Zenica: Italiens dritter Sturz ins Nichts

Es ist nicht mehr nur ein Scheitern. Es ist ein Muster. Bosnien schickt eine ganze Fußballnation ins Tal der Tränen – und wenn nicht in Depressionen, dann aber zumindest in tiefe Melancholie.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Emmanuele Mastrodonato

In Bosniens Zenica vor knapp 10.000 Fans, im engen Stadion, das rein gar nichts mit den oft künstlichen Arenen zu tun hat, vollendete sich am Dienstagabend, was sich seit Jahren ankündigt: Die italienische Nationalmannschaft ist zum dritten Mal in Folge nicht bei einer Weltmeisterschaft dabei.

Ein Drama pur. Erst nach Elfmeterschießen fiel die Entscheidung zur WM-Teilnahme. Unentschieden 1:1 hieß es nach regulärer Spielzeit, die Verlängerung verlief torlos. Dann wurde die Niederlage gegen das ‚kleine‘ Bosnien bittere Realität. Aus, finito la festa, 2:5. Gefeiert haben die Bosnier. So nüchtern lässt sich das Ergebnis zusammenfassen.

Aber die Wahrheit dahinter ist alles andere als nüchtern. Sie ist laut. Und sie ist unangenehm. Italiens Problem, das vermuteten schon viele Experten und Schwarzmaler im Vorfeld, sitzt tiefer – im Kopf.

Auf dem Papier war Italien besser: mehr Qualität. Mehr Erfahrung. Mehr Fußball-Geschichte.
Doch auf dem Papier wurde noch nie ein Tor geschossen. Zenica hat das ein für alle Mal klargemacht.

Scheitern I: Der Kopf ist schwach – und keiner will es hören

Die größte Lüge dieses italienischen Fußballs ist, dass es an Details liegt. Tut es nicht. Italien scheitert nicht an Taktik. Auch nicht an Technik. Nicht einmal am Talent. Italien scheitert wieder einmal an sich selbst.

Zweimal hat man bereits die WM verpasst – 2018 und 2022. Jetzt ein drittes Mal. Kaum zu glauben, dass Italien die Europameisterschaft 2021 in England gewann.

Das Verpassen einer WM zum dritten Mal nacheinander ist kein Ausrutscher mehr. Das ist fast schon eine neue Fußballidentität. Und trotzdem klammert man sich an gestern. An 1982. An 2006. An Namen wie Dino Zoff, Paolo Rossi oder Del Piero und Totti, sowie Weltmeistertrainer Marcello Lippi.

Vergangenheit als Betäubung. Nicht mehr als Inspiration, als es noch echte Charaktere gab. Starke Typen. Dabei hatte einer den Finger in die Wunde gelegt: Gennaro Gattuso, der Nationaltrainer selbst. Keine Poesie. Keine Ausflüchte. Seine Botschaft war klar: arbeiten, leiden, Verantwortung übernehmen. So ist ‚Rino‘ Gattuso selbst Weltmeister unter Lippi geworden. 2006 in Berlin.

Nach dem Spiel stand der ‚Cití‘, commissario tecnico, mit glasigen Augen da. Das Spiel hatte ihn arg mitgenommen, über 120 Minuten coachte er sein Team, das über 80 Minuten in Unterzahl spielen musste. Teamchef Gattuso entschuldigte sich, dass es leider „wieder nicht gereicht“ habe, diese Niederlage sei nur schwer zu verdauen. Eine Niederlage, die größer ist als er. Vielleicht ist genau das das Problem: Die Ehrlichen tragen die Schuld. Die Verantwortlichen schweigen.

Scheitern II: Das System schützt sich, nicht den Fußball

Wer jetzt über den Schiedsrichter spricht, hat nichts verstanden. Ja, es gab natürlich strittige Szenen. Und ja, es gab eine rote Karte. Aber das sind Symptome. Keine Ursachen. Die Ursache liegt dort, wo selten Kameras sind: Im System. Im italienischen Fußballverband, in dessen Ausrichtung.

Wenn zum Beispiel im Jugendbereich Beziehungen wichtiger sind als Leistung, wo
(subtile) Korruption kein Skandal mehr ist, sondern ein offenes Geheimnis, dann stirbt der Fußball nicht spektakulär. Er verrottet langsam, von innen. Und alle sehen zu.

Hat die FIGC, die italienische Fußball-Federation, je den Mut gehabt, das offen anzusprechen? Nein, natürlich nicht. Einschnitte tun weh. Und kurzfristige Erfolge, wie der EM-Titel vor fünf Jahren in London, übertünchen Flecken und Risse im System. Es wird viel diskutiert – aber hinter verschlossenen Türen. Geflüstert statt gehandelt. Warum?

Weil zu viele abhängig sind. Zu viele profitieren. Zu viele Angst haben, ausgeschlossen zu werden. Also redet man, macht aber weiter wie bisher. Das ist kein Versagen mehr. Das ist ein System, das sich selbst schützt.

Diejenigen, die konstruktive Kritik üben, werden nicht gehört oder vertröstet. Es gibt etliche gute und integre Scouts und Beobachter in Italien. Allein, das System ist stärker, wie ein Abwehrbollwerk – das Catenaccio: Dafür waren die Italiener einst gefürchtet auf dem Platz. Mit viel Mentalität und Gattusos Coaching an der Außenlinie hielt die Abwehr bis zum Elfmeterschießen auch stand.

Die Arroganz vor dem Fall

Bosnien? „Machbar.“ Ein Wort, das wie ein Bumerang zurückschlug. In sozialen Medien lachte man erfreut über den Gegner Bosnien, der Wales bereits eliminiert hatte – nach Elfmeterschießen. Auch Federico Dimarco relativierte später. Zu spät.

Denn Bosnien spielte nicht auf „Machbarkeit“. Bosnien spielte mutig. Klar. Entschlossen, wie es die Kräfte noch zuließen. Das muss man anerkennen. Sie waren nicht größer. Nicht berühmter. Aber sie waren bereit. Und genau das hat gereicht.

Während Italien dachte, Erfahrung werde irgendwie reichen, hat Bosnien gehandelt. Während Italien zweifelte, hat Bosnien geglaubt. Das ist kein Zufall. Das ist ein Urteil. So empfanden es jedenfalls viele Fans und Beobachter.

Eine Generation ohne Erwartung

Es gibt junge Italiener, für die eine Weltmeisterschaft ohne Italien normal ist. Nicht schockierend. Fast nicht mehr tragisch. Einfach normal. Früher (!) zählte Italien stets zum erweiterten Favoritenkreis. Das ist der eigentliche Kollaps. Der Fußball – il Calcio – war einmal mehr als Sport. Er war Stolz. Identität. Drama.

Heute ist er oft nur noch Erinnerung. Und Erinnerungen schießen keine Tore. Die Medien drehen durch. Die Fans toben. Und der Name Gabriele Gravina, der Verbandspräsident, steht im Zentrum der Kritik. Vielleicht fällt er. Vielleicht nicht. Aber, es wäre nun, nach einer Pleitenserie, längst überfällig. Aber selbst wenn – das reicht nicht. Ein neues Gesicht ändert kein krankes System.

Keine Ausreden mehr

„Italiener verlieren Kriege, als seien es Fußballspiele – und sie verlieren Fußballspiele, als seien es Kriege.“ Ein Satz, oft Winston Churchill zugeschrieben. Heute klingt er weniger wie Spott. Mehr wie Diagnose. Denn Zenica war keine Niederlage. Es war ein Spiegel.

Keine Ausreden mehr. Kein „Pech“. Kein „nächstes Mal“. Nur noch Wahrheit, bitte. Am Ende bleibt nur Stille, nach dem Fiasko und Drama im Hexenkessel von Zenica. Ein Trainer wie Gennaro Gattuso, der Tränen verdrückt. Ein Team, das gekämpft hat – aber etwas nicht gereicht hat.

Ein Land, das sich entscheiden muss: zurück zur Realität oder weiter in die Illusion. Irgendwo klingt es fast schon zynisch, aber auch ein wenig poetisch. Wie einst beim italienischen Barden, Lucio Dalla:
„Ma l’America è lontana …“, Amerika ist weit weg.

So weit wie dieser Traum. Vielleicht noch weiter. Vielleicht – auf der anderen Seite des Mondes. Bei der WM in Amerika, Mexiko und Kanada jedenfalls, wird man die Squadra Azzurra vielleicht vermissen. Vielleicht aber auch nicht …

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Kommentare ( 4 )

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Berlindiesel
17 Minuten her

Alle europäischen Wohlstandsnationen (und Italien gehört selbstverständlich dazu) erleben einen Abstieg (es ist kein Absturz, weil sich das schon länger ankündigt – inzwischen das dritte Scheitern) der sich auch hier im Sport manifestiert. Er lässt sich, wenn man alle Symptome durchdekliniert, immer auf die Demographie zurückführen. Italiens Geburtenrate brach, wie die in Deutschland, in den 1970er Jahren ein, als Feminismus und Wohlstand sowie das staatliche Rentensystem Kinder scheinbar überflüssig und zu einem Problem machten. Demographische Effekte greifen nie kurzfristig. Verzichtet eine Generation, hier insbesondere die Boomer, und die danach, nachhaltig auf Kinder, dann muss diese Generation erst einmal alt werden,… Mehr

rainer erich
1 Stunde her

Wenn man die serie a verfolgt, auch im Vergleich mit anderen Ligen, hält sich die Überraschung in Grenzen. Man kann nicht behaupten, dass Bosnien spielerisch unterlegen war, im Gegenteil, auch bei 11 gegen 11. Und die Resultate in der CL sprechen durchaus eine Sprache, wobei hier auch noch internationalen Verstärkungen tätig waren. Es fehlt an Qualität und die Ausrichtung der wenig attraktiven Spielideen erscheint nicht sehr erfolgreich. Italienische Trainer spielen international nur noch selten eine Rolle. Im Unterschied zu Spaniern. Ich denke, es gibt wie immer mehrere Ursachen.

Kontra
2 Stunden her

Bei einer künstlich aufgeblähten WM, wo selbst Länder wie Curacao, hinter dessen Name man eher ein Mixgetränk vermutet, dabei sind und Schweden, das nicht ein Quali Spiel gewann, Italien fehlt, ist an Ironie nicht zu toppen!

Will Hunting
51 Minuten her
Antworten an  Kontra

Italien hat in der Vorrunde 1982 nicht ein Spiel gewonnen.
Wurde aber Weltmeister.
Welche Ironie wohl größer ist?