Chatkontrolle: EU-Parlament entscheidet über die fortgesetzte Aufhebung eines Grundrechts

Eine Verlängerung der Grundrechtseinschränkung ist zu befürchten. Die schwarz-rot-gelbe Kommissions-Mehrheit hat sich vorab auf Änderungsanträge geeinigt. Im LIBE-Ausschuss hatte die CDU kürzlich noch abgelehnt – weil sie sich eine noch schärfere Regelung wünscht.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Wiktor Dabkowski

Nun sollte es wohl schnell gehen. Erst am 2. März hatte es im LIBE-Ausschuss des EU-Parlaments keine Mehrheit für die Chatkontrolle gegeben. Es ging um die Verlängerung der Ausnahmeregelung von 2021, die eine „freiwillige“ Chatkontrolle durch die Messenger-Anbieter ermöglicht. Dummerweise ist diese Chatkontrolle für die Nutzer gar nicht freiwillig.

Angeblich passiert all das mit dem Ziel, Darstellungen sexuellen Missbrauchs an Kindern (englisch kurz CSAM) aufzuspüren. Ein hehres Ziel, für das die EU-Institutionen allerhand in Gang setzen. Zuletzt hat Ursula von der Leyen gar eine Sondergruppe zum Thema „Kindersicherheit im Netz“ gegründet. Pseudomoralische Klimmzüge, um die eigenen Machtanwandlungen zu rechtfertigen.

Aber wie immer geht es daneben auch um ganz anderes. So soll es nun eine Altersüberprüfung geben bei Messengerdiensten, die für CSAM oder Grooming genutzt werden können – also offenbar für alle. Und so wären die EU-Gesetzgeber auf indirektem Wege bei der Ausweispflicht im Netz angelangt, die wiederum schon die halbe Klarnamenpflicht ist und sich sukzessive auf immer mehr Bereiche des Internets ausweiten lassen wird. Und mit jeder Ausweitung dieser Vorrechte der Staaten geht die Freiheit und Unabhängigkeit des Einzelnen ein wenig mehr zurück.

Das stört aber die EU-Abgeordneten vermutlich recht wenig. An diesem Mittwoch dürfen sie im Rahmen des sogenannten „Trilogs“ mit Kommission und Rat über den neuesten Vorschlag zur Chatkontrolle abstimmen. Es soll keinen Fraktionszwang geben. Gegen die Vorlage haben sich bisher nur die Grünen (samt Piraten) und Linken ausgesprochen. Das schreibt der Ex-Piraten-Abgeordnete Patrick Breyer, der dazu auffordert, die EU-Parlamentarier direkt zu kontaktieren.

Wie erwartet, haben sich die Fraktionen, die die Von-der-Leyen-Kommission stützen, also EVP, Sozialisten und Demokraten (S&D) und Renew auf gemeinsame Änderungsanträge geeinigt. Das kann man als Anbahnung einer bedingten Zustimmung lesen. Auch die war nicht anders zu erwarten. Das Nein der EVP – inklusive CDU – im Ausschuss verdankte sich nur der Bevorzugung einer anderen Technik beim Durchleuchten der Bürger.

Mit anderen Worten: Der Vorschlag ging CDU und EVP nicht weit genug. Das bedeutet wiederum, dass die EVP-Abgeordneten im Parlament wohl zustimmen können, auch wenn nicht ihr Lieblingsverfahren gewählt wird. Am Ende geht es ja nicht darum, wie schon gesehen. Das Ziel ist die Kontrolle des Internets, und wenn man es auf anderem Weg erreichen kann, wird das der CDU recht sein. Sie will ja – vermutlich als neue „Partei der Freiheit“ – noch schärfere Kontrollinstrumente als andere.

Auch der Rat mit Meloni und Orbán fällt vermutlich aus

Dennoch darf man sehr gespannt sein, wie sich die Parlamentarier ohne Fraktionszwang entscheiden werden. Für die AfD hatte die Abgeordnete im LIBE-Ausschuss Mary Khan eine Stimme gegen die Chatkontrolle 1.0 abgegeben, die sie zuvor als weniger schädlich dargestellt hatte. Für die FDP hatte Marie-Agnes Strack-Zimmermann darauf Wert gelegt, dass ihre Delegation den Vorschlag ablehne. Auch zu ihrer Haltung im Plenum ist nichts bekannt. Ihre Fraktion unterstützt die VDL-Kommission.

Wahrscheinlich ist die Wiedereinsetzung des derzeit aufgehobenen Briefgeheimnisses in digitaler Form leider nicht – aufgrund der bestehenden Mehrheitsverhältnisse im EU-Parlament. Wenn das Parlament zustimmen sollte, dann ist auch vom Rat nicht mehr viel zu erwarten, denn der hat sich ja schon im November auf den vorliegenden Vorschlag geeinigt.

Giorgia Meloni hatte dort im November auf einer unabhängigen nationalen Kontrollbehörde für die Kontrollmaßnahmen bestanden. Daneben forderte Italien die Suche nur nach bekannten CSAM-Funden. Im LIBE-Ausschuss haben nun sowohl Melonis Konservative und Reformisten (EKR) als auch Orbáns Patrioten für Europa (PfE) dem Vorschlag zugestimmt. Ungarn ist seit je für ein geharnischtes Vorgehen gegen CSAM und stellt Grundrechte der Bürger dafür hintan.

Bleibt es bei der Grundrechtseinschränkung, dann bleibt auch die staatliche Hintertür zu sozialen Netzwerken und Messengerdiensten der Anbieter Meta, Google und Microsoft geöffnet. Die Sicherheit aller Nutzer, was die Vertraulichkeit ihrer Chats angeht, bleibt bedroht. Massenscans auf „freiwilliger“ Basis, weil die Anbieter wie Meta und Google dazu bereit sind, bleiben Realität.

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Kommentare ( 13 )

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13 Comments
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November Man
26 Minuten her

Es ist Zeit die übergriffige EU abzuschaffen und wieder zur erfolgreichen EWG zurückzukehren.
Deutschland braucht nur aus dieser korrupten Erpresserbande EU und aus Target II aussteigen, dann löst sich die EU von ganz alleine auf. Die mindesten 1 Billion Euro Verlust aus den Target II-Salden sehen wir eh nie mehr wieder. Für Deutschland würde sich ein unverzüglicher Dexit sofort lohnen. Die EU bringt Deutschland keine Vorteile, sondern ausnahmslos nur Nachteile.  

Peter Pascht
39 Minuten her

Lieber Herr Nikolaidis hören sie und andere endlich auf Unsinn zu verbreiten in den Medien. Die EU darf gar nichts bestimmen. Bange machen gilt nicht.
Urteil des BverfG – 2 BvE 2/08 – Urteil vom 30. Juni 2009

„Das Europäische Parlament ist weder in seiner Zusammensetzung noch im europäischen Kompetenzgefüge dafür hinreichend gerüstet,

repräsentative und zurechenbare Mehrheitsentscheidungen als einheitliche politische Leitentscheidungen zu treffen.

Es ist gemessen an staatlichen Demokratieanforderungen nicht gleichheitsgerecht gewählt und

innerhalb des supranationalen Interessenausgleichs zwischen den Staaten nicht zu maßgeblichen politischen Leitentscheidungen berufen.

Es kann deshalb auch nicht eine parlamentarische Regierung tragen“

Schwabenwilli
48 Minuten her

Dafür gibt sie gerade zu das die Abkehr von der Atomkraft ein strategischer Fehler war.
Tja, was soll man noch dieser Person sagen?

Britsch
15 Minuten her
Antworten an  Schwabenwilli

„ein strategischer Fehler“ aha, demnach ging es nie um „Klima“ bzw. die Natur.
Stategischer Fehler, eine sehr karge Erkenntnis, nichts von den sonstigen Nachteilen und Fehlern.
Ein weiterer Beleg für die Unfähigkeit

Last edited 14 Minuten her by Britsch
Sozia
1 Stunde her

Je totalitärer die EU wird, desto mehr wird sie von den Menschen abgelehnt. Ich werde nicht in einem Land bleiben, in dem alles von mir mitgelesen wird, denn dieses Land ist eine Diktatur. Ich werde nicht in einer Diktatur leben.

TomK11
1 Stunde her

Jedes totalitäre System ist auf Überwachung und Kontrolle angewiesen. MAn möge sich hier an die DDR erinnern, auch wenn inzwischen wieder etliche meine es war alles super.

Hairbert
2 Stunden her

Vom Stimmzettel zur Realpolitik ist es ein weiter Weg, viel Verfälschung und gebrochene Versprechungen sind möglich und eingeplant.
Bislang waren wir nur Stimmvieh, jetzt sollen wir kastriert werden.

Haedenkamp
2 Stunden her

Sehr weit haben wir es gebracht mit dem Absprechen freier Entscheidungen, dem freien Willen, der freien Meinung, der Ausgrenzung, der Bedrohung, der Vertreibung, der Zerstörung beruflicher Existenzen. Vielen Dank ihr Verfechter der regelbasierten Ordnung, der westlichen Werte und eurer Demokratie.

Herbert K.
2 Stunden her

Der Schlaf-Michel kommt einfach nicht und nicht drauf, siehe die Wahl in BW. Der dämlichen Wählerschaft wird auch noch das freie Wort verboten, denn wenn der digitale Euro da ist und es kein Bargeld mehr gibt, ist die Sklaverei perfekt.

Wilhelm Roepke
2 Stunden her

Die Überwachung in ihrem sozialistischen Lauf, halten leider ein paar freiheitsliebende Esel wie ich alleine nicht auf.

OJ
2 Stunden her

Eine höchst korrupte Organisation zwingt Deutschland die Gesetze auf und finanziert diese auch noch. Sehr amüsant.
Unter Umständen ist die EU korrupter als die Ukraine ❗

Last edited 2 Stunden her by OJ