Ein „christliches Land“, das den christlichen Glauben als politisch-kulturelles Bindemittel benutzt, stellt damit unter Beweis, dass es weit vom christlichen Glauben entfernt ist.
Tichys Einblick veröffentlichte zum Feiertag „Allerheiligen“ am 1. November den Artikel „Der stille Abschied vom christlichen Deutschland“. Darin wird der Zerfall des ehemals christlichen Deutschlands beschrieben, der durch die hohen Kirchenaustrittszahlen belegt wird. Am Ende des Artikels resümiert der Autor: „Die entscheidende Frage ist nicht, wie man Menschen zur Kirche zurückführt, sondern wie eine freie Gesellschaft ihre kulturellen Bindekräfte erhält, wenn deren Weitergabe in historisch kurzer Zeit abreißt.“
Diese weitverbreitete Hypothese des Artikels – Deutschland war einmal über viele Jahrhunderte ein nahezu vollständig christlich geprägtes Land und ist durch die Kirchenaustritte ein unchristliches Land geworden – fußt auf einem Doppelfehler:
Zum einen wird Christlichkeit mit der Zugehörigkeit zu bestimmten Amtskirchen gleichgesetzt. Evangelische Theologie hat dagegen immer betont, dass nicht die äußere Kirche die echte Kirche ist, sondern allein der „Leib Christi“ als verborgene Kirche innerhalb einer Gemeinde, in der die Gläubigen auf die Stimme des guten Hirten Jesus Christus hören. Da der Mensch nur sieht, was vor Augen ist, Gott aber das Herz ansieht, ist es ausgeschlossen, die echte Kirche mit einer sichtbaren Kircheninstitution gleichzusetzen.
Das bedeutet, dass die allgemeine Zugehörigkeit zu einer Kircheninstitution ein Land noch lange nicht zu einem christlichen Land macht, da Kircheninstitutionen die Tendenz haben, keineswegs auf die Stimme des guten Hirten zu hören. Im Gegenteil treten nicht selten Kircheninstitutionen im eigenen Interesse und zu ihrem Machterhalt die Stimme des guten Hirten mit Füßen. Es gibt Zeiten, in denen Christen, die auf die Stimme des guten Hirten hören, aus christlichen Gründen aus Kircheninstitutionen austreten müssen. Es gibt Zeiten, in denen die Kirchlichkeit eines Landes für seine Unchristlichkeit steht.
Zum anderen hat Jesus Christus betont, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist (Johannes 18,36); darum ist die Behauptung eines „christlichen Deutschlands“ ein Widerspruch in sich selber. Ein Land, das christlich sein will, ist bereits mit diesem Anliegen unchristlich, da das Wesen des christlichen Glaubens gerade darin besteht, die Politik, die Wissenschaft und die Kultur von religiösen Vereinnahmungen zu befreien. Wer vom „christlichen Deutschland“ spricht, denkt in muslimischen Denkbahnen, weil im Islam der Glaube und das Reich dieser Welt zusammenfallen und eine Unterscheidung von Glaube und Politik nicht vorgesehen ist. Das Wesen des christlichen Glaubens „übersteigt“ (transzendiert) jedoch diese Welt und gibt diese Welt für die Vernunft frei. „Die Führung des Staates muss nicht heilig sein, auch seine Regierung braucht keine christliche sein. Es genügt völlig, dass im Staat die Vernunft herrscht“ (Martin Luther). Der christliche Glaube ist daher als kulturell-politischer Klebstoff vollkommen ungeeignet.
Sicherlich werden Gläubige aus der echten Kirche, die auf die Stimme des guten Hirten hören, ihren Glauben und ihre vielfältigen und zum Teil entgegengesetzten ethischen Erkenntnisse offensiv in die Vielfalt der Kultur einbringen. Aber Christen sollten demütig um die Begrenztheit ihrer politischen und moralischen Erkenntnisse wissen und darum immer wieder offen für neue Lern- und Diskussionsprozesse sein.
Zudem sind sich Christen bewusst, dass sie den christlichen Glauben zersetzen, wenn sie anderen Menschen ihre Glaubenserkenntnisse aufzwingen. Der christliche Glaube ist eine Veränderung von innen heraus durch die Gottesbeziehung. Ohne Gottesbeziehung werden christliche Werte pervertiert zu einem unchristlichen Moralismus. Ein „christliches Land“ ist daher allenfalls eine Chiffre für ein moralinsaures Land, in dem Menschen politisch zu etwas genötigt werden, was eine selbsternannte Kulturelite für „christlich“ erklärt.



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