Volksfront im Safe-Space eingesperrt

SPD, LINKE und Grüne bilden eine neue Volksfront – trotz der SPD-Koalition mit der CDU. Jedenfalls in Social Media. Was wieder mal ein starkes Signal sein soll, zeigt die Schwäche des Linksblocks: Er hat seine kulturelle Hegemonie verloren und die Wähler sowieso.

IMAGO

Die Spitzen von Grünen, SPD und Linkspartei haben in einer konzertierten Aktion ihren Rückzug von der Plattform X versprochen: „X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.“ Die drei Parteien benutzten dafür einen identischen Textblock, was die Vermutung nährte und später bestätigte, dass es sich um eine Einheitsfront handelt, deren Mitglieder nur noch aus taktischen Gründen unter ihrem angestammten Namen auftreten. Table.Media benannte Grünen-Geschäftsführerin Pegah Edalatian als Initiatorin der Dreiparteien-Aktion.

Und der SPD-Fraktionsvorsitzende Miersch legte noch eins drauf: Bei X würden rechtsextreme bzw. rechtsradikale Inhalte verstärkt verbreitet und die Plattform sei dadurch für demokratischen Diskurs ungeeignet.

Man beachte die Formulierung. Die Accounts werden nicht mehr bespielt. Aber nicht gelöscht. Das Türchen zur Rückkehr oder zum zwischenzeitlichen Schreiben per Direktnachricht wird also offengelassen. Wie bei so vielen zuvor, die in den letzten Jahren mit ebensolchem „dramatischen Exit“ die Plattform verlassen hatten und nach einiger Zeit bei Bluesky ernüchtert feststellen mussten, dass doch nichts an die Reichweite von X herankommt. Viele waren kurze Zeit später kleinlaut wieder da.

Rotrotgrüne wollen unter sich bleiben

Trotzdem ist abermals die frühere Twitter-Welt in heller Aufregung. Mit Hohn und Spott wird der Linksblock verfolgt – auch auf der neuen Site „Bluesky“, die von Twitter-Gründer Jack Dorsey hervorgegangene Alternative zu X. Dort wird auf die Reinheit der Lehre geachtet. Wer sich einen Namen als „Rechter“ gemacht hat, wird sofort geblockt – also vom Diskurs ausgeschlossen. Man will unter sich bleiben. Man will die eigenen Ansichten nicht durch andere Argumente verdünnen oder verunreinigen, sich bloß nicht der Gefahr aussetzen, die in jeder Diskussion lauert: Könnte ja sein, dass man den Kürzeren zieht.

Ab in den Safe Space BlueSky
SPD, Grüne und Linke verlassen X: Die Flucht vor der offenen Gegenrede
Und dieser Selbstschutz ist auch nötig. Denn viele sogenannte „rechte“ Nutzer folgen den X-Flüchtigen. Sie machen virtuelle Jagd – und werden blockiert. Wie Orden wird gezählt, wie oft man von den Debatten ausgesperrt wird. Rotrotgrün ist regelrecht stolz darauf, sich im neuen Clubhouse abzuschotten.

Das lässt tief blicken. Es steht nicht zu erwarten, dass X austrocknet. 5 Millionen aktive Nutzer werden wöchentlich gezählt; es waren schon mal 8 Millionen. X wirkt größer, als es ist, weil es bislang intensiv von Journalisten, Aktivisten und Politikern sowie von Verbänden und anderen Wichtigtuern genutzt wurde und wird – und damit tatsächlich auch so etwas wie eine Vorturner-Rolle spielt: Was auf X angezettelt wird, setzt sich in den Medien fort; und weil X zu unbedachten, verkürzten, aber flotten Äußerungen verführt, ist es auch eine Art Friedhof für mediale Selbstmorde. Es ist sozialer Pranger und Hinrichtungsmaschine in Einem.

Es ist aber auch eine Plattform für Spaßvögel, gekonnte Kabarettisten und Spötter, die den Sprung auf die Bretter, die sonst die Welt bedeuten, nur elektronisch schaffen. Es ist ein ewiges Ärgernis für Politiker, die in ihrer Selbstgefälligkeit alles lesen, was sie betrifft, und wenn sie einer der fünf Leser sind, die es überhaupt bemerken – schwupp, schon kommt die Hausdurchsuchung oder das Geflenne über Deepfakes. Eigentlich ist X das ideale Boulevard-Medium, für schnelle News, Recherche quer über den Globus und noch schnellere Erregung nebst medialer Selbstbefriedigung und Selbstzerstörung; ein Zeitfresser der gierigen Sorte.

Kann man machen, der Autor liebt es und verfügt über eine der größeren Follower-Gemeinschaften unter deutschen Publizisten.

Der Backlash – Aus Jägern wurden Gejagte

"WirverlassenX"
Der Markt ist blöd, komm, wir gehen
Und jetzt also sagt der Linksblock „Ciao“. Man wird ihn allerdings vermissen – die trocken-biederen Belehrungen durch die Omas gegen Rechts waren doch sehr unterhaltsam. Vor allen Dingen ist X ein Gradmesser: Lange war es „linksversifft“. Es wurden geradezu Hetzjagden auf Andersdenkende veranstaltet. Dann folgte die Zeit der medialen Selbstverteidigung – immer mehr Befürworter scharten sich um die Angegriffenen. Dann kippte die Front. Heute sind die elektronischen, medialen Jäger die Gejagten, werden verspottet, verhöhnt, in die Ecke gedrängt, es werden mit Community Notes falsche Behauptungen korrigiert – zuletzt fing Friedrich Merz sich wieder eine ein. Das Schlachtfeld bleibt – aber die Opfer sind jetzt andere: Linke, Grüne, Moralisten, Besserwisser und Verbots-Fanatiker, Angehörige der Klimabewegung und die diversen Spielarten von LGBTQ-irgendwas. Worüber man sich früher ärgerte, ist heute erheiternd. Mir werden sie fehlen, die Franziska Brantners.

X wird so zum Gradmesser eines gesellschaftlichen Klimasturzes: Rotrotgrün mag die Politik und Parteien beherrschen, die Hochschulen und Kirchen und staatlich finanzierte NGO-Truppen dirigieren – die Massen wenden sich ab.

Nun hat die alte sozialistische Bewegung im modernen Mantel des Wokismus die Aufforderung des fiesen italienischen Links-Anarchisten Antonio Gramsci beherzigt, wonach der „kulturelle Überbau“ zu erobern sei, also alles, was eine Kanzel hat, von der aus man die Menschen dirigieren, bevormunden und belehren kann. Das ist dem Wokismus gelungen. Aber die zweite Lehre von Gramsci geriet vor lauter Erfolg in den Wolken der kulturellen Hegemonie in Vergessenheit: Der Block der sozialistischen Radikalen braucht die Verbindung von Intellektuellen und breiten Volksmassen. Gut, Gramscis „Gefängnishefte“ wurden in den 20ern mit dem damals üblichen linksfaschistischen Vokabular geschrieben, aber die Botschaft bleibt: Rotrotgrün braucht oben die „kulturelle Hegemonie“ und unten die Unterstützung der Bevölkerung, um eine linke Revolution zum Nachteil aller Menschen durchsetzen zu können. (Die eigenen Funktionäre ausgenommen, selbstverständlich.)

Bluesky – Gazellen flüchten hinter Gitter

Nutzerzahlen steigen, Meinungshegemone gehen
Überfordert mit der neuen Medienwelt: Der Abschied von X als Bankrotterklärung
Und jetzt ziehen sich all die linken Rechthaber in eine Blase zurück. Das hätte Gramsci nicht gefallen. Das Beste wäre es, sie dort ganz in Ruhe unter sich zu belassen. Wenn man ihnen dorthin hinterher stelzt, verzögert und verhindert man die Macht des Faktischen: Indem sie sich noch an einem gemeinsamen Feind abarbeiten können, bringt man sie um das köstliche Vergnügen der Selbstzerfleischung.

Momentan ist es wie ein Zoo, in dem sich die armen Gazellen hinter die Gitter begeben, damit sie nicht von Raubtieren der freien Wildbahn gerissen werden. Oder neu-woke: Es ist der Rückzug in den „safe space“, also in einen geschützten Raum, in dem man unter sich die gegenseitige Bestätigung seiner Sichtweisen sucht.

Es ist damit eine Bankrott-Erklärung: Im Zoo gewinnt man keine Wahlen, keine gesellschaftliche Hegemonie, keine Macht. Man wimmert unter seinesgleichen. Noch beherrscht man die Regierung und greift sich Jobs ab, wo immer es nur geht – aber die notwendige Zustimmung schwindet. Es ist eine Regierung ohne Volk. Und jetzt der Rückzug.

Selbstzerfleischung und Kanibalismus im Zoo

Da wäre es auch falsch, wie manche Prominente der freiheitlichen Szene ihnen nachzusetzen. Im Zoo wie im Safe-Space fehlen sehr schnell die Wärter, die Nachschub an Nahrungsmitteln herankarren. Und im Safe-Space wendet sich die Freude über das ungestörte gemeinsame Fabulieren schnell in den Zustand gegenseitigen Zerfleischens. Ohne einen Feind von außen wird schnell der Nachbar im Gehege zum Konkurrenten und Feind.

Social-Media-Fluchtwelle nach Trumps Wahlsieg
Schon wieder X-odus: Linke und Woke verlassen Elon Musks Plattform. Oder vielleicht doch nicht?
Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, nicht nur in der virtuellen Welt. In Sachsen-Anhalt, dem umkämpften Bundesland, klagen die Parteien des Linksblocks einvernehmlich mit der CDU, dass die AfD die Lufthoheit über die Marktplätze übernommen habe. Die hat Erfolg mit Ständen, und Festen und Partys, während die Kandidaten der anderen Parteien müde von der Plakatwand grinsen. Auf dem Buchmarkt ist es ähnlich: „Rechte“ Novitäten von Verlagen überschwemmen die Buchläden, herausgegeben von Verlagen, die früher jeden dieser Autoren mit Abscheu und Entsetzen zurückgewiesen haben. Linke Verlage verlegen gern rechte Literatur, weil sich für das linke Gezeugs kaum noch Käufer finden. Selbst im öffentlich-rechtlichen TV gibt es schon Einsprengsel populärer Gedanken, allerdings nur sehr gelegentliche: Noch reichen die Gebühren für die Finanzierung der selbstgenügsamen Programme für die letzten rotrotgrünen Sektenmitglieder.

Das Land rutscht, schneller als die Rechten es wahrhaben wollen. Dass die AfD die stärkste Partei ist und die CSU an der 5-Prozent-Hürde knappst oder die SPD in immer mehr Landtagen den Rauswurf fürchten muss, den die Grünen bereits erlitten haben: Das wird so in der Breite gar nicht wahrgenommen. Es sind ja nicht alles AfD-Wähler, die mit Merz und seinen Medien unzufrieden sind, und es ist ja nicht X allein, das anders tickt: Eine breite liberal-konservative, kleinteilige Medienlandschaft sendet längst dagegen an; rund um Tichys Einblick hat sich längst eine Phalanx von digitalen und einigen gedruckten Medien gebildet.

Nichts ist dagegen einzuwenden, wenn Rotrotgrün sich freiwillig hinter die Gitter eines Safe-Spaces zurückzieht. Möge es Euch dort gut gehen. Macht die Tür hinter Euch gut zu, schließt Euch ein und werft den Schlüssel weg.

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Kommentare ( 6 )

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Jacobus
17 Minuten her

 
Mit Nachdruck ist die Ungewissheit in der offenkundigen Debatte gerückt, ob die Deutschen in der Lage sind und es für werthalten, als Volk zu überleben. Dann brauchen wir wieder eine Bevölkerungspolitik wie in den 50er Jahre und das Politische muss neu entdeckt, sowie das Kulturelle wieder erlernt werden. Dazu müssen allerdings erst die Köpfe vom schädlichen linken, grünen Virus befreit werden.

rijukan
30 Minuten her

@Redaktion: ist Ihnen diese köstliche Stelle in der TAZ aufgefallen? Offener kann man die feuchten Träume der vereinigten Linken nicht aussprechen. China lässt grüßen. Zitat: „Klar, noch idealer wäre ein soziales Medium, das von einem breiten Spektrum an Menschen genutzt wird und in der Hand von Linken ist. In Sybille Bergs utopischer Grime-Trilogie ist genau das einer der Schlüssel zur linken Revolution: Eine Gruppe revolutionärer Ha­cke­r*in­nen schafft eine Plattform, die alle benutzen, und baut dadurch linke Meinungsmacht auf. Bis das geschieht, bleibt Linken nichts anderes übrig, als mit den Plattformen zu arbeiten, die da sind. Auch wenn es nervt. Linke, SPD und Grüne verlassen… Mehr

Karsten Paulsen
34 Minuten her

Ich habe meinen ungenutzten Bluesky Account aktiviert, Nius abboniert, ein Katzenbild und ein Video von Ulf Poschert gepostet. Nach 20 Stunden haben mich über 400 Accounts geblockt und ich stand auf ca. 20 Blocklisten.
Man kann live bei der Vernichtung dieser Plattform zuschauen.

Deutscher
34 Minuten her

Die Union ist realer Bestandteil des Linksblocks und ist seit 15 Jahren auch sein wirkmächtigster Akteur.

Last edited 31 Minuten her by Deutscher
Autour
38 Minuten her

Ohne dieses komische infantile Tamtam dieser unbedeutenden linksfaschistoiden Politclowns hätte wohl NIEMAND auch nur irgendwas von diesem fernbleiben bemerkt…
Wer bitte folgt solchen Menschen? Worin soll da der Mehrwert liegen Menschen zu folgen die wohl nicht mal im Stande seien Wasser zu kochen… Also dafür wäre mir meine Zeit zu kostbar…

Minusmann
45 Minuten her

Wenn ich das richtig sehe, bekommen diese Helden der sozialen Medien zusammen immer noch so um die 35%. Die linke Volksfront, zu der man die CDU mittlerweile auch zählen muss, hat damit nach wie vor die absolute Kontrolle.