Von Herrschern und Helden – wie man Regime enthauptet

Donald Trump weiß, dass Tötungen der Anführer keine Garantie für echten Regimechange sind. Siehe Venezuela, siehe Iran. Wer den Führer tötet, beendet damit noch lange nicht den Krieg. Aber warum eigentlich nicht?

Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass das Mittelalter wieder an die Tür klopft. Gegen den Iran wird nicht einfach Krieg geführt – Ajatollah Ali Chamenei (86) und zahlreiche andere Anführer wurden getötet, das Regime vermeintlich enthauptet. Israel genügt das noch nicht, will die gesamte Staatsspitze töten. Viele Jahrhunderte lang überlebten Herrscher ihre Kriege, weil sie an den Feldzügen gar nicht teilnahmen, sondern nur Millionen Soldaten in den Tod schickten. Moderne Waffentechnik könnte das ändern. Die Tötung der Führer als Kriegsziel ist möglich: mit der Rakete in die Vergangenheit.

I.

Kurzer Blick in die Tiefen der Geschichte. In grauer Vorzeit waren Herrscher meist auch Krieger. Mehrere römische Kaiser fielen auf dem Schlachtfeld. An der Spitze ihrer siegreichen Legionen kamen Imperatoren auf den Thron. Der letzte europäische König, der im Krieg fiel, war der Schwede Gustav II Adolf 1632 in Lützen. Der Herrscher als Kriegsheld aber ist mehr Legende als Wirklichkeit. In der Regel standen nicht Monarchen, sondern hochrangige Feldherrn im Feuer. Der letzte war Louis Ferdinand von Preußen, der 1806 in Saalfeld gegen Napoleon fiel. Kaiser Napoleon beobachtete seine Gemetzel vom Feldherrnhügel und brachte sich selbst nicht in Gefahr. Faustregel: je niedriger der Rang, desto größer das Risiko, in der Schlacht zu fallen.

II.

Nicht unklug ist die Leben erhaltende Idee, statt ganzer Heere, wenige Stellvertreter gegeneinander antreten zu lassen. Meist sind solche Geschichten Mythen. Der Grieche Achilles tötete seinen trojanischen Gegenspieler Hector im Zweikampf; den Krieg entschieden hat es nicht. Anders im alten Testament. David tötete den Riesen Goliath im ungleichen Zweikampf. Um das Blutvergießen zu minimieren, ließen 546 v. Chr. Sparta und Argos jeweils 300 Kämpfer gegeneinander antreten. Danach konnten sie sich über den Sieg nicht einigen und es kam doch noch zur großen Schlacht. Lombarden und Franken delegierten 539 n. Chr. das Kriegsglück an wenige, ausgesuchte Kämpfer, nahmen das Ergebnis aber nur als Omen für den Ausgang der folgenden Schlacht. Ähnlich agierten Byzantiner und Russen 971. Englische und französische Ritter duellierten sich im hundertjährigen Krieg 1356, unmittelbar darauf kam es zur Schlacht von Poitier. Die Methode war eigentlich nie richtig in Mode. Und über Kriege entscheiden nicht die Tapferkeit und das Können professioneller Soldaten, sondern Geld, Technik, Material, Truppenstärken, Strategien.

III.

Wer also an die Oberhäupter heran will, sollte besser auf Attentäter setzen. Eine Methode, die weit erfolgreicher ist, als Kriege mit dem Ziel zu führen, ein Regime zu enthaupten. Weder die Ermordung von Mahatma Ghandi (1948) noch von John F. Kennedy (1963) veränderte die Politik. Bei der Tötung von Salvador Allende (1973) hatte die CIA ihre Finger mit im Spiel. In der Regel haben „Enthauptungen“ eines Regimes nur Aussicht auf Erfolg, wenn zugleich Militärs putschen. Neuerdings aber geht es auch ohne Putsch: Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro wurde überwältigt und abtransportiert. Wer ist der nächste? Die kubanische Führung soll jetzt schon zittern. Sie weiß, vor gezielter Tötung kann sie sich wahrscheinlich nicht schützen. Das verändert ihre Verhandlungsposition. Donald Trump aber weiß, dass all diese Tötungen keine Garantie für einen echten Regimechange sind. Siehe Venezuela, siehe Iran. Wer den Führer tötet, beendet damit noch lange nicht den Krieg.

IV.

Aber warum eigentlich nicht? Wenn es Abertausenden den Tod ersparen könnte, wäre das Enthaupten eines Regimes eine moralisch zulässige Methode. Auf’s Völkerrecht pfeifen sowieso alle Mächtigen. Der neue oberste religiöse Führer des Iran Modschtaba Chamenei (56) soll nur knapp dem Tod entgangen sein. Zufällig war er im entscheidenden Moment nicht im Haus. Ist mutmaßlich schwer verletzt, angeblich in Moskau operiert worden. Donald Trump hat ein Kopfgeld von einer Milliarde Dollar auf ihn ausgesetzt. Besser hilft vielleicht eine unblutige, in Demokratien erprobte Methode: der gute alte Skandal. Dazu benötigt man nicht viel mehr als eine freie Presse. Modschtaba Chamenei soll schwul sein, meldete BILD. Darauf steht im Iran die Todesstrafe.

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Kommentare ( 71 )

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71 Comments
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WandererX
22 Tage her

Dass nur die Spitze stellvertretend kämpft: das geht nur über eine adlige Ritalkultur der Ehre! Die wurde 1815-1918 abgeschafft! Ja, die Ehre: Das Bürgertum ist aber lieber gemein und nicht so sehr ehrlich – ehrenhaft. Oder?

Teiresias
25 Tage her

Man kann verhandeln oder Krieg führen.
Wer den Entscheidern der Gegenseite nach dem Leben trachtet, wie Trump es z.B. mit Putin abgezogen hat (Telefonat wurde zurückverfolgt und Drohnen an die Adresse geschickt), eliminiert die Verhandlungsoption.
Dann bleibt nur noch Krieg.

Der Iran wird angegriffen, weil er keine Atomwaffen hat.
Wer jetzt noch nicht atomar bewaffnet ist, wird das schnellstmöglich nachholen (Türkei!).
Wird die Welt dadurch sicherer?

November Man
25 Tage her

Auch John F. Kennedy wurde ermordet. Die Theorie besagt, dass Kennedy ermordet wurde, weil er dem israelischen Atomprogramm kritisch gegenüberstand und versucht hatte, Inspektionen des Atomforschungszentrums im jüdischen Dimona durchzusetzen. Eine Verbindung zu der Ermordung von Kennedy durch den jüdischen Geheimdienst Mossad hat beispielsweise die US-Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene angedeutet.

verblichene Rose
25 Tage her
Antworten an  November Man

Ist jemals ein Killer des Mossad erwischt worden?
…eben…!

Axel Fachtan
25 Tage her

Nach JFKs Ermordung hat sich selbstverständlich nichts geändert in den USA.
Ganz im Gegenteil, Dulles vom CIA steht bis heute im Verdacht, den Mord angestiftet und organisiert zu haben, gerade damit sich nichts ändert.Er hatte damit Erfolg.

rainer erich
25 Tage her

Wenn mich nicht alles täuscht ist man bei TE der Auffassung, dass ein Regimewechsel nur politisch und damit friedlich zu erfolgen habe. Zumindest gilt dies den einschlägigen Artikeln zufolge für einen solchen in Schland. Vermutlich nicht nur für einen aus dem Innern der “ Republik“. Man möchte das neofeudale, transhumanistische, totalitäre, mindestens autoritäre Regime mit einem seltsamen Verhältnis zum Recht nur auf eine “ demokratische“ Art und Weise ausgewechselt sehen, frei nach Popper. Oder eben gar nicht. Das wirft durchaus Fragen auf und die bereits dann, wenn keine Theokratie a la Iran vorliegt. Der freiheitsorientierte Schiller z.B. hatte für die… Mehr

Gerd07
25 Tage her

„Bei der Tötung von Salvador Allende (1973) hatte die CIA ihre Finger mit im Spiel.“

Allende hat angesichts des unabwendbaren Erfolgs der Revolte gegen ihn Selbstmord begangen.

giesemann
25 Tage her
Antworten an  Gerd07

Ein Opfer des eigenen socialismo tropical.

K.Behrens
25 Tage her

Kurz vor Ostern alles nicht das Gelbe vom Ei für einen Eiertolla-Job. Immer schön der Reihe nach, er hat ja noch Brüder. Immerhin logiert der Gute nicht auf Schloss Bellevue. 

Interessant ist immer wieder, dass sich Harcore Muslime wie Modschtaba mit ansehnlichem Vermögen so gerne im gehassten Westen (bevorzugt London) medizinisch behandeln lassen. Dazu kommen Einkäufe in ganz Europa über dubiose Strohmänner, Immobilien etc. wären hier zu nennen. Man darf sich also nicht täuschen lassen, bereits Papa Chamenei suggerierte ja in einfachen Gewändern und mit abgenutzten Sandalen das schlichte einfache Leben eines zutiefst gläubigen friedlichen Herrn.

Teide
25 Tage her

In der Welt steht sinngemäß „Die Mullahs sind nicht die wahren Machthaber. Es sind die Revolutionsgarden“. Die Spatzen pfeifen von den Dächern, das die gesamte Verteidigung des Irans dezentral organisiert ist. Was bewirkt dann die Tötung des geistigen Führers, mitsamt seiner Familie, während laufender Verhandlungen? In einem islamischem Land? Wenn ich auf dem Schlachtfeld den genialen Strategen, in Form des Königs oder Häuptlings, töte, Macht das Sinn. Die Truppen kennen den Plan nicht. Die Schlacht geht verloren. Aus dem Grund wurde Napoleon verbannt. Wenn Enthauptungsschläge salonfähig sind, werden, in Zeiten billiger Drohnenschwärme, Flugreisen kribbeliger. Journalisten sollten sich überlegen, doch den… Mehr

Ortaffa
25 Tage her

Der letzte (europäische) König, der im Krieg gefallen ist, war wohl der Schwedenkönig Karl XII., der 1718 in Norwegen durch Kopfschuss starb …

Matthias
25 Tage her

Ich kann Herrn Herles da nur zustimmen. Übrigens ist ja sonst bei TE wenig zum Irankrieg zu lesen/hören. Ich empfehle Die Weltwoche, wo Roger Köppel und dem Titel: „Blitzkrieger, Blindflieger“ ein sehr gutes Editorial geschrieben hat: weltwoche.de/story/blitzkrieger-blindflieger/

Last edited 25 Tage her by Matthias