Zwei Männer wurden Eltern. So bejubelt die Oberflächenpresse Jens Spahn als männliche Mutti. Eine breite Kampagne versucht Leihmutterschaft durchzudrücken, zu normalisieren und dem Vorwurf des Menschenhandels zu begegnen. Nur über die Kinder spricht man nicht. Olivia Maurel ist eines der verkauften Babys - und schreibt über ihre bittere Erfahrung als Kauf-Kind.
Eine normale Schwangerschaft birgt immer Risiken. Leihmutterschaft vervielfacht diese Risiken für die Frau, bis hin zum Risiko, ihr Leben zu verlieren. Und was die potenziellen Konflikte zwischen der Leihmutter und den Wunscheltern betrifft, so sind diese zahlreich.
Die Leihmutterschaft ist eine Quelle von Konflikten zwischen den beiden beteiligten „Müttern“: Es kann sowohl geschehen, dass keine von ihnen das Kind letztendlich annimmt, als auch, dass sie es sich gegenseitig „aus den Armen reißen“, wenn die Leihmutter sich weigert, das Kind an das „Auftraggeberpaar“ zu übergeben.
Was aber geschieht, wenn das Kind, das Gegenstand des Vertrags ist, nicht die Erwartungen der Auftraggeber befriedigt, beispielsweise im Falle einer Behinderung? Wird die Leihmutter gezwungen, die Schwangerschaft abzubrechen, wenn eine Fehlbildung festgestellt wird? Man kann sich den Druck vorstellen, der in einer solchen Situation auf der Leihmutter lastet. Dies ist übrigens in kommerziellen Leihmutterschaftsverträgen tatsächlich so festgelegt: Der Auftraggeber hat das letzte Wort und kann über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.
Weitere Fragen müssen gestellt werden. Welchen Schutz genießt die Mutter im Falle einer Trennung oder Scheidung des „Auftraggeberpaares“ während der Schwangerschaft? Was geschieht mit (Leih-)Mutter und Kind, wenn die Auftraggeber vor der Geburt sterben?
Die Untersuchung der Praxis der Leihmutterschaft in den Vereinigten Staaten zeigt, dass diese zu einer bunten Vielfalt von rechtlichen Problemen führt, die wiederum zahlreiche und oft dramatische Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen.
Im Gegensatz zu dem oft vorgebrachten Argument in Griechenland oder Kanada, die sich vom amerikanischen Modell abgrenzen wollen, indem sie die kommerzielle Leihmutterschaft verbieten, um finanzielle Probleme zu vermeiden, scheint es, dass die Mehrheit der beobachteten Konflikte nicht in direktem Zusammenhang mit der finanziellen Dimension der Transaktion steht.
Die Leihmutter kann ihre Meinung ändern und das Kind behalten wollen oder gegebenenfalls auch einen Schwangerschaftsabbruch wünschen. Dies ist einer der häufigsten Fälle und führte daher 1988 mit einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofs von New Jersey („In Re Baby M“) zu einem der ersten wegweisenden amerikanischen Präzedenzfälle zu diesem Thema.
In diesem Fall entschied sich die Leihmutter Mary Beth Whitehead, das Kind des Ehepaars Stern zu behalten. Der Oberste Gerichtshof von New Jersey hob die verschiedenen Nachteile dieser Praxis hervor, insbesondere aus der Sicht des Kindes, und erkannte Mary Beth Whitehead als die „leibliche Mutter“ des Kindes an. Seitdem engagiert sich Frau Whitehead vehement gegen die Leihmutterschaft.
Im Fall „Jaycee“ wurde ein von einer Leihmutter geborenes Kind von einem Richter als „elternlos“ erklärt: Die Auftraggeber hatten sich Eizelle und Spermium von anonymen Spendern verschafft, um die Leihmutter zu befruchten. Nach der Scheidung des Paares wurde der „Mutter“ der Kindesunterhalt vom „Vater“ verweigert, da dieser die Vaterschaft ablehnte: Ein kalifornischer Richter gab ihm Recht. Doch mit der gleichen Logik erkannte der Richter auch die rechtliche Elternschaft zwischen dem Kind und der Auftraggeberin nicht an.
Ein weiterer häufiger Fall: Die Auftraggebereltern ändern ihre Meinung – das ungeborene Kind ist fehlgebildet, es sind noch mehrere Kinder zu erwarten, die Auftraggebereltern trennen sich usw. – und wollen das Kind nicht mehr.
Leihmutterschaft bietet auch Betrugspotential. In Belgien behauptete eine Leihmutter im Fall „Donna“ nach sieben Monaten Schwangerschaft, das Kind verloren zu haben. Tatsächlich hatte sie ein kleines Mädchen namens Donna zur Welt gebracht und gegen Bezahlung niederländische Adoptiveltern für sie gefunden. Diese adoptierten das Kind direkt nach der Geburt. Nachdem der biologische Vater die Wahrheit erfahren hatte, versuchte er, das Sorgerecht für Donna zurückzuerlangen, doch die in den Niederlanden eingeleiteten rechtlichen Schritte blieben erfolglos.
Eine weitere rechtliche Verwicklung: Herr und Frau Yamada, japanische Eltern, waren nach Indien gereist, um dort eine bezahlte Leihmutter zu finden. Nach ihrer Scheidung beschloss die Frau, das bereits geborene Kind nicht anzunehmen. Da indisches Recht die Adoption durch Alleinerziehende verbietet, wurde dem Vater das Recht verweigert, das Kind zurückzufordern, das somit rechtlich verwaist war, wozu noch die Tatsache kam, dass seine japanische Herkunft die Integration in die indische Kultur nur noch erschweren konnte.
Tragödien im Zusammenhang mit Leihmutterschaft ereignen sich, wie wir sehen, weit entfernt von Europa. Sie bleiben im Verborgenen, und wir nehmen sie nicht wahr.
In Griechenland, wo internationale Leihmutterschaft legal ist, beutete das Mittelmeer-Fertilitätsinstitut über 160 mittellose Frauen aus Ländern wie der Ukraine, Rumänien, Moldawien, Georgien und Albanien aus. Sie wurden unter Druck gesetzt, Eizellenspenderinnen und Leihmütter zu werden. Die korrupten Direktoren des Instituts wurden wegen Betrugs und Menschenhandels verhaftet. Der Leiter der griechischen Nationalen Behörde für Reproduktionsmedizin, der der Korruption und der „Verletzung seiner Pflichten“ verdächtigt wurde, wurde entlassen.
Ist dies die Welt, in der wir leben wollen, eine Welt, in der westliche Auftraggeber Frauen aus armen Ländern dafür bezahlen, ihre Kinder auszutragen?
Leihmutterschaftsverträge sollen alle Eventualitäten abdecken. Es sieht so aus, als ob die Regelungen für Lockdowns und Kriege vergessen wurden, als die internationalen Grenzen geschlossen wurden. Genau das geschah mit Babys, die während der COVID-19-Krise und der russischen Invasion in der Ukraine durch Leihmutterschaft geboren wurden.
Während des Lockdowns aufgrund der Covid-19-Pandemie kursierten in den Medien weltweit schockierende Bilder von Neugeborenen, die in zu provisorischen Kinderkrippen umfunktionierten Hotels in Kinderbetten aufgereiht waren. Diese Kinder, die von Leihmüttern in der Ukraine geboren worden waren, sollten von ihren Wunscheltern aus verschiedenen Ländern abgeholt werden. Durch die brutale Schließung der Grenzen konnten diese Eltern jedoch nicht mehr anreisen und ihr bestelltes Kind in Empfang nehmen.
Die Leihmutterschaftsagenturen waren überfordert und auf eine solche Krise nicht vorbereitet. Sie mussten die Betreuung und Unterbringung der Babys, die nicht mehr ausgeliefert werden konnten, improvisieren. Was wurde aus diesen Kleinen?
Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Februar 2022 verschärfte sich die Situation für durch Leihmutterschaft geborene Kinder noch weiter. Einige dieser Kinder wurden von ihren Wunscheltern buchstäblich im Stich gelassen, als diese angesichts des eskalierenden Konflikts beschlossen, sie nicht abzuholen oder dazu wirklich nicht in der Lage waren.
Die Berichte über Säuglinge, die in Krankenhäusern oder Notunterkünften zurückgelassen wurden, während die Luftschutzsirenen heulten, sind herzzerreißend. Glücklicherweise ergriffen ukrainische Bürger in einer Welle der Solidarität Maßnahmen, um sich um diese Kinder zu kümmern. Diese Babys, die bereits Opfer eines abscheulichen Menschenhandels geworden waren, wurden nun auch noch zu Kollateralopfern des Krieges.
Gleichzeitig sahen sich einige Leihmütter gezwungen, in Nachbarländer zu fliehen, um dort zu gebären, oft unter dem Druck ihrer Agenturen oder der Auftraggeber, die um ihre Investition fürchteten. Diese schwangeren und schutzbedürftigen Frauen mussten gefährliche Reisen auf sich nehmen, Grenzen unter Beschuss und unter extrem prekären Bedingungen überqueren, um vor der Geburt relative Sicherheit zu erreichen.
Diese dramatischen Situationen verdeutlichen die Mängel von Leihmutterschaftsverträgen. Sie werfen Fragen nach der Verantwortung der Auftraggeber, der Leihmutterschaftsagenturen und der Gesetzgeber zum Schutz der Rechte und des Wohlergehens von Kindern und Leihmüttern auf.
Was man auch immer sagen mag, diese beiden Ereignisse, Covid-19 und Krieg, sind nicht „extrem“. Sie sind Teil der globalen Entwicklung, also Teil der neuen internationalen politischen Ordnung: einer Ordnung, die von anhaltenden Konflikten rund um den Globus geprägt ist. Doch dürfen wir auch Naturkatastrophen, Erdbeben (wie wir es in Nepal erlebt haben) und die mittlerweile wiederkehrenden Extremwetterereignisse nicht vergessen.
Die Fälle sind in der Tat zahlreich. Mein tiefstes Mitgefühl gilt insbesondere diesen Leihmüttern, und ich wünsche ihnen allen, dass sie in Frieden ruhen: Michelle Reave, 36, die zwei Kinder hinterlässt; Premila Vaghela, 30, die als Leihmutter die Zukunft ihrer beiden Kinder erhellte; Ranjeeta Lal, 29, die als Leihmutter für das Baby ihrer Schwägerin einsprang; Lydia Cox, 33, die vier Kinder hinterlässt; und Brooke Lee Brown, die acht Tage vor ihrem 35. Geburtstag starb und ihre drei Kinder ohne Mutter zurückließ.
Ich denke auch an all die Leihmütter, die im Rahmen einer Leihmutterschaft verstorben sind, deren Namen wir jedoch nie erfahren werden. Denn es gibt keine Aufzeichnungen zum Tod dieser Frauen, genauso wenig wie zum Tod ihrer Kinder. Die einzigen Fälle, die wir kennen, sind jene, bei denen sich die Familien der Frauen gemeldet haben.
Wie viele Frauen müssen noch sterben, bevor die internationale Gemeinschaft beginnt, diese zwielichtige, milliardenschwere Industrie näher zu untersuchen, die Frauen für Geld opfert?
Olivia Maurel. Wo bist du, Mama? Die Wahrheit über Leihmutterschaft. Kolek Verlag, Paperback, 278 Seiten, Preis 18,00 €




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein