Die Warnung vor dem Linksrutsch wird die CDU nicht retten

In der CDU geht die Angst um vor dem Verlust des Kanzleramts. Kann die „Rote-Socken-Kampagne“ doch noch Armin Laschet retten – oder macht sie es nur schlimmer? CDU und CSU sind längst die Zerstörer ihrer eigenen sozialen Wählerschicht.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Martin Meissner

Schon 1994 war die Kampagne umstritten: Um der lahmenden CDU-Wahlkampagne zum Bundestag Schwung zu geben ließ der damalige Generalsekretär der CDU, Peter Hintze, Wahlplakate mit roten Socken kleben. „Auf in die Zukunft … aber nicht auf roten Socken“ stand darauf.

Kurz davor war die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt für die CDU verheerend ausgegangen; Kohls Versprechen von den „blühenden Landschaften“ glaubten immer weniger Menschen in den neuen Bundesländern, deren Jobs über Nacht verloren waren. In Sachen-Anhalt ließ sich die rot-grüne Landesregierung von Ministerpräsident Reinhard Höppner von der PDS, der Nachfolgepartei der SED und Vorgängerin der Linken, tolerieren. Bei der Bundestagswahl scheiterte die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde. Obwohl einzelne PDS-Abgeordnete trotzdem in den Bundestag einzogen, reichte es nicht für eine rot-rot-grüne Mehrheit. Kohl regierte weiter.

War es 1994 die Farbe der Socken?

Sendung 02.09.2021
Tichys Ausblick Talk: „Viele Kandidaten, kein Charisma – fährt der Schlafwagen bis zum Kanzleramt?“
Waren die roten Socken wahlentscheidend? Solche Fragen sind schwer zu bestimmen. Richtig ist, dass kurz nach der Wiedervereinigung der wirtschaftliche Ruin, die politische Unterdrückung der Menschen in der DDR und die Mauer noch im Bewusstsein verankert waren. Jetzt, ein Vierteljahrhundert später wird dank permanenter Vergessensarbeit der meisten Medien, in den Schulen und Universitäten, das Versagen des Sozialismus eher geschönt. Es dominiert der Kampf gegen „Rechts“, nicht gegen die linken Brüder im Geiste.

Vor allem aber geht es um konkrete Politik. Und da bietet die CDU: Nichts.

Die erste Rote-Socken-Kampagne hatte ja das Ziel, auch nur eine Tolerierung der Landesregierung in Magdeburg durch die SED/PDS/Linke zu verhindern.

In der Gegenwart war es die CDU-Kanzlerin Angela Merkel, die den rechtmäßig gewählten FDP-Ministerpräsidenten in Thüringen zum Rücktritt zwang, und es war die Landtagsfraktion der CDU, die Neuwahlen verhinderte – beide Maßnahmen hatten das erklärte Ziel, einen linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow wieder ins Amt zu hieven und dann dort zu halten.

Und plötzlich stören rote Socken? Glaubwürdig ist das nicht. Wer so prinzipiell argumentiert, kann auch nicht damit argumentieren, dass im Bund das rote Mitregieren anders zu bewerten sei als in einem kleinen Bundesland. Wer in Thüringen bis an den Rand des Verfassungsbruchs geht, um einen FDP-Mann abzulösen zu Gunsten eines SED-/Linke-Vertreters, kann jetzt keine Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen. Wer A sagt, muss auch in der Politik B akzeptieren. 

Die Zerstörung der bürgerlichen Basis

Game over
Laschet und Merz – Arm in Arm in die 3. Liga
Aber es geht ja noch weiter. Armin Laschet und Markus Söder sind in der konkreten Politik deckungsgleich mit SPD und Grünen. Die Zerstörung des Rentenversicherungssystems ist unter Merkel leise vollzogen worden, indem die Vorhaben der SPD mit Stimmen der CDU umgesetzt wurden – zu Lasten der jungen Generation. Es gibt keine Kritik von den beiden an der Europäischen Zentralbank, die mit ihrer Nullzins-Politik ein wesentliches Element der Bürgerlichkeit zerstörten: die Fähigkeit, für sich selbst nicht nur zu sorgen, sondern auch vorzusorgen. Unter CDU-Ägide ist die Staatsabhängigkeit von Millionen Menschen des Mittelstands gewachsen, wurden große Teile des wirtschaftlichen Mittelstands zu Kostgängern immer neuer Subventionsmaschinen. CDU und CSU sind längst die Zerstörer ihrer eigenen sozialen Wählerschicht. Und nicht nur bei diesem Thema.

Es ist ein CSU-Minister mit Namen Horst Seehofer, der Merkels Migrationsmaximierungspolitik fortsetzt; zuletzt durch Bundeswehrflüge aus Afghanistan, bei denen die Rettung von einigen Ortskräften zum Vorwand genommen wurde, bereits abgeschobene Schwerstkriminelle wieder ins Land zu holen – zumindest wurde dies sehenden Auges gebilligt.

Es gibt keinen Satz von Armin Laschet, der sich gegen die absehbare Erhöhung des Benzinpreises um 70 Cent zur Wehr setzt. Es gibt aber sehr wohl Markus Söder, der in der TV-Debatte mit Robert Habeck die Ausdehnung eines wirksamen, bundesweiten Mietendeckels in Betracht zieht und damit einen enteignungsgleichen Vorgang bewirbt. 

Wann immer die Grünen etwas vorlegen, Söder geht begeistert darauf ein. Er ist wie ein Fußballspieler, der konsequent hinter der gegnerischen Mannschaft herläuft, nie selbst einen eigenen Gedanken entwickelt. Warum sollte man auf seinen Sieg wetten, wenn er auf das falsche Tor spielt?

Wenn aber zwei das Gleiche tun, die Union also linke Politik macht, die kaum von der von SPD, Grünen und LINKEN zu unterscheiden ist – warum soll man dann den einen wählen und den anderen aber gleich gar nicht? Wird in den Wahlkabinen eine Lupe mitgeliefert? Erfolgt die Briefwahl unter einem Mikroskop, das marginale Unterschiede zwecks Unterscheidbarkeit vergrößern soll?

Das Rumpelstilzchen bricht entzwei

Das Problem der CDU und der CSU ist, dass sie sich von ihrer eigenen Wählergruppe verabschiedet haben. Jetzt stampft Söder mit dem Fuß kräftig auf wie weiland Rumpelstilzchen, das zornig darüber ist, dass es erkannt wurde. Die Wähler haben erkannt, dass sie hier linke Politik unter falschem Namen erhalten.

Bricht er auch entzwei, wie sein literarisches Vorbild?

CDU und CSU haben ja nicht nur ihre Wähler verraten. Sie haben viele davon auch beschimpft, verhöhnt, ins Abseits gedrängt. Auch Armin Laschet will den „Kampf gegen Rechts“ forcieren. Das ist eine hübsche Idee. Er kämpft gegen sich selbst und weite Teile der eigenen Partei. Jedenfalls gegen jene Wähler und Parteimitglieder, die den Linkskurs abscheulich finden, seine Genderei lächerlich und Mitglieder seines Kompetenzteams als erwiesenermaßen inkompetent erleben mussten; wo blieb denn in den vergangen 16 Jahren die Digitalsierung, die zuletzt von Dorothee Bär versprochen wurde? Viele davon sind zur AfD abgewandert; als Parteigründer, Mitglieder, Wähler. Die CDU hat einen großen Teil ihrer Wähler nicht verloren. Sie hat sie bewusst aufgegeben. Und sie will sie auch auf gar keinen Fall zurückgewinnen. Sie schielt nach links – und wird dort verspottet.

Bundestagswahl 21
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Es ist schon eine tragische Nummer, die hier stattfindet; mehr Trauerspiel als Politik, mehr Kabarett als Drama. Jetzt geht eben der Rest. Zum Original, also zu den Grünen und der SPD. Oder eben zur AfD, wohin sie von der CDU selbst geschickt werden wie das Retourenpaket bei Amazon mit Klamotten, die doch nicht gefallen. Manche gehen zur FDP, die sich durch die Rote-Socken-Kampagne auch nicht beeindrucken lässt: Söder sagt, die Liberalen würden den linken Kurs nur „verwässern“. Stimmt. Das würden sie auch in einer Koalition mit den Schwarzen. Die CDU hat sich durch ihren Abgrenzungskurs selbst abhängig von den linken Parteien gemacht. Grundrechenarten, wie das Addieren von Prozentzahlen, scheinen in der CDU-Spitze nicht mehr bekannt zu sein.

Erkennbar treibt Söder und Laschet nur die Sorge um, dass die Regierung flöten geht: die schönen Ämter, Dienstwagen, Gehälter. Denn ohne Regierungsamt ist die CDU verloren – und die CSU sowieso. Wer keine Inhalte anbietet, nicht mehr faszinieren kann aus eigener Kraft und Vision, ist darauf angewiesen, Gefolgschaft mit Geld, Macht und Jobs zu erzeugen. Das geht wohl nicht mehr lange. Söder hat das erkannt und spricht von „schwersten Zeiten“, die im Falle einer Niederlage auf die CDU zukämen. Da wenigstens hat er recht. Die Partei wird zerbrechen; ein Teil wird zur AfD abwandern, ein Teil zur FDP, der Rest verkümmern.

Das ist der Zustand der CDU und CSU heute: Eine ausgebrannte Hülle.

Und jetzt soll es die Rote-Socken-Kampagne richten? Es wird nicht klappen. Jedermann spürt die Hilflosigkeit, die schon 1994 Vater des Gedankens war. Aber ein gutes Vierteljahrhundert lang ist eine schlechte Idee nicht gereift, sonder verfault. Weil die Union die roten Socken längst selbst angezogen hat.

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Kommentare ( 189 )

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Moses2
18 Tage her

Die CDU hat doch schon lange vor Merkel Verrat am eigenen Volk begangen. Adenauer hat als Chefverräter die von Stalin vorgeschlagene Neutralität für Deutschland ausgeschlagen, für seine sog. Westbindung, womit er die Teilung Deutschlands in Kauf genommen hat. Kohl musste den Euro als Preis für die Wiedervereinigung einführen. Und nun das Merkel…

Last edited 18 Tage her by Moses2
Postmeister
18 Tage her

Eine linke Partei wie die CDU mit einer Altkommunistin an der Spitze warnt vor einem Linksrutsch. Das ist an Komik nicht mehr zu überbieten.
Leider ist die Mehrheit dumm genug, die anderen Kommunisten und ökosozialisten zu wählen, im Glauben es gäbe keine Alternativen.

gdg
18 Tage her

Ich verstehe die rot-rot-grün-Aufregung nicht.
Seit 2005 hatten alle 3 die rechn. Mehrheit, um Miss Uckermark (104-104-104) 8 Wochen nach der 1. konst. Sitzung des Bundestages nach Hause zu schicken.
Da aber allen 3en der Machtinstinkt abging, kam es zu dem Merkel-Trauma von 16 Jahren, das Schöne aber daran ist: Nun ist Schluss mit lustig.

ExternerBlick
18 Tage her

Um das Ganze ein wenig empirischer zu fassen: Universitätsmitarbeiter in unserem Nachbarbundesland haben eine erste NACHWAHL-BEFRAGUNG unter Briefwählern durchgeführt. Die Briefwahl ist ja seit 17. August möglich. Die Frage war: „Warum haben Sie diesmal nicht CDU gewählt?“ Ganz interessant die Antworten! Hier die Ergebnisse (=Gründe für den desaströsen CDU-Absturz): (1) Laschet-Lacher in der Flutkatastrophe (2) 16-jähriger Merkel-Verrat an den CDU-Grundwerten (3) Betrachtung von Digitalisierung als „Neuland“ (4) Betrachtung von Resettlements / Umsiedelungen als „alternativlos“ (5) Bruderkrieg in den Schwesterparteien CDU/CSU ad1) dieses Motiv nannten vor allem Frauen 50+. Viele fanden den Laschet-Lacher „extrem verletzend“ gegenüber den Hochwasseropfern. Fachleute gehen davon… Mehr

WandererX
18 Tage her

Eine Linke Socke als Kapagne ging nur im Kalten Krieg oder beim Ostkilma nach der Wende, nicht aber mehr heute, auch weil Scholz als nicht wesentlich weiter links stehend empfunden wird als Laschet und beide Male (Ampel oder schwarz-grün) ggf. die Grünen unvermeidlich als Kulturlinke mit dabei sind.
Da wirkt Laschet letztlich unredlich, das geht nach hinten los.

Wolfgang M
18 Tage her

Ich möchte wie Laschet auch keine roten Socken Koalition. Es gibt nur ein Problem. Merkel hat von den Roten und den Grünen so viele Themen übernommen und sie hat der ehemaligen Volkspartei CDU den rechten Flügel abamputiert, so dass die CDU inzwischen auch eine rote Socke ist. Dass sich Laschet wieder mehr den Konservativen annähert, kann man nicht erkennen. Wenn Merz oder Söder Kanzlerkandidat wäre, dann wäre es eher möglich, dass die CDU wieder zu einer Volkspartei mit einem rechten und linken Flügel würde. Die einzigen im Bundestag vertretenen Parteien, die keine roten Socken sind, ist die FDP und die… Mehr

Albert Pflueger
18 Tage her

So schrecklich RRG auch wäre als Regierung, es ist die einzige Chance für die CDU. Sie braucht ganz dringend eine Regierungspause und den damit verbundenen Abgang erheblicher Teile des Führungspersonals und der vielen Versorgungssucher, wenn sie wieder für ernst zu nehmende, intelligente Leute attraktiv werden will. Sie kann später, nach erfolgter Erneuerung, in eine Koalition gegen das Linkskartell eintreten, die mit Sicherheit nach der RRG-Katastrophe eine Mehrheit bekäme, falls es dann noch Wahlen gibt.

Henni
18 Tage her

Herr Tichy, mit ihrer Aussage bin ich aus zweierleih Gründen nicht d´accord. Ersten ist der Anteil der Linken in Deutschland in etwa immer gleich, so plus minus 50 %. Auch aktuell. Dieser Anteil wächst nicht! Die Rechten liegen in Deutschland auch in etwa bei 50 %. Ich teile die „anderen Parteien und Nichtwähler auch 50/50 auf. Innerhalb dieser 50 % gibt es aber starke strategische Verschiebungen, z:B von Grün auf SPD aktuell. Und von CDU/CSU auf FDP, Freie Wähler und AFD. Zweitens, ich glaube schon, das die Konservativen im Land am Ende vom Protest zurückkehren und die CDU/CSU zumindest den… Mehr

Aqvamare
18 Tage her
Antworten an  Henni

Ich bin sowas, was man konservativer „Neuwähler“ nennt, männlich zwischen 30-40 Jahre, genau die Zielgruppe, die früher von ihren sozialistischen Wahlverhalten zwischen 20-30 nun auf Konservativ wechseln. Diesen Wechsel hab ich vollzogen, nur bei der CDU konnte ich keine konservative Partei vorfinden, also bin ich jetzt Wähler der AfD. Wie mir geht es vielen. Die CDU in diesen Wahlkampf fällt auf ihrer Rentner/Pensionäre als Stammwähler zurück, die „Neuwähler“ sind bei FDP/AfD und FW, die Mitte, wechselt spontan zwischen SPD und CDU, da die SPD eben bestimmt 12 Euro pro Stunde verspricht. Die CDU, ist hingegen ohne Elan, einfach nur ihre… Mehr

Heinz
18 Tage her
Antworten an  Henni

Die CDU als die „Erfolgversprechendste Rechte“?
„Tausende von fähigen Politikern“.
Entschuldigung, aber da fragt man sich schon, wo Sie die letzten 16 Jahre gelebt haben.

ExternerBlick
18 Tage her
Antworten an  Henni

Dass Sie die CDU der letzten 16 Jahre zu dem 50%-Block der „Konservativen“ zählen, ist eine komplett falsche Einschätzung.

Kommentator Heinz hat in diesem Fall komplett recht mit seiner Replik an Sie. Er meint gegenüber Ihnen, Henni:

„Da fragt man sich schon, wo Sie die letzten 16 Jahre gelebt haben!“

Bestürzend sind einfach die Aussagen von aktuellen Wählern, die offen zugeben und genau erklären, warum sie die SPD wählen:
„Die CDU hat sich so sozialdemokratisiert… da wähle ich lieber gleich das ORIGINAL…die SPD!“

Roellchen
18 Tage her

Die CDU ist bereits eine Linkpartei. Die einzige Parteien der Mitte sind FDP und AFD.

Wobei sich leider in Zweiterer, dank mangelnder Alternativen, auch ewig Gestrige angesiedelt haben.

Roellchen
18 Tage her

Ich gebrauche für politische Parteien das Wort skelletiert, wenn sie bis auf ihre Söldner, Begünstigten, Seilschaften und deren Familien abgemagert sind.

Durch die linke Merkelpolitik passierte das zuerst mit der bewegungslosen Spd und heute mit der ehemaligen Mitte.

Im Prinzip ist es derzeit nur eine Frage der Dauer des Umvolkens und des Überlebens ohne finanziellen Crash, wer die Wahl gewinnt.

Europa ist ohnehin nachhaltig beschädigt und Deutschland im Ausland wieder verhasst.

Da war Einem ja noch der sprichwörtli che kapitalistische Piefke, mit seiner Besserwisserei, lieber als linke Moralfaschisten.

Das Einzige was die EU noch zusammenhält ist die Aussicht auf Hilfspakete.

Last edited 18 Tage her by Roellchen