Ungarn wählt – es ist eine Entscheidung über Lebensgefühl

Ungarn ist ein kleines Land - aber die Wahl hat europaweite Auswirkung: Ungarn blockiert als eines der letzten Länder die Zentralisierung der EU und die Konzentration der Alleinentscheidungsmacht Brüssel - und noch dazu die EU-Liebesehe mit der Ukraine. Und es ist eine Entscheidung über den Lebensstil.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Denes Erdos

Rekordwahlbeteiligung in Ungarn: Bereits 66% beträgt sie um 15 Uhr. Aber völlig unklar: Wer profitiert – Ministerpräsident Victor Orbán und seine Fidesz-Partei oder Péter Magyar, Ex-Fidesz-Funktionär und Ex-Ehemann der Fidesz-Justizministerin?

Inhaltlich ist Magyars „Tisza“-Partei gar nicht so weit von Orbán entfernt. Außer außenpolitisch, da Magyar in Treue fest zur EU und ihrem Ukraine-Kurs steht. Ansonsten will Magyar die Sozialleistungen erhöhen UND die Steuern senken UND das Haushaltsdefizit reduzieren – das klappt im Ansatz nur mit Milliarden aus Brüssel für Wohlverhalten.

Die bisherigen linken Parteien hat Magyar integriert. Vorerst. Das flache Land wählt Orbán; die Großstadt Budapest ist in der Hand der Opposition. Drei Prozentpunkte höher ist die Wahlbeteiligung in Budapest. Aber Ungarn hat ein Direktwahlsystem – Orbáns alte Schlachtrösser als Direktkandidaten oder die noch Unbekannten von Magyar?

Die Wahlprognosen der Umfrageinstitute sind absolut wertlos, kommen zu komplett gegensätzlichen Ergebnissen und sind erkennbar am jeweiligen Auftraggeber orientiert. Im Ergebnis geht es nicht um einen Links- oder Rechtskurs – sondern um die Frage: Mehr EU und Nähe zur Ukraine – oder Kritik am Brüsseler Zentralisierungskurs, der auch als Disziplinierung im Sinne der EU-Kommission verstanden werden kann, verbunden mit einer ausgeprägten Nähe zu Trump und den USA.

In der Woche vor der Wahl trat US-Vizepräsident J.D. Vance noch als Wahlkampfhelfer für Orbán auf, während die EU mit dem Entzug von Milliarden aus den diversen Subventionstöpfen drohte, sollte Orbán seinen Widerstand gegen den Ukraine-Beitrtitt nicht aufgeben und die weitere Unterstützung in Höhe von 90 Milliarden blockieren, da dies der Einstimmigkeitsregel unterliegt. Es geht um die Versorgung des Landes mit Öl, nachdem offensichtlich die Ukraine auch diese Pipeline der stört hat und der Ersatz aus Kroatien verhindert wurde.

Wirtschaftlich hat Ungarn ungeheuer gewonnen in den letzten Jahren; Mercedes und BMW errichten gewaltige Werke; deutsche Zulieferer umgeben die Werke mit ihren Anlagen. Allein der bayerische Elektronik-Konzern Rosenberger beschäftigt über 2.000 Mitarbeiter und verlagert seine Fabrik noch näher an diese Hauptabnehmer.

Und dann ist da noch die Personen-Frage: Orbán dominiert persönlich die Politik des Landes. 16 Jahre regiert er das Land, bei kaum 10 Millionen Einwohnern ist er fast übermächtig. Zweifellos sind ihm viele überdrüssig.

Sein betont konservativer Kurs scheint das Land kulturell von der EU abzuschneiden; begehrenswert erscheint für jüngere Wähler die Regenbogen-Ideologie mit sexueller Vielfalt und LGBTQ+-Getue. Man möchte Teil der westlichen Regenbogengesellschaft sein, nicht weiterhin verbunden mit Werten wie Familie und Tradition.

Orbáns Wähler sind jenseits der 60, sein Herausforderer lockt die Jungen. Die Konfliktbereitschaft, die Orbán eher demonstriert als konkret verfolgt, wird als Isolationskurs wahrgenommen. Dass Orbán die Massenmigration verhindert hat, die ansonsten in Westeuropa zu sozialen und kulturellen Verwerfungen und in Deutschland zur Zerstörung des Sozialstaats geführt hat – diese Gefahr wird in Budapests Bars und Szene-Lokalen eher als Bereicherung wahrgenommen.

Es ist eine Wahl, die nach Lebensgefühl entschieden wird und einem Traum folgt, dass Ungarn Teil der kulturell rotgrün-dominierten EU werden soll, gepampert aus den als unerschöpflich wahrgenommenen Kassen der Union. Damit ist es auch ein Generationenbruch und erklärt die dramatischen Unterschiede von Stadt- und Landregionen: Auf dem Land gehen die Uhren anders; in der Stadt locken die wuchernden NGOs, Behörden und Kommissionen des modernen multinationalen Politik-Business mit seinem Anspruch, die Landbevölkerung zu erziehen und in die große Transformation zu führen.

Dabei ist Ungarn wirtschaftlich aber neuerdings in einer schwierigen Lage: Es hängt an der deutschen Auto-Industrie, und die verendet gerade. Mehr noch: In Ungarn wurden die Batteriewerke errichtet und die Produktion von E-Mobilitäts-Komponenten. Beide Segmente laufen schlecht und ziehen auch die einheimischen Zulieferer in der Kette mit nach unten. Orbán wird zum Merz-Opfer.

Und trotzdem ist es auch eine Wahl der neuen Mittelschicht, die ihren Wohlstand für garantiert hinnimmt und mit Transformations-Hoffnungen, wie sie die EU verspricht. Die Wahlergebnisse werden nicht vor Mitternacht vorliegen. Wird es knapp, kann es noch Tage dauern, bis die letzte Stimme ausgezählt ist.

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Kommentare ( 51 )

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Berlindiesel
1 Monat her

Roland Tichy dürfte die krachende Niederlage Orbáns vorausgesehen haben. Neben den von ihm beschriebenen Effekten, nach dem Tiktok und Netflix eben auch in Ungarn ihre Wirkung vor allem bei jungen Frauen entfalten, ist es eben auch die Fidesz immer innewohnende Schwäche gewesen, in erster Linie kein Projekt zur Bewahrung Ungarns vor der Linksversiffung zu sein (das war immer populistischer Tand) sondern um den Orbán-Clan stinkreich zu machen. Operation gelungen, Patient Ungarn tot. Wie oft hatte ich hier massenweise Downlikes verblendeter Putin-Fanboys, die in Orbàn etwas sahen, was er nie war. Hätte er nur ein Wort von dem, was er immer… Mehr

Turnvater
1 Monat her
Antworten an  Berlindiesel

„…sondern um den Orbán-Clan stinkreich zu machen.“

Gibt es dazu auch irgendwelche Beweise?

Maunzz
1 Monat her

„Frage: Mehr EU und Nähe zur Ukraine – oder Kritik am Brüsseler Zentralisierungskurs…“ – Richtig ist die Frage: Mehr oder weniger Russland. Und da hat die Mehrheit der Ungaren eine klare und stolze nationalbewusste Haltung – weg von Russlands Einfluss, egal wohin.

Manfred_Hbg
1 Monat her

Seit 22h ist z.Bsp bei ntv zu hören und sehen, dass Orbán und seine Fidesz die Wahl verloren hat und das Orbán höchstselbst Péter Magyar zum Wahl-Gewinn gratuliert hat. Da werden wohl im grünwoken EU-Brüssel und bei den Leyen’schen Pseudodemokraten die Jubel-Stürme ausgebrochen sein und die Sektkorken geknallt haben. – – – – – Und wenn hier im Artikel unter anderem auch geschrieben steht, dass sich der nun wohl neue ungarische Reg.-Chef, Péter Magyar, außer in der Außenpolitik gar nicht so sehr von Orbán unterscheiden soll, dann bin ich hier vor allem am hoffen, dass das dann auch auf das… Mehr

Stuttgarterin
1 Monat her

Relevant dürfte für die Wähler gewesen sein, wie sich ihre Lebenssituation darstellt, die letztlich im Wechselbezug zur Korruption steht und sich auch am sozial möglichen Aufstieg misst. Und die wurde eben immer schlechter.
Peter Magyar ist vom Ursprung her ein konservativer Politiker, mit Rückenstärkung aufgrund seiner familiären Herkunft, aber sicher auch in Abhängigkeit von den Sozialisten.
Dennoch: Ungarn bleibt konservativ, was ebenso eine Aussage ist.
Orbán hat es überzogen mit seiner Gleichschaltung aller öffentlichen Einrichtungen und einseitiger Bevorzugungen. Es ist für Ungarn genauso notwendig, ihn nach 16 Jahren loszuwerden, wie es für Deutschland mit Merkel war.

MarcusPorciusCato
1 Monat her

Magyar wird sich für die Unterstützung aus Brüssel und den meisten europ. Hauptstädten erkenntlich zeigen müssen und die Milliarden für den korrupten, drogenabhängigen Z. freigeben.
Würde er jedoch mit der konservativen, nationalen Politik Orbans brechen, würde er zur Eintagsfliege!
Es wird sich nicht viel ändern! Die Freude der Linken über den Wahlsieg ist unangebracht. Für die EU ist das ein Pyrrhussieg mit hohen Folgekosten!

Diogenes
1 Monat her

„Ceterum censeo „EU“ esse delendam“!

(Das ist Latein, für die die in unserem dekadenten Schulsystem nicht mehr die Chance bekamen, diese klare Sprache zu erlernen).

Haba Orwell
1 Monat her

> begehrenswert erscheint für jüngere Wähler die Regenbogen-Ideologie mit sexueller Vielfalt und LGBTQ+-Getue. Man möchte Teil der westlichen Regenbogengesellschaft sein

Laut Nachrichten wollen die tatsächlich so ein Gefühl – und etliche Dysotopien mit im Paket. Wie doof kann man eigentlich sein? Slowakei, Tschechien und letztes Jahr Polen gingen in die andere Richtung.

Autour
1 Monat her

Aus einem „Kopf an Kopf“ Rennen wird jetzt sogar ne 2/3 Mehrheit für den Partyprinzen… klar ! Und das soll alles mit rechten Dingen zugehen … ich lach mich schlapp…

Schwabenwilli
1 Monat her

Die ganzen Rentner die vor den Zuständen in Deutschland geflüchtet sind werden nun von der EU eingeholt. Furchtbar für diese Menschen, man dachte im Alter in Sicherheit zu sein.
Länder außerhalb der EU werden daher immer attraktiver.

Ungarn wird nicht nur die Grenzen für Flüchtlinge fürs eigene Land öffnen, auch die Durchgangsroute nach Deutschland hat ein Scheunentor mehr offen.

Ja, das war jetzt eigentlich wirklich und endgültig, immer wieder hat man gedacht es wird besser, nein es wird immer schlimmer, jetzt muss man wirklich die Reißleine ziehen.

Konservativer2
1 Monat her

In meinen Augen sind wir mit dem spätabends abzusehen den Wahlergebnis einem bewaffneten Konflikt mit Russland einen riesigen Schritt nähergekommen.