Nach 33 Jahren wieder Campione d’Italia: In Neapel brechen alle Dämme

33 Jahre nach dem letzten Meistertitel zollen auch die abgehängten Topfavoriten aus dem hohen Norden, nämlich die ‚Vecchia Signora‘ und Rekordmeister Juventus Turin, der AC Milan sowie Inter Mailand den Neapolitanern ihren ganzen Respekt.

IMAGO / LaPresse
Fans feiern in Neapel die Meisterschaft, 5. Mai 2023

Man könnte auch sagen, der Vesuv ist ausgebrochen. Hell erleuchtet der späte Abend bis weit nach Mitternacht, rote und orangefarbene, aber auch blau-weiße bengalische Sprühfeuer vernebelten das Stadion in Udine, wo die SSC Napoli ein 1:1-Unentschieden bereits reichte, um die italienische Meisterschaft, den Scudetto (Annäher auf dem kommenden Trikot und Trophäe in den italienischen Farben), unter Dach und Fach zu bringen.

Fünf Spieltage sind zwar noch zu absolvieren, aber die Fußballerische Sportgesellschaft, SSC Neapel, ist nimmer einzuholen. Das nennt man souverän. Und dieses Mal, 33 Jahre nach dem letzten Meistertitel, zollen auch die abgehängten Topfavoriten aus dem hohen Norden, nämlich die ‚Vecchia Signora‘, alte Dame, sowie Rekordmeister Juventus Turin, der AC Milan und Inter Mailand den Neapolitanern ihren ganzen Respekt. Vorbei die arroganten Zeiten von einst, als die norditalienischen Sport-Gazzetten mit einem Anflug von Ressentiments noch titelten: „Nordafrika gewinnt die Meisterschaft“.

Der Weg zum Meistertitel war lang und steinig, aber steter Tropfen höhlt den Stein, die Stadt lebt Fußball wohl wie keine andere, die SSC-Fans, Tifosi in Italien wie die Immigranten im Ausland, würden für ihre Squadra di Napoli sterben. Für ihre Stadt sowieso. Neapel sehen und sterben eben. Auch als Juve-Sympathisant und Schreiber dieser Geschichte muss ich gestehen, Hafen und Golf Neapel hält einen in Atem. Und der Fußball ist das Lebenselixier dieser Stadt.

Das Match in Udine verfolgten dann auch über 60.000 Zuschauer, Fans und ganze Familien im ‚Stadio Diego Armando Maradona‘, wo unmittelbar nach dem Schlusspfiff alle Dämme brachen. Raketen und Bengalos, Silvester im Mai. In der Stadt herrschte weit nach Mitternacht noch Chaos, der Verkehr stillgelegt, aber auch das ist Neapel pur.

Napoli ohne Diego Maradona, der argentinischen Legende und Weltmeister? Nicht auszudenken. Maradona, dessen Tod bis heute betrauert wird, wachte über diesen SSC Napoli. Da sind sich alle Tifosi einig. Maradona, ob als Statuetten, Handpuppen oder auf den großflächigen Wänden, den Murales (eine Attraktion für jeden Touristen), ist in Napoli omnipräsent. Maradona ein Argentinier? Nein, eher ein Neapolitaner, von den Fans und der Stadt längst adoptiert. Unvergessen, als die Stadt und Fans bei der heimischen Weltmeisterschaft 1990 ausgerechnet im Halbfinale gegen Argentinien ihrem Maradona und nicht den Azzurri die Daumen drückten. Wir erinnern uns, Deutschland wurde später gegen Argentinien Weltmeister. Tempi passati.

Wie ist denn das kleine Wunder der Serie A nun zu bewerten? Mit Chefcoach Luciano Spalletti, der auch Erfolge in Russland mit St. Petersburg feierte und davor die AS Roma wiederholt in die Champions League brachte, sorgte ein Mann endlich für ein Teamkollektiv auf und neben dem Platz. Einen weiteren Maradona gab es wohl nicht, aber hungrige Talente und Spieler, die es allen zeigen wollten. Intelligent und mit vollem Einsatz setzten sie ‚Mister‘ Spallettis System um, das auf eine geordnete Abwehr und viel Laufarbeit baut.

Die Idole und Rekordtorschützen Lorenzo Insigne und der Belgier Dries Mertens mussten wohl tatsächlich erst für diesen Riesenerfolg Platz machen. Spalletti, der bei aller Euphorie sachlich und demütig blieb, meinte, er habe auf der Arbeit von Maurizio Sarri (jetzt Lazio Rom) sowie Carlo Ancelotti (Real Madrid) aufgebaut. Und wer schoss die Tore? Da wäre Victor Osimhen, der Maskenmann aus Nigeria, der nach einer Verletzung seinen Carbonschutz als Glückbringer weiterhin wie eine Brille aufzog und einst beim VfL Wolfsburg als ‚untauglich‘ weitertransferiert wurde. Osimhen, so Experten, sei noch ein größerer Allrounder im Angriff als Erling Haaland. Dann wäre da noch der Mittelfeldmann und Stürmer aus Georgien, Chwitscha Kwarazchelia. Wer kannte den schon? Über zehn Tore steuerte auch er bei. Trickreich wie ein, nun ja argentinischer Rastelli.

Ohne Geld, ja Millionen, kam auch der neue italienische Meister Napoli nicht aus. Team und Staff kosten. Der Präsident und Mäzen, Aurelio de Laurentiis, ein gebürtiger Römer, aber Wahlneapolitaner liebt seine SSC. Der graumelierte Presidente, 73, machte ein Vermögen als Filmproduzent und Aufkäufer alter Schinken. Kurz, Aurelio de Laurentiis verkauft Träume. Und schon vor der Entscheidung von Udine meinte er auf dem Pressepodium ganz trocken: „Unser Erfolg ist auch ein Erfolg über den gekauften Fußball. Wir haben immer solide und ehrlich gewirtschaftet …“, ein Bodycheck gegen Juventus Turin, dem erst 15 Punkte ab- und dann wieder anerkannt wurden – finanzielle Ungereimtheiten, Bilanztricksereien en passant.

Der Fußball lässt auch die Politik in Italien nie kalt. Vize-Premier Matteo Salvini, bekennender AC Milan-Fan und eifriger Stadionbesucher, gratulierte der SSC und allen Fans zur „überverdienten Meisterschaft, dem Scudetto“, und Neapels Bürgermeister, der parteilose Gaetano Manfredi, vor Jahren auch schon Minister für Forschung, hob die Stadt durch den Erfolg aufs neue Siegerpodest:
„Es ist auch ein Sieg der Menschen hier. Der gelebte Erfolg einer weltoffenen Stadt …“, zudem ein Beispiel für die Menschen im Süden. Endlich andere Schlagzeilen als nur Erdbeben, Müll und die Camorra, die Mafia am Vesuv. Mit Teamgeist schaffe man alles.

Das denkt auch Trainer Spalletti. In der Champions League wolle man wieder weit kommen. Nein, am besten gleich gewinnen, sagt Präsident und Filmemacher De Laurentiis. Für die Träume, ist er natürlich zuständig. Und träumen tun sie in Neapel gern.

TE-Autor Giovanni Deriu ist Kenner der italienischen Serie A, beobachtet und analysiert diese seit über 30 Jahren.

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Kommentare ( 2 )

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Roland Mueller
1 Jahr her

Bei der Siegesfeier in Neapel gab es auch einen Toten und drei Verletzte wegen einer Schiesserei.

Last edited 1 Jahr her by Roland Mueller
powerage
1 Jahr her
Antworten an  Roland Mueller

Ist nicht böse gemeint, aber sie sind ein Medienopfer der grottenschlechten MSM geworden. Die Schiesserei hatte nichts mit Fussball zu tun, sondern spielte sich im Drogen- bzw.Kriminellenmillieu ab. Man kann heute überhaupt nichts mehr für bare Münze nehmenen was uns die MSM so forsetzen, mir fallen auch bei unverfänglichen Themen immer mehr haarstreubende Fehler oder Unwahrheiten in der Berichterstattung auf.