Die EU-Kommission will Europa mit einem „Elektrifizierungsaktionsplan“ in die planwirtschaftliche Stromzukunft zwingen, ohne die Kosten, Netze und gesicherte Erzeugung zu benennen. Der „Elektrokontinent“ droht deshalb vor allem eines zu werden: teurer, abhängiger und wirtschaftlich immer irrelevanter.
picture alliance / ROPI | Long Wei/Utuku
Täglich werden wir mit Begriffen konfrontiert, die im Ergebnis einer als alternativlos gepriesenen Energiewende verwendet werden oder durch sie erst entstanden sind. Wir greifen auch Bezeichnungen auf, die in der allgemeinen Vergrünung in den Alltagsgebrauch überzugehen drohen – in nichtalphabetischer Reihenfolge.
E wie
Elektrobetriebener Kontinent
Diese schöne Bezeichnung entspringt ausnahmsweise nicht der Kreativität unserer beflissenen Energiewender, sondern der maschinellen Übersetzung einer Pressemitteilung der Europäischen Kommission. Als Garnierung finden sich in diesem Text noch „Elektrokontinent“ und, besonders putzig, „selbst angebaute Energiequellen“. Damit ist nicht die Biomasse gemeint.
In der in Brüssel bekanntermaßen herrschenden Anmaßung setzt man auch bei diesem Thema die EU synonym und übergriffig für den Kontinent Europa. Dabei bedecken die EU-Länder nicht einmal die Hälfte des Kontinents und nur 60 Prozent der Europäer leben in der EU. Die Länder mit dem höchsten Lebensniveau – Norwegen und die Schweiz – sind wohlweislich nicht Mitglied der ehemals erfolgreichen Union.
Die besagte Pressemitteilung bezieht sich auf einen „Elektrifizierungsaktionsplan“, über den zunächst mit Interessengruppen gesprochen wird. Es werden Konsultationen durchgeführt, Ziel sind neue Richtlinien. Bis 2040 sollen 46 Prozent des Energiesystems in den Mitgliedsländern elektrifiziert sein, dadurch will man 260 Milliarden Euro an fossilen Energierohstoffen einsparen. Ob diese Zahl gewürfelt ist oder in der Glaskugel gesehen wurde, ist unbekannt. Über die Kosten, die eine möglichst schnelle Elektrifizierung verursacht, lässt man sich nicht aus.
In Deutschland hat die Elektrifizierung des Wärme- und des Verkehrssektors bereits einen Namen – Sektorenkopplung. Im Sinne des Green Deals der EU macht die Elektrifizierung dieser Sektoren aber nur dann Sinn, wenn der Strom emissionsfrei erzeugt wird.
In Deutschland sollen Gasheizungen stillgelegt und durch Wärmepumpen ersetzt werden. Der Strom für diese wird im Winter, zu Zeiten des höchsten Wärmebedarfs, oft aus Gaskraftwerken kommen, weil die Photovoltaik dann weitgehend ausfällt. Diese Gaskraftwerke müssen in großer Zahl erst zugebaut werden. Während den Bürgern die Gasheizungen ausgeredet werden mit dem Hinweis auf steigende Gaspreise, verschweigt man, dass steigende Gaspreise auch den Strom verteuern.
Die direkte Folge von Atom- und Kohleausstieg ist der Brennstoffwechsel von Kohle zu Gas, das wir in großen Mengen importieren müssen, weil wir die eigenen reichlichen Vorräte nicht mit modernen Technologien fördern wollen. Hier behält die deutschgrüne Doppelmoral die Oberhand. Der deutsche Vorgarten ist heilig, Fracking in den Lieferländern ist dagegen kein Problem.
Das interessengeleitete Framing, die Gaskraftwerke würden nur gebraucht, „wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint“, zieht nicht, denn Kohlekraftwerke sind immer noch in Betrieb und mit etwa 5 bis 15 Gigawatt Stromeinspeisung unverzichtbar für die Versorgungssicherheit. Nicht nur die elektrische Leistung ist wichtig, auch die sogenannten Systemdienstleistungen Frequenz- und Spannungshaltung, die von den so genannten „Erneuerbaren“ nur unzureichend bereitgestellt werden können.
Andere Staaten sind besser positioniert aufgrund ihres günstigen Energiemixes. Schweden mit seinen 10,5 Millionen Einwohnern und wenig Schwerindustrie hat sich die Dekarbonisierung im Energiebereich bis 2045 vorgenommen und das ist realistisch. Die Erneuerung des Kernkraftwerksparks und das hohe Aufkommen an Wasserkraft, Biomasse und Wind bieten gute Ansätze zum Ausbau der Elektrifizierung. Kohlelastige Länder wie Polen, Tschechien oder Griechenland werden ein solches Ziel kaum erreichen können, solange der Einstieg bzw. der Ausbau der Kernenergie dort noch nicht wirkt und weil die verfügbaren Naturenergien eher überschaubar sind.
Uns hingegen bleibt nichts anderes, als künftig mehr Strom aus teurem fossilem Gas zu erzeugen. Der Ertrag aus den „Erneuerbaren“ ist unzuverlässig, die erzeugte Leistung zeitweise erbärmlich gering. Wir können noch jeden Friedhof, jeden Marktplatz und jeden Sportplatz mit Windkraftanlagen zustellen, es wird nie reichen. „Wer baut auf Wind, setzt auf Satans Erbarmen“, ruft der Kapitän in Wagners „Fliegendem Holländer“. Wir begeben uns gesamtwirtschaftlich in die Hände der Launen der Natur und wundern uns, wenn wir über eine so genannte angebotsorientierte Versorgung in mittelalterliche Produktionsbedingungen zurückfallen.
Natürlich greift die EU-Kommission in ihren Allmachtsansprüchen auch mit dem Elektrifizierungsaktionsplan in die Preisbildung ein. Der Preisabstand von Strom zu Gas soll verringert werden (was uns nicht hilft, wenn vermehrt Strom aus Gas erzeugt werden wird), noch mehr Geld soll über den Emissionshandel eingenommen werden, damit ein 30 Milliarden Euro schwerer „Investment-Booster“ gefüllt werden kann. Und, natürlich, der Netzausbau soll künftig schneller und noch schneller gehen. Eine realistische Abschätzung, auf welcher Spannungsebene welche Mittel und Kapazitäten eingesetzt werden müssen und wie nationale Verfahren wie bei uns die Einbeziehung der Träger öffentlicher Belange, der Katasterämter, der Bundeswehr, des Denkmalschutzes, der Archäologie und weiteren künftig umgegangen werden soll, ist noch zu klären. Erschwerend kommen Bürgerinitiativen, nunmehr auch gegen die Erdverkabelung, und renitente Grundstücksbesitzer hinzu.
Der Bau einer 110-Kilovolt-Leitung dauert acht bis 12 Jahre, einer Windkraftanlage oder einer PV-Freiflächenanlage nur drei bis fünf. Solange der Zubau von Zufallsstromerzeugern aber oberste Priorität hat und der Netzausbau immer weiter zurückfällt, wird der „Elektrokontinent“ nicht gelingen.
Die Elektrifizierung soll vor allem die Abhängigkeit vom Ausland verringern, die uns durch die Kriege in der Ukraine und dem Iran schmerzlich vor Augen geführt wird. Die Kernkraft, EU-weit mit Ausnahme von Deutschland und Österreich als saubere und sichere Technologie anerkannt, wird bei der Elektrifizierung helfen, braucht aber Zeit. Es wird mittelfristig ohne die Fossilen nicht gehen und den EU-Ländern wäre zu raten, Förderstätten für eigene Öl-, Gas- und Kohlevorkommen zu erhalten und nicht in vorauseilendem Gehorsam und realitätsfernem Optimismus stillzulegen. Für die Braunkohle in Deutschland ist es freilich zu spät.
Die EU sollte besser vernunftbetrieben statt elektrobetrieben werden. Dazu gehört die Erkenntnis, dass planwirtschaftliche Systeme weltweit noch nie erfolgreich waren und der moderne Kapitalismus vor allem als selbstregelndes System aus Angebot und Nachfrage und dem Streben der Menschen nach Wohlstand, vielleicht sogar Reichtum, getragen wird und ein Erfolgsmodell ist. Nicht zu vergessen: Die EU-Bürokraten sind oft Politiker und Beamte aus der zweiten Reihe, deren nationale Karrieren in der Regel am Ende waren und die jetzt in Brüssel ihre Macht ausleben und die nationalen Regierungen dominieren wollen. Wie lange die Klimaideologie noch trägt, ist eine offene Frage. Solange wird sich der wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Abstieg der EU aber fortsetzen, teilelektrifiziert und hochbürokratisch.


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