Nur ein paar Fragen

Alle reden über den Iran Krieg, als wüssten sie Bescheid. Doch offen ist fast alles: Wer regiert in Teheran noch, was Trump bezweckt, wem der Krieg nützt und ob hinter der Eskalation mehr steckt als blinde Zerstörung.

Der Krieg ist falsch, der Krieg ist richtig. Dazwischen gibt es nichts. Millionen von Nahostexperten und Millionen von Trumpologen treffen aufeinander – geistig völlig unbewaffnet. Sie vermuten, behaupten, glauben, und haben doch keine Ahnung davon, was tatsächlich ist. Dass sie nichts wissen, ist das einzige, was sie wissen könnten.

I.

Auf die wichtigste Frage findet derzeit niemand eine Antwort, nicht einmal eine unklare. Wer regiert eigentlich den Iran? Wer oder was hält den Laden tatsächlich zusammen? Die Führungsriege des alte Regimes ist getötet und geschwächt. Der neue oberste Führer liegt womöglich im Koma, ist nicht imstande, sich persönlich zu Wort zu melden. Handeln die Revolutionsgarden oder Teile von ihnen und andere Säulen des Terrorregimes auf eigene Faust? Gibt es einen Machtkampf? Mit wem verhandeln die USA? Sind es neue Leute, die sich auf einen Deal einlassen wollen oder müssen? Ist es das alte Tyrannenpack, das sich vorübergehend verhandlungsbereit zeigt, weil sie das materielle Fundament des Regimes stabilisieren möchten? Wollen sie nur Geschäfte machen (dabei treffen sie sich immer mit Trump), die Sanktionen gegen ihr Land aufheben lassen? Verstellen sich die Mullahs oder ist für sie der Westen nach wir vor Satan und der Iran immer noch finsterster „Gottesstaat“. Frauen werden unterdrückt, Kritiker hingerichtet. Regime Change wäre etwas etwas anderes. Dieses Kriegsziel – falls es denn jemals eines gewesen sein sollte – spielt offenbar keine Rolle.

II.

Ist die Bevölkerung des Iran Trump egal? Dann lassen ihn auch die zivilen Opfer gleichgültig. Rechnet er noch mit einem Aufstand der Bevölkerung? Dann müsste er anders agieren – und vor allem anders sprechen. Er kann nicht auf einen Sturz der Islamisten setzen und zugleich das Land „in die Steinzeit“ zurück bomben wollen. War das nicht so gemeint, bloß besonders pfiffige Mad Man Strategy? Die Hochkultur Persiens ist zehnmal so alt wie die der USA. Ihre Zivilisation ist Opfer des Islam – vor allem der islamischen Revolution von 1979, die ganz wesentlich von den naiven Narren des Westens befördert worden ist. Sie haben Ayatollah Khomeini den roten Teppich ausgerollt. Es ist noch nicht lange her, da hat auch der Bundespräsident den Mullahs noch die Füße geküsst. Aus dieser Perspektive hat der Westen die Pflicht, für die Befreiung Persiens zu kämpfen. „Eine ganze Zivilisation wird heute nacht sterben und nie wieder zurückkehren“ (Trump). Diesen Satz kann niemand von Verstand begrüßen. Trumps unzivilisiertes Geschwätz war Gottseidank nur ein hohle Drohung. Die Linke wiederum verbucht ihre Verharmlosung des Islamismus als Postkolonialismus – obwohl Persien nie Kolonie gewesen ist. Appeasement hat die Mullahs in ihrem gefährlichen Kurs immer nur bestärkt. Menschenrechtsverletzungen im Iran haben diejenigen niemals interessiert, die nun Trumps Völkerrechtsverletzung moralisch verurteilen.

III.

Offen bleibt auch, wie angriffslustig oder auch nur verteidigungsfähig der Iran noch ist. Seine Widerstandskraft haben die USA und Israel offensichtlich unterschätzt. Von wegen „kurzer Ausflug“ (Trump). Von wegen „alle Kriegsziele erreicht“. Es sieht danach aus, als habe das US-Militär taktisch brillant operiert. Aber was nützt die beste Taktik, wenn dahinter kein erkennbarer Plan steckt? Es ist keine Strategie, noch nicht einmal eine schlechte, die Weltwirtschaft nachhaltig zu gefährden und zu beschädigen, die Ölanlagen verbündeter Staaten am Golf Angriffen auszusetzen, die Blockade der Straße von Hormus zu riskieren – und darauf zu antworten, das sei nun keine Angelegenheit der USA. Trump ist ein virtuoser Zerstörer. Disruption ist seine Kernkompetenz. Sie hat manches in die richtige Richtung bewegt. Aber reichen Selbstüberschätzung, Planlosigkeit und Wankelmütigkeit aus, die Welt nach seiner Pfeife tanzen zu lassen? Wie immer die Sache ausgeht, Trump hat den in Europa (und anderswo) wieder aufblühenden Antiamerikanismus befeuert. Rechts wie links. Wem hat dieser Krieg bisher genützt? Wie werden die Verhandlungen verlaufen? Glaubt wirklich jemand, der Iran werde als unterlegener Befehlsempfänger am Tisch sitzen? Die Vorstellung, in der Region könne Frieden ausbrechen, ist von der Realität so weit entfernt wie die Scharia von der Gerechtigkeit.

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