Rückkehr zur Handschrift in den Schulen?

Auch im Schulalltag ist Künstliche Intelligenz längst angekommen. Lehrer befürchten deshalb das Ende von Hausaufgaben und fordern die Handschrift zurück, etwa bei Hausarbeiten und Prüfungen. Hand Geschriebenes hat weitere Vorteile: Schreiben diszipliniert und strukturiert beim Denken, Wissen prägt sich besser ein. Zudem ist Handschrift Ausdruck von Individualität.

picture alliance/dpa | Michael Brandt
Symbolbild

Der Deutsche Lehrerverband (DL) befürchtet das Ende von Hausaufgaben durch die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) seitens der Schüler. „Die Gefahr besteht, dass wir Hausaufgaben so nicht mehr machen lassen können“, sagte DL-Präsident Stefan Düll der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Bezahlschranke).

Düll weiter: „Alles, was außerhalb des Klassenzimmers passiert, könnte theoretisch mit oder von einer KI erledigt worden sein.“ Das sei für Lehrkräfte kaum kontrollierbar. Man müsse daher bei Hausaufgaben und in Prüfungen in unteren Klassen die Handschrift fordern, um Täuschung zu verhindern, so Düll. Auch betroffen seien umfangreiche Arbeiten, die außerhalb des Unterrichts entstehen – etwa Facharbeiten. Hier bleibe oft nur noch die Möglichkeit, die tatsächliche Leistung der Schüler im Gespräch zu überprüfen. Künftig müsse stärker der Entstehungsprozess abgefragt werden: „Da darf ich gar nicht den Inhalt abfragen, sondern fragen: Wie kommst du zu dem Inhalt?“

In einigen Bundesländern wird das bereits praktiziert. Dort finden nach Art des Rigorosums im Promotionsverfahren, hier zur Dissertation, eine mündliche Prüfung zu einer von den Schülern zu Hause angefertigten Facharbeit in der Oberstufe statt. Da zeigt sich dann, ob eine Arbeit einfach mittels KI abgekupfert oder von einem Fremdautor stammt. Stellt sich eines von beiden heraus, kann die ganze Arbeit als ungenügend bewertet werden.

Probleme mit der Handschrift

Die Lehrerschaft registriert überhaupt zunehmend Probleme von Schülern mit dem Handschreiben. Systematisiert wurde diese Diagnose erstmals Anfang 2015 mit Hilfe einer Umfrage, die der Lehrerverband gemeinsam mit dem Schreibmotorik-Institut durchgeführt hat. Dabei war mehr als 2000 Lehrkräften aus Grundschulen und aus weiterführenden Schulen ein Fragebogen vorgelegt worden.

Die Ergebnisse dieser Umfrage dürften heute noch drastischer ausfallen: Vier Fünftel (exakt: 79 Prozent) der beteiligten Lehrkräfte an weiterführenden Schulen geben an, die Handschrift ihrer Schüler habe sich verschlechtert. Bei den Grundschullehrkräften meinten dies 83 Prozent. Die Mehrheit der befragten Lehrkräfte an weiterführenden Schulen beobachtet zudem, dass gerade mal noch ein Drittel der Schüler länger als 30 Minuten beschwerdefrei schreiben kann. Auch sehen nahezu alle Lehrer einen Zusammenhang zwischen der Handschrift und schulischen Leistungen.

Bei vielen Heranwachsenden kommt hinzu, dass sie grob- und feinmotorisch zunehmend verkümmern. Couch Potatoes und Joystick-Athleten fehlt es nicht nur an motorischer Entladung, sondern auch am Erwerb motorischer Geschicklichkeit. Die Übervorsicht vieler Eltern tut ein Übriges, wenn Eltern nämlich das motorische Ausleben der Kinder durch immer engere Aktionsradien einengen. Feinmotorische Geschicklichkeit wurde früher außerdem beim Basteln oder mit den üblichen Gesellschafsspielen trainiert: beim Mensch-ärgere-dich-nicht, bei Mühle, Halma, Dame und Mikado. All dies findet heute – wenn überhaupt – am Bildschirm statt. Eine
erhebliche feinmotorische Verarmung ist das, die indirekt die Schreibmotorik hemmt.

Die Ursachen hierfür setzen also sehr früh ein. Immer weniger Kinder sind (fein)motorisch erfahren. Heute trainieren die jungen Leute eher nur noch den Daumen, nämlich beim Daddeln und beim SMS/WhatsApp-Schreiben. »daddeln« übrigens geht auf das niederdeutsche daddeln/doddeln = stottern/stammeln zurück. Ansonsten ist statt Schreiben Wischen angesagt. Das Kritzeln, das Malen, das Kneten, Gesellschafsspiele, die Zeichensprache, Papier-Schneide- und Faltarbeiten – all dies ist aus der Mode gekommen.

Warum Handschrift?

Warum dennoch mit der Hand schreiben? Nun, wer gut und versiert schreibt, der prägt sich Geschriebenes besser ein, er ist intensiver bei der Sache, er schreibt bewusster. Es geht ihm darum, dass das Geschriebene von anderen nachvollzogen werden kann; das wirkt bereits beim Schreiben als ein Impuls, verständlich zu formulieren. Wer gut und versiert schreibt, für den gilt in Abwandlung eines Aufsatzes von Heinrich von Kleist aus dem Jahr 1805: »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben.« Ja, das Schreiben strukturiert und diszipliniert das Denken, vor allem wenn es mit der Hand geschieht. Schreibschrift ist ein Denkzeug. Auf einer Tastatur Getipptes oder gar nur Kopiertes kann da nicht mithalten, denn es ist umgeben vom Odium des Flüchtigen, des leichtfertig Hingeschriebenen.

Das Schreiben, auch das Abschreiben (und nicht das Einscannen), ist bei neuen Lernstoffen bereits die halbe Miete für das Auswendiglernen. Tendenziell gibt es deshalb Zusammenhänge zwischen Lernleistung von Schülern und der Güte ihrer Handschrift. Pam Mueller und Daniel Oppenheimer von der Princeton University in New Jersey haben zum Beispiel schon vor zehn Jahren festgestellt, dass Studenten, die mit einem Stift mitschreiben, ein solideres Wissen erwerben und dass eine Mitschrift mit Stift auf Papier zusammenhängendes Wissen fördert, während reines Tippen auf einer Tastatur dazu verführt, nicht zu filtern. Interessant ist auch eine Studie von Markus Kiefer von der Universität Ulm. Er kommt zum Ergebnis, dass der Schriftspracherwerb anhand von Handschreiben im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur mit besseren Leseleistungen einhergeht.

Ansonsten gilt: Handschrift ist Ausdruck von Individualität – siehe die Graphologie! Ein Verzicht auf eine individuelle, verbundene Handschrift wäre ein Verlust an Individualität, auch ein Verlust an beweisbarer Individualität, zum Beispiel ein handschriftliches Testament.

Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich. Diese Sentenz könnte man erweitern: scribo ergo sum – ich schreibe – mit der Hand, also bin ich.

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Kommentare ( 9 )

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Endlich Frei
4 Stunden her

Die alten, jetzt noch im Berufsleben stehende Generation wird die letzte ihrer Art sein. Künftig wird sich keiner mehr ein Leben lang, oft weit über die Rentengrenze hinaus, kaputt schuften, um den Laden hier in Deutschland am Laufen halten.
Die jungen wachsen unterbewusst mit dem Gedanken auf, die „KI“ wird das schon für mich schaffen.

woderm
4 Stunden her

Insbesondere: Das Schreiben mit der Hand (und am Anfang auch mit der Zunge) ist eine Lernprozedur, die wie alle Lernvorgänge enorm wichtig für neuronale Verschaltungen im Gehirn der Kinder ist. Finden diese nicht statt, werden Fähigkeiten, die auch für andere sensomotorische und kognitive Funktionen wichtig sind, abgeschaltet und stehen nicht mehr zur Verfügung.

Thorsten Maverick
4 Stunden her

Schreiben ist vor allem auch für die Ausbildung der Händigkeit bei Kindern wichtig. Deshalb dürfen Kinder auf keinen Fall auf rechts umgezwungen werden. Ich leide darunter sehr und habe fast alle Symptome dieser Maßnahme. In der vierten Klasse konnten wir alle halbwegs sicher schreiben, was heute nicht mehr gegeben ist. Deshalb haben wir dann noch die deutsche Schrift gelernt, die ich mangels weiteren Trainings leider wieder vergessen habe. In der Grundschule braucht man den ganzen Multimediakram nicht. Dafür müssen die Basisfähigkeiten danach sitzen. Es ist ein Unding, wenn Kinder nach der Grundschule nicht sicher lesen, schreiben und rechnen können. Ich… Mehr

Felix Dingo
4 Stunden her

„Man müsse daher bei Hausaufgaben und in Prüfungen in unteren Klassen die Handschrift fordern, um Täuschung zu verhindern, so Düll“. Dann lassen die Schüler einen Text oder eine Matheaufgabe halt von der KI schreiben bzw. lösen und schreiben sie danach in schönster Handschrift ab. Auf welchem Stern lebt Herr Düll eigentlich? Die Lösung kann nur sein, dass die Schüler ihre Hausaufgaben in der Schule machen. Aber auch hier gibt es Probleme. Erlauben wir den Schülern bei den Hausaufgaben im Fach Englisch die Benutzung eines Online-Wörterbuches oder sollen sie auf die alten gedruckten Wörterbücher aus Papier zurückgreifen? Erlauben wir in Mathe,… Mehr

Last edited 4 Stunden her by Felix Dingo
Astridion
3 Stunden her
Antworten an  Felix Dingo

Die Wiedereinführung der 6-Tage-Woche wäre ein erster Schritt.

Die 5-Tage-Woche wurde eingeführt, damit die Eltern mit ihren Kindern ein Wochenende zusammen verbringen konnten.

Oder war sie in erster Linie zum wilden Konsumieren am Wochenende gedacht, wie böse Zungen behaupten?

In einen Konsumrausch geraten die meisten Familien heutzutage wohl kaum noch, da die Lebenshaltungskosten – insbesondere die Mieten – bekanntlich stark gestiegen sind.

K.Selberdenker
4 Stunden her

Disziplin ,Struktur, Denken, Wissen , Individualität.

Alle Sozialisten von Schwarz bis Lila zucken bei jedem der Wörter zusammen, kann nur der böse Nazisprech eines alten weißen Mannes sein.

OJ
4 Stunden her

Wenn die Kinder bei der Einschulung nicht mals ein Wort Deutsch können, bedingt durch das Elternhaus, dürfte diese Idee des Wahnsinns fette Beute sein ❗

Weltenwandler
5 Stunden her

Selber schreiben ist ganz wichtig, zumal es ja auch mehrere Lerntypen gibt. Die einen lernen durch hören, die anderen durch sehen, die anderen durch machen. Das wußte ich früher nicht, habe aber als Mutter mehrerer Kinder festgestellt, daß einige so oder so waren. Ich selbst kann gar nicht durch Hören lernen, muß mir in solchen Fällen ständig Notizen machen. Durch sehen ist mittelmäßig gutes Lernen möglich. Als Kind lernte ich am besten durch abschreiben. So ist das. Mein Mann hat Deutsch (95 % alles, sprachlich und kulturell) und Englisch nur durch hören gelernt. Da hätte ich bei meinen anderen drei… Mehr

Last edited 5 Stunden her by Weltenwandler
Manuela
5 Stunden her

Bin sehr dafür, dass Schüler wieder mit der Hand schreiben sollen. Täglich werden sie mit Arbeitsblättern zugemüllt, bei denen nur noch Lückentexte ausgefüllt werden müssen. Eine Katastrophe für die Rechtschreibung und das Denken. Mal abgesehen von der Sauklaue, die viele Schüler inzwischen haben. Ich selbst habe schon allerlei Computerprogramme für das Latein- und Französischlernen ausprobiert. Und Anki und wie sie alle heißen. Nichts, aber auch gar nichts vom Vokabular oder sonstwas ist hängengeblieben. Erst, als ich angefangen kleine Texte zu formulieren, habe ich wirklich gelernt. Mit einem älteren Schulbuch habe ich anfangs autodidaktisch Latein gelernt. Und das Beste war, dass… Mehr