Orbán ist tot, es lebe Orbán?

Die deutschen Grünen jubeln über Orbáns Abwahl. Doch Péter Magyar ist kein progressiver Hoffnungsträger, sondern ein Fidesz-Gewächs mit geschmeidigerem Auftreten. Wer glaubt, Ungarn werde nun zum Brüsseler Musterschüler, könnte bald härter aufschlagen als die Konservativen am Wahlabend. Von Silvia Venturini

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Petr David Josek

In Brüssel knallten gestern die Korken, und in den Redaktionsstuben der deutschen Qualitätsmedien herrschte jene besondere Feierlaune, die sich einstellt, wenn wieder einmal ein „Autokrat“ vom Volk in die Schranken gewiesen wurde. Péter Magyar, der neue starke Mann in Budapest, wird gefeiert wie einst Tusk in Warschau: als Rückkehr der Vernunft, als Sieg der „Demokratie“ über den Populismus.

Doch wer genau hinsieht, erkennt in diesem Triumphzug eine köstliche Ironie. Die deutschen Grünen bejubeln einen Mann, der zwei Jahrzehnte lang das Orbán-System von innen mitaufgebaut hat. Man kennt das Phänomen aus der Oper: Im letzten Akt wechselt der Intrigant die Seiten, und das Publikum applaudiert, als hätte es die ersten drei Akte verschlafen.

Aus dem Herzen des Systems

Machtwechsel in Ungarn
EU-Favorit Magyar gewinnt in Ungarn
Wer also ist dieser Péter Magyar, dem nun die Rolle des europäischen Hoffnungsträgers zugeschrieben wird? Ein liberaler Reformer? Ein ungarischer Macron? Mitnichten. Magyar ist 45 Jahre alt, Jurist, und war bis vor kurzem tief im Fidesz-Apparat verwurzelt: Diplomat in Brüssel, gut vernetzt in den Machtzirkeln, durch seine Ehe mit der damaligen Justizministerin Judit Varga Teil der innersten Familie. Sein spektakulärer Bruch mit Orbán kam erst Anfang 2024, ausgelöst durch einen Begnadigungsskandal, der ihm die perfekte Bühne bot. Wer in der deutschen Politik nach einer Parallele sucht, könnte an den Unterschied zwischen Chrupalla und Weidel denken: verschiedene Temperamente, unterschiedliche Kommunikationsstile, aber gewachsen im selben politischen Biotop. Magyar ist kein Habeck in ungarischer Verkleidung. Er ist Orbán ohne den Verschleiß.

Genau hier liegt der Denkfehler jener, die nun den Untergang des ungarischen Konservatismus feiern. Magyar hat im Wahlkampf weder offene Grenzen versprochen noch Gender-Lehrpläne, weder EU-Migrationspakt noch Regenbogenpolitik. Seine Kampagne setzte auf drei Themen: Korruptionsbekämpfung, Korruptionsbekämpfung und nochmals Korruptionsbekämpfung. Die familienpolitischen Errungenschaften der Orbán-Ära, von Steuererleichterungen für kinderreiche Mütter bis zu Wohnbauförderungen, will er ausdrücklich beibehalten und sogar ausweiten. Die Grenzanlagen? Bleiben stehen. Die Ablehnung verpflichtender Umverteilungsquoten? Bekräftigt. Die Skepsis gegenüber einem schnellen EU-Beitritt der Ukraine? Weiterhin vorhanden.

La Methode Meloni

Was Magyar von Orbán unterscheidet, ist nicht die Substanz, sondern die Taktik. Und hier zeigt sich eine bemerkenswerte Parallele zu einer anderen Politikerin, die man in Brüssel einst mit ähnlichem Misstrauen betrachtete: Giorgia Meloni. Auch sie kam aus einem Milieu, das der europäische Mainstream für unzivilisiert hielt. Auch sie versprach, das System zu sprengen. Und auch sie entschied sich, einmal an der Macht, für den Weg der rhetorischen Mäßigung bei gleichzeitiger Wahrung der Kernsubstanz.

DER PODCAST AM MORGEN
Wecker Spezial: Wahlhammer in Budapest – TE-Wecker am 13. April 2026
Es ist kein Zufall, dass beide einer anderen Generation angehören als ihre Vorgänger. Orbán, Jahrgang 1963, entstammt noch jener Kohorte, die im Kalten Krieg sozialisiert wurde und Politik als Glaubenskampf begreift: Hier die Guten, dort die Bösen, und Kompromisse sind Verrat. Magyar und Meloni hingegen, beide Mitte vierzig, haben ihre politische Prägung in einer Welt erhalten, in der Ideologien – wenn es nicht gerade um Ananas auf der Pizza geht – bereits als Verhandlungsmasse galten.

Chi vuol vincere deve saper perdere, sagt man in Italien: Wer siegen will, muss verlieren können. Die jüngere Generation hat begriffen, dass man in Brüssel keine Schlachten gewinnt, indem man mit gezücktem Schwert auf die Barrikaden steigt. Man gewinnt sie, indem man am Verhandlungstisch sitzt, während die anderen noch ihre Fahnen schwenken. Das ist weniger heroisch, gewiss. Aber es führt zu Ergebnissen. Orbán wollte in der Öffentlichkeit den Heldentod mit hehren Idealen auf den Lippen sterben. Magyar will leben und dabei gewinnen.

18 Milliarden Gründe

Die wahre Pointe des ungarischen Machtwechsels liegt darin, dass Magyar womöglich cleverer ist als seine neuen Bewunderer in Brüssel. Auf dem Tisch liegen rund 18 Milliarden Euro an eingefrorenen EU-Geldern, die unter dem Stichwort „Rechtsstaatlichkeit“ zurückgehalten wurden.

Ein kluger Politiker holt dieses Geld ab. Er gibt sich konziliant, spricht von Neuanfang und Partnerschaft, lässt einige symbolische Gesten in Richtung Brüssel erkennen. Aber er verkauft dafür nicht seine Seele und schon gar nicht die Interessen seines Landes. Meloni hat vorgemacht, wie das geht: Italien bekommt seine EU-Milliarden, ohne dass Rom zur Außenstelle des Berliner Kanzleramts geworden wäre.

Der kommende Kater

Die eigentliche Enttäuschung steht also nicht den Konservativen bevor, sondern jenen, die nun glauben, Ungarn werde sich in einen braven Musterschüler der Brüsseler Wertegemeinschaft verwandeln. Wenn Magyar in zwei Jahren noch immer keine Regenbogenflaggen über dem Parlamentsgebäude hissen lässt, wenn die Grenzzäune noch stehen und die Familienförderung weiter fließt, wenn Budapest zwar freundlicher mit Brüssel redet, aber bei entscheidenden Abstimmungen weiterhin eigene Wege geht, dann wird der Kater bei den deutschen Grünen beträchtlich sein. Ihr Aufschlagen auf dem Boden der Realität könnte härter ausfallen als der konservative Schock vom Wahlsonntag.

Vielleicht hat Ungarn am 12. April gar nicht den Konservatismus abgewählt, sondern nur dessen Ermüdungserscheinungen. Sechzehn Jahre sind eine lange Zeit, und Macht korrumpiert, auch wenn sie mit den besten Absichten antritt. Orbáns System war am Ende nicht mehr an seinen Idealen gescheitert, sondern an deren schleichender Aushöhlung durch Patronage und Selbstgefälligkeit.

Magyar bietet nun die Chance, dieselben Ziele mit frischerem Personal und geschmeidigeren Methoden zu verfolgen. Ob er diese Chance nutzt oder doch zum Vollstrecker Brüsseler Wünsche wird, entscheidet sich nicht in Talkshows, sondern in den kommenden Haushaltsverhandlungen und Abstimmungen. Bis dahin täten die Konservativen gut daran, ihren Pessimismus zu zügeln. Und die Progressiven ihren Optimismus.

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Kommentare ( 22 )

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bkkopp
14 Minuten her

Kompliment ! Dies scheint mir der sachlichste Beitrag zum Thema zu sein, den man weit und breit lesen kann.

littlepaullittle
18 Minuten her

Danke für Ihren Blickwinkel, der viele Argumente für mehr Hoffnung gibt.
Eine (eher unwahrscheinliche) Theorie besagt sogar, dass Viktor Orban den neuen Präsidenten selbst als seinen „Thronfolger“ installiert hat, da wenig Nachkommen aus eigenem Hause absehbar waren. Sehr viele inhaltliche Übereinstimmungen zwischen Magyar und Orban.
Auch zu Russland hat Herr Magyar wohl eine sehr pragmatische Beziehung („bald Gespräche führen“ und „Druzba pipeline muss frei sein“).
Es wird ein give-and-take zwischen Brüssel und Hungary-first.

AmitO
19 Minuten her

Na, das 90 Mrd Darlehen für den nicht-EU Kleptostaat winkt er ja offenbar locker durch. Dann kann das fröhliche Sterben in der Ukraine ja weitergehen. Puh nochmal Glück gehabt. Nachher hätte der Russe noch angegriffen bevor die deutsche Superfregatte fertig geworden wäre!
Wer sich übrigens wundert, woher die Kohle aus dem Darlehen kommt, der brauch nur vor die Tür und auf die Straßen gucken.
Übrigens wird das Darlehen auch nie zurückgezahlt, da dafür die Ukraine gewinnen müsste, was ausgeschlossen ist.

Haba Orwell
20 Minuten her

Böses Medium heute: „Orbáns Niederlage: Ungarn wendet sich von Russland ab“ > „… Das Datum der Wahl war zudem nicht gerade günstig für Orbán und seine Fidesz-Partei. Der Wahlkampf fiel mitten in die Zeit des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran, der unter großen Menschenrechtsverletzungen der Angreifer geführt wurde. Orbán ist traditionell ein großer Israel-Freund. Im Jahr 2025 weigerte er sich, bei einem Ungarn-Besuch Benjamin Netanjahus den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vollstrecken zu lassen. Und auch die Unterstützung durch die Trump-Administration im Wahlkampf (Vizepräsident JD Vance war zum Endspurt extra noch nach Ungarn gereist) dürfte Orbán kompromittiert haben. …“ Etwas, was… Mehr

rainer erich
22 Minuten her

Wir werden es sehen. Natürlich ist an Meloni zu denken , an ein Modell, in dem man bei gewissen nationalen Sonderregelungen trotzallem das Maximum an Alimentation , finanziert von Schland, herausholt. Orban scheint es auch, aber nicht nur um Ungarn gegangen zu sein, er holte etwas weiter so. Dieses „Ausholen“ fand die Kamarilla der EU natürlich etwas störend , deutlich störender als das, was Meloni betreibt. Wenn es den Italienern gefällt, so what. Als Bürger des Alimentators gefielen mir die Ansätze Orbans besser, obwohl auch er selbstredend nicht konsequent agierte. Die Unbeliebtheit der AfD in diversen “ konservativen“ Lagern, namentlich… Mehr

Harry Charles
25 Minuten her

AFD UND ALFA Um es kurz zu machen: ich bin AfD-Mitglied, seit über 6 Jahren. Das war ich nicht immer. Die erste, aber zugleich einzige Partei, in der ich davor war, war die ALFA („Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ [ein, wie ich bis heute finde, genialer Name und für sich schon Programm]), in die ich im Juli 2015 eingetreten bin, unmittelbar nach ihrer Gründung. Bundesvorsitzender war Bernd Lucke; zuvor AfD-Bundesvorsitzender, wurde er von einer gewissen Frauke Petry auf dem damals bekannt/berüchtigten „Essener Parteitag“, na ich nenne es mal „rausmanövriert“. Er und seine Anhänger haben dann die ALFA gegründet, der ich… Mehr

Last edited 15 Minuten her by Harry Charles
Spyderco
29 Minuten her

,,Wer glaubt, Ungarn werde nun zum Brüsseler Musterschüler, könnte bald härter aufschlagen als die Konservativen am Wahlabend.“

Warum fällt mir spontan,,Links ist vorbei!“ein?🤔

PK110
31 Minuten her

In den letzten Tagen wurde oft gesagt, das Orban für den Niedergang der ungarischen Wirtschaft verantwortlich sei. Mag sein.
Nur, wer ist dann für den Niedergang der deutschen Wirtscfaft verantwortlich?
Zahlreiche deutsche Firmen haben in letzter Zeit in Ungarn investiert, entgegen aller Warnungen vor diesem Autokraten

hoho
15 Minuten her
Antworten an  PK110

Ich denke ich kann hier bei der Antwort auf Ihre Frage helfen: für den Niedergang der deutschen Wirtschaft ist auch Orban verantwortlich. Und selbstverständlich Putin mit Donnie dem Ehrlichen.

Logiker
32 Minuten her

Magyar verkündete nach dem Wahlsieg unter Beifall:

„Wir haben uns unser Land zurückgeholt“.

Da wird mit EU und Migration nicht viel passieren, denn sonst wäre das Land weg. D
enn die Ungarn haben ein zig-fach höheren Nationalstolz als die Deutschen Trantüten. Die lassen sich nicht verars…en – vor und nach der Wahl. Auch wieder im Gegensatz zum sedierten (west-)deutschen Michel.

Last edited 30 Minuten her by Logiker
Mike76
36 Minuten her

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, dass Victor Orban so verschmitzt in die Kamera lächelte, als er seinem Nachfolger zum Wahlerfolg gratulierte.

Last edited 34 Minuten her by Mike76