Lange Schlangen: Buchmesse „Seitenwechsel“ startet mit Besucheransturm

Lange Schlangen vor der Halle Messe, bestens gelaunte Aussteller und ein Auftakt mit Susanne Dagen und Harald Martenstein: Die zweite Buchmesse „Seitenwechsel“ hat begonnen. Während drinnen die Freude an Büchern und freiem Denken gefeiert wird, stehen draußen die bekannten Antifa-Gesinnungsfotografen mit ihren Teleobjektiven.

Screenprint: X/AlexWallasch

Halle an der Saale, Samstagmorgen. Vor den Türen der Messehallen ziehen sich ellenlange Besucherschlangen. Menschen aus ganz Deutschland sind angereist, um Bücher zu entdecken, Autoren zu treffen und mit Gleichgesinnten wie Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen. Der Andrang ist gewaltig, die Vorfreude ebenso. Wer geglaubt hatte, die Buchmesse „Seitenwechsel“ würde nach ihrer erfolgreichen Premiere im vergangenen Jahr wieder in der Versenkung verschwinden, erlebt schon am Eingang eine ziemlich vergnügliche Widerlegung.

Drinnen herrscht beste Stimmung. Die Aussteller haben ihre Stände fertig eingerichtet, Bücher liegen ordentlich aufgeschichtet bereit, Verleger und Autoren freuen sich auf ihre Gäste. Fast 150 Aussteller sind diesmal vertreten, deutlich mehr als bei der Premiere. Zwischen Neuerscheinungen, politischen Sachbüchern, Romanen und allerlei literarischen Entdeckungen gibt es vor allem etwas, das auf den großen Buchmessen inzwischen keineswegs mehr selbstverständlich ist: die unbefangene Freude am offenen Gespräch. Niemand muss erst einen Haltungsnachweis erbringen, bevor er ein Buch aufschlägt, kein Verlag wird in eine abseits gelegene „Knockturn Alley“ wie bei Harry Potter verbannt. (So auf der Frankfurter Buchmesse geschehen.)

Auf der Bühne eröffnen Initiatorin Susanne Dagen und Harald Martenstein das zweitägige Bücherfest. Martenstein, der mit seinem Plädoyer gegen ein AfD-Verbot im Hamburger Thalia-Theater für erheblichen Aufruhr im politisch-medialen Betrieb sorgte, spricht über sein Buch „Gelenkte Demokratie. Ein Plädoyer für die Freiheit“. Einen passenderen Auftakt könnte man sich kaum wünschen. Ausgerechnet eine privat organisierte Buchmesse muss heute vorführen, was eigentlich zum kleinen Einmaleins einer freien Gesellschaft gehören sollte: dass Menschen selbst entscheiden dürfen, was sie lesen, hören und denken.

— Alexander Wallasch (@AlexWallasch) November 7, 2026

Schon die Premiere 2025 hatte mit mehr als 6.000 Besuchern alle Erwartungen übertroffen. Damals wurden Bücherregale leer gekauft, Vortragsräume platzten aus allen Nähten. Diesmal ist die Messe noch größer, das Programm noch umfangreicher. Auf den Bühnen und in den Vortragsräumen stehen unter anderem Henryk M. Broder, Ulrike Guérot, Cora Stephan, Michael Klonovsky, Gerald Grosz und zahlreiche weitere Autoren. Am Nachmittag diskutieren Roland Tichy, Dieter Stein, Ralf Schuler, Max Mannhart und Burkhard Müller-Ulrich über 40 Jahre „Junge Freiheit“ und den Aufstieg neuer Medien. Es dürfte reichlich Gesprächsstoff geben.

Die besondere Atmosphäre dieser Messe entsteht allerdings nicht allein auf den Podien. Hier begegnen Leser ihren Lieblingsautoren ohne die übliche Distanz großer Literaturveranstaltungen. Kleine Verlage, die andernorts um Sichtbarkeit kämpfen müssen, stehen unmittelbar neben bekannten Namen. „Seitenwechsel“ ist längst mehr als eine weitere Buchmesse im Veranstaltungskalender. Es ist auch ein ausgesprochen heiteres Wiedersehen jener Menschen, die sich ihre Lektüre nicht von politischen Sittenwächtern vorschreiben lassen wollen.

Dass Letztere nicht fehlen dürfen, versteht sich beinahe von selbst. Vor den Messehallen sind bereits bekannte Gesichter aus der Antifa-Fotografenszene aufgetaucht. Wie im vergangenen Jahr nehmen sie die ankommenden Besucher mit gewaltigen Teleobjektiven ins Visier. Wer eine Buchmesse besucht, soll offenbar erst einmal fotografisch erfasst werden. An einem der Stände hat man darauf mit einer herrlich praktischen Idee reagiert: Dort steht gut gelaunt ein Schirmständer mit „Antifa-Abwehrschirmen“ bereit. Gewöhnliche Regenschirme, die sich bei Bedarf gegen die neugierigen Objektive aufspannen lassen. Es ist eben nicht jeder bereit, unfreiwillig für das nächste Gesinnungsfoto Modell zu stehen.

Die üblichen Verdächtigen rufen zum Protest

Auch das übrige Protestprogramm steht bereits. Die „Omas gegen Rechts“ haben für Samstag eine Mahnwache gegenüber dem Messegelände angekündigt, während das sogenannte WIR-Festival in der Innenstadt mit einem eigenen Kulturprogramm gegen die Buchmesse Stellung bezieht. Für Sonntag mobilisiert die Kampagne „Antifaschistischer Zeitenwechsel“ unter dem Schlachtruf „Keine Fascho-Buchmesse in Halle!“. Um 11 Uhr soll es am Steintor losgehen, anschließend wollen die Aktivisten per Fahrrad zum Messegelände fahren und dort bis 16 Uhr demonstrieren. Der Kampf gegen das gedruckte Wort wird also auch in diesem Jahr mit erheblichem organisatorischem Aufwand betrieben.

Während die einen Bücher präsentieren, wollen die anderen deren Präsentation zum politischen Skandal erklären. Die einen laden zur Diskussion ein, die anderen tragen bereits das Urteil auf ihren Transparenten spazieren. Und während draußen die Objektive auf die Besucher gerichtet werden, warten drinnen hunderte Autoren und Verleger mit ihren Büchern.

Eine schöne Verkehrung der Verhältnisse: Ausgerechnet jene, die sich für die Hüter der Vielfalt halten, ertragen die Vielfalt der Meinungen nicht. Die Besucher in Halle scheint das herzlich wenig zu kümmern. Sie stehen Schlange. Freiwillig. Für Bücher. Das ist eine ziemlich gute Nachricht.

Wir wünschen allen Besuchern, Autoren, Verlegern und Veranstaltern zwei großartige Messetage, viel Freude an den Büchern, anregende Gespräche, leidenschaftlichen und konstruktiven Streit und vor allem einen friedlichen, reibungslosen Ablauf. Möge in Halle die Lust am freien Wort lauter sein als der Lärm seiner Gegner.

Wir werden im Laufe des Tages weiter berichten.

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