Straße von Hormuz: Der weltweite Kampf um Öl und Gas

Der Stau in der Straße von Hormuz wirkt über den Energiesektor hinaus. Die internationale Schifffahrt ist gestört, Lieferketten stocken, Lebensmittel, Düngemittel und chemische Produkte werden teurer. Knapp sind Kohle, Öl und Gas keineswegs, entscheidend sind Probleme beim Verteilen, Transport und Investieren – In Deutschland ist der Mangel politisch gemacht.

picture alliance / empics | David Davies
Symbolbild

Sprengstoff ist wieder einmal zur entscheidenden Substanz geworden, wenn es um Energieflüsse geht. Im Krieg werden Kraftwerke, Pipelines und Ölanlagen gezielt zerstört und damit nicht nur Infrastruktur, sondern ganze Volkswirtschaften getroffen. Sprengstoff ist immer dabei. Energie war noch nie nur eine Frage von Angebot und Nachfrage, sondern von Macht, Kontrolle und Verwundbarkeit. Genau das zeigt sich derzeit wieder mit voller Wucht. Auslöser diesmal: die Straße von Hormuz.

Die Meerenge ist einer der wichtigsten Engpässe der Weltwirtschaft. Normalerweise passieren hier rund 20 Prozent des globalen Ölhandels und große Teile des LNG-Verkehrs. Doch diese Lebensader ist derzeit weitgehend blockiert. Die Folgen sind dramatisch: Die Ölexporte aus der Golfregion sind um mehr als 60 Prozent eingebrochen – von rund 25 Millionen Barrel pro Tag auf etwa 10 Millionen. Über 1.000 Tanker stecken fest oder meiden die Route.

Die physische Lieferkette ist damit praktisch zerrissen. Tanker liegen auf Reede, werden umgeleitet oder fahren gar nicht erst los. Gleichzeitig drosseln die Förderländer ihre Produktion, weil die Lager voll sind. Allein im Irak ist die Förderung der südlichen Felder um rund 70 Prozent eingebrochen – von 4,3 auf etwa 1,3 Millionen Barrel pro Tag.

Auch Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait haben ihre Produktion deutlich reduziert. Insgesamt fehlen dem Weltmarkt damit viele Millionen Barrel Öl täglich. Der Versuch, die Mengen über alternative Pipelines umzuleiten, wie dies Saudi-Arabien mit der Pipeline quer über die arabische Halbinsel versucht, stößt an physikalischen Grenzen: Selbst optimistisch gerechnet können nur rund drei bis fünf Millionen Barrel pro Tag durch diese Leitung ans Rote Meer gepumpt werden. Zudem ist auch diese Pipeline anfällig gegen Sprengstoff.

Parallel trifft es den Gasmarkt. Ein erheblicher Teil des weltweiten LNG-Handels läuft durch die Straße von Hormuz. Hinzu kommen Schäden an den zentralen Gasverflüssigungsanlagen in Katar. Das sind riesige Tiefgefrierkühlschränke, in denen Erdgas auf minus 162 Celsius abgekühlt wird. Dann wird es flüssig und kann wirtschaftlich in Spezialtankern rund um die Welt geschippert werden. Die Folge: massive Preissteigerungen, insbesondere in Asien. Länder wie Pakistan oder Bangladesch drosseln bereits ihre Industrie oder weichen wieder verstärkt auf Kohle aus.

Die Schockwellen reichen weit über den Energiesektor hinaus. Die internationale Schifffahrt ist gestört, Lieferketten geraten ins Stocken, Versicherungsprämien explodieren. Selbst Lebensmittel, Düngemittel und chemische Produkte werden teurer. Die Welt erlebt einen der schwersten Energie-Schocks seit Jahrzehnten. Doch wie in jeder Krise gibt es auch hier Gewinner und Verlierer.

Zu den größten Gewinnern zählen jene, die liefern können, ohne von Hormuz abhängig zu sein. Vor allem US-amerikanische LNG-Exporteure profitieren. Auch Anbieter aus Australien und Norwegen gewinnen an Bedeutung. In einer Welt knapper Energie zählt nicht mehr der günstigste Anbieter, sondern derjenige, der liefern kann. Auch Rohstoffhändler und flexible Marktteilnehmer profitieren. Wer kurzfristig umleiten oder auf dem Spotmarkt verkaufen kann, erzielt hohe Margen. Knappheit wird zum Geschäftsmodell. Das führt verstärkt dazu, dass Tanker auf hoher See schnell mal dorthin umgeleitet werden, wo gerade mehr für die Ladung geboten wird.

Auch Russland profitiert indirekt. Nicht durch Hormuz selbst, sondern durch die wachsende Unsicherheit in Europa, die die Öl- und Gaspreise steigen lässt. Je weniger Alternativen Europa hat, desto größer wird der strategische Spielraum anderer Anbieter. Auf der Verliererseite steht vor allem die EU. Der Kontinent verliert nicht nur durch höhere Preise, sondern vor allem durch den Verlust an Verhandlungsmacht. Katar fällt teilweise aus, Russland ist politisch blockiert, Norwegen als größter Gaslieferant am Limit. Damit schrumpfen die Optionen – und mit ihnen die Souveränität.

Besonders hart trifft es auch importabhängige Länder in Asien. Steigende LNG-Preise führen bereits zu Produktionsausfällen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Paradoxerweise verlieren auch die Golfstaaten selbst. Trotz hoher Preise können sie ihre Rohstoffe nicht exportieren. Öl, das nicht transportiert werden kann, ist wirtschaftlich wertlos. Energiesysteme sind – auch das ist nicht neu und zeigt sich jetzt wieder – nur so stabil wie ihre physische Infrastruktur und ihre politischen Abhängigkeiten.

Früher lagen Kohlevorräte sichtbar vor Kraftwerken. Heute verlässt man sich auf globale Lieferketten, die aber jederzeit unterbrochen werden können. Während Länder wie China ihre Kohlekapazitäten konsequent ausbauen und absichern, hat Deutschland zentrale Teile seiner einstmals gesicherten Energieversorgung abgerissen. Und in die Luft gesprengt und die Versorgungssicherheit geopfert. Doch die Straße von Hormuz zeigt: Nicht Ideologie entscheidet über Energie – sondern Physik, Geografie und Macht.

Neu ist in dieser Krise vor allem die Rolle der Vereinigten Staaten. Die USA sind heute eindeutig der größte LNG-Exporteur der Welt. Die US-Energiebehörde EIA schreibt, die Vereinigten Staaten lägen inzwischen vor Australien und Katar; die LNG-Exporte stiegen 2025 auf durchschnittlich 15,0 Milliarden Kubikfuß pro Tag. Reuters berichtet zugleich, dass Projekte wie Golden Pass in Texas diese Stellung weiter absichern sollen.

Beim Öl ist die Lage etwas differenzierter. Die USA sind heute der mächtigste zusätzliche Öl- und Gaslieferant des Westens geworden. Ihre Rohölexporte erreichten laut Reuters im März einen Rekord von etwa 4,6 Millionen Barrel pro Tag. Genau das verschiebt nun das geopolitische Gewicht.

Bemerkenswert ist auch: Katar ist nicht nur Konkurrent, sondern teilweise Mitspieler im amerikanischen LNG-Geschäft. Das Projekt Golden Pass LNG in Texas ist ein Joint Venture von ExxonMobil und QatarEnergy; Reuters beschreibt es als eines der größten US-LNG-Vorhaben überhaupt. Katar sitzt also gewissermaßen zugleich auf der beschädigten Angebotsseite im Golf und auf einem Teil der künftigen Exportkapazität in Amerika.

Der Blick auf die Ressourcen selbst zeigt zudem: Es gibt global keine absolute geologische Knappheit an Öl und Gas. Vor der Küste Guyanas sind in den vergangenen Jahren gewaltige Offshore-Vorkommen erschlossen worden; Reuters verweist dort auf derzeit rund 11 Milliarden Barrel förderbare Ressourcen mit weiterem Aufwärtspotenzial. Im Golf von Mexiko treiben die USA parallel neue Tiefseeprojekte voran; allein BPs Kaskida-Projekt soll laut Reuters 10 Milliarden Barrel Ressourcen in den Paleogene-Feldern erschließen. Brasilien meldete vor einiger Zeit die Funde gigantischer Öl- und Gasvorkommen vor seinen Küsten.

Und auch unter Deutschland liegen noch so hohe Gasmengen, dass sich das Land mindestens 30 bis 40 Jahre vollkommen versorgen könnte, auch ohne das Gas auf minus 162 Grad Celsius abzukühlen und energiezehrend über die Weltmeere zu transportieren. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe bezifferte das derzeit technisch gewinnbare Schiefergas-Potenzial in Deutschland in ihrer Abschlussbewertung auf etwa 380 bis 2.340 Milliarden Kubikmeter. Das Problem ist, dass Förderung blockiert, verteuert oder politisch ausgeschlossen wird. Bereits Unternehmen, die in Niedersachsen vorsichtige Versuche anstellen wollten, wurden bei Informationsabenden kräftig ausgebuht. Das dürfte sich spätestens dann ändern, wenn die Wohnungen kalt werden.

Am Ende zeigt diese Krise deshalb etwas Grundsätzliches: Knapp sind Kohle-, Öl- und Gasvorräte keineswegs. Es gibt ein Verteilproblem, ein Transportproblem, ein Investitionsproblem und vor allem in Deutschland ein ideologisches Problem. Hier ist der Mangel politisch gemacht. Zu einem Teil unter kräftiger mithilfe von Sprengstoff. Die eigentliche Sprengladung liegt deshalb nicht im Boden. Sie liegt in der Politik und im Kampf der Länder.

Denn diese Krise zeigt: Energie wird nicht nur gefördert oder transportiert. Sie ist – auch nicht besonders neu – umkämpft. Denn alle Welt weiß: Das ist der Schlüssel für das Überleben von Staaten. Nur in Deutschland weiß das der durchschnittliche Grüne, Schwarze oder Rote nicht.
Und genau darin liegt der wahre Sprengstoff.

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Kommentare ( 22 )

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Laurenz
1 Stunde her

Moin Herr Douglas, wie soll der Tichys-Leser das kommentieren (?), außer der Deutsche Wähler wollte es so.

Memphrite
1 Stunde her

Nicht vergessen: Alle Menschen die ihr Vermögen, Wohlstand oder sogar Ihr Leben durch die zusammenbrechenden Lieferketten, Inflation, Hunger verlieren werden, werden wissen das es Israel, Israel und die USA waren die dieses Inferno der frühen 21en Jahrhunderts über die 8Mrd Menschen gebracht haben.
Ich hoffe und bette, der Rest der Menschheit wird die richtigen Konsequenzen daraus ziehen und Israel und die USA entsprechend bestrafen.
Dass Energie die Grundlage von Allem ist, weiß jeder mit einer guten Allgemeinbildung/ Lebenserfahrung. Leider gilt das nicht für die überwältigende Mehrheit der westlichen Politiker und Bevölkerung. Der Lernprozess wird wohl sehr unangenehm werden.

Egge940
1 Stunde her

Wieder einmal wird der Elefant im Raum nicht angesprochen und behaupten, die Grünen hätten nicht verstanden, dass Energie der Schlüssel ist. Deswegen hat inbesondere Habeck darauf hingearbeitet, dass wir eben nicht mehr so abhängig von diesen Schurkenstaaten sind. Jede Wärmepumpe, PV-Module oder E-Auto macht uns ein Stück weiter unabhängig.

Bernd Bueter
2 Stunden her

..und wenn man dann noch im Dauerauftrag der Wahlurnenversager von Idioten (Polit-OK) kaputt „regiert“ wird, ist das Chaos perfekt.

Nibelung
2 Stunden her

Die Straße von Hormus ist nur für die Agressoren und ihre Helfer gesperrt, alle anderen können durchfahren und wenn sie nun zum Endschlag ansetzen wäre es vorher gut zu überlegen, daß dieser Schuß nicht nach hinten los geht, denn die können ankarren soviel sie wollen, denn wer nicht weiß was sich hinter den iranischen Bergen verbirgt, geht ein hohes Risiko ein und das wird an der Heimatfront nicht gerne gesehen, wenn man Lebende in den Krieg schickt und Tote erntet und das kurz vor den Midterms, was auch nicht für den US-Generalissimus spricht. Wenn es den Russen nach vier Jahren… Mehr

alter weisser Mann
2 Stunden her

„Öl, das nicht transportiert werden kann, ist wirtschaftlich wertlos.“
Heute ja, morgen ist es wieder was wert..

Marcel Seiler
2 Stunden her

Die Masse der Deutschen liest keinen Tichys Einblick. Die werden erst anders wählen, wenn sie ein oder zwei Winter lang frieren oder wenn Angehörige sterben, weil denen der Strom für die lebenserhaltenden medizinischen Geräte fehlt. Erst dann sehen wir uns wieder; bis dahin müssen ich und der Rest Deutschlands geistig-politisch getrennte Wege gehen.

Und dann gibt es noch die vielen, die es wohl besser wissen, sich aber aus Angst vor Karriereknick, Rausschmiss oder gesellschaftlicher Isolierung das Denken verbieten. Auch sie werden frieren.

Sorry für diese Bösartigkeit. Ich kann leider nicht mehr anders.

Last edited 2 Stunden her by Marcel Seiler
humerd
2 Stunden her

Selenskyi erlaubt nie und nimmer, Öl ud Gas aus Russland zu beziehen. Die mächtigen NGOs erlauben nie und nimmer Kohlekraftwerke oder gar Fracking in D, die Grünen wollen zwar Atombomben, aber keine AKWs.
Und die Bevölkerung lässt das alles stoisch über sich ergehen und jammert nur.

Autour
2 Stunden her

Knapp sind Kohle, Öl und Gas keineswegs

Danke dass es mal jemand offen ausspricht! Ich kann all dieses Geheule nicht mehr hören! Und dann unterstützt man auch noch Faschisten in der Kokaine damit sie auch wirklich JEDE Energielieferung von Russland an die EU unterbinden!
Wann jagt man diese unsäglichen antiDeutschen Politiker in Berlin endlich zum Teufel?!
Wir brachen mal für ein zwei Monate einen Robbes Pierre danach kann dann der Neubeginn eingeleitet werden!

U.S.
2 Stunden her

Unwiederbringlich zerstörte AKWs und geflutete Kohle „Pütt“ , Ideologie gegen Verbrenner PKWs und LKWs, De- Industrialisierung, down sizing der Wirtschaft, Abwandern der Konzerne nach….(Fernost), Abbau von Arbeits- plätzen, …..

Bei SPD Veranstaltungen werden Lars Kl…in gepanzertem grossen PKW und mit jede Menge Polizei, und Body Guards vorgefahren.

SPD top Politiker Jobs in Berlin und im Willy Brandt Haus sind Himmelfahrtskommandos, für die sich wirklich gute mögliche Nachfolger nicht darum drängeln.