Der neue deutsche Hymnenstreit

Union-Funktionäre und Linke blasen die DDR-Hymne zum nächsten AfD-Skandal auf – und verraten dabei vor allem ihre historische Ahnungslosigkeit. Wer Deutschlands Geschichte verlernt hat, macht selbst aus „Deutschland, einig Vaterland“ ein Verdachtsmoment.

picture alliance/dpa | Jan Woitas

Endlich geschafft, die AfD ist enttarnt, erledigt, hat sich selbst bloßgestellt als Putinknechte, als Ostalgiker. Eigentlich ist auch nicht die inzwischen Brandmauer-Schwesterpartei von CDU und CSU, die SED-Linke, die SED, sondern die AfD ist zudem auch noch die SED. Wahrscheinlich auch noch die KPD, die KPD/O, die VKPD, die FDJ, die USPD, der Demokratische Frauenbund Deutschlands und der (F)DGB.

Seit über 24 Stunden twittern höllisch aufgeregt die Politiker der Union, die Deutschland in den Abgrund regieren, ganz furchtbar aufgeregt so oder so ähnlich: „Die AfD ist nicht patriotisch! Auf einer Veranstaltung singt sie die DDR-Hymne und verherrlicht somit ein brutales Unrechtsregime, welches viele Menschen das Leben gekostet hat. Für uns ist klar: Diese AfD darf niemals in Regierungsverantwortung kommen!“ Dass die AfD aus Sicht der Union und Brandmauergenossen niemals Regierungsverantwortung kommen darf, ist allerdings nichts Neues, das war von der Brandmauerzinne aus gesehen auch vorher schon klar.

So kann man es jedenfalls von Ottilie Klein, die gerade als Generalssekretärin der Berliner CDU zurückgetreten wurde, von Christoph de Vries, von Christoph Ploß und von und und und lesen. Wenn es die AfD nicht gäbe, müssten CDU und CSU sie erfinden, denn solange sie sich über die AfD erregen, brauchen sie nicht über ihren Kotau vor SPD, Grünen und SED-Linke reden. Darüber, dass Huber, Vries und Ploß und andere genau wissen, dass sie die falsche Politik machen und dass sie richtige Politik für Deutschland nur mit der AfD durchsetzen können. Aber da sie nicht mit der AfD kooperieren dürfen oder wollen, machen sie lieber das Falsche. Und das Richtige, das sie vorzuschlagen hätten, formuliert immer häufiger die AfD. In einer ungesunden Mischung aus Defaitismus und Arroganz, aus Opportunismus und Minderwertigkeitskomplex entsteht eine Aggressivität, die längst jede rationale Beschränkung und Einhegung verloren hat und zu dieser gekünstelten Empörung treibt.

Da wir aber über die DDR sprechen, fragte ich die Herren und die Dame: „Ihre Kollegen drücken sich, vielleicht können Sie mir das erklären. Thema DDR: weshalb das Dobrindt-Geheimdienstgesetz erlaubt, Jugendliche zum Spitzeln anzuwerben und an die Richtlinie des MfS 1/76 erinnert.“

Darauf können Sie nicht antworten, über die Nationalhymne der DDR wissen sie nichts. Wie soll man das einschätzen: Tönen, hubern, auf die Pauke hauen, aber nicht die geringsten Kenntnisse besitzen. Deshalb für Funktionäre der Union eine Nachhilfe zum Thema Hymne der DDR, auch wenn ich die Lernfähigkeit bezweifle.

Im Gegensatz zur „Internationale“, die der heimlich-unheimliche Bündnispartner der Union, die SED-Linke, bei Parteitagen und bei jeder unpassenden Gelegenheit anstimmt, enthält die Nationalhymne von Johannes R. Becher keine Aufrufe zum Klassenkampf, zu Mord nicht, und auch zur Revolution nicht. So heißt es in der „Internationale“:

„In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
wir sind die stärkste der Partei’n
Die Müßiggänger schiebt beiseite!
Diese Welt muss unser sein;
Unser Blut sei nicht mehr der Raben,
Nicht der mächt’gen Geier Fraß!
Erst wenn wir sie vertrieben haben
dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlass!
|: Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
erkämpft das Menschenrecht.“

Weder die Tatsache, dass die SED-Linke nach diesem Lied auch schon mal davon sprach, dass das 1% der Reichen zu erschießen oder zur Zwangsarbeit einzusetzen wäre, noch dass dieses Lied die Hymne des Gulag-Regimes war, des KGB und der Stasi, der Unterdrückung – und nicht die Nationalhymne, stört Tartuffes Erben von der Union nicht.

Daran stören sie sich die Helden von der Union:

„Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen,
und wir zwingen sie vereint,
denn es muß uns doch gelingen,
daß die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.“

Was ist an diesem Text auszusetzen, Frau Klein, Herr Huber, Herr de Vries, Herr Ploß? Als die Friedliche Revolution, die Demonstrationen gegen ein bis an die Zähne bewaffnetes Regime begannen, lauteten die Losungen der unbewaffneten Menschen u.a. und zuvörderst: „Wir sind das Volk“, „Deutschland einig Vaterland“ und „Stasi in die Produktion“. Nicht jedoch hat es geheißen, Stasi in den Verfassungsschutz, was man nach dem Geheimdienstgesetzentwurf von Dobrindt vermuten könnte.

Und auch daran ist wohl kaum etwas auszusetzen:

„Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
lernt und schafft wie nie zuvor,
und der eignen Kraft vertrauend,
steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
unsres Volks in dir vereint,
wirst du Deutschlands neues Leben.
Und die Sonne schön wie nie
über Deutschland scheint.“

Mit der Gründung der DDR wurde eine Nationalhymne benötigt, die der kommunistische Dichter Johannes R. Becher 1949 als Friedenshymne beabsichtigte und schrieb. Becher wurde damals vorgeworfen, dass die Hymne nicht kämpferisch war. Doch der Dichter wollte kein Lied der Spaltung dichten, sondern alle deutschen Menschen, in Ost und in West, sollten dieses Lied singen können. Er wollte kein Lied der Spaltung, sondern der Einheit. Deshalb folgte er im Versmaß der ersten 8 der 9 Verse auch dem „Lied der Deutschen“, das auf die Melodie der alten österreichischen Kaiserhymne von Joseph Haydn getextet wurde. Das hat – und auch daran sieht man, dass die Hymne der Gedanke der Wiedervereinigung, so wie er auch 1989/90 von den Demonstranten verstanden wurde, trug – den Effekt, dass man die ersten 8 Strophen auf die Melodie des Deutschlandliedes singen kann und umgekehrt den Text des Deutschlandliedes auch auf Eislers Melodie der Nationalhymne der DDR.

Als nach dem Mauerbau die Ulbricht-Clique nichts mehr von der Wiedervereinigung wissen wollte, wurde die Hymne unbequem, so dass sie ab 1970 überhaupt nur noch als Instrumentalfassung zu offiziellen Anlässen gespielt wurde. Insofern eignete sich kurioserweise 1989 die Nationalhymne, der Text der Nationalhymne, als Mittel der Opposition gegen die Regierung.

Aber die Deutschen, die wie sich in unseren Tagen in erschreckender Dimension wieder zeigt, haben ein ausgeprägtes Identitätsproblem. Kein Franzose hat ein Problem in seiner Nationalhymne zu schmettern:

„Zu den Waffen, Bürger,
Formiert eure Truppen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Dass unreines Blut
Tränke unsere Furchen!“

Die Weimarer Republik sah sich in der Tradition der deutschen Republik, der Demokraten von 1848/49, der Paulskirche. Deshalb wählte sie die schwarz-rot-goldene Fahne als Fahne der Freiheit, der Einheit und der Demokratie und das „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben. Als Adenauer und Heuss das „Lied der Deutschen“ des Demokraten und Dichter des Vormärz, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, als Nationalhymne 1952 einführten, legten sie fest, dass nur die 3. Strophe gesungen werden durfte:

„Einigkeit und Recht und Freiheit
für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand:
|: Blüh im Glanze dieses Glückes,
blühe, deutsches Vaterland!“

Nach der Wiedervereinigung wurde wieder die 3. Strophe des Deutschlandliedes festgelegt. Bestrebungen, Brechts Kinderhymne als Nationalhymne zu nutzen, blieben erfolglos:

„Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“

Brecht schrieb mit den Zeilen „Und nicht über und nicht unter/Andern Völkern wolln wir sein“ bewusst eine Polemik gegen das Deutschlandlied, verkannte, wie viele andere nach ihm, die eigentliche Bedeutung:

„Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!“

Maas und Memel, Etsch und Belt stellten 1848 keinen Revanchismus dar, sondern die Grenzen des Deutschen Reiches zur Zeit des Dichters. Die Zeilen jedoch „Deutschland, Deutschland über alles,/Über alles in der Welt“ würde, stünde dort Italien jeder Italiener mitsingen, jeder Franzose, ginge es um Frankreich, auch.

Die Zeilen sagen textlich zweierlei, erstens, dass jedem Deutschen wie jedem Italiener Italien und jedem Franzosen Frankreich Deutschland an erster Stelle stehen sollte. Man nennt es Patriotismus. Aber es sagt noch mehr, denn es ging damals um die deutsche Einheit. Hoffmann von Fallersleben drückte aus, dass jedem Rheinländer, jedem Sachsen, jedem Preußen, jedem Bayern nicht das Rheinland, nicht Sachsen, nicht Preußen, nicht Bayern an erster Stelle stehen, über alles in der Welt gehen sollte, sondern die Einheit des Vaterlandes, die Einheit Deutschlands, die damals noch nicht existierte, sondern erst noch erkämpft werden musste. Brüderlich sollte Deutschland nicht zur Eroberung, sondern zur Verteidigung, „zu Schutz und Trutze/Brüderlich“ zusammenhalten.

Kein Franzose würde seine Hymne verändern, weil man die historischen Worte, entstanden in historischer Situation, in Revolution und Freiheitskampf heute anders und missverstehen könnte. Doch Deutschland hat aus lauter Lernen aus der Geschichte die Geschichte verlernt.

Allerdings gibt es in puncto Nationalhymne noch eine hübsche Episode, die von deutschem Humor, den es zwar selten, aber tatsächlich gibt, zeugt. Als kurz vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 am 8. April 1949 die Trizone gebildet wurde, fehlte irgendwie ein gemeinsames Lied – und sollte noch eine Weile fehlen. So behalf man sich ironisch mit einem Karnevalslied, dem Trizonesien-Song von Karl Berbuer:

„Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!
Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser.
Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien,
Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“

Und was sind wir inzwischen? Noch Deutschland, einig Vaterland?


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Kommentare ( 10 )

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10 Comments
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Teide
21 Minuten her

Die nächsten Wahlen sind im Osten. Die werden es einordnen können. Berlin ist eh verloren.

Werner Meier
26 Minuten her

Der Bundespräsident bevorzugt Feine Sahne Fischfilet: Staatsgewalt!Staatsgewalt!Denn was ihr könnt,Das können wir schon lange,Und wir geben erst recht jetzt noch nicht auf.Wir stellen uns in einem Trupp zusammenUnd schicken den Mob dann auf euch rauf!Die Bullenhelme, die sollen fliegenEure Knüppel kriegt ihr in die Fresse rein!Und danach schicken wir euch dann nach BayernDenn die Jungs sind geheilt von Polizei. Frank-Walter Steineimer mag Lieder dieser Art und die Heuchler der CDU stören sich nicht daran. Bei einem Lied, das Land, Leute, Frieden und den Sonnenschein besingt, rasten sie hingegen aus. Verrückte Welt! Das deutsche Staatsoberhaupt wirbt für die Band Feine Sahne… Mehr

Ralph Martin
32 Minuten her

Als dieses Lied noch offiziell Hymne war, sind keine Brücken eingestürzt und die einzige Gefahr nachts im Stadtpark war, dass man betrunken vom Fahrrad fällt.
Wer hätte jemals ernsthaft gedacht, dass es der Osten in Teilen wirklich besser hatte als jetzt.

wenmic
39 Minuten her

Immer mehr ekeln mich die Ostalgiker, die Putin Liebhaber in der AfD an, ich denke ich werde sie nicht mehr wählen.

Michaelis
42 Minuten her

Hier das Video zur Veranstaltung:
https://m.youtube.com/watch?v=yvKXz14xWAE

Ab etwa Minute 53:30 geht’s los

Logiker
42 Minuten her

Das alte Lied:

der Westen ist größer, aber dümmer.

Und hat immer recht.

Wie z.B. mit der Wirkung der Sanktionen auf Russland – und auf Deutschland.

Diese Dummheit lässt sich durch Wahlen nicht überwinden.

hansgunther
43 Minuten her

„Stauffenberg-Familie stellt Strafanzeige gegen Uwe Steimle nach AfD-Auftritt – Stauffenberg-Familie zeigt Kabarettisten Steimle an wegen „Verunglimpfung Verstorbener“
„16.07.2026 – 19:04 Uhr
Jetzt schlagen die Stauffenbergs juristisch zurück!
Nach den umstrittenen Äußerungen des Kabarettisten Uwe Steimle (63) bei einer AfD-Veranstaltung wollen die Nachfahren des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf Stauffenberg Strafanzeige erstatten. Lesen Sie über den ungeheuren Fall bei einer AfD-Veranstaltung mit BILDplus.“
Quelle: BILD

Die Polit/Mediale Empörungsmaschine dreht wieder frei, Nachfahren im Widerstand! Sicherheitshalber hinter der Bezahlschranke, man weiß ja nie.

Last edited 42 Minuten her by hansgunther
Montesquieu
50 Minuten her

Sorry, man kann diese Doofheit nicht schön sophistizieren.
Die Frage, die für mich bleibt, ist: was sollte das?

Last edited 50 Minuten her by Montesquieu
Apfelmann
26 Minuten her
Antworten an  Montesquieu

Richtig. So wenig politisches Fingerspitzengefühl lässt tief blicken. Das hätte man auch vorher wissen müssen. Jetzt wird das Malermeisterlein einen ordentlichen Anschiss von Alice bekommen und Siggi wird sicher auch der Marsch geblaßen.

Haba Orwell
51 Minuten her

> Union-Funktionäre und Linke blasen die DDR-Hymne zum nächsten AfD-Skandal auf

Wenn der Michel so etwas mitten im Weltkrieg und Wirtschaftskollaps besonders wichtig findet… Wohl ÖRR-Stammpublikum?