Péter Magyar lässt die TV-Nachrichten streichen

Wenige Stunden nach der Wahl überrascht Ungarns designierter Ministerpräsident mit der Ankündigung einer Maßnahme, die es so in einem freien Europa in den vergangenen 80 Jahren noch nie gegeben hat: Die Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollen vorerst komplett ausgesetzt werden.

picture alliance / NurPhoto | Marek Antoni Iwańczuk
Péter Magyar, Budapest, 12.04.2026

Péter Magyar feierte am vergangenen Sonntag einen klaren Wahlsieg: Mit einer Zweidrittelmehrheit von 138 Mandaten hat seine erst zwei Jahre alte Tisza-Partei Viktor Orbán und die Fidesz nach 16 Jahren ununterbrochener Herrschaft abgelöst. Die Erleichterung in Brüssel, Berlin und in anderen europäischen Nationen darüber wurde offen kommuniziert. Doch nun kündigt der von Ursula von der Leyen und Friedrich Merz beklatschte Wahlsieger einen Eingriff in die Medienlandschaft an, der vom oft kritisierten Viktor Orbán nie erwogen worden ist: Die Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollen vorerst komplett ausgesetzt werden. „Bis eine unvoreingenommene, objektive Berichterstattung gewährleistet ist“, meint dazu Magyar.

Die Maßnahme ist kein spontaner Einfall: Sie steht seit Monaten im Wahlprogramm der Tisza-Partei. Am 7. Februar 2026 hatte Magyar auf Facebook veröffentlicht: „A kormányváltást követően azonnal felfüggesztjük a közmédia hírszolgáltatását az objektív és pártatlan működés feltételeinek megteremtéséig.“ Also: „Unmittelbar nach dem Regierungswechsel setzen wir die Nachrichtenberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien aus, bis die Voraussetzungen für eine unparteiische Arbeitsweise geschaffen sind.“

Staatsfunk soll umgefärbt werden

Ungarische Quellen wie 24.hu und Szeretlek Magyarország berichten darüber: Die öffentlich-rechtlichen Medien – unter dem Dach der zentralisierten Duna Médiaszolgáltató Nonprofit Zrt. (ehemals MTVA) – seien unter Orbán ein „bezahltes Propagandainstrument“ geworden. Statt ausgewogener Information habe man „rund um die Uhr mit Steuergeldern Lügen verbreitet und Kritiker diffamiert“. Die Nachrichten zeigten die Regierung in positivem Licht, Opposition und Zivilgesellschaft hingegen verzerrt.

Magyar verspricht nun ein BBC-ähnliches Modell: unabhängige Führung, klare Trennung von Nachrichten und Politik, stärkere Rolle des öffentlichen Rates und eine echte gesellschaftliche Kontrolle. Wer die Leitung übernehmen wird, ist noch nicht klar – vermutlich niemand, der nur irgendwie eine Nähe zu Fidesz und Orbán hat. Fazit: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird umgefärbt und droht damit erneut zu einem Propaganda-Instrument zu werden, nun aber für Magyar.

Das System des öffentlich-rechtlichen TV ist in Ungarn seit 2015 stark zentralisiert. Die Duna Médiaszolgáltató betreibt kein dezentrales Netz wie die ARD in Deutschland, sondern einen einzigen staatlich kontrollierten Medienkonzern mit mehreren Kanälen. Im Fernsehen sind das vor allem M1 (der klassische Nachrichtensender), M2/Petőfi TV, Duna TV, M4 Sport, Duna World und der Retro-Kanal M3; hinzu kommen thematische Angebote wie M5 (Kultur/Bildung). Im Radio senden Kossuth Rádió, Petőfi Rádió, Bartók Rádió, Dankó Rádió, das Nationalitäten-Radio, das Parlaments-Radio und Duna World Rádió. Insgesamt also sechs bis sieben TV-Kanäle und sieben bis acht Radiosender – alle unter einem Dach, finanziert aus Steuergeldern und der Haushaltsabgabe.

Massiver Eingriff in die Medienstruktur

Die Kritik an dieser Ankündigung der Streichung der TV-Nachrichten kommt nun aber nicht nur von den Fidesz-Anhängern, selbst liberale Stimmen in Ungarn warnen vor einem gefährlichen Präzedenzfall: Ein temporäres Informationsvakuum könnte entstehen, das Verschwörungstheorien befeuern und privaten TV-Kanälen (sowohl pro-Fidesz als auch pro-Tisza) helfen würde.

Und wer entscheidet eigentlich, wann die „Bedingungen für Unabhängigkeit“ dann erfüllt sind? Magyar, der selbst aus dem Orbán-Umfeld stammt und erst 2024 zum scharfen Kritiker wurde, versichert, es gehe um „gesellschaftliche Versöhnung“ und nicht um Rache. Dennoch bleibt der bittere Beigeschmack: Eine Regierung, die mit Zweidrittelmehrheit die Verfassung ändern kann, greift direkt in die Medienstruktur ein. Das erinnert fatal an Orbáns eigene Methode – nur mit umgekehrten Vorzeichen.

Die EU-Kommission begrüßte übrigens den Machtwechsel in Ungarn als „historische Chance für Demokratie und Rechtsstaat“.

Die Ankündigung passt zu Magyars gesamtem Reformpaket: Amtszeitbegrenzung für den Ministerpräsidenten, Korruptionsbekämpfung, Rückbau des Orbán-Systems in Justiz und Verwaltung. Sie zeigt aber auch die zentrale Schwäche der ungarischen Demokratie: Die Institutionen sind so sehr von der jeweiligen Macht abhängig, dass ein Wechsel fast zwangsläufig zu radikalen Eingriffen führt. Statt schrittweiser, gesetzlich abgesicherter Reformen setzt Magyar auf den „großen Schnitt“. Das mag kurzfristig wirksam sein, birgt aber langfristig das Risiko, dass die nächste Opposition dasselbe Spiel wiederholt.

Ob Magyars Plan tatsächlich zu einem unabhängigen, glaubwürdigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk führt oder nur eine neue Ära der politischen Instrumentalisierung einläutet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Eines ist jedoch klar: Die ungarische Medienlandschaft steht vor der tiefgreifendsten Umwälzung seit dem Systemwechsel 1989.

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Kommentare ( 36 )

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36 Comments
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Ali
27 Minuten her

Die Ungarn haben nun das totalitäre Brüssel gewählt. Es ist nur fair, das sie das nun auch erhalten!

Willm
47 Minuten her

Das ist also genau wie bei uns . Hier ist alles auf links/grün/woke ausgerichtet.
Vom Bundespräsi bis zum Regionalblatt.

MartinKienzle
56 Minuten her

Magyar ist eine Witzfigur, da er einer Marionette gleicht, die den Auftrag seitens der sogenannten „Elite“ erhielt, „Ungarn zu liberalisieren“, sprich es gesellschaftlich zu zersetzen!

Last edited 48 Minuten her by MartinKienzle
Ceterum censeo Berolinem esse delendam
56 Minuten her

Ich träume davon, dass das Gleiche auch in Deutschland passiert. Obwohl es eigentlich besser wäre, das zwangsgebührenfinanzierte Regierungssprachrohr hierzulande einfach ersatzlos aufzulösen.

Last edited 56 Minuten her by Ceterum censeo Berolinem esse delendam
hansgunther
1 Stunde her

Von Ungarn lernen heißt siegen lernen – zumindest medial! „Unmittelbar nach dem Regierungswechsel setzen wir die Nachrichtenberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien aus, bis die Voraussetzungen für eine unparteiische Arbeitsweise geschaffen sind.“ Da hoffen wir doch, dies auch im besten Deutschland aller Zeiten eines Tages zu erleben. Liebe ARD und liebes ZDF, So wäre ganz schnell Schmalhans euer Küchenmeister. Dann sind üppige Partys zur Veräppelung von Volk und Land Geschichte. Gut, dass es noch Vorbilder gibt, die aufzeigen, was zu tun ist, auch in unserem Land! Eines zeigt dieses Beispiel natürlich ganz offen. 16 und mehr Jahre an einer Regierung gehen nicht… Mehr

old man from black forrest
1 Stunde her

Man beachte: vorerst. Und das ist machtpolitisch völlig logisch. Sollen die bisherigen Orban-treuen Redakteure vor laufenden Kameras von ihren Posten gezerrt werden? Nein, die Wendigen dürfen bleiben und der Rest wird rausgeschmissen und durch Magyar-Getreue ersetzt. Danach gibts auch wieder die Nachrichtensendungen. Und die alten Orban-Wähler auf dem Lande wundern sich, warum plötzlich die EU mit Ukrainekrieg, Massenimmigration und freie Geschlechterwahl für Ungarn so erstrebenswert sein soll.

MalNachgefragt
3 Stunden her

Eines ist jedoch klar: Die ungarische Medienlandschaft steht vor der tiefgreifendsten Umwälzung seit dem Systemwechsel 1989.

Falsch. Und der Autor nennt selber die richtige Jahreszahl: 2015. Das Jahr, in dem Orban den öffentlich rechtlichen Rundfunk auf seine Linie brachte und seit dem 80% der Politnachrichten von Fidesz kamen und so gut wie nichts von der Opposition, selbst im Wahlkampf nicht.
Die Orban-Verliebtheit bei TE scheint derart ausgeprägt, dass man jedes Mittel heiligt, das dem Orban-Zweck dient.

Landgraf Hermann
57 Minuten her
Antworten an  MalNachgefragt

Und der Neue wird den öffentlich rechtlichen Rundfunk selbstverständlich dann auf seine Linie bringen. Logisch.

A.G.
3 Stunden her

Genau das was die AfD auch auf der Wunschliste hat…..also doch nicht schlecht….oder? Achso…die Idee kommt von einem, der den alternativen USRAEL-Freundlichen Medien nicht in den Kram passt…..Mimimi….und was bringt die Massnahme? Populismus!!! Man kann die Nachrichten ja auch im Internet anschauen/anhören!!! sogar auch um 20 Uhr ist das Internet noch „geöffnet“

Ho.mann
3 Stunden her

Wenn die EU-Kommission den Machtwechsel in Ungarn begrüßt und dies als historische Chance für Demokratie und Rechtsstaat sieht, kann man sicher sein, dass der EU-Moloch mit seiner Erwartungshaltung nicht einmal ansatzweise für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie steht.

Kassandra
2 Stunden her
Antworten an  Ho.mann

Ja. Wobei sich Hillary und Obama aus den USA ähnlich melden. Was für ein Netz da über uns gespannt ist, uns zu ersticken – und wo das inzwischen überall hinreicht, das wäre doch mal interessant, zu recherchieren!
Vielleicht sollte man die Grußadressen hinsichtlich dessen an Magyar noch einmal sorgfältig durchforsten?

Juergen P. Schneider
3 Stunden her

Ob die Ungarn wirklich eine komplett andere Politik gewählt haben, oder nur eine andere Figur an der Spitze wollten, wird sich noch zeigen. Ob der neue Mann in Ungarn wirklich nach dem Geschmack der links-grünen Kräfte in der EU-Bürokratendiktatur ist, wage ich zu bezweifeln. Erst mal abwarten, was in nächster Zeit in diesem doch recht kleinen Land geschieht. Wenn man die Berichterstattung über diese Wahl verfolgt hat, hätte man glauben können, dass in einer Weltmacht die Regierung gewechselt hat. Die absurde Medienhysterie zeigt recht deutlich die Verzweiflung, die sich im links-grünen Lager Europas bereits breitgemacht hat. Wenn ein eigentlich Konservativer… Mehr

Kassandra
2 Stunden her
Antworten an  Juergen P. Schneider

Viktor Orbán zeigte sich über die Zeit als das „Zünglein an der Waage“ – und ist halt jetzt nicht mehr.
Das wird bejubelt von denen, die uns reichlich einschenken – und nicht zu unserem Besten.
.
Weiß man eigentlich, ob er in der ungarischen Politik erhalten bleibt bzw. welche andere politische Position er anstrebt?

Last edited 2 Stunden her by Kassandra