BP’s Rückzug aus Klima-Projekten: Die grüne Agenda zerlegt sich an der Wirklichkeit

BP zieht sich aus zwei Vorzeigeprojekten zur Kohlenstoffspeicherung zurück. Was jahrelang als Zukunft der Industrie verkauft wurde, wird nun zurechtgestutzt, weil Aktionäre keine Lust mehr auf grüne Luftschlösser haben.

picture alliance / dpa | Bernd Thissen

BP zieht den nächsten Faden aus dem grünen Teppich, auf dem sich Politik, Konzernkommunikation und Klimabürokratie jahrelang gegenseitig zugejubelt haben. Der britische Ölkonzern will Anteile an Vorzeigeprojekten zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung im Nordosten Englands verkaufen. Ausgerechnet dort, wo die neue industrielle Zukunft beginnen sollte, beginnt nun die Ernüchterung.

Betroffen ist das Projekt Net Zero Teesside. Dort soll das erste britische Gaskraftwerk entstehen, dessen Emissionen mit einem System zur Kohlenstoffabscheidung eingefangen werden. Betroffen ist außerdem die Northern Endurance Partnership, ein Pipelineprojekt, das Kohlendioxid aus dem Humber und aus Teesside offshore abtransportieren und unter der Nordsee speichern soll. Es war das große Versprechen der Klimawirtschaft: Industrie bleibt, Emissionen verschwinden, Politik kann weiter von Netto-Null reden.

Der grüne Mega-Scam fliegt auf

Bernard Looney, der frühere BP-Chef, verkaufte diese Projekte einst als „das Richtige für die Welt“ und zugleich als „enorme Geschäftschance“. Großbritannien sollte das erste große Projekt zur Kohlenstoffabscheidung bekommen, vielleicht sogar den ersten kohlenstofffreien Industriecluster der Welt. So klang damals die Sprache der grünen Konzernwelt: Moral oben, Rendite darunter, dazwischen ein staatlich gefüttertes Zukunftsversprechen.

Knapp drei Jahre nach Looneys Abgang bleibt davon ein Unternehmen, das seine grüne Erzählung Stück für Stück zerlegt. BP spricht nun davon, die „Zeit sei reif“, einen Teil der eigenen Beteiligung an den beiden Projekten zu verkaufen. Die Projekte haben gerade erst mit dem Bau begonnen, doch schon sollen weitere Partner hereingeholt werden, die die langfristige Zukunft stützen. Formulierter Rückzug, wenn er nicht nach Rückzug klingen soll.

Schon im Februar 2025 hatte BP die Richtung offen geändert. Nach einem massiven Gewinneinbruch kündigte der Konzern an, wieder deutlich stärker auf Öl und Gas zu setzen und jährlich rund zehn Milliarden Dollar in dieses Geschäft zu investieren. Die Ölproduktion soll bis 2030 auf 2,3 bis 2,5 Millionen Barrel pro Tag steigen. Gleichzeitig werden die jährlichen Investitionen in erneuerbare Energien auf nur noch 1,5 bis zwei Milliarden Dollar zurückgefahren; in die Energiewende will BP nur noch „sehr selektiv“ investieren. Aus dem großen grünen Umbau wird damit ein Restposten für Projekte, die sich gerade noch rechnen.

Damit kassierte BP Schritt für Schritt genau jene Erzählung, mit der Looney den Konzern einst neu erfinden wollte. 2020 hatte BP noch angekündigt, die Öl- und Gasproduktion zugunsten erneuerbarer Energien bis 2030 um 40 Prozent zu senken. Anfang 2023 wurde daraus bereits nur noch ein Minus von 25 Prozent. Zwei Jahre später war auch diese Linie noch politisch brauchbar, aber unternehmerisch erledigt. Der Konzern zieht Kapital dorthin zurück, wo es Ertrag gibt: in fossile Energien. Die grüne Transformation bleibt als Pressevokabular übrig, die Investitionsentscheidung fällt wieder an Bohrloch, Pipeline, Raffinerie und Tankstelle.

Der US-Hedgefonds Elliott Management hatte laut Bloomberg eine größere Position bei BP aufgebaut und soll fast fünf Milliarden Dollar an dem Konzern halten. Medienberichten zufolge drängte der Investor auf mehr Öl und Gas. Für die grüne Konzernromantik ist das tödlich: Sobald nicht mehr Regierungen, NGOs und Konzernabteilungen applaudieren, sondern Aktionäre die Rendite prüfen, schrumpft die Netto-Null-Folklore auf Bilanzgröße. BP ist damit kein Ausreißer, sondern ein Warnsignal: Wo sich mit der grünen Agenda nichts mehr holen lässt, ziehen sich die Unternehmen zurück.

Aus dem Vorzeigeprojekt wird Verkaufsmasse

Wie groß der Anteil ist, den BP verkaufen will, sagt der Konzern nicht. Auch zu möglichen Käufern bleibt er vage. Klar ist nur: Ein Konzern, der sein eigenes grünes Vorzeigeprogramm für die Welt retten wollte, sucht jetzt andere, die mit ins Risiko gehen. Die Aktionäre haben Looneys Agenda nie wirklich gekauft. Am Ende reicht eben kein Klimaglaubenssatz, wenn Kapital, Rendite und politische Risiken gegeneinanderstehen.

An den Projekten hängen auch andere große Namen. Equinor, der staatliche Ölkonzern Norwegens, ist an beiden Vorhaben beteiligt. TotalEnergies aus Frankreich steckt im Pipelineprojekt NEP. Die grüne Industriepolitik lebt ohnehin selten von einsamen Idealisten. Sie lebt von Konzernen, Staatsgarantien, Subventionen, regulatorischem Druck und dem Versprechen, aus politisch verordneten Problemen neue Märkte zu machen.

Der Vorgang trifft Großbritannien an einer besonders empfindlichen Stelle. BP prüft Berichten zufolge nach mehr als 60 Jahren Tätigkeit in der Nordsee sogar einen Rückzug aus dem dortigen Ölgeschäft. Die neue Vorstandschefin Meg O’Neill lässt das globale Portfolio überprüfen und könnte das Engagement im Vereinigten Königreich verringern. Ein Grund liegt nahe: die Energiepolitik der Regierung.

Die Regierung hat neue Explorationslizenzen in der Nordsee verboten. Zugleich hält sie an der Windfall Tax fest, die zusätzliche Gewinne der Öl- und Gasunternehmen abschöpft. Mehr Produktion soll es geben, weniger Förderung soll es geben, mehr Investitionen sollen fließen, während der Staat die Bedingungen verschlechtert. So funktioniert Energiepolitik, wenn sie von Wunschzetteln statt von Kraftwerken ausgeht.

Ed Miliband, der Energieminister, lieferte dazu vergangene Woche das passende Begleitgeräusch. Er verurteilte BPs jüngste Sondergewinne in sozialen Medien als „moralisch und wirtschaftlich falsch“ und löschte den Beitrag kurz darauf wieder. Der Reflex blieb sichtbar: Gewinne gelten in dieser Welt als unanständig, Verluste werden sozialisiert, Investitionen erwartet, Unternehmen beschimpft.

O’Neill hat bereits angekündigt, die unter Looney geschaffene Sparte „Gas und kohlenstoffarm“ abzubauen. Damit kehrt BP im Kern zu einer älteren Ordnung zurück: vorgelagerte Öl- und Gasproduktion auf der einen Seite, Raffinerie, Kraftstoffvertrieb und Einzelhandel auf der anderen. Der Konzern räumt das ideologische Schaufenster auf und schaut wieder dorthin, wo sein Geschäft tatsächlich liegt.

Die Bilanz erledigt die Ideologie

Für Deutschland liegt in dieser Entwicklung eine Botschaft, die kaum deutlicher sein könnte. Die grüne Agenda scheitert nicht an zu wenig Pathos, sondern an der Wirklichkeit. Sie scheitert an Kosten, Technik, Kapitalmärkten, Versorgungssicherheit und an Unternehmen, die irgendwann merken, dass ein Geschäftsmodell kein Parteitagsbeschluss ist. Was als Umbau der Industrie verkauft wurde, entpuppt sich immer öfter als politisch befeuertes Verschiebespiel.

BP steht damit keineswegs allein. Weltweit ziehen Konzerne, Banken und Vermögensverwalter die grüne Selbstverpflichtungsrhetorik zurück, sobald sie Geld, Haftung und Rendite berührt. BlackRock, der größte Vermögensverwalter der Welt, verließ Anfang 2025 die Net Zero Asset Managers Initiative; nach diesem Schritt setzte das Klimabündnis seine Arbeit für rund ein Jahr aus und kehrte erst mit gelockerten Regeln zurück. Die neue Fassung verzichtet auf die ausdrückliche Pflicht, Portfolios bis 2050 auf Netto-Null auszurichten oder für 2030 entsprechende Ziele zu setzen. Von 44 US-Mitgliedern vor der Pause waren beim Neustart nur noch zwölf dabei.

Die Klima-Allianzen zerbröseln

Auch im Bankensektor bricht die große Klima-Allianz auseinander. Die Net-Zero Banking Alliance, 2021 als zentrales Bündnis der Bankenbranche zur Senkung finanzierter Emissionen gegründet, stellte 2025 nach einem Massenexodus ihre Arbeit als Mitgliederallianz ein. HSBC verschob sein Ziel, im eigenen Geschäft Netto-Null zu erreichen, gleich um 20 Jahre von 2030 auf 2050 und begründete das mit der langsamen Veränderung der Realwirtschaft, begrenztem Einfluss auf Kunden, technologischen Fragen, Marktnachfrage und der politischen Lage. Die schöne Netto-Null-Sprache bleibt, doch die Fristen wandern dorthin, wo heutige Vorstände längst nicht mehr verantwortlich sind.

Bei den Energiekonzernen ist die Bewegung noch deutlicher. Shell tritt bei neuen Offshore-Wind-Investitionen auf die Bremse und richtet seine Stromsparte neu aus; Equinor hat sein Ziel gestrichen, bis 2030 mehr als die Hälfte der Bruttoinvestitionen in erneuerbare Energien und kohlenstoffarme Lösungen zu stecken; Reuters berichtete bereits Ende 2024, dass BP, Shell und Equinor ihre Ausgaben für kohlenstoffarme Projekte um acht Prozent reduzierten. Die Begründungen klingen überall ähnlich: höhere Kosten, Lieferkettenprobleme, steigende Zinsen, schwächere Margen, politische Unsicherheit. Genau daran zerfällt die grüne Agenda: nicht an mangelnder Propaganda, sondern an der Bilanz.

Die Erfinder der grünen Zukunft schalten sie selbst ab

In Deutschland dürfte diese Abrechnung später kommen als anderswo. Hier heißen die nächsten Luftschlösser grüner Stahl, grüne Chemie, grüne Fernwärme, grüner Wasserstoff und noch jedes andere Industrieetikett, das aus einem Kostenproblem ein Förderprogramm macht. Ein ganzes Milieu aus Politikern, Beratern, Verbänden, Instituten, Projektgesellschaften und Konzernabteilungen hat sich an diese Sackgassenideologie gehängt und jahrelang prächtig davon gelebt und sich ungeniert die Taschen mit grünen Märchengeschichten vollgemacht. Wo der Markt längst abwinkt, hält der deutsche Staat die Kulisse mit immer neuen Milliarden aufrecht. Dieses Sonder- und Irrwegland wird vermutlich noch dann Netto-Null-Pläne beschließen, wenn andere längst ihre Verluste verbucht haben. Bis zum Schluss wird man hier nicht die Ideologie für falsch erklären, sondern nur beklagen, dass ihr angeblich zu wenig Geld, zu wenig Tempo und zu wenig Gehorsam entgegengebracht wurde. Genau so bringt man ein Industrieland nicht in die Zukunft, sondern zurück in den Zustand, aus dem es sich nach 1945 mühsam herausgearbeitet hat.

Wie auch andere Unternehmen, die Bilanz ziehen, verkauft jetzt auch BP Anteile an Projekten, die einst als Beweis einer neuen Zeit propagiert wurden. Die große grüne Zukunft wird nicht von Gegnern zerstört. Sie wird von denen heruntergefahren, die sie einst als Geschäftsmodell verkaufen wollten.

Was für ein unfassbar gigantischer Scam.

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Kommentare ( 1 )

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Steuernzahlende Kartoffel
1 Stunde her

Tja, über die deutschen Grenzen können zwar entgegen Bullshit-Bärbels Bullshit praktisch unverändert bürgergeldinteressierte illegale Migranten einsickern, die Realität schafft die Bürlüner Polit-„Elite“ indes weitgehend draußen zu halten.