Länderspiel Spanien gegen Ägypten: Politische Empörung über Gesänge in Barcelona

Beim Länderspiel gegen Ägypten singt ein Teil des spanischen Publikums: "Wer nicht springt, ist ein Muslim“ und hüpft dabei auf und ab. Während Polizei und Regierung das Ganze dringend zum Islamophobie-Vorfall hochjazzen wollen, wächst im Land der Druck durch die Massenlegalisierung illegaler Einwanderer durch die Regierung Sánchez.

IMAGO

Was sich beim Länderspiel Spanien gegen Ägypten in Barcelona abspielte, war kein rätselhafter Zwischenfall ohne Vorgeschichte. Vor dem 0:0 wurde die ägyptische Hymne ausgebuht. Aus Teilen des Publikums kam der Ruf „Wer nicht springt, ist ein Muslim“, begleitet vom rhythmischen Auf und Ab Hüpfen auf den Rängen.

Die Stadionregie griff ein, blendete eine Warnung ein und ließ über Lautsprecher dazu aufrufen, beleidigende und fremdenfeindliche Rufe zu unterlassen. Die katalanische Polizei leitete Ermittlungen ein wie bei uns bei jedem Furz im Wasserglas der Staatsschutz ermittelt. Damit ist die Tatsachenlage klar. Klar ist aber auch: Wer diesen Abend allein als moralischen Betriebsunfall beschreibt, blendet das politische Klima aus, in dem er stattfand und wie sehr so ein Vorfall als „Islamophobie“ durch die linke Regierung hysterisch aufgepumpt wird.

Denn die Regierung Sánchez reagiert wie immer: erst maximale politische Aufladung, dann demonstrative Empörung über die Reaktion im Land. Justizminister Félix Bolaños erklärte, solche Gesänge beschämten Spanien als Gesellschaft, und schob das Ganze sofort in das gewohnte Raster aus Hass und extremer Rechter. Genau darin liegt der Mechanismus. Die politische Klasse in Madrid erklärt nicht mehr, sie etikettiert nur noch dumm und immer plumper. Sie will auch noch den kleinsten Widerspruch sofort moralisch abräumen.

 

Dabei fällt dieser Abend nicht in ein ruhiges Spanien, sondern in ein Land, das seine Regierung seit Monaten systematisch überreizt. Ende Januar beschloss Sánchez’ Kabinett ein Programm, das laut Reuters rund 500.000 Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus legalisieren soll. Das ist kein kleiner Verwaltungsakt und kein Randthema für Spezialisten. Das ist ein politisches Signal von enormer Wucht. Es sagt dem Land: Die Grenze verliert an Bedeutung, der Staat zieht die Linie am Ende nicht mehr beim Eintritt, sondern irgendwann nachträglich per Legalisierung. Genau daraus entsteht der Eindruck, dass in Spanien eine Massenregularisierung läuft. Und genau dieser Eindruck prägt das politische Klima.

Wer Hunderttausenden ohne regulären Status, die zu großen Teilen bereits seit Jahren das ganze Land durch Kriminalität in Atem halten, am Ende doch Aufenthalt und Rechte verschafft, darf sich nicht wundern, wenn sich im Land Gegendruck aufbaut. Nicht jede Form dieses Gegendrucks ist klug. Aber nicht jede ist das, was Regierung und Medien verzweifelt daraus machen wollen.

Und sie fällt eben nicht aus dem Nichts. Ein Teil des Publikums setzte in Barcelona hörbar etwas gegen eine Regierung, die bei Migration seit Jahren und zuletzt das Signal aussendet, dass am Ende fast alles in Legalisierung mündet und dass jeder, der diese Linie nicht bejubelt, politisch mindestens suspekt ist. Genau diese Mischung aus Grenzverwischung und Gesinnungsaufsicht treibt die Stimmung hoch.

Dazu kommt Sánchez’ außenpolitischer Kurs. Das Spiel war wegen des Kriegs im Nahen Osten von Katar nach Barcelona verlegt worden. Gleichzeitig positioniert sich die spanische Regierung in der Region so aggressiv moralisch wie kaum eine andere in Europa. Sánchez nannte Israels neues Gesetz einen „Schritt in Richtung Apartheid“, die Beziehungen zu Israel haben sich weiter verschlechtert, und Madrid stellt sich demonstrativ gegen die Linie der USA und Israels im Krieg gegen Iran. Dass viele Spanier diesen Kurs längst nicht mehr als bloße Außenpolitik, sondern als ideologisches Dauerfeuer wahrnehmen, überrascht nicht. Auch das ist der Hintergrund dieses Abends.

Auf dem Rasen in Barcelona stand Ägypten. Auf den Rängen entlud sich spöttischer Widerspruch auch gegen ein Klima, in dem Migration entgrenzt, der Nahostkonflikt moralisch instrumentalisiert und jede Gegenreaktion sofort als Beweis gesellschaftlicher Verderbtheit ausgelegt wird. Wer diese politische Spannung nicht sehen will, kann natürlich alles in die Schublade eines verwerflichen Stadionmoments stecken. Nur erklärt das nichts. Es verschleiert nur, wie tief die Polarisierung inzwischen reicht.

Dass Nationaltrainer Luis de la Fuente und der Verband empört reagierten, gehört zum erwartbaren Ablauf. Der eine verurteilte das Verhalten scharf, der andere sprach von isolierten Situationen. Oben pendelt das System zwischen moralischer Panik und routinierter Verharmlosung. Unten sitzt ein wachsender Teil der Bevölkerung, der sich von dieser politischen Klasse längst nicht mehr vertreten, sondern nur noch gemaßregelt fühlt. Das Publikum in Barcelona wollte sich nicht einordnen lassen. Es wollte hörbar stören. Genau deshalb pfiffen Teile des Stadions sogar auf die Durchsagen.

In Barcelona wurde nicht irgendein geheimer Hasscode entdeckt, sondern ein konkreter Ruf skandiert, den Regierung und Polizei sofort maximal politisch aufluden. Das Publikum setzte dem offiziellen Spanien ein eigenes, grobes und unmissverständliches Signal entgegen. Dass das abnehmen wird, steht zu bezweifeln.

Sportlich war es nur ein Testspiel vor der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Politisch war es ein kleines Lehrstück über das heutige Spanien. Eine Regierung legalisiert Hunderttausende, heizt den Nahostkonflikt mit moralischer Schärfe weiter an und behandelt jede Gegenregung im Inland sofort als Ausweis von Niedertracht. Dann entlädt sich im Stadion sichtbarer Trotz, und Madrid gibt sich erschüttert. Das eigentlich Erschütternde ist nicht, dass ein Publikum in Barcelona springt und singt. Das eigentlich Erschütternde ist eine Regierung, die das Land bis an die Nervenenden reizt und anschließend so tut, als habe ihre eigene Politik mit alledem nichts zu tun.

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