern, Russen und Türken geweckt hatte, mit ihren ertragreichen Öl- und Erdgasvorkommen um 1900 rund die Hälfte des weltweit verbrauchten Erdöls, von Hedin „Naphta“ genannt. Hier begründete sich der Reichtum der schwedischen Nobel-Brüder, die seit 1873 die Ölförderung professionalisierten und Baku zur Boomtown machten. Zur russischen Boomtown, denn das Zarenreich hatte das heutige Aserbeidschan nach regelmäßigen Besitzwechseln seit der Antike 1828 zulasten Persiens gewaltsam zur Kolonie genommen.

Nach dem Zusammenbruch des Zarenreichs wurde das Land seit dem 28. Mai 1918 kurzfristig als „Demokratische Republik Aserbaidschan“ unabhängig. Es folgten gegenseitige Pogrome zwischen der christlich-armenischen und der „tatarisch“-muslimischen Bevölkerung, dessen ungeachtet die Westalliierten des Ersten Weltkriegs die Republik am 11. Januar 1920 offiziell anerkannten.

Die Eigenstaatlichkeit sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein. Das kommunistische Usurpatorenregime in Moskau ließ die Rote Armee am 28. April 1920 in das Land am Kaspischen Meer einrücken um es 1922 als mit Georgien und Armenien zwangsvereinigte „Transkaukasische Föderative Räterepublik“ in das großrussische Imperium einzugemeinden.

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Trotz der Versuche Russlands, die nach dem Zusammenbruch des Sowjetreichs fortstrebenden Kolonien durch militärische Intervention zu halten, rief Aserbaidschan am 30. August 1991 seine Unabhängigkeit aus. Mit der Machtübernahme durch KGB-Mann Heydar Alijew im September 1993 wurde das Land zu einem autokratischen Clansystem umgebaut, in dem 2002 Ilham Alijew an die Stelle seines Vaters trat.

Erdgas stinkt nicht

Obgleich Aserbaidschan von Menschenrechtsaktivisten als faktische Diktatur angeprangert wird und der gepflegte Kontakt mit diesem Land nicht so recht in das grünrotgelbe Dogma einer „feministischen Außenpolitik“ passen will, gilt nun auch hier: Pecunia non olet – und Erdgas erst recht nicht.

In ihrem Bestreben, das erst herbeigewünschte, dann gefürchtete Ende der Erdgas-Lieferungen irgendwie zu kompensieren, ist nun EU-Kommissionspräsident Ursula von der Leyen in die Ölstadt am Kaspischen Meer gereist, um Diktator Alijew II seine Aufwartung zu machen. Nicht ohne Erfolg: Allen Green Deals und Klimaschwüren zum Trotz hat die EU ab 2027 die Abnahme von mindestens 20 Milliarden Kubikmetern Erdgas im Jahr vereinbart. Um die Fiktionen des umweltneutralen Industrieriesen Europäische Union dem zu erwartenden, grünen Unmut dennoch verkaufen zu kommen, ist der Liefervertrag auf 15 Jahre beschränkt, womit er bereits deutlich vor der angestrebten „Umweltneutralität“ der EU im Jahr 2050 ausläuft. 2042 soll demnach spätestens Schluss sein mit der EU-Abnahme und Aserbaidschan kann auf jenen Hedin’schen Standard der „großen, flackernden Flammen über der Steppe“ zurückkehren – oder das Gas an das dann vermutlich immer noch nicht EU-Mitglied Türkei verkaufen.

Unsichere Wege – unsichere Partner

Doch die Sache hat mehr als nur einen Haken. So liegt Aserbaidschan zwar am Kaspischen Meer – dieses aber hat keinerlei Wasserverbindung zu den Weltmeeren. Deshalb fällt der LNG-Gastransport über See schon einmal aus. Um dem abzuhelfen, haben die Aseri mit einigen Nachbarn und internationalen Geldgebern eine Gas-Pipeline durch den unwegsamen Kaukasus legen lassen. Rund 3.500 Kilometer Länge erreicht das Pipeline-Projekt, das als „Southern Gas Corridor“ (Südlicher Gaskorridor) am 29. Mai 2018 offiziell in Betrieb genommen wurde.
Das Problem dieser Pipeline, welches auch ein grundsätzliches des kleinen Aserbaidschan ist: Sie führt bereits auf kaukasisch-asiatischem Gebiet derzeit durch zwei Länder, die aus westeuropäischer Sicht als „unsichere Kantonisten“ gelten. Um Armenien, mit dem sich die Aseri traditionell im latenten Kriegszustand befinden, zu umgehen, macht die Pipeline einen großen Bogen durch Georgien. Diese Ex-Sowjetrepublik, deren Nato-Beitrittswünsche erst jüngst faktisch abgewiesen wurden, gehört fest zum gefühlten, imperialen Großrussland des Wladimir Putin. Moskau kann, wenn ihm danach ist, jederzeit die Pipeline übernehmen oder zerstören. Was allerdings auch dadurch nicht besser geworden wäre, hätten die Pipeliner das Rohr durch Armenien gelegt. Dort hat Putin mittlerweile schon eigene Truppen stationiert.

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Nach dem Verlassen Georgiens führt die Pipeline durch die armenische Türkei im Nordosten des Landes und von dort quer durch Anatolien und Marmarameer zur Station Edirne nahe der Grenze zu Griechenland. Von dort geht es weiter durch Nordgriechenland, Albanien und Adria zur südostitalienischen Stadt Melendugno in Apulien, von wo aus die Südversorgung der EU vorgenommen wird. Im vergangenen Jahr kamen auf diesem Weg rund acht Milliarden Kubikmeter kaspisches Gas nach Westeuropa.

Putin oder Erdogan – nicht die EU hat die Wahl

Neben den Gefährdungen, denen die Pipeline im Kaukasus ausgesetzt ist – wozu neben den russischen Großmachtansprüchen auch historisch begründete Begehrlichkeiten des Iran auf Aserbaidschan selbst kommen – befindet sich die EU durch die Pipeline also in einer babylonischen Gefangenschaft des unberechenbaren türkischen Präsidialdiktators Recep Tayyip Erdogan. Was von dessen Zuverlässigkeit als immer-noch Nato-Mitglied zu halten ist, demonstriert der bekennende Muslimbruder dieser Tage einmal mehr in Perfektion.

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Da ist zum einen ein Meeting im Iran, wo sich der Nato-Vertreter mit den terroristisch agierenden Regimes in Moskau und Teheran an einen Tisch setzt, um über Ukraine, gestohlenes Getreide und vermutlich auch Syrien, Kurden und das Abstecken gegenseitiger Einflusszonen zu verhandeln. Zum anderen hat Erdogan als Nato-Getreuer erwartungsgemäß seine Bündnispartner wissen lassen, dass das mit der in Madrid abgepressten Zustimmung zum Bündnis-Beitritt von Schweden und Finnland erst einmal nichts wird. Angeblich seien gemachte Zusagen nicht eingehalten worden, weshalb dem Parlament in Ankara der Vorgang noch nicht zur Zustimmung vorgelegt worden sei.

Gemütlicher jedenfalls ist es für den Westen mit dem Teheraner Meeting nicht geworden. Nicht nur der schiitisch-sunnitische Schulterschluss wird manche lang gehegte Strategie überdenken lassen müssen. Die Kurden dürfen sich warm anziehen – Syrien bleibt Mündel des Triumvirats der Mächtigeren. Die Ukraine darf sich darauf einstellen, dass Russland für das Diebesgut einen willigen Hehler finden wird, der für ukrainisches Eigentum hochwertige Waffen an den Räuber liefern wird.

Die demonstrative Nähe der ungewöhnlichen Gentlemen verheisst für den in Madrid verkündeten, weltweiten Kampf der NATO gegen das Böse wenig Gutes. So gilt auch hier: Die Welt sortiert sich neu. Und wer am Ende die Verlierer sein werden, ist alles andere als ausgemacht.

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Kommentare ( 19 )

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Ulla K.
24 Tage her

Spontan fallen mir zu Ihrem Report zwei Dinge ein. Frau vDL hatte einfach mal wieder Lust eine Reise an einen exotischen Ort zu machen und dort noch exotischere Politiker zu treffen – und zweitens : „Wenn wir das Öl von Baku nicht bekommen, ist der Krieg verloren“ sagte ein sozialistischer Nationaler mit Rotzbremse unter der Nase…und der hieß…? So neu ist das Interesse am Aserbeidjanischen Stoff also gar nicht.

Manfred_Hbg
24 Tage her

Zitat 1: „Zum anderen hat Erdogan als Nato-Getreuer erwartungsgemäß seine Bündnispartner wissen lassen, dass das mit der in Madrid abgepressten Zustimmung zum Bündnis-Beitritt von Schweden und Finnland erst einmal nichts wird.“ > Geopolitisch gesehen hin oder her: Die EU- und Nato-Lander sollten dafür sorgen das unter anderem in Griechenland und Bulgarien die Grenzen zur Türkei elektronisch und auch mit massiven Zäunen geschützt werden und dann RAUS mit der Türkei aus der Nato und EU-Brüssel. KEINEN Cent mehr und KEINE einzelne Patrone für die Erdolf-Türkei. Soll der Obermufti Erdolf doch mit Putin-Rußland u/o den Iran glücklich werden. – – – –… Mehr

Stuttgarterin
24 Tage her

Letztlich zeigt sich, dass Länder eben nicht ausgrenzbar sind, man folglich entweder Verzicht üben muss oder eben mit schlechten Mächten verhandeln muss, wenn die etwas haben, was man brauchen kann. Aus diesem Grund wäre es klüger, nicht so scheinheilig heilig zu sein, sondern mehr diplomatisches Geschick zu entwickeln.

Phil
23 Tage her
Antworten an  Stuttgarterin

Früher gab es für solche Sachen „Diplomaten“ mit Sprachkenntnissen in mehreren Sprachen und einem breiten Fundus an Wissen um die Kultur des Gegenübers. Momentan bestimmt das dummdreiste, hochnäsige Gegacker einer Betrügerin mit frei erfundenem Lebenslauf, dem Geistigen Horizont einer Amöbe, sowie mangelhaften Sprachkenntnissen (auch der eigenen Sprache), die Aussenpolitik dieses Landes. Diesem in der Entwicklungsphase vom Kleinkind zur Pubertierenden stecken gebliebenen Gör geht es dabei nicht um die Arbeit welche sie zu leisten hätte, sondern einzig und alleine darum ihre Profilneurose zu befriedigen. Ebenso inkompetent geht es weiter mit der von-der-Leyen-Politdarstellerin. Ob diese Personalie eine kluge Wahl für das Präsidium… Mehr

November Man
24 Tage her

Aserbaidschan bezieht sein Gas aus Russland und verkauft es an die Europäer und andere. Wie mittlerweile selbst sogar Saudi-Arabien, das riesige Mengen Öl billig aus Russland importiert, das günstige Öl im eigenen Land verbraucht und ihr eigenes teures Öl an die dumm-bornierten Europäer verkaufen.
Trotz das es uns teuer zu stehen kommt, man kann über Europa und die deutsche linksgrüne Idiotologie-Politik nur noch lachen.  

EinBuerger
24 Tage her

Man merkt einfach, dass die Verteilung der Gewichte noch deutlicher wird. Die BRD/EU müssen vor mittleren Ländern wie der Türkei, Marokko, Algerien und sogar vor kleinen Ländern wie Katar und Aserbaidschan kuschen.
Ich finde das gut. Ob es irgendwann auch der BRD-Durchschnittsdödel mitbekommt?

bkkopp
24 Tage her

Nach BVEG-Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie sollen in Deutschland ca. 450 Mrd. Kubikmeter Gas aus Kohleflözen, und weitere ca. 2300 Mrd. Kubikmeter aus Schiefergestein förderbar sein. Das könnten ca. 90 Mrd. Kubikmeter im Jahr für 30 Jahre sein. Das deckt sich auch mit der von Herrn Vahrenholt kürzlich genannten Menge. 90 Mrd. Kubikmeter war der Jahresverbrauch in Deutschland in 2021. Solange das Fracking in Deutschland verboten ist, werden wir wohl auf Russland, Aserbaidschan, und Frackinggas aus Qatar und USA angewiesen sein. Die Kurzgeschichte Aserbaidschans war trotzdem gut.

ersieesmussweg
24 Tage her

Ich sag‘s doch: Alles lupenreine Demokraten und Umweltprobleme gibt plötzlich nicht mehr.

bfwied
24 Tage her

Unter Norddeutschl. lagert Gas, das für eine Weile, bei sparsamem Umgang, ein paar Jahre reicht. Aber wir haben auch noch Schiefergas, das man durch die weiterentwickelte Frackingmethode – ja es hat sich weiterentwickelt – problemlos fördern kann. Aber es ist ja „sinnvoller“ gefracktes Gas sehr teuer tiefgekühlt aus den USA zu beziehen!!! Außerdem lagern unter Norddt. und der Nordsee mehrere Billionen Tonnen Steinkohle, sehr tief, aber die lässt sich, auch hier ging die Entwicklung weiter, problemlos vergasen an Ort und Stelle – dauert ein paar Jahre, bis es eingerichtet ist. D. h. wir haben Gas in Hülle und Fülle, nur… Mehr

Durchblick
24 Tage her

Toll, Aserbaidschan bezieht sein Gas von Russland.

Hannibal Murkle
24 Tage her
Antworten an  Durchblick

Das ist genauso polnische Strategie – statt direkt aus Russland kauften die „untoxisches“ Gas aus Deutschland. Letzte Woche las ich in einer polnischen Zeitschrift einen alarmistischen Artikel wie in unseren Medien – langsam dämmert es, dass Gas aus Deutschland alle sein könnte, wenn Russland es nicht mehr liefert. Ob nach Scholz, Schily und Kretschmer auch Morawiecki sagt, man müsse sich mit den Russen verständigen? Tschechische Medien schreiben es bereits.

a.stricker
24 Tage her

Grundsätzlich ist eine Diversifikation der Quellen nicht falsch. Aber die EU und die deutsehe Regierung, die jetzt schon russisches Gas auf alle Ewigkeit ausschließen wollen, betrachten alles nur unter ihrer dilettantischen und ideologischen Brille. Warum soll man nach Putin nicht wieder russisches Gas importieren ?, Vielleicht sollte man sich dann eben auf einen Anteil beschränken, der ersetzbar ist. Außerdem ist es Wahnsinn, wenn Deutschland auf riesigen eigenen Gasreserven sitzt und es vorzieht, heuchlerisch Frackinggas aus den USA und sonstiges, unter fraglichen Bedingungen (auch unter Umweltaspekten) produziertes Gas zu importieren. Das ist das Gleiche wie die per Dekret postulierte Emissionsfreiheit von… Mehr