Menschenrechtsorganisationen fordern entschiedenen Einsatz gegen Christenverfolgung

Zum Gedenktag an Opfer religiöser Verfolgung erinnern Menschenrechtsorganisationen an die prekäre Situation verfolgter Christen. Sie fordern insbesondere von der westlichen Politik, sich für verfolgte Christen einzusetzen und mahnen größere mediale Präsenz für das Thema an.

picture alliance / Middle East Images | Raja Imran
Ordensschwestern während des Ostergottesdienstes in Rawalpindi, Pakistan.

Weltweit sind Christen gewalttätigen Angriffen, Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt. Zum Internationalen Tag zum Gedenken an die Opfer von Gewalttaten aus Gründen der Religion am 22. August rufen Menschenrechtsorganisationen dazu auf, das Schicksal verfolgter Christen stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politik zu rücken.

Die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI) wirft ein Schlaglicht auf eine Reihe von Krisenregionen, in denen Christen aus unterschiedlichen Gründen unter Verfolgung leiden. Unter anderem thematisiert CSI die Situation der Christen im Sudan und im Südlibanon, die „im Krieg zwischen den Fronten gefangen“ seien. In Syrien wiederum nimmt Diskriminierung durch das islamistische Regime Ahmed al-Scharaas zu.

Vom islamistischen Regime bedroht

Zuletzt beklagten Christen in der syrischen Stadt Sednaya Schikanen, willkürliche Verhaftungen, Entführungen und eine Zunahme christenfeindlicher Propaganda in sozialen Netzwerken. Die Gemeinden setzten christliche Feierlichkeiten zu hohen Festtagen im August und September zunächst aus. Sie fordern die Freilassung der Gefangenen sowie der Entführten und strafrechtliche Verfolgung der Täter.

Seit dem Sturz von Assad und der Machtübernahme durch al-Scharaa ist die Lage der Christen in Syrien prekär. Al-Scharaa, bekannt unter seinem Kampfnamen Al-Jolani, hatte sich al-Kaida angeschlossen, bevor er mit der al-Nusra-Front seine eigene Terrormiliz gründete. Diese wurde später in HTS (Hayat Tahrir al-Scham) umbenannt.

Westlichen Politikern bietet sich al-Scharaa nun jedoch als Partner an. Im Interview mit TE äußerte sich der Geschäftsführer von Christian Solidarity International, Pfarrer Peter Fuchs, kritisch: Die internationale Gemeinschaft trete gegenüber dem Regime in Damaskus „sehr schwach“ auf. Der Westen dürfe Damaskus „das Vertuschen von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen nicht durchgehen lassen.“

Anlässlich des Gedenktags richtet Pfarrer Fuchs erneut seinen Appell an die politischen Verantwortungsträger: „Westliche Politik hat die Mittel und deshalb auch die Verpflichtung, sich dafür einzusetzen, dass Christen auf der ganzen Welt ihren Glauben frei leben können. Ich wünsche mir, dass die EU und die Bundesregierung hier ihren Einfluss nutzen, damit Christen nicht länger zu Opfern von Gewalttaten aus Gründen der Religion oder des Glaubens gemacht werden.“

Nigeria: Fulani und Boko Haram

Christian Solidarity International weist ebenso auf die Gewalt gegen nigerianische Christen hin: Die Organisation schätzt, dass islamistische Fulani-Milizen zwischen Januar und Juni 2026 über 2.500 Christen in Nigeria getötet haben, weitere 2.800 wurden entführt. 300 Kirchen wurden zerstört.

Die Situation in Nigeria war zwischenzeitlich in den internationalen Medien geringfügig präsenter, nachdem Donald Trump das Land 2025 in die Liste der „Countries of Particular Concern“ aufgenommen hatte – ein Verzeichnis von Ländern, in denen aus Sicht der US-Regierung besonders gravierende Menschenrechtsverletzungen im Hinblick auf Religionsfreiheit festgestellt werden – und Luftschläge gegen Stellungen islamistischer Milizen ausführen ließ.

Armenien: Zerrieben in der Geopolitik

Größere und nachhaltige Aufmerksamkeit erfährt Christenverfolgung nach wie vor jedoch nicht. Besonders unbeachtet bleibt die Situation in Armenien. Hier eskaliert der Konflikt zwischen Kirche und Staat: Das Oberhaupt der Armenisch-Apostolischen Kirche, Karekin II., steht mittlerweile vor Gericht. Die armenische Kirche, die die Identität und Geschichte des armenischen Volkes maßgeblich bewahrt, ist in die Mühlen geopolitischer Interessen geraten, unter anderem, weil sie die Vertreibung der Armenier aus Berg-Karabach und die Annexion des Gebiets durch Aserbaidschan 2023 anprangert und die Rückkehr der Vertriebenen fordert.

Die Verfolgung der Kirche in Armenien nimmt eine Sonderposition ein: Während einerseits Aserbaidschan nach wie vor die Vernichtung des Landes anstrebt, das es als „West-Aserbaidschan“ bezeichnet, wird innenpolitisch keine Minderheit verfolgt, sondern die älteste Institution des Landes, die das nationale Erbe schützt und verwaltet.

Zwangsverheiratung und Zwangskonversion

Als weiteren Krisenherd macht Christian Solidarity International Pakistan aus. Die Organisation erinnert an pakistanische Christen, die „entführt und zwangsislamisiert oder wegen falscher Blasphemievorwürfe zum Tode verurteilt“ werden. „Pakistanische Mädchen dürfen nicht weiter zu Opfern von Entführungen, Zwangskonversionen und Zwangsheiraten werden, nur weil sie Christinnen sind“, so Pfarrer Fuchs.

Die Beobachtungsstelle OIDAC (Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe) verweist in diesem Zusammenhang auf die Studie „Stolen girls“ der Organisation Jubilee Campaign. Die im August 2026 veröffentlichte Studie dokumentiert 210 Fälle von Entführungen, erzwungenen Religionswechseln und Zwangsheiraten christlicher Mädchen zwischen 2019 und 2025.

Laut Anja Tang, Geschäftsführerin der Beobachtungsstelle, deutet die mangelnde Beachtung solcher Fälle in den westlichen Medien auf ein strukturelles Problem hin: „Religionsfreiheit ist ein universelles Menschenrecht. Wir sollten uns fragen, warum das Leid einiger der schutzbedürftigsten religiösen Minderheiten der Welt in Europa so wenig anhaltende mediale Aufmerksamkeit oder öffentliches Engagement hervorruft.“

Auch in Europa nimmt Gewalt gegen Christen zu

Die Beobachtungsstelle mit Sitz in Wien dokumentiert Intoleranz, Diskriminierung und zunehmend auch Gewalt gegen Christen in Europa. Auch wenn letztere im Vergleich zur islamischen Welt oder zu kommunistischen Regimen in Europa deutlich weniger häufig auftritt, attestiert Tang dem Westen mangelndes Problembewusstsein. Sie erinnert an den Fall des am 10. September 2025 ermordeten assyrischen Christen Ashur Sarnaya.

Der 45-Jährige, der an einer körperlichen Behinderung litt, war vor islamistischer Verfolgung aus dem Irak geflohen und wurde vor seinem Haus in Lyon ermordet, während er auf TikTok in einem Livestream über seinen Glauben sprach. Im Vorfeld war er bedroht worden.

„Eine tragischere Geschichte ist kaum vorstellbar“, betont Anja Tang. „Ein behinderter Christ flieht vor der Verfolgung im Irak, findet Zuflucht in Europa und wird Jahre später ermordet, während er öffentlich über seinen Glauben spricht. Dennoch ist der Name Ashur Sarnaya außerhalb Frankreichs nahezu unbekannt, und sein Tod wurde von den großen säkularen Nachrichtenmedien weitgehend übersehen.“

Sein Mord ereignete sich vor dem Hintergrund einer besorgniserregenden Zunahme von Gewalt gegen Christen in Frankreich. Laut einem aktuellen Bericht des französischen Innenministeriums wurden im Jahr 2025 843 antichristliche Vorfälle registriert. Zwar betrifft ein Großteil der Fälle Sachbeschädigung und Vandalismus, doch auch die Zahl der Übergriffe auf Einzelpersonen stieg stark an. Körperliche Angriffe und verbale Aggressionen gegen Christen nahmen um 70 Prozent zu, die Zahl der Attacken auf Geistliche und kirchliche Amtsträger vervierfachten sich.
Zum Vergleich: Frankreich verzeichnete laut Innenministerium im Jahr 2025 1.320 antisemitische und 326 antimuslimische Vorfälle. Da von starker Untererfassung auszugehen ist, zeigt sich an diesen Zahlen, dass Gewalt gegen Christen selbst in Europa keine Seltenheit mehr ist.

Während OIDAC stärkere mediale Präsenz für das Thema einfordert und Christian Solidarity International die westliche Politik in der Pflicht sieht, insbesondere Christen beizustehen, verweist die UN-Sonderbeauftragte für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Dr. Nazila Ghanea, auf die Bedeutung der Zivilgesellschaft.

In einer Videobotschaft an das katholische Hilfswerk Kirche in Not (ACN) betonte sie, diese spiele „eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung dieser Verstöße [gegen Religionsfreiheit] und bei der Wahrung der Menschlichkeit und Gleichheit der Opfer, unabhängig von ihrer Religions- oder Weltanschauungszugehörigkeit.“

Der Internationale Gedenktag für die Opfer von Gewalttaten aufgrund von Religion oder Weltanschauung wurde 2019 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ins Leben gerufen.



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