Bärbel Bas und die Graubraunen: Geschichte wird gemacht

Als sie den Nichtmigranten ihr „Einheitsgrau“ respektive -braun vorhielt, sprach die SPD-Vorsitzende ganz authentisch: Sie meint genau, was sie sagt. Das verstehen auch die Wähler.

picture alliance / Chris Emil Janßen | Chris Emil Janssen

In den aktuellen Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt zwischen 41 und 42 Prozent der Stimmen, die CDU im Bereich zwischen 24 und 26, die Linkspartei um die 12 Prozent. Grüne, BSW und FDP rangieren unter fünf Prozent, die SPD steckt in der Todeszone um etwa sechs Prozent. Sollten auch die Sozialdemokraten unter die Fünfprozenthürde fallen, würde mit ziemlich großer Sicherheit eine absolute Mehrheit der Sitze an die AfD fallen. Ob es dann zu einer ersten AfD-Regierung der Weidel-Partei mit allen Folgen für das politische Gesamtgefüge kommt, hängt also an der SPD.

Genauer: an ihrer Vorsitzenden Bärbel Bas und ihrem Satz über das graubraune Deutschland. Es gehört zwar zu den Wissenschaftslegenden, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings tausende Kilometer entfernt einen Orkan auslösen kann. Aber eine einzige politische Bemerkung reicht unter Umständen schon aus, damit eine Wahrscheinlichkeit, die noch in der Luft hängt, eine feste und unumkehrbare Form annimmt. Der Satz von Bärbel Bas, gesprochen auf dem „Aktionstag Zusammenhalt in Vielfalt“, gehört in die Kategorie dieser Äußerungen, die an anderer Stelle Großes bewirken.

„Die offene Gesellschaft wird zum Bedrohungsszenarium umgedeutet“, heißt es in der Rede von Bas: „Das sogenannte Fremde zum Angriff auf unsere Kultur betitelt. Auch das kennen wir leider aus der Vergangenheit, gerade aus der deutschen Geschichte.“

Unter offener Gesellschaft versteht man bisher eine Ordnung ohne obrigkeitsstaatliche Vorgaben, was die Bürger in Debattenfragen meinen und in Bekenntnisfragen glauben sollen. Innerhalb allgemein akzeptierter Prozeduren entstehen Meinungen, von denen immer mehrere nebeneinander existieren, im grundsätzlich unbehinderten Fluss von Rede und Gegenrede und ganz im Sinn von Georg Simmel, für den gerade der eingehegte Streit die Gesellschaft zusammenhält. In einer offenen Gesellschaft legt vor allem der Staat nicht fest, was als richtig oder falsch zu gelten hat, als moralisch gut oder schlecht. Wer genau dieses Prinzip für ein Bedrohungsszenario (beziehungsweise bei Bas Szenarium) hält, spricht die Vorsitzende nicht aus. Eine von mehreren Antworten lautet übrigens: Angela Merkel stellvertretend für viele andere bei ihrer jüngsten Rede zur Internet- und Medienkontrolle in Brüssel.

Von hier aus springt Bas zu dem Fremden, das aber bei ihr nur den Platz des sogenannten Fremden einnimmt, und zu unserer Kultur, bei der sie leichtsinnigerweise vergisst, das sogenannt beizugesellen. „Das kennen wir aus der Vergangenheit, gerade aus der deutschen Geschichte“ – früher legte die Titanic solche Sätze Helmut Kohl in den Mund. Nun folgt der eigentliche Sprung im Parlando der Vorsitzenden und Ministerin, nämlich zur Farbe und damit zum Subtext der Hautfarbe:
„Wir wollen Farbe bekennen und wehren uns auch gegen dieses sogenannte Einheitsgrau oder – ich will es sogar Braun nennen –, auch wenn manche sich danach sehnen vielleicht sogar. Aber, so ist es halt nicht mehr. Und das ist auch gut so.“

Also: Wir, wer immer sich hinter diesem Majestätsplural versammelt – diese Entität wehrt sich gegen etwas, was es Gott sei Dank sowieso nicht mehr gibt, nämlich das Einheitsgrau, das Bas auch Braun nennen möchte, also ein Graubraun, von dem sie nicht sagt, was und wen sie damit meint. Das muss sie aber auch nicht.

Bas gehört zu der Sorte von Betriebsrepräsentanten, die keine drei geraden Sätze sprechen können. Trotzdem versteht man, was sie meint. Gerade das Schematische ihrer Denkweise macht es leicht, den Sinn ihrer Rede einigermaßen zu entwirren. Und der lautet: Das Bunte und aus Bas-Sicht Exotische verleiht den autochthonen Deutschen überhaupt erst Farbe. Es strahlt ein wenig auf ihr Grau ab, das sie einheitlich von Helgoland bis zur Zugspitze tragen, wobei sich dieses Grau beim genaueren Hinsehen – deutsche Geschichte – als etwas viel Schlimmeres erweist.

Beim Einheitsgrau handelt es sich also um ein in bundesrepublikanischen Jahrzehnten ausgeblichenes NS-Braun, das sich jederzeit wieder in den satten Originalton zurückverwandeln könnte – gäbe es eben nicht die Aufwertung durch Migration und überhaupt alles, was nicht zu den angesprochenen Monochrombürgern und deren Welt gehört. Als graubraun enttarnt sich andererseits jeder, der das nicht so sehen will oder zumindest die Frage stellt, wie sich ein Land durch eine kaum gesteuerte Einwanderung aus nichtwestlichen Kulturkreisen in der Realität verändert. Realität, das zur Erklärung für Bundesminister, ist das Gegenteil des Einheitsgesummses von Studien und Expertenrundenpapieren.

Als Erstes kann man Bas entgegenhalten, dass die Formel „bunte Einwanderung gegen Braun“ in der Wirklichkeit nicht ganz so gut funktioniert, wie es Migrationsforscherinnen auf der re:publica und ähnlichen Podien erzählen. Ganz konkret in der Stadt Essen, also unweit von Bas’ Heimatstadt, beherrschen beispielsweise neue Deutsche mit arabischem Vordergrund die Wendung „Adolf Hitler“ nahezu akzentfrei.

Zweitens: Die monochrome Erscheinung oberbayrischer Dörfer, des Dresdner Altmarkts und der deutschen Abteilung in der Alten Pinakothek – wer kennt es nicht? Die Antwort lautet: Bärbel Bas. Es lässt sich auch von Gutwilligen nicht übersehen, dass die deutschen Politiker, die ihr eigenes Land als grau, kulturell defizitär und dringend aufmischungsbedürftig schildern, einander sehr stark ähneln, jedenfalls sehr viel stärker als Ostfriesen den Oberbayern: Bärbel Bas aus Walsum, Angela Merkel aus Templin und Frank-Walter Steinmeier aus Brakelsiek pflegen einen bemerkenswert einheitlichen leiernden Phrasensprechstil, sie kleiden sich allesamt so wie jemand, der sich leider Gottes eben irgendwie mit Textil bedecken muss, sie können und wollen mit dem Land, das sie bezahlt, erkennbar nichts anfangen und verkörpern überhaupt eine solche Einheitsglanz- und Geistlosigkeit, dass man sie für Geschwister halten könnte. Und zwar selbst dann, wenn sie nicht auch noch alle die gleichen abwärts weisenden Mundfalten hätten.

Bas sprach an diesem Vielfaltstag also über sich selbst und ihre kulturelle Bildungsferne. Aber eben auch über die Nichtmigranten da draußen, von denen die einen oder anderen aus Gewohnheit immer noch sozialdemokratisch wählen oder zumindest die SPD früher einmal ankreuzten. Es handelt sich um eine Minderheit unter den Wahlberechtigten. Aber gerade darin liegt ja das Problem der SPD in Sachsen-Anhalt, im Osten allgemein und inzwischen auch im Westen: Sozialdemokratische Funktionäre können ohnehin ihre Abneigung gegen weiße Arbeiter mit Dieselfahrzeug, Gendersprachenresistenz und Vorliebe für Grillfleisch kaum verbergen. Wer konsequent das Maß vollmachen will, sollte ihnen auch noch erklären, dass sie neben ihrem armseligen Grau auch noch die Gene von mutmaßlichen Naziurgroßvätern tragen. Dazu muss man ihnen das Bild der erlösenden Kunterbuntheit vorhalten, beispielsweise aus der Bas-Stadt Duisburg:

 

Testosterongesättigte Männlichkeit, Fleischgrillen und Verbrenner-Fahren, so lautet die gar nicht mal besonders unterschwellige Botschaft, das alles stellt kein besonderes Problem dar, selbst wenn der eine oder andere kurz dazwischenheilhitlert – wenn nur der Herkunftshintergrund stimmt. Der Einheitsgraue dagegen muss mit immer neuen Tugendbezeugungen seine Gesellschaftstauglichkeit nach dem Bild von Bas und Steinmeier beweisen. Diese Ansprache nennt man in der Psychologie Double Bind: Streng dich gefälligst an, die Buntheit zu umarmen, versus: Du Einheitsgrauer mit Braunakzent schaffst es ja doch nie.

Auf so etwas reagieren vor allem einigermaßen normal gebliebene Leute verstockt. Denn sie begreifen erstens sehr schnell, dass sie der Forderung gar nicht genügen können. Und fragen sich zweitens, wer sich eigentlich mit welchem Recht so über sie auslässt. Kurzum: Der Spruch bei der Vielfaltsfeier könnte die SPD in Sachsen-Anhalt genau die zwei Prozentpunkte kosten, mit denen sie dort in den Umfragen ungefähr noch über der Fünfprozenthürde liegen. Was wiederum, siehe oben, zur ersten AfD-Alleinregierung in Deutschland führen würde. Geschichte ereignet sich nicht einfach so. Sie wird gemacht. In diesem Fall von der SPD-Chefin persönlich.

Für die Wirksamkeit eines Satzes, sogar eines einzigen Wortes auf das Abstimmungsverhalten der eigenen angestammten Wähler gibt es mehrere Beispiele, etwa „Entenpastete“ aus dem Mund des SPD-Spitzenkandidaten von Baden-Württemberg. Der berühmteste Fall dieser Art ereignete sich am Abend des 9. September 2016 in der Cipriani Wall Street, New York City. Es war der Abend, an dem Hillary Clinton das Wort von dem Korb der Jämmerlichen aussprach, frei übersetzt Haufen der Jämmerlichen, Schändlichen, Kläglichen. Im englischen Original: the basket of deplorables.

Zu dem Abend in New York, einer Spendengala für den demokratischen Wahlkampf, hatten die Präsidentschaftsbewerberin Clinton und Barbra Streisand die LGBT-Gemeinschaft der Stadt eingeladen. Die Kartenpreise für den Abend mit anschließendem Empfang durch die Kandidatin lagen zwischen 2500 und 250.000 Dollar. Ein kleines Kontingent von Billigtickets zum Sonderpreis von 1200 Dollar war schnell ausverkauft. Clinton trat vor Streisand mit einer kurzen Rede vor ihr Publikum. Die Passage, die dann dem Wahlkampf den entscheidenden Schwung geben sollte – allerdings der Kampagne ihres Konkurrenten –, lautete: „Wir leben in einer volatilen politischen Umgebung. Ihr wisst, um einmal grob zu generalisieren, ihr könntet die Hälfte der Trump-Unterstützer in das stecken, was ich den Korb der Jämmerlichen nenne. Richtig?“ (Lachen, Applaus.)

Clintons „basket of deplorables“ brannte sich auch deshalb so ein, weil vor ihr praktisch niemand diese Einordnung von Menschengruppen in Körbe vornahm. Die Wendung klingt im Englischen genauso schief wie in ihrer deutschen Übersetzung. Auch nach ihrer Rede benutzte fast jeder diese Formel nur als Zitat. „Basket of deplorables“, schrieb die Washington Post in einem Beitrag, den sie 2021 dem fünften Jahrestag der Rede widmete: „Es ist ein seltsamer Phrasenausdruck. Es gibt Körbe und es gibt jämmerliche Leute, aber die beiden Begriffe zu kombinieren ist die merkwürdigste aller merkwürdigen linguistischen Paare.“ So ähnlich könnte man es von „graubraun“ auch sagen.

Auf dem Video ihres Auftritts ist zu hören und zu sehen, wie sie hier einen leiernden Tonfall anschlägt und dazu mit dem Arm rudert. Sie zeichnete nur ein Bild nach, von dem sie annimmt, dass ihr Publikum es schon in- und auswendig kennt: „Ihr wisst schon.“

Am 8. November 2016 wählten immerhin gut 63 Millionen Amerikaner den republikanischen Kandidaten. Clinton sortierte an diesem Abend also gut 30 Millionen von ihnen in den einen Korb, an den ihrer Meinung nach keine Mühe mehr verschwendet werden dürfte. Ihr Konzept bestand darin, diese Verlorenen von jedem politischen Einfluss fernzuhalten. Den 30 Millionen, die bei ihr in Korb zwei landeten, gestand sie immerhin soziale Probleme zu. Sie kennzeichnete in ihrer Ansprache diese Sorte gleichzeitig als Unterprivilegierte mit niedrigem Bildungsabschluss außerhalb der Großstädte, also als Periphere. Allerdings forschte sie auch hier nicht nach den Ursachen, obwohl die Frage eigentlich nahegelegen hätte nach einer achtjährigen demokratischen Präsidentschaft und angesichts der Tatsache, dass in den meisten Städten, in denen sich Armuts-, Kriminalitäts- und Wirtschaftsprobleme besonders konzentrierten, damals Politiker der Demokraten regierten (wie übrigens auch heute). Jedenfalls bot sie den Leuten in diesem Korb Verständnis und Empathie an. Die Korb-zwei-Insassen, jedenfalls viele von ihnen, erwarteten damals offenbar mehr von einer demokratischen Kandidatin. Ein großer Teil von ihnen hatte in früheren Zeiten für Bewerber ihrer Partei gestimmt. Jedenfalls gehörten sie irgendwann einmal zur klassischen demokratischen Wählerschaft.

Der Abend seinerzeit in New York und der Vielfaltstag in Berlin am 21. Mai unterscheiden sich in vielem: dort reiches urban-progressives Manhattan, hier Resopal-Atmosphäre. Was den verursachten Wählerverlust anging, gab es bei Clinton außerdem ziemlich viel Luft nach unten, anders als bei der SPD 2026. Aber es blieb hier wie da ein Begriff hängen, der sich nicht wieder wegreden ließ, beziehungsweise lässt, weil jeder weiß: Mit diesem Wort drückten sich Politikerinnen ausnahmsweise völlig authentisch aus. Auch das Lachen damals im Hotelsaal an der Stelle „basket of deplorables“ entspricht ungefähr dem in dem Bas-Video deutlich hörbaren Funktionärs-Höhö bei Bas’ Stichwort „braun“. So spricht eben nicht nur eine Repräsentantin. So denkt ein bestimmtes Milieu.

In Deutschland existiert seit langer Zeit ein Markt für Äußerungen, die auf Inländerverachtung, auf kulturelle Verachtung zielen. Dort herrscht zwar keine Nachfrage aus der Bevölkerung, übrigens auch nicht von vielen gut integrierten Zuwanderern. Aber ein erheblicher Teil der Medien und des politischen Apparats samt Vorfeld zahlt dafür hohe Aufmerksamkeitsprämien. Es lässt sich sogar ein gewisses Suchtverhalten danach feststellen.

Am 14. Mai 2017 erklärte die in Hamburg aufgewachsene SPD-Politikerin Aydan Özoguz in einem Debattenbeitrag des Tagesspiegel, eine „spezifisch deutsche Kultur“ sei für sie „jenseits der Sprache schlicht nicht identifizierbar“. Für sie stimmte das wahrscheinlich schon. Natürlich kennt jeder Musikliebhaber den Begriff „deutscher Klang“: Ein deutsches Orchester spielt Bruckner eben erkennbar anders als eines in Pittsburgh. An vielen Gemälden und Schnitzereien in Museen finden sich Schilder wie: „Süddeutsch, 15. Jahrhundert“. Die Kuratoren kennen den Schöpfer zwar nicht, aber sie wissen, dass das Kunstwerk nicht aus Spanien oder England stammt. Nicht nur die Sprache Hegels ist deutsch, sondern auch die Struktur seines Denkens. So wie er konstruierte eben kein französischer Philosoph seine Welterklärung. Bekanntlich trat Özoguz nach diesem Artikel nicht zurück oder entschuldigte sich wenigstens für ihren erzdummen Satz. Sie versuchte sich stattdessen mit der Bemerkung herauszuschwafeln, vieles in der deutschen Kultur sei ja regional geprägt. Dabei gehört Regionalität als Merkmal zu jeder ausdifferenzierten Kultur. Ihr Besonderes, ob nun im Baustil oder der Musik, enthält gleichzeitig das Allgemeine, aus dem es stammt.

Auffälligerweise eilten damals viele Journalisten damals Özoguz zu Hilfe und beklagten, dass sie die eine oder andere böse Zuschrift bekam. Die Zeit unternahm in einem ihrer typischen Entlastungsstücke einen Spaziergang durch das Deutsche Historische Museum. Anschließend beklagte sich die SPD-Frau, die Abteilung über die Gastarbeiter sei ihr in der Ausstellung zur deutschen Geschichte zu klein. In Wirklichkeit nahm sie sich in der Schau, die einen Überblick von der Reichsgründung 919 bis zur Gegenwart geben sollte, eher überproportional groß aus. Vor allem: Für etwas anderes als die politisch von der SPD zu bewirtschaftende Gastarbeiterecke interessierte sich Özoguz ganz offenkundig nicht. Ihrem vorübergehenden Aufstieg zur Bundestags-Vizepräsidentin tat das keinen Abbruch.

Ebenfalls 2017 bescheinigte die taz-Autorin Hengameh Yaghoobifarah den Kartoffeldeutschen eine „buchstäblich(e) Dreckskultur“. Bundespräsident Steinmeier lud sie trotzdem ins Schloss Bellevue zu einer bunten Runde ein. Immerhin: Sie hatte ihn nicht Schwachkopf genannt. Das Buch von ihr und ähnlichen Profiteuren „Eure Heimat ist unser Alptraum“ nahmen wohlmeinende Medien mit warmem Applaus auf. Eine Autorin leitete darin den Zusammenhang von Herkunft und Anspruch auf eine gesellschaftliche Position nach ihren Vorstellungen ab: „Ganz einfach: Ich will den Deutschen ihre Arbeit wegnehmen. Ich will nicht die Jobs, die für mich vorgesehen sind, sondern die, die sie für sich reservieren wollen.“ Keine Sorge, das funktioniert. Wer immer Kartoffeldeutsche beschimpft, sichert sich dadurch Kolumnenplätze, Fördermittel, Beauftragtenposten und Professuren.

Es handelt sich um ein Geschäftsmodell, das so nur in Deutschland funktioniert. Und zwar deshalb, weil Politiker, Chefredakteure und ÖRR-Intendanten geradezu danach lechzen. Sie wollen die extrascharfe Beschimpfung dessen, was sie zwar als ihr Eigenes erkennen, aber am liebsten zugunsten ihres vorgestellten Weltbürgertums abstoßen wollen. Wobei dieses Weltbürgertum genauso wie ihre Weltanschauung darauf beruht, dass sie überhaupt keine Welt jenseits ihres Muffmilieus kennen. Niemand dokumentiert seine Krähwinkligkeit besser als derjenige, der sagt: „Ich fühle mich nicht als Deutscher, sondern als Europäer.“ Wenn etwas Europa spezifisch prägt, dann gerade die verschiedenen kulturellen Färbungen auf relativ kleinem Raum. Wer sie versteht, will sie eben weder zu einer amorphen Masse zusammenrühren noch von sich abschütteln. Deutsche, die das für ein Ideal halten, ähneln erstaunlicherweise Major Strasser, der in „Casablanca“ Ricks Café betritt – nur, dass diese Figur heute exakt umgekrempelt erscheint. Es handelt sich aber um ein und dieselbe Mentalität, nur unter einem neuen und für andere Nationen zum Glück nicht mehr destruktiven Vorzeichen.

Die prämierte Verachtung beschränkt sich schon längst nicht mehr auf die ermunterten Stichwortgeber mit Hinter- und Vordergrund. Sie gehört zum Instrumentarium von biodeutschen Politikern wie die Islamophilie zum wohlgesinnten Deutschland. Neben Vertretern der Grünen und der SPD beteiligen sich auch Unionspolitiker an dieser Übung, beispielsweise Außenminister Johann Wadephul, der bei seiner Türkeireise kontrafaktisch den Beitrag türkischer Gastarbeiter zum deutschen Wirtschaftswunder lobte. Auch die Wiederaufbaugeschichte darf den Kartoffeldeutschen nicht mehr gehören, jedenfalls nicht ungeteilt. Nur an den Jahren von 1933 bis 1945 beansprucht bisher niemand eine Teilhabe. Höchstens inoffiziell wie auf dem oben verlinkten Video aus Essen.

Dass eine Mehrheit der Deutschen – und wie gesagt, auch viele angekommene Migranten und deren Nachkommen – diese Autoimmunreaktion einer kleinen Funktionärsschicht nicht teilt, macht es für diese Mehrheit aus Sicht einer Bärbel Bas umso schlimmer. Warum reibt sich die Bas-Riege überhaupt für dieses Land auf? Die Stimmen der Graubraunen müsste die Vorsitzende ja schon aus Prinzip ablehnen.

Im September zeigt sich, welche Schlussfolgerungen die Wähler vornehmen. Ob Stimmentzug schon als Therapie wirkt, kann natürlich niemand sagen. Aber den Versuch wäre es wert.


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