Bettina Röhl direkt: Griechenland-Wahl – Glücksfall Tsipras!

Als die Griechenlandkrise ruchbar wurde, die eine Krise des griechischen Staates, der griechischen Banken und der griechischen Wirtschaft war, entstand eine neue politische Unkultur im Land. Wie im vergangenen griechischen Wahlkampf sichtbar, stritt man sich in Athen zuletzt nur noch darum wieviel Reform man den ewigen Geldgebern aus dem Norden trotzig zubilligen sollte und mit wie wenig Reformen Griechenland auskommen würde, um seine ewige Gönner ruhig zu stellen. Also man stritt über den richtigen Weg das meiste aus Europa heraus zu holen, was irgend drin ist.

Da lag der 41.jährige Tsipras mit seinem unspezifischen Sozialismus und seiner dynamischen Jugendlichkeit voll im Trend. Er versprach, was er selber erkennbar nicht darstellen kann: Freibier für alle und vorallem für die Schwächeren. Und wie es jetzt in den Medien heißt: 1000 Euro für jeden Griechen.

Tsipras, Glücksfall der griechischen Politik

Tsipras, der Bürgerschreck? Tsipras, eine politische Gefahr? Eine Stärkung der europäischen extremen Linken? Nichts von alledem ist Realität. Tsipras hängt, ob er es will oder nicht, am finanziellen Tropf der Troika und am finanziellen Tropf der EZB in Frankfurt und der Bundesrepublik in Berlin. Von dort wird entschieden, wieviel Spielgeld Tsipras für seine Revolutionsgaudi, für seine Kamellewerferei oder für sein kleinlautes Abbittetun bei seinen Fans für reihenweise gebrochene Geldversprechungen real zur Verfügung hat oder nicht zur Verfügung hat. Natürlich weiß Tsipras das selber am besten und deswegen bleibt ihm gar nichts anderes übrig als, angesichts des hohen Erwartungsdruckes (vielleicht noch als Krakeler auftretend) sich in der Sache besonders zahm und konziliant gegenüber den Geldgebern Griechenlands zu zeigen.

Tsipras bildet unter allen griechischen Politikern die besten persönlichen Voraussetzungen die griechischen Teile der Bevölkerung, die auf Stress gebürstet sind, zu beruhigen. Gleichzeitig dürfte er der einzige griechische Politiker sein, der wenigstens einige der vielen dringend notwendigen Reformen, ein bisschen auf sozialistisch umgelabelt, im Land durchsetzen kann und durchsetzen wird, weil er weiß, dass er andernfalls zum Totalscheitern verurteilt wäre. Der unbedingte Karrierist Tsipras ist also ein Glücksfall für Griechenland und für alle, die mit Griechenland zu tun haben.

Leider ist Griechenland ökonomisch klein und dieses griechische Glück ist für Europa nur ein Tropfen auf dem heißen Eurostein. Aber Griechenland ist irgendwie zum großen Exempel in Euroland geworden. Es ist Blitzableiter, Testfeld, und Scheinschauplatz für Eurogefechte geworden, in denen Griechenland gebrüllt wird, aber in Wahrheit die Interessen der Eurogroßmächte zum Beispiel in Berlin und Paris gemeint sind. Warum in Europa so viele der wichtigen politischen Stimmen die Wahl von Tsipras befürchtet und nicht gewollt haben, erschließt sich nicht.
Und: Tsipras erweist Europa auch noch einen unschätzbaren Dienst. Er belegt empirisch die von vielen interessengesteuert bestrittene Feststellung, dass sich extrem linker Sozialismus und extrem rechter nationaler Sozialismus, wenn schon nicht gleichen wie ein Ei dem anderen dann doch einen seelenverwandten Kern haben. Stunden nach seiner Wahl präsentiert der gute Mann sein Bündnis mit der Rechtspartei, seinem wie auf den Leib geschneiderten Koalitionspartner.

Einer bürgerlichen Partei hätte ein solches Koalitionsverhalten ein lautes Mediengeschrei und ein noch lauteres Geschrei der Linksparteien eingebracht und womöglich tumultarische Proteste auf der Straße. Eine quasi-kommunistische Partei dagegen muss offensichtlich nicht den geringsten Gegenwind befürchten, wenn sie mit einer Rechtspartei ins politische Ehebett steigt. Auch dieser Koalitionscoup von Tsipras zeigt, dass er Mut und taktisches Geschick hat, in dem er alle Protestler in sein Konzept einbindet und beruhigt.

 

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