Zwei Moralvorstellungen prallen aufeinander: Pazifismus als Prinzip gegen jede militärische Intervention – und der Ruf nach Unterstützung gegen eine theokratische Diktatur. Italiens Öffentlichkeit ist in dieser Frage sichtbar gespalten.
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Jetzt, wo die USA unter Präsident Donald Trump selbst die präventive Kriegsführung zum Schutze Israels übernommen haben, muss auch Italien Farbe bekennen. Ob Soldaten zur Mitwirkung geschickt werden, stellt sich nicht mehr – wie im Fall der Ukraine, als zum Einsatz des Militärs ein klares ‚No‘ kam. Gelder ja, Soldateneinsatz auf keinen Fall. Nun sind auch die Italiener und ihr Heer in Alarmbereitschaft, Seit an Seit mit den USA, zumindest an den US-Stützpunkten auf italienischem Boden.
Seit den Pro-Gaza-Demonstrationen macht sich in Italien eine neue, deutlich vernehmbare anti-amerikanische und anti-israelische Stimmung breit. Auf Plätzen und in sozialen Netzwerken verschmelzen Solidarität mit Gaza, Kritik an Washington und Ablehnung der israelischen Regierung zu einem breiten, roten, auch von Universitäten und Gewerkschaften getragenen Protestmilieu.
Doch während auf der Straße Parolen gerufen werden, bleibt die Linie an der Staatsspitze unmissverständlich: Premier Giorgia Meloni und Staatspräsident Sergio Mattarella lassen keinen Zweifel daran, dass Italien fest an der Seite der USA und Israels steht.
Laut den Tageszeitungen Il Giornale und Il Libero Quotidiano versammelte Meloni ihre Minister zu Krisensitzungen im Palazzo Chigi. Karten der Region lagen auf dem Tisch, Geheimdienstberichte wurden ausgewertet, verschiedene Szenarien durchgespielt.
Am Abend folgte eine weitere Sitzung. Zwei Punkte standen im Mittelpunkt: der Schutz italienischer Staatsbürger in den betroffenen Regionen und die Frage, welche Rolle Rom in dieser Krise spielen könnte. Verteidigungsminister Guido Crosetto war aus den Emiraten per Telefon zugeschaltet. Auch Außenminister Antonio Tajani koordinierte in der Farnesina, dem Außenministerium, eine Kriseneinheit mit Botschaftern im Nahen Osten.
Gleichzeitig betonte Tajani, Teheran dürfe keine Nuklearwaffen besitzen. „Kriege sind nie die Lösung“, sagte er – doch wenn Israels Existenz bedroht werde, reagiere der Staat. Eine offene Verurteilung Washingtons blieb aus. Ebenso ein überschwängliches politisches Bekenntnis. Die Formel lautet: De-Eskalation und möglichst rasche Wiederaufnahme von Verhandlungen.
Italien sei, so erklärte Matteo Salvini, nicht vorab informiert worden, das könnten auch rein strategische Gründe gewesen sein – die EU war nicht im Bilde, auch wenn es jeder ahnte. Dennoch versicherte der Vize-Premier von der Lega, Salvini: „Wir stehen an der Seite derer, die für die Freiheit kämpfen.“ Eine Positionierung, die innenpolitisch nicht folgenlos bleibt.
Meloni zwischen Bündnistreue und diplomatischem Balanceakt
Meloni setzt auf „Rete“ – Vernetzung. Mit europäischen Partnern ebenso wie mit moderaten arabischen Staaten. Berlin, Paris und London kritisierten verhalten die US-Initiative, verurteilten jedoch zugleich scharf die Angriffe Teherans auf Nachbarstaaten und riefen vor allem Teheran zur Rückkehr an den Verhandlungstisch auf.
Rom bewegt sich mit Meloni auf derselben Linie: keine offene Distanzierung von Washington oder Jerusalem, aber die klare Hoffnung auf diplomatische Kanäle. Ein klassischer Balanceakt – transatlantische Loyalität ohne militärische Konsequenz.
Aus der Opposition kommt naturgemäß scharfer Gegenwind. Elly Schlein nannte Irans Führer zwar einen „blutrünstigen Diktator“, verurteilte jedoch zugleich die „falschen und gefährlichen einseitigen Militäraktionen“, die internationales Recht verletzten. Auch Giuseppe Conte warf der Regierung Passivität vor. Die übliche Dramaturgie: internationale Krise, nationale Abrechnung.
Meloni hingegen vermeidet Pathos. Sie sucht Handlungsspielräume. Ein direkter militärischer Beitrag Italiens steht (noch) nicht im Raum. Aber die politische Linie bleibt klar westlich.
Leila Farahbakhsh und der Aufschrei von Florenz
Während in Rom Strategien entworfen werden, eskalierte in Florenz ein ganz anderer Konflikt – und wie so oft, moralischer Natur. Die iranische Exil-Aktivistin Leila Farahbakhsh stellte sich einem pazifistischen Demonstrationszug entgegen. Rund 150 Menschen waren dem Aufruf von Arci, einer Italienischen Organisation der kulturellen Zentren, und weiteren Gruppen gefolgt, um gegen den US-Militäreinsatz und gegen Gewalt zu protestieren.
Farahbakhsh jedoch brachte den Demonstrationszug ins Stocken, und konfrontierte die Protestler mit einer bitteren Frage: „40.000 Tote, 50.000 Verhaftete, Frauen vergewaltigt – wo wart ihr?“ Ihre Stimme, emotional geladen, war kein bloßer Zwischenruf, sondern eine Anklage.
Seit 15 Jahren lebt sie in Florenz, engagiert sich in der Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“. Für sie ist die westliche Intervention kein imperialer Akt, sondern ein Hoffnungsschimmer für all jene, die im Iran unter Repression leiden. „Die Vereinigten Staaten haben dem iranischen Volk geholfen“, warf sie den moralisierenden Pazifisten entgegen.
Aus dem Demonstrationszug kam die halbherzige Antwort: Man stehe doch an der Seite des iranischen Volkes. Doch Farahbakhsh widersprach. Viele der hier demonstrierenden Iraner hätten keine Angehörigen mehr im Land, lebten in Sicherheit – während andere Familien weiterhin unter dem Regime litten.
Hier prallen zwei Moralvorstellungen aufeinander: Pazifismus als Prinzip gegen jede militärische Intervention – und der Ruf nach Unterstützung gegen eine theokratische Diktatur. Italiens (pazifistische?) Öffentlichkeit ist in dieser Frage sichtbar gespalten.
Und genau in dieser Spaltung liegt die eigentliche Bruchlinie des Landes: Zwischen historisch gewachsenem Skeptizismus gegenüber Amerika und dem strategischen Bewusstsein, dass Italiens Sicherheit untrennbar mit dem westlichen Bündnis verbunden ist.
Die Regierung Meloni hat sich entschieden. Ein Teil der Straße sieht das anders.
Die Frage ist nicht, ob Italien Position bezieht. Sondern, wie lange es die Spannung zwischen Überzeugung und Protest aushält, und wie glaubwürdig die Regierung kommuniziert.

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„Die Formel lautet: De-Eskalation und möglichst rasche Wiederaufnahme von Verhandlungen.“ Hmmm, daran scheinen aber Israel ind die USA kein Interesse zu haben!? Lt. Quellen aus dem Oman (wo die Verhandlungen stattfanden) und aus dem Iran, hatten sich die USA und der Iran weitestgehend geeinigt. Ein Vertrag stand schon fast fertig bereit. Die Iranische Führung war in den offiziellen Büros (also anscheinend ohne Angst vor irgendwelchen Bombarements) zusammengetreten um den Vertrag final zu beraten und wurde dann von den Amerikanern und Israeli „unterbrochen“: die Bombe traf die Iranische Führung bei der Beratung über diesen Friedensvertrag. Was für ein Tabubruch, was für… Mehr
Pazifismus war bis vor wenigen Jahren klar links (oder wurde dort verortet), Interventionismus oder Bellizismus waren oder schienen dagegen klar „rechte“ Narrative zu sein. In Deutschland (NS/Hitler) und Italien (Faschisten/Mussolini) gab es zwei Diktaturen, die offen bellizistisch waren – und die seit 1945 als „rechts“ geframt werden. Dadurch entstand diese Lagerzuordnung, die freilich nie stimmte. Linke haben mit Gewalt nicht das geringste Problem, sie ist für sie sogar identitätsbildend. Das gilt auch für militärische Gewalt, die meisten US-Präsidenten, die Krieg aktiv geführt haben, waren links (Beispiele Roosevelt, Obama). Natürlich sind auch (echte) Rechte keine Engel oder Gegner von Gewalt. Bei… Mehr
Pazifismus vs. Sturz von Diktatoren (oder jenen die als solche bezeichnet wurden) hatten wir doch so etwa seit dem Vietnamkrieg, eigentlich kann man sogar den zweiten Weltkrieg hinzuzählen. In den letzten Jahrzehnten war ja eine typische Taktik von außen „Rebellen“ (angeblich gemäßigt) zu unterstützen und Länder deren Regime dem Westen nicht genehm war in Bürgerkriege zu stoßen, Syrien ist dafür ein prädestiniertes Beispiel, aber auch beim Euromaidan gab es ja Einflüsse von außen (siehe Nuland-Telefonat), die destabilisierend wirkten. Im Gegensatz dazu wurde ja im Iran tatsächlich direkt das autoritäre Regime, dessen Oberhäupter, ins Visier genommen. Auch das ist natürlich destabilisierend,… Mehr
> Zwei Moralvorstellungen prallen aufeinander: Pazifismus als Prinzip gegen jede militärische Intervention – und der Ruf nach Unterstützung gegen eine theokratische Diktatur. Gemeint die Evangelikalen-Diktatur im Trumpistan? Paul Craig Roberts (einst in der Reagan-Regierung) vergleicht Genossen Trump mit Genossen Lenin: „Der Weg in den Dritten Weltkrieg – uncut-news.ch“ > „… Trump sagte sinngemäß, er könne tun, was immer er wolle. Trumps Worte erinnerten mich an Lenin, als dieser erklärte, dass „der wissenschaftliche Begriff der Diktatur nichts anderes bedeutet als unbegrenzte Macht, die sich unmittelbar auf Gewalt stützt, durch nichts eingeschränkt, durch keinerlei Gesetze oder absolute Regeln begrenzt. … Da KI… Mehr
Sterben für Trump, und den seinen wirren weltweiten Machtphantasien, die Italiener machen es richtig. Und wenn ich schon lese, iranisches Volk, wie war das wieder mit dem lybischen Volk? oder dem irakischem? oder dem syrrischen? In Syrien ist heute heute ein Terrorist an der Macht, dank Amerikas Gnaden, den sie Jahre zuvor mit Millonen Dollar Belohnung gesucht haben. Das Volk dort wird ganz begeistert sein. So sieht Amerikas Moral aus, den einen Verbrecher vernichten oder verjagen, und dafür einen anderen Verbrecher ins Amt bringen, so sieht verlogene amerikanische Politik aus, Syrien ist das allerbeste Beispiel.
Die aktuelle parteiinterne Diskussion „auf der Ost-West-Achse“ in der AfD als Reaktion auf die Stellungnahme der AfD in Persona A.Weidel und T.Chrupalla zum Irankrieg ist symptomatisch und zeigt nur eines: bei den Wessis ist Hopfen und Malz verloren – Resultat einer erfolgreichen angloamerikanischen „Reeducation“. Selberdenken erfolgreich abtrainiert – voll in der Spur der Sieger und deren Geschichtsschreibung. Und schon haben die westdeutsch dominierten Parteien (inkl. Teilen der AfD) ein „Argument“, um sehr wahrscheinlich erfolgreich von den Problemen im eigenen Land abzulenken, die die AfD als einzige politische Kraft klar benennt. Ein „Argument“, das entsprechend medial aufgeblasen mit den eigentlichen dringenden… Mehr
Wie Michael Lüders hier analysiert
(https://youtu.be/GhHwTxh96W0?si=LQjX8DKdb8BaOGxm),
wird es keine Verhandlungen mehr geben. Die Geduld der Iraner ist am Ende, ebenso wie ihre Toleranz, sich noch weiter demütigen zu lassen.
Überall das selbe. Das ist eine hochriskante Operation, die da gerade im Nahen Osten läuft. Wenn Sie gelingt, wird die Welt eine bessere sein. Geht sie schief, wird uns auch hier in Europa der Fallout mit Wucht treffen. Und genau da liegt das Problem. Die Frage ist eigentlich nicht Pazifismus ja/nein. Die Frage ist, ist die gewählte Operation die richtige Behandlung. Ich hätte den „alten Patienten“ Iran im Nahen Osten lieber langsam auslaufen lassen, so wie z.B. Portugal, Spanien oder die DDR langsam aus ihren Diktaturen ohne große Kollateralschäden rausgewachsen sind. Angeboten hätte sich das. Den Patienten in hohem Alter… Mehr
Alter hin oder her – Sie vergessen den fanatischen Wunsch der Mullahs nach der Atombombe.
Wieso immer muss? Man muss gar nichts und jeder kann und soll seine Meinung dazu haben, ansonsten sind auch wir nur Lemminge, die dem, der am lautesten schreit hinterher rennen.
Da möchte ich in diesem Zusammenhang die Ausführungen von Roger Köppel heute morgen empfehlen. Das ist kein Nachgeplapper, sondern eine Betrachtung von zwei Seiten. Dem kann man sich anschließen. Auch Köppel ist bewusst, dass viele seine Meinung nicht teilen, aber ja, das macht doch Pluralismus aus. Insofern ist mir auch die Stellungnahme der AfD zu diesem Krieg lieber, als das Geschwätz, was da manche von sich geben.
Ja, richtig – nützt aber in der „großen“ Politik nichts.
Dort gibt der Regierungschef die Richtung vor – auch wenn er, wie in Deutschland, der falsche Chef mit falschen Ansichten ist – mit Lügen und erst im zweiten Anlauf in Amt und Würden gelangt.
Frau Meloni hat natürlich recht: Der Iran muss kriegerisch bekämpft werden. Die Forderungen aus ihrer Regierung nach „Diplomatie“ dienen zu nichts als der Besänftigung von Kritikern und sind nicht ernst gemeint. Denn jeder vernünftige Beobachter weiß, dass das iranische Regime Diplomatie zu nichts anderem benutzt als zum Lügen, Betrügen und Zeit gewinnen, die Atombombe endlich fertig zu kriegen.
Die „edle“ Tradtion des Pazifismus konnte in Europa nur blühen, weil die USA über Jahrzehnte für uns die militärische Drecksarbeit verrichtete. Trump zwingt jetzt Europa, erwachsen zu werden oder unterzugehen. Wenn Europa nicht untergehen will, muss der Pazifismus auf den Müllhaufen.
soso, der Iran muss also, interessant, ich sage hingegen, Brüssel muss bekämpft werden, denn auch dort wird gelogen und betrogen, das sich die Balken biegen, und obendrein noch eine Klima- und Gesinnungsdiktatur installiert, noch dazu gegen die eigene Bevölkerung.
> Denn jeder vernünftige Beobachter weiß
Jeder am Stammtisch in Dingsbumsfingen? Die Fatwa des gerade ermordeten Ayatollahs verbietete jahrzehntelang den Bau der Nuklearwaffen – ohne sie hätten es die Iraner schnell hingekriegt.
Warum eigentlich dürfen die Regimes USA und Israel Nuklearwaffen haben, aber Iran nicht?
Das ist mir neu, daß der Ayatollah ermordet wurde! Wer soll das gewesen sein?