»Islamophilie«: Die fatale Schwäche der französischen Linken für den Islam

Frankreich könnte die »anti-woke« Nation schlechthin sein. Die Franzosen pflegen ihren Nationalstolz und sind gegen puritanisches Stöckchenspringen. Doch im Namen des Islams hat sich eine Woke-Culture an den Universitäten des Landes etabliert. Die Regierung Macron–Castex will das nicht.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Wokeness, die ursprünglich an amerikanischen Universitäten eine Anthroponose der besonderen Art auslöste, ruft je nach Gesellschaft unterschiedliche Symptome hervor. Wo es in den heimischen USA um die Integration der ethnischen Bausteine der Nation und nur ein bisschen um sexuelle Minderheiten ging, da konzentrierte sich der intersektionale Wahn in Großbritannien bald ganz auf die Transgender-Gemeinschaft, die fortan einen grausamen Krieg gegen sogenannte TERFs (»trans-exclusionary radical feminists«) führte – also gegen Frauen, die es nicht gut finden, wenn der Zusammenhang zwischen ihrem kulturellen und ihrem biologischen Geschlecht ignoriert wird. Als dieser Trend in die USA zurückkehrte, hatte er dort wenig Chancen, wie die Antworten auf einen Tweet der ansonsten obskuren Eliana Rubin zeigen. Titania McGrath verwandelte Rubins an sich schon sehr lustigen Tweet in reine Satire.

In Großbritannien geht es daneben auch um die Integration einstiger Kolonialuntertanen Ihrer Majestät, die nach dem Zweiten Weltkrieg etwas übereilt als »Windrush generation« nach England übersiedelt wurden und bis heute nicht ganz im Königreich angekommen scheinen. Auch dort machte sich Mildtätigkeit nicht unbedingt bezahlt. Doch die Wokeness treibt besonders skurrile Blüten an den Hochschulen des Landes: mit Cancel Culture, Tugendtests und rauem Klima für alle, die anderer Meinung sind.

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In Frankreich dominiert eine andere Gruppe inzwischen die Diskussion: die Muslime, die meist aus den nordafrikanischen Mittelmeerstaaten nach Frankreich gelangt sind. Dabei entsteht vielleicht die spannendste Mischung, wenn die hippe Wokeness der Metropolen sich der Muslime bedient, um einem inneren Drang nach Intersektionalität nachzukommen.

In Deutschland ist noch nicht so ganz heraus, wer bei uns die Rolle der verfolgten Unschuld (die literarische Figur der »damsel in distress«) einnehmen wird, für die an allen Orten »safe spaces« eingerichtet werden müssen. Wir schwanken im Moment ein bisschen zwischen dem britischen und dem französischen Modell. In Großstädten und auf Twitter liefern sich vegane Queer-Aktivisten ein Fernduell mit Muslimen und Islamverstehern. Manchmal ist man nicht ganz sicher, ob ein langer Bart zum Gepränge des Hipsters gehört oder mit der Religion des Trägers zusammenhängt.

»Islamo-gauchisme«: das Bündnis der extremen Linken mit dem Islam

Ähnlich wie in Großbritannien reagiert nun auch die französische Regierung auf diese Tendenzen, die sich wiederum am deutlichsten an den Universitäten zeigen. Das Bündnis von vermeintlich benachteiligten Minderheiten und der modischen Wokeness sieht die Regierung Macron–Castex zunehmend kritisch. Zudem hat die Sache in Frankreich einen Namen, der vom Historiker Pierre- André Taguieff stammt: »islamo-gauchisme«. Gemeint ist eine Allianz der extremen Linken (»extrême gauche«) mit dem radikalen Islam, von der bis jetzt meist die politische Rechte sprach. Nun hat sich die parteilose Hochschulministerin Frédérique Vidal den Begriff zu eigen gemacht – sie wird ihre Gründe haben – und will der Sache auf den Grund gehen. Vidal ist Biochemikerin und war vor ihrem Ministeramt Präsidentin der Universität Nizza. Sie kennt die Universität also auch von innen, auch wenn ihre Nähe zu den sozial- und geisteswissenschaftlichen Moden begrenzt sein mag.

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Vor ihr hatte schon Bildungsminister Jean-Michel Blanquer in einem Interview gesagt, der »islamo-gauchisme« sei in der linkssozialistischen Partei »La France insoumise« ebenso am Werk wie im Studentenverband UNEF und an den Universitäten. Das war nach der Enthauptung von Samuel Paty im Oktober 2020. Am Ende sei der tschetschenische Mörder Patys »von anderen Personen konditioniert« worden, die demnach die »intellektuellen Urheber« seiner Tat seien, so Blanquer. Die drei genannten Organisationen sah er als Institutionen, die sozusagen von der »Islamophilie« angekränkelt sind. Durch diese offene Flanke hätten sie den eigentlichen Akteuren des islamistischen Terrors – wie dem inzwischen aufgelösten »Collectif contre l’islamophobie en France« (CCIF) oder das pro-palästinensische Kollektiv Cheikh Yassine – den Boden bereitet.

Hundert, teils prominente Forscher stellten sich sogleich hinter Blanquer: Die »indigenistischen, rassistischen und dekolonialen Ideologien« seien an den französischen Universitäten nur zu präsent und nährten den »Hass auf die ›Weißen‹ und auf Frankreich« und begünstigten militante, manchmal gewaltbereite Einstellungen, die sich gegen den Westen wenden und eine »multikulturelle« Gesellschaft herbeipredigen. Eines der Symbole dieser Bewegung ist die 2008 gegründete Splitterpartei »der Eingeborenen der Republik« (Parti des indigènes de la République), die allerdings vor allem als »anti-imperialistisch und antizionistisch«, identitär, homophob und selbst rassistisch aufgefallen ist.

Hochschullehrer mit Sympathien für den radikalen Islam?

Die Frage, die heute viele gegen die Hochschulministerin aufbringt, ist: Haben Universitätslehrer in Frankreich besondere Sympathien für den radikalen Islam? Frédérique Vidal sieht vor allem die Postkolonialismusstudien in der Verantwortung. Vom nationalen Forschungszentrum CNRS verlangte sie eine Untersuchung zu dem Phänomen. Doch das Zentrum ebenso wie die Rektorenkonferenz wehren sich entschieden gegen den Verdacht der Ministerin. Den Forschungsfeldern Postkolonialismus und Antirassismus scheint man in Nibelungentreue verbunden. Die Hochschulrektoren bezeichneten Vidals Darstellung als »karikaturhaft«, das CNRS will die besagten Forschungsbereiche nicht delegitimieren.

Olivier Faure, Vorsitzender des Parti socialiste (PS), hat den Terminus »islamo-gauchisme« pflichtschuldig zurückgewiesen. Das seien »Stammtisch-Haarspaltereien« (arguties de café du commerce), was ohne Zweifel eine schöne Wortschöpfung ist. Dagegen fand der Zentrist Manuel Valls, einst Premierminister unter François Hollande, die Sache »ziemlich schlicht«. Er hält das »direkte oder indirekte Bündnis zwischen einem Teil der Linken« und dem politischen oder radikalen Islam (»islamisme«) durchaus für real, und zwar in Politik, Gewerkschaften, Medien und Intellektuellenkreisen.

Während seiner Amtszeit hatte Valls den Flirt einiger Linker mit dem Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan erlebt, der manchen als Vertreter eines »Euro-Islam« gilt, dabei aber natürlich an der Scharia festhält und der Muslimbruderschaft allein schon durch seine Herkunft nahesteht.

Der neue Kurs der Minister Blanquer und Vidal hängt natürlich auch mit Emmanuel Macrons Kampf gegen den islamischen »Separatismus« zusammen. In seiner Rede vom 2. Oktober 2020 hatte Macron gesagt, dass die französischen Universitäten bei vielen Themen das Feld der »angelsächsischen Tradition« überlassen haben, die nicht der französischen Kultur entspreche. Gewisse sozialwissenschaftliche Theorien, die »in Gänze aus den Vereinigten Staaten importiert« seien, brächten Probleme mit sich – und kämen zu den eigenen hinzu. Das wäre kein gutes Geschäft. Frankreich müsse also erneut eigene Ansätze entwickeln, damit das Wissen vom Islam – in diesem Fall – nicht durch politische Ideologie bestimmt werde. Das sind die wohlgewählten Worte eines Staatspräsidenten. Die Realität ist wohl eher noch unordentlicher.

Gegen das Bündnis von Mao und Chomeini

In der Tat ist eine gewisse Verschiebung der politischen Lager zu erkennen: In einer TV-Debatte hat Innenminister Gérald Darmanain der RN-Vorsitzenden Marine Le Pen mangelnde Härte gegenüber dem Islam vorgeworfen. Le Pen erwiderte, dass Darmanins kürzlich erschienenes Buch, Le séparatisme islamiste. Manifeste pour la laïcité, ebenso gut von ihr hätte geschrieben sein können.

Didier Lemaire
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Für Frédérique Vidal ist klar: Der »islamo-gauchisme« hat die Gesellschaft als Ganzes befallen, und die Universitäten sind nur ein Teil davon. Doch darüber hinaus benutzten einige Dozenten ihre »Titel und Aura« offenbar ganz gezielt, um radikale oder militante Ideen zu transportieren, mit dem »Wunsch zu spalten, zu zerbrechen, den Feind zu bezeichnen«, der in diesem Fall die Franzosen selbst wären. Der Journalist Jean-Pierre Elkabbach sprach von einer Allianz »zwischen Mao Zedong und Ajatollah Chomeini«.

Die Reaktionen auf Vidals Aussagen finden dabei kein schnelles Ende. Der Pariser Soziologe Eric Fassin sieht die Gefahr der staatlichen Zensur im Gefolge eines Kampfes gegen die universitäre Cancel Culture heraufziehen. Der Politikprofessor Philippe Marlière sprach von einer Hexenjagd wie aus dem McCarthyismus, die selbst eine Attacke auf die Forschungsfreiheit sei. Die Regierung sei verrückt und spiele mit dem Feuer. Die Hochschulministerin bleibt bei ihrem Vorwurf einer neuen Intoleranz, die von den Anwälten des Multikulturalismus ausgehe. Es seien die »Islamogauchisten«, die sich an der Rede- und Forschungsfreiheit vergingen, wenn sie bestimmte Ausdrucksformen nicht mehr zuließen.

Das Paradebeispiel der Diskussion ist eine Aufführung der Schutzflehenden des antiken Dramatikers Aischylos, die 2019 nicht an der Sorbonne stattfinden konnte, weil einige der Figuren mit schwarzen Masken (!) spielten – eine Reverenz übrigens an die umstrittene »Black Athena«-These des Sinologen Martin Bernal, der glaubte, die griechischen Götter stammten aus Ägypten.

Wokeness à la française

Das Theater könnte bald wieder zum Schlachtfeld der Faktionen werden. So hat der Direktor der Pariser Oper, der Deutsche Alexander Neef, angekündigt, die »Diversität« in seinem Haus zu steigern und das sogenannte »blackfacing« zu vermeiden: Also auch in Paris keine schwarze Aida mehr und kein Mohr Otello. Kritik erntete Neef ebenso von Marine Le Pen wie von der nach links tendierenden Tageszeitung Le Monde (»Frankreich entscheidet sich für eine galoppierende Selbstzensur der Künstler, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden«). Neefs Entscheidung würde dazu führen, dass klassische Choreographien von Rudolf Nurejew nicht mehr getanzt werden können, weil sie beispielsweise eine »Danse des négrillons« enthalten. Angeblich gibt es auch einige Opern, die nach Neef nicht mehr in unsere Zeit passen. Also weg damit.

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Verdis Aida scheint allerdings nicht dazu gehören, wie die neueste postkoloniale Version des Werks (es ist nicht die erste) an der Pariser Oper zeigt. Allerdings sind die Verrenkungen, die man unternahm, um das Blackfacing der Hauptdarstellerin zu vermeiden, schon beinahe tragikomisch: Eine Marionettenpuppe repräsentiert die »schwarze Aida«, während ihre tatsächliche, weiße, blond beduttete Darstellerin sich als Mutmacherin und Nachempfinderin der äthiopischen Sklavin betätigt. Man erreicht damit eine charakteristische Erkaltung: Wo einst eine unterdrückte äthiopische Sklavin (und Königstochter) auf ihr Schicksal aufmerksam machte, ist man heute mit Meta-Gedanken über den Zusammenhang von Theater und Leben beschäftigt. Ein ziemlich paradoxes Ergebnis.

Die Übernahme des angelsächsischen Rassebegriffs kritisieren auch der Soziologe Stéphane Beaud und der Historiker Gérard Noiriel in einem Buch. »Rasse« sehen sie als »Bulldozer-Variable«, die drohe, alle anderen Unterschiede zu planieren. Ein Effekt, der sich in Deutschland allenfalls andeutet. Und auch für Frankreich gehen die beiden Forscher nicht davon aus, dass der »Bulldozer« seine Arbeit schon ganz getan hätte – das Potential dazu erkennen sie aber deutlich. Zuletzt hatte eine Polizei-Affäre um einen schwarzen Musikproduzenten für Demonstrationen gesorgt, die sich ziemlich klar in die Kontinuität der Black-Lives-Matter-Proteste stellten. Die Bedeutung solcher Proteste bemisst sich natürlich am jeweiligen Bevölkerungsanteil.

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