Plant die französische Armee einen Putsch? Verdächtigungen nach Offiziers-Appell

Nach der Warnung der ehemaligen Generäle vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen und einer möglichen Intervention der Armee droht Generalstabschef Lecointre mit Konsequenzen. Kritiker werfen den Generälen sogar Putsch-Absichten vor.

IMAGO / PanoramiC
Generalstabschef François Lecointre

Der Appell der mehr als tausend französischen Militärs, darunter rund 20 pensionierte Generäle, hat eine explosive Reaktion der Regierung hervorgerufen. In einem Gastbeitrag für das rechtsnationale Wochenblatt Valeurs actuelles hatten die Soldaten unter anderem vor der Gefahr des Islamismus, vor »Horden aus den Vorstädten« und dem drohenden »Zerfall« Frankreichs gewarnt.

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Die Ministerin der Streitkräfte, Florence Parly, hatte sogleich Sanktionen gegen aktive Soldaten und Reservisten angekündigt, die den Aufruf unterzeichnet hatten. Das steht in einem gewissen Gegensatz zur Regierungslinie, die sich sonst gern Härte gegen den sogenannten »Separatismus« auf die Fahnen schreibt. Jüngst versuchten Kabinettsmitglieder wie der Innenminister Gérald Darmanin gar Marine Le Pen an Entschiedenheit zu übertreffen.

Nun meldete sich der Chef des französischen Generalstabs zu Wort. Der Infanteriegeneral François Lecointre sprach sich am Donnerstag im Gespräch mit der Tageszeitung Le Parisien für eine »endgültige« Pensionierung der Offiziere unter den Appell-Unterzeichnern aus und kommt damit den Forderungen seiner Ministerin nach. Jeder der unterzeichnenden Generäle werde sich einem hohen Militärrat stellen müssen. Am Ende könnte dann Präsident Macron ihre »Streichung« durch einen Erlass definitiv machen.

Laut Lecointre haben 18 aktive Militärs, davon vier Offiziere, den Aufruf unterzeichnet. Ihnen allen drohen nun Disziplinarstrafen, die Lecointre nach militärischem Rang staffeln will: Härter für Ranghöhere, nachsichtiger für Rangniedere.

Das »unpassende Phantasma eines Putsches«

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Merkwürdig wird es, wenn Lecointre zur Sache spricht, aber da ist wohl etwas professionelles Understatement im Spiel. Für Lecointre ist der Appell selbst »nicht von großem Interesse«. Allerdings sei die Neutralität der Streitkräfte für ihn essentiell. Der Appell der Generäle spiegele in nichts den »Geist der Armee«. Diese sei eine republikanische Institution und der Politik entzogen. Übrigens sei sie, entgegen der Phantasmen einiger, sehr »vielfältig« in ihrem Inneren. Nichts anderes schrieben die Autoren in ihrem Appell. Offensichtlich artikuliert sich so die Sorge des Generalstabschefs, die Armee als ganze könnte von »Rechten« unterwandert sein – ein beliebter Topos auch hierzulande.

Für Lecointre handelt es sich zuletzt um den Versuch einer Manipulation der gesamten Armee. Äußern dürften sich die Unterzeichner zwar schon, aber sie sollten dabei nicht ihren militärischen Rang in den Vordergrund stellen. Besonders schockiert zeigt sich der Generalstabschef von den an die aktiven Soldaten gerichteten Worten. »Das Phantasma eines Putsches erscheint mir unpassend. Es gibt nicht die geringste Versuchung dieser Art«, sagte Lecointre laut der Tageszeitung Ouest-France.

In verschiedenen Medienberichten war zuvor über die Idee eines Militärputsches gemutmaßt worden, den die Generäle und anderen Militärs vielleicht zwischen den Zeilen insinuiert hätten. Die Passagen, die so ausgelegt wurden, mögen missverständlich sein. Die Verfasser bemühen sich darin aufzuzeigen, was passieren könnte, wenn der französische Staat sich den von ihnen aufgezeigten Problemen nicht nachhaltig stellt. Hier noch einmal der Text: »Wenn nichts unternommen wird, wird sich die Laxheit unabwendbar in der Gesellschaft ausbreiten und am Ende eine Explosion und das Eingreifen unserer aktiven Kameraden hervorrufen, die sich damit auf eine gefahrvolle Mission begeben würden, um unsere zivilisatorischen Werte zu schützen und für die Sicherheit unserer Landsleute auf dem nationalen Territorium zu sorgen.«

Emmanuel de Richoufftz, einst als »Général des banlieues« bekannt geworden, hatte sofort nach Erscheinen des Appells jeden Gedanken an einen Putschaufruf zu zerstreuen gesucht. Es handele sich doch um einen offenen Brief. Man rufe ja nicht über eine Nachrichtenwebsite zum Aufstand auf.

Vielleicht doch ein politischer Aufruf?

Einigen der Unterzeichner werden dennoch Verbindungen zur politischen Rechten vorgeworfen. So wurde Christian Piquemal, der ehemalige Kommandeur der Fremdenlegion, 2016 wegen einer nicht ordnungsgemäß durchgeführten PEGIDA-Demonstration in Calais verhaftet, angeklagt und freigesprochen. Sein Name wurde seitdem bereits von der Reserveliste der französischen Armee gestrichen.

Auch der ehemalige General Antoine Martinez, der unter anderem die Bewegung »Volontaires pour la France« mit gründete, ist eine durchaus politische Stimme. In einem Fernsehgespräch sagte er nun, dass er zwar als Reservegeneral bestimmte Pflichten habe, aber darüber hinaus seit seiner Pensionierung ein freier Bürger sei – so, wie er es auch als aktiver General war. Der gemeinsam veröffentlichte Appell sei ein »Alarmruf«. Man habe nicht über die Strategie der Armee oder über Heeresgeheimnisse gesprochen. Mit anderen Worten: Keine Putschgefahr von hier. Wohl aber die Möglichkeit einer Kandidatur um das Amt des Präsidenten. Ein großer General lässt grüßen. Martinez wirbt in seinem Twitter-Account auch für eine Unterschriftenaktion zugunsten des Appells.

Doch der Journalist Thomas Legrand sah im privaten Nachrichtensender BFM TV sehr wohl die Gefahr eines Putsches, die Generäle hätten sich zu Unrecht Gedanken über ein mögliches Eingreifen der Armee gemacht: »Das kommt ihnen nicht zu! Sie haben das nicht zu entscheiden! Sie haben zu schweigen und zu gehorchen, das ist ihr Beruf.«

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Weiter ging auch die Debatte auf der politischen Szene des Landes: Premierminister Jean Castex (Les Républicains) warf Marine Le Pen, der Vorsitzenden des Rassemblement National (RN), vor, den Appell politisch zu instrumentalisieren. Der Appell an sich sei natürlich »unseren republikanischen Prinzipien entgegengesetzt«, so der Konservative Castex. Diese Generäle stünden »nur für sich selbst«, sonst für niemanden, jedenfalls nicht für die Armee, der sie doch als Reservisten angehören.

Der vermutliche Initiator des Briefs, der Gendarmerie-Offizier Jean-Pierre Fabre-Bernadac hatte sich sofort nach der Wortmeldung Marine Le Pens gegen eine politische Vereinnahmung des Appells gewehrt. Wie auch immer, diese wahre »Explosion« der Regierungsmitteilungen ist sicher nicht ganz das, was die Unterzeichner sich erhofft haben. Vielleicht ist es dennoch auf eine untergründige Weise in ihrem Sinne, zumal im Zuge der Debatte auch einige der Generäle im Fernsehen zu ihren Auffassungen befragt wurden.

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Kommentare ( 58 )

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Karamba
4 Tage her

Über Jahrzehnte dominierte in den westeuropäischen Staaten, trotz diverser „Meinungsunterschiede“, die Gemeinsamkeit in den Interessen. Reiche wurden noch reicher, bei entsprechender eigener Leistungsbereitschaft konnte aber auch nahezu fast jeder Leistungswillige sozial aufsteigen. Dies hat die Gesellschaft vorangebracht und letztendlich auch den Sieg über den Ostblock begründet. Diese Gemeinsamkeit zwischen den Interessengruppen ist verloren gegangen. Freiwillige Leistungserbringung ist nahezu ein Stigma geworden, der typische Bürger wird diskreditiert, Vernunft ist einer imaginären, nicht materiell untersetzten „Haltung“ gewichen. Ich prophezeie, dies wird zu einem Crash der Interessengruppen führen. Wie und in welcher Form, will ich mir garnicht vorstellen. Die Warnung der französischen Militärs… Mehr

Schwabenwilli
1 Tag her
Antworten an  Karamba

Tja, sie haben wohl recht. Dieser Crash der Interessengruppen ist doch schon heute überall fühlbar. Freiwillige Leistungserbringung wird in der heutigen Zeit doch gleichgesetzt mit nützlicher Idiot.

Wilhelm Roepke
4 Tage her

Das ist die letzte Chance für die französische Politik. Wenn sie jetzt nicht zuhört, zerfällt der Staat. Dabei braucht gar niemand putschen. Die Kündigung oder den Antrag auf Frühpension einreichen genügt. Wer soll die politische Kaste dann schützen, wenn die Imame die reale Macht übernehmen? Ich würde es als Franzose dann nicht tun.

Endlich Frei
4 Tage her

„Horden aus den Vorstädten“
Die meinen doch nicht etwa „und-ich-freu-mich-darauf“-Wohnviertel, wie sie neuerdings bei uns durch die Post aus Sicherheitsgründen nicht mehr beliefert werden?

Epouvantail du Neckar
4 Tage her

In Michel Houellebecqs Dystopie-Roman „Soumission“ fällt auch die glorreiche französische Armee zusammen wie ein nasser Sack.

DELO
5 Tage her

Der Brief der französischen Generäle ist eine klare Ansage und ein Zeichen für den gesunden Zustand der Grand Nation. In Deutschland nicht mehr möglich, da Denunziantentum a la DDR-Diktatur von Frau Merkel inszeniert und ihren Helfershelfern AKK und UvdL diensteifrig umgesetzt, den ehemaligen gesunden Menschenverstand der Bundesrepublik ausgeschaltet hat. Stattdessen wehen die Fahnen der ANTIFA auf sogen. deutschen „Rettungsschiffen“.

Anna-Maria
3 Tage her
Antworten an  DELO

Rettungsschiff der Kirche! Fast es zu einem Offiziers Ehrengericht kommen sollte, ich weiß nicht, ob so etwas noch gibt, dann können die Kameraden von Kameraden freigesprochen werden. Schließlich sie schwören auf Volk und Staat, nicht auf Willkommen.

EinBuerger
5 Tage her

Ich sagte voraus, dass die Offiziere zu Rechtsextremisten gemacht werden. Ganz genau so ist es nicht gekommen, aber doch so ähnlich.
Jetzt sage ich voraus, falls es wirklich zu stärkeren Unruhen in Frankreich kommt, die sich selbst durch die Mainstreammedien hier nicht mehr verschweigen lassen, wird man sagen, dass Frankreich verschiedene Fehler gemacht hat, die Deutschland nicht gemacht hat. Wir müssen uns keine Sorgen machen. Wir haben die Integration wesentlich klüger gemacht als die Franzosen.

Epouvantail du Neckar
4 Tage her
Antworten an  EinBuerger

… die Deutschland nicht gemacht habe. Wir müßten uns keine Sorgen machen. Wir hätten die Integration klüger gemacht als die Franzosen. So wird ein Schuh daraus.

Schwabenwilli
5 Tage her

Der Brief steht nun in der Öffentlichkeit und wird nicht vergessen wenn es soweit ist.

grenzenlos
5 Tage her

Es ist die Warnung vor unkontrollierbaren Zuständen, die diese Generäle zu diesem Schritt brachte. Denn aus Angst vor einem erneuten Nationalismus in Europa wird seit Jahren auf allen Ebenen daran gearbeitet, die europäischen Nationalstaaten von außen durch die EU und von innen durch Schaffung unsolidarischer Bevölkerungsgruppen aufzulösen. Man glaubt wohl – insbesondere in Deutschland – dadurch größere Konflikte oder gar Kriege vermeiden zu können. Tatsächlich aber holt man sich den Krieg ins eigene Land, auf die Straßen und Plätze unserer Städte. Seit Jahren nun schon siedelt man riesige Volksgruppen in Europa an, die nicht nur keinerlei Interesse an einer Integration… Mehr

jorgos48
5 Tage her
Antworten an  grenzenlos

Nur die Nation ist in der Lage den Einzelnen zu schützen. Nicht die UN oder die EU. Vielleicht wird irgendwann die EU zu einer europäischen Nation zusammen wachsen. Allein mir fehlt der Glaube.

Don Nicolas
4 Tage her
Antworten an  jorgos48

Glaubt einer denn wirklich, die französische Force de Frappe würde ihren Code für die Nuklearwaffen im Bundeskanzleramt hinterlegen?

Bernd W.
4 Tage her
Antworten an  grenzenlos

Absolut treffend diagnostiziert, bravo!
Und der deutsche Grünwähler wird diese Lebenserfahrung noch machen (müssen), da hilft auch keine fortwährende Vogel-Strauß-Taktik…

dobbi
5 Tage her

Hier ist der Link zum Originaltext, also dem ‚Offenen Brief‘ vom 21.April 21, gerichtet an die Staatsführung (President, Parlament et al).
Wenn erlaubt, so kann man sich ein eigenes Bild machen.
Danke TE, für die moderate Überschrift.
Interessante andere Headlines & Formulierungen zum Sujet:

20 Generäle im Ruhestand hetzen in einem offenen Brief gegen Migranten (SZ)

Ex-Generäle drohen Regierung mit Militärputsch (NZZ)

20 französische Ex-Generäle warnen vor Bürgerkrieg (Cicero)

Inwiefern und ob man Putschandrohung in dem Brief finden kann, ob in Frankreich bzw Algerien geborene Franzosen „Migranten“ sind usw usw, kann man ja auch selber eruieren…

Olaf W1
5 Tage her

Gesunder Menschenverstand ist scheinbar in der gesamten westlichen Welt jetzt auch verpönt und wird aktiv sanktioniert und bekämpft. USA, Deutschland und jetzt Frankreich. Höchst alarmierend, denn im Rest der Welt ist nicht vorhanden. Ich sehe ganz dunkle Zeiten (nicht nur Stromausfall-Dunkelheit) auf uns herein brechen. Irrsinn, Wahnsinn, Idiotie und auf Lügen sowie bewusster Manipulation aufgebauter Fanatismus werden uns künftig regieren und an die Kette legen. Ich hoffe immer noch, ich träume und der Albtraum ist mit dem Klingeln des Wecker vorbei. Es bleibt aber stil…