Der polnische Romancier Stanislaw Lem zählte zu den meistgelesenen Autoren der Gegenwartsliteratur, galt zudem als brillanter Essayist und Philosoph. Dennoch wird die Bedeutung seiner Werke bisweilen noch heute unterschätzt.
IMAGO / Eastnews
Mit großartigen Neuerscheinungen starteten die polnischen Verlage in das Lem-Jubiläumsjahr. Zum 100. Geburtstag des bekannten Schriftstellers wurden bereits unzählige Reden gehalten, Interviews geführt, Artikel verfasst. Beinahe könnte man den Eindruck gewinnen, dass dessen Werk erst jetzt als unerschöpfliche Quelle der Inspiration erkannt wurde. Dabei zählte Stanisław Lem schon zu seinen Lebzeiten keineswegs zu jenen Autoren, deren Namen dem Vergessen anheimgefallen oder nur noch wenigen Eingeweihten geläufig waren. Neben „literarischen Schwergewichten“ wie Witold Gombrowicz und Czesław Miłosz gehörte er zu den meistgelesenen polnischen Romanciers seiner Zeit. Lems Sterntagebücher sind nach wie vor hochaktuell und werden im Westen als eine Gipfelleistung der Science-Fiction-Literatur angesehen. Seine Texte sind weder verstaubt noch allzu verschlüsselt, im Gegenteil.
Nach dem Krieg lebte Lem in Krakau, wo er sich zunächst weiterhin der medizinischen Forschung verschrieb. Dem hochintelligenten Wissenschaftler wurde zu dieser Zeit allerdings auch schon literarisches Talent bescheinigt. Seine ersten Prosastücke errangen Achtungserfolge, wurden aber wegen der Zeitumstände lediglich am Rande wahrgenommen bzw. in ihrer Bedeutung unterschätzt. Schwierige Erfahrungen mit den Stalinisten durchzogen fortan die Biografie eines heranreifenden Autors, der zwar in der Volksrepublik zu bleiben gedachte, sich jedoch für die „innere Emigration“ entschied. Auch war Lem im Gegensatz zu anderen Schriftstellerkollegen nicht darauf erpicht, seine Erlebnisse und Leiden im Zweiten Weltkrieg schriftlich zu fixieren. Zumindest nicht unmittelbar.
Diese zum Teil komplexen metaphysischen Fragen und universellen ontologischen Dilemmata waren für den ehrgeizigen Schriftsteller Fluch und Segen zugleich. Daheim von der sozialistisch geprägten Wissenschaft missachtet, von patriotischen Exilanten wiederum als „zu passiv“ verunglimpft, schmückten Lems Bücher in Paris, London und New York die Vitrinen unzähliger Buchhandlungen. Dabei waren seine Märchenallegorien und philosophischen Kurzgeschichten alles andere als unpolitisch. Stanisław Lem wählte bewusst eine Gattung, die zwar offiziell keinen politischen Strömungen ausgesetzt war, an der die Zensoren in Warschau aber dennoch verzweifelten. Konzessionen mussten in Polen nicht unweigerlich mit Kapitulationen einhergehen, zumal der Intelligenzunterschied zwischen den Machthabern und dem begnadeten Autor aus Krakau oft eklatant war. Darüber hinaus haben sich während des polnischen „Tauwetters“ bereits literarische Gegenbewegungen abgezeichnet, die der stalinistischen Kulturpolitik ablehnend gegenüberstanden. In den 1960er Jahren kam es folgerichtig zunächst zu zaghaften und getarnten, später auch offenen und stürmischen Revolten gegen die Marionetten von Moskaus Gnaden.
Wie dem auch sei: So paradox es klingt, das Ausweichen auf fantastisch-wissenschaftliche Themenbereiche hat den Karriereverlauf von Stanisław Lem im Westen zweifellos begünstigt. Zum einen vermittelten seine Prosastücke und Essays die verheerenden Folgen der kommunistischen Propaganda und zum anderen das Schicksal eines Individuums, das sich zu ihrem Werkzeug degradieren lässt. In Polen diente Science-Fiction ohnedies nur selten ausschließlich der Popularisierung von „Außerirdischen“ und „Unbekannten Flugobjekten“, sondern war vielmehr ein intellektueller Zufluchtsort für konservative Denker, die aus moralischem Protest gegen einen Unrechtsstaat zur Feder griffen. „Nur wenige von Lems Epigonen, unter ihnen Andrzej Sapkowski mit seinen ‚The Witcher‘-Romanen, gelangten später als Fantasy-Autoren zu Weltruhm. Die meisten von uns wurden allenfalls zu Verfechtern des konservativen Gedankens“, scherzt der polnische Journalist Piotr Gociek.





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