Hass-Mails von El-Koudri: „Ich verbrenne das Kreuz“ – Flucht der Politik in die Psychiatrie

Kaum waren die ersten Informationen bekannt, begann in Rom das bekannte Ritual. Statt über Radikalisierung und Integrationsprobleme zu sprechen, verschob sich die Debatte auf das Thema psychische Gesundheit. Zwischen all den politischen Reflexen gibt es aber etwas, das herausragt: die Männer, die den Täter aufhielten. Antonio Tajani spricht von „Signal der Hoffnung“.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Roberto Brancolini
Außenminister Antonio Tajani mit Luca Signorelli und Osama Shalabi, die Salim El Khoudri aufgehalten hatten, Modena, 18.05.2026

Nur wenige Tage nach der Horror-Fahrt von Modena ringt Italien noch immer um Fassung. Acht Menschen wurden verletzt, zwei Frauen schweben weiterhin in Lebensgefahr. Die Bilder aus der Altstadt wirken wie ein weiteres Kapitel jenes europäischen Ausnahmezustands, der längst begonnen hat, Alltag zu werden: Sirenen, Absperrbänder, Fernsehteams, und die üblichen Betroffenheitsrituale. Und die linke politische Bubble nimmt quasi den Täter in Schutz.

Doch je mehr Details über den Täter ans Licht kommen, desto weniger passt der Fall in das inzwischen vertraute Narrativ vom „plötzlich psychisch Kranken“, der scheinbar grundlos explodiert sei. Denn der 31-jährige Salim El Koudri hinterließ Spuren. Deutliche Spuren.

Wie die Redaktionen des Il Messaggero und Il Mattino berichten, schrieb El Koudri bereits 2021 mehrere verstörende E-Mails an die Universität Modena und Reggio Emilia, an der er Wirtschaft studiert hatte. Darin forderte er in aggressivem Ton eine feste Anstellung und steigerte sich innerhalb weniger Minuten in offenen Hass hinein. Seine abstrusen Forderungen wie „Ihr müsst mir Arbeit geben“ steigerten sich in eine beängstigende Eskalation: „Bastarde von Christen … euren Jesus Christus am Kreuz werde ich verbrennen.“

Später allerdings ruderte er halb zurück, hatte ihn jemand gewarnt? „Entschuldigt meine Unhöflichkeit.“ Doch genau diese Mischung aus Aggression, Opfergefühl und ideologischer Aufladung zieht sich offenbar durch seine gesamte Vorgeschichte.

El Koudri fühlte sich vom „Deep State Italiano“ verfolgt. Er glaubte, wegen seiner marokkanischen Herkunft diskriminiert zu werden. Er war überzeugt, das System wolle ihn bewusst kleinhalten. In sozialen Netzwerken veröffentlichte er verschwörungsideologische Texte auf Englisch, in denen er schrieb, der italienische Staat lasse ihn „nicht arbeiten“ und verfolge ihn systematisch.

Kollegen und Kommillitonen beschrieben ihn später als zunehmend isoliert und unberechenbar. Nach Berichten aus Modena soll es in seinem letzten Arbeitsverhältnis zu heftigen Konflikten und aggressiven Ausfällen gekommen sein. Mitarbeiter sprachen von „seltsamen“, teils „delirierenden“ Nachrichten. Andere berichteten von Wutausbrüchen gegen Kolleginnen und paranoiden Aussagen über Zusammenhänge von Staat und Mafia.

Am Samstag raste dieser Mann mit seinem Auto in Passanten einer Fußgängerzone. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrfachen versuchten Mordes und schwerer Körperverletzung. Die Antimafia- und Antiterrorbehörde in Bologna wurde eingeschaltet. Offiziell gilt bislang weiterhin die Formel vom psychisch instabilen Einzeltäter. Und genau dort beginnt die politische Ausweichbewegung.

Die schnelle Flucht in die Erklärung „psychische Krankheit“

Kaum waren die ersten Informationen bekannt, begann in Rom das bekannte Ritual. Statt über Radikalisierung, Integrationsprobleme oder den offen dokumentierten Hass zu sprechen, verschob sich die Debatte schnell auf das Thema psychische Gesundheit.

Elly Schlein, die Fraktionschefin der PD, in gewisser Weise Schwesterpartei der SPD, erklärte im italienischen Fernsehen, die Rechte habe „beim Thema Sicherheit versagt“. Italien brauche mehr Investitionen in psychiatrische Versorgung, Tausende Fachkräfte fehlten.

Das Problem dabei ist nicht, dass psychische Erkrankungen existieren. Natürlich tun sie das. Aber interessant, dass jeder auffällige psychisch Kranke aus dem arabisch-afrikanischen Sprachraum meist Christen und Juden bedroht und beleidigt, und dann möglicherweise zum Attentäter wird.

Das Problem ist die selektive Anwendung dieser Erklärung. Denn immer dann, wenn Täter ideologische, religiöse oder kulturelle Ressentiments erkennen lassen, beginnt in Teilen der europäischen Linken dieselbe hektische Bewegung: möglichst schnell entpolitisieren, entkoppeln, entlasten. Nicht Hass. Nicht Radikalisierung. Nicht Integration. Nicht religiöse Aggression. Sondern: Krankheit.

Dabei zeigen gerade Fälle wie jener von Modena, dass die Wirklichkeit komplizierter ist. Menschen können psychisch instabil ideologisch aufgeladen sein. Sie können sich verfolgt fühlen und zugleich fanatischen Hass entwickeln. Das eine schließt das andere nicht aus. Doch genau diese Grauzone ist politisch unbequem.

Deshalb wird die Debatte lieber moralisch sortiert: Wer nach Motiven fragt, „instrumentalisiert“. Wer auf anti-christliche Aussagen hinweist, gilt schnell als „rechter Stimmungsmacher“. Und so entsteht jener seltsame öffentliche Zustand, in dem selbst dokumentierte Hassbotschaften plötzlich als nebensächliche Randnotizen behandelt werden.

Dabei lagen die Warnzeichen jahrelang offen herum. Die Ermittler prüfen inzwischen alte Mails, Social-Media-Beiträge und frühere Konflikte des Täters. Vieles davon war bekannt oder zumindest sichtbar. Konsequenzen gab es offenbar keine.

Der Mann, der nicht weglief

Doch zwischen all den politischen Reflexen, Pressekonferenzen und Fernsehdebatten gibt es etwas, das aus Modena herausragt. Nicht der Täter. Sondern der Mann, der ihm hinterherrannte: Luca Signorelli kniete zunächst bei einer Frau, deren Beine unter dem Wagen eingeklemmt waren. Dann bemerkte er den flüchtenden Angreifer. Er lief los. Andere folgten ihm.

Der Täter zog ein Messer und stach mehrfach auf ihn ein – Richtung Brust, Richtung Kopf. Signorelli blutete, kämpfte weiter, hielt das Handgelenk des Angreifers fest, bis weitere Passanten halfen, ihn zu überwältigen. Keine Pose. Kein Pathos. Keine kalkulierte Heldeninszenierung. Ein Bürger, der im entscheidenden Moment tat, was getan werden musste.

Bemerkenswert ist noch etwas anderes: Unter jenen Männern, die halfen, waren auch zwei Ägypter – Osama Shalaby und sein Sohn Mohammed. Während Italien bereits wieder begann, sich politisch und medial in Lager aufzuteilen, zeigte die Straße von Modena für einen Augenblick ein anderes Bild des Landes. Nicht Italiener gegen Migranten. Nicht links gegen rechts. Sondern Anständige gegen das Chaos.

Noch blutend beantwortete Luca Signorelli später Fragen von Journalisten. Ob er wieder so handeln würde? „Ja. In solchen Momenten denkt man nicht nach. Man hilft einfach.“ Dann sagte er einen Satz, der weit größer ist als jede Pressekonferenz: „Aber Italien lebt noch.“ Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte von Modena. Nicht nur die Wut eines Täters. Nicht nur die Hilflosigkeit der Politik. Nicht nur die üblichen ideologischen Reflexe. Sondern die Tatsache, dass es immer noch Menschen gibt, die nicht weglaufen.

Die italienische Regierung prüft inzwischen staatliche Auszeichnungen für die Helfer. Vizepremier Antonio Tajani sprach von einem „Signal der Hoffnung“. Und tatsächlich zerfallen Gesellschaften selten zuerst an Gewalt. Sie zerfallen dort, wo niemand mehr eingreift. Wo niemand mehr Verantwortung übernimmt. Wo jeder nur noch Zuschauer bleibt. Modena zeigte für einen kurzen Moment das Gegenteil. Zwischen Blut, Sirenen und Panik stand plötzlich ein einfacher Satz im Raum: Italien lebt noch.

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