Da sich der Anschlag auf den CSD nicht wie viele andere Gewalttaten wegschweigen lässt, muss er umgeformt werden. Nun ist der muslimische Täter mit IS-Hintergrund „rechts“. Das Land hat sich drastisch geändert: zu einer Gesellschaft ohne Vertrauen.
picture alliance/dpa | Christoph Soeder
Am 2. Oktober 1989 erschien in dem SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ ein Kommentar zu den DDR-Müden, die im Palais Lobkowitz in Prag kampierten, der bundesdeutschen Botschaft, bis sie schließlich per Zug über das DDR-Territorium in den Westen ausreisen durften. Der zentrale Satz des Artikels lautete: „Man sollte ihnen keine Träne nachweinen“. Unter dem Text stand nur das Kürzel der Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst). Später stellte sich heraus, dass der DDR-Staatschef den Tränen-Satz persönlich hineinredigiert hatte. Es handelte sich also um den allerechtesten Honecker. Historische Sätze finden manchmal neue Nutzer. Das, was der gekränkte Generalsekretär seinen entsprungenen Mündeln nachrief, wiederholte Karl Lauterbach im Juli 2026 zwar unter etwas anderen gesellschaftlichen Umständen (falls man Anteile an einer GmbH hält, fällt zwar Wegzugssteuer an, aber jeder darf raus), dafür aber fast wortgleich via X.
„Es ist dieses permanente Schlechtreden was uns am meisten schadet. Die ewigen Übertreibungen von jungen Talenten, die mit dem hohen Rentenbeitrag (‚schnief‘) nicht klarkommen und deshalb angeblich auswandern. Auf diese Leute können wir verzichten, falls es sie überhaupt gibt.“
Mit diesem Gedanken steht er nicht ganz allein. „Das schmerzt mich nicht“, meinte Baden-Württembergs grüner Verkehrsminister Winfried Hermann 2025 zur Jobverlagerung von Mercedes ins Ausland; vor ihm empfahl Robert Habecks Meisterdenker Patrick Graichen der energieintensiven Industrie den Wegzug aus Deutschland. Diesen Rat beherzigt sie ja auch von Jahr zu Jahr stärker. Aber so direkt wie Lauterbach sprach bisher noch niemand aus der politischen Klasse die Bürger an, sowohl diejenigen, die tatsächlich gehen, als auch alle, die noch mitten im Abwägungsprozess stecken.
Im vergangenen Jahr verließen 288.579 deutsche Staatsbürger auf lange Sicht das Land; zwei Drittel davon jünger als 40 Jahre, drei Viertel mit Hochschuldiplom. Der Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft Stefan Kolev, selbst gebürtiger Bulgare, weist darauf hin, dass sich mittlerweile auch viele wirtschaftlich gut integrierte Ausländer davonmachen. Insgesamt verließen 1,2 Millionen Menschen 2024 die Bundesrepublik – ein Viertel Deutsche, drei Viertel mit meist europäischem Migrationshintergrund. Sie gehen nicht nur deshalb, weil sie für relativ hohe Beiträge später einmal wenig Rente erwarten dürfen, da schließlich nicht jeder beim öffentlichen Dienst oder wie Karl Lauterbach im Bundestag unterkommen kann, also in einer der beiden Institutionen, die noch eine auskömmliche Altersversorgung sicherstellen. Die Glücklichen, die dort sitzen, dürfen auf die Schar der Geldabdrücker herabschauen („schnief“) wie weiland französische Aristokraten auf buckelnde Bauern.
Wer seine Sachen packt, den treibt nicht hauptsächlich die Steuerlast- und Abgabenlast fort. Auch nicht in allererster Linie die Tatsache, dass man in einem Land, in dem ein Karl Lauterbach gut und gerne lebt, mit einem Vermögen ab 777.200 Euro statistisch schon zu den reichsten zehn Prozent zählt, also zu den Breitschultrigen, die demnächst noch mehr tragen sollen, während es andererseits für 777 200 Euro in München und anderen Metropolen gerade noch eine Zweizimmerwohnung in schlechteren Vierteln gibt. Ein Lauterbach überschätzt materielle Beweggründe in ganz ähnlicher Weise wie sein historisches Vorbild, das 1989 meinte, die Untertanen liefen ihm vor allem wegen des Mangels an Südfrüchten weg.
Als Bundesminister ließ der SPD-Repräsentant millionenfach Dosen eines „nebenwirkungsfreien Impfstoffs“ auf Steuerzahlerkosten anschaffen, von dem der größte Teil ebenfalls für öffentliches Geld auf dem Müll landete. Damit befasste sich kein Untersuchungsausschuss, weil die Union ihrerseits die Details der Maskenbeschaffung durch Jens Spahn nach ganz ähnlichem Muster keiner näheren Betrachtung unterziehen lassen wollte. Nach seiner Amtszeit suchte sich der ehemalige Spritzenpolitiker neue Wirkungskreise. Als twitternder Vorsitzender des Forschungsausschusses im Bundestag verbreitet er groteske KI-generierte Falschmeldungen, als Politiker allgemein testet er die Geduldsgrenzen der Bevölkerung aus, übersieht dabei aber wegen seiner Fixierung auf Abgaben und Steuern das Wesentliche.
Wenn hunderttausende bürgerliche Existenzen das Land verlassen, jetzt und in den kommenden Jahren, dann reagieren sie vor allem auf die Verwandlung der Bundesrepublik von einem High- in einen Low-Trust-Staat. An der alten Bundesrepublik gab es viele kleine Dinge zu beklagen, aber keine wirklich großen. Sie – oder vielmehr ihre Einwohner – verfügten in hohem Maß über das, was Soziologen „Sozialkapital“ nennen: Eine doch sehr weitgehende Sicherheit, nach einem Gang durch die Straßen und einer Fahrt mit der Bahn unbeschadet wieder nach Hause zurückzukehren. Ob man einen Weihnachtsmarkt oder ein Volksfest besuchte oder nicht, das entschied man nach persönlichem Geschmack.
Hochsicherheitsabwägungen spielten weder für Gäste noch Organisatoren eine Rolle. Es herrschte ein grundsätzliches Vertrauen, dass Fernzüge ihr Ziel erreichen, dass Behörden vielleicht zäh, aber doch immerhin bemüht und nach Recht und Gesetz arbeiten, dass sich Gehwege und Parks auch außerhalb der unmittelbaren Stadtzentren von Sperrmüllablageplätzen unterscheiden und vieles mehr. Von diesen Zuständen wissen Jüngere mit Geburtsjahrgang um das Jahr 2000 nur noch aus Erzählungen, es sei denn, sie leben in einem der nach wie vor sauberen und relativ homogenen Dörfern in Oberbayern, dem Allgäu oder in ähnlichen Landstrichen, also in den Orten und Gegenden, die progressiven Medien- und Politikschaffende für bekämpfenswerte Spießerhöllen halten. Millennials schauen sich heute Videos aus den Neunzigern von Love-Paraden, CSD-Umzügen und Silvesterfeiern ganz ohne Poller, Betonblöcke, Polizeihundertschaften und Tote an wie Aufnahmen aus einer sagenhaften Mittelerde. Die High-Trust-Bundesrepublik gab es einmal. Sie kommt nicht wieder.
Am Samstagabend fuhr der polizeibekannte IS-Anhänger Abdul Ballout, 21, mit einem gemieteten Transporter in die Berliner CSD-Parade, tötete eine Frau und verletzte 16 Menschen. Ballout stammt aus einer libanesischen Familie, wahrscheinlich wurde er 2005 in Berlin geboren, jedenfalls bekam er die deutsche Staatsbürgerschaft geschenkt. Der junge Mann fiel durch mehrere Straftaten auf, unter anderem schwere räuberische Erpressung. Im vergangenen Jahr versuchte er nach Syrien zu reisen, offenbar um dort Kontakte mit dem IS zu knüpfen, kam aber schon im Libanon in Haft und von dort wieder zurück nach Deutschland, wo er nach Überzeugung der Ermittler eine schwere staatsgefährdende Straftat vorbereitete, zu Deutsch: einen auf islamischer Ideologie beruhenden Anschlag. Die Staatsanwaltschaft forderte für ihn drei Jahre Haft, das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn im Mai 2026 allerdings nur zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung und Teilnahme an „Deradikalisierungsgesprächen“, organisiert vom „Violence Prevention Network“ (VPN), einer NGO, deren Jahresetat 2024 sich auf 11 063 726 Euro belief. Dort meinte man nach zwei Sitzungen, von Ballout ginge keinerlei akute Gefahr aus.
Der Mord an dem 22-jährigen Studenten Marius Dick, den ein gleichaltriger abgelehnter afghanischer Asylbewerber nur ein paar Tage vor dem CSD-Anschlag ohne ersichtliches Motiv auf der Straße in Trier niederstach, blieb vom Bundespräsidenten bis zu den öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichtensendungen noch routinemäßig unbeachtet. Bei der Berliner Todesfahrt ging das nicht mehr, denn hier traf es eine zentrale identitätspolitisch aufgeladene Veranstaltung. Kurzzeitig ließ sich ein Abstimmungsproblem innerhalb des wohlgesinnten Milieus beobachten: Während ein Grünen-Bot auf X meinte, der CSD-Attentäter hätte sich lieber eine AfD-Veranstaltung aussuchen sollen,
machte sich der Berliner Queer-Beauftragte Alfonso Pantisano – der Bruder des Linksparteivorsitzenden Luigi Pantisano – an die Umdeutungsarbeit, indem er den IS-nahen Täter kurzerhand als „Konservativen“ definierte, ihn also gewissermaßen neben Winston Churchill und Ronald Reagan platzierte.
Dieser Erklärung schloss sich Linkstwitter innerhalb von vierundzwanzig Stunden ganz überwiegend an, mehrere formten es noch weiter aus, nämlich zu „auch die AfD fuhr mit“. Bei dem IS handelt es sich mithin um die AfD in anderer Verkleidung, wobei eine breite politisch-medial-organisatorische Front alles daransetzt, die Quasi-AfDler vom IS vor Strafen zu beschirmen, und falls diese noch keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, deren Abschiebung zu verhindern.
Die Grünen-Abgeordnete Lamya Kaddor bemüht sich außerdem nach Kräften, in syrischen Knästen einsitzende IS-Terroristen nach Deutschland heimzuholen. Kaddor warnte übrigens auch sofort nach der Berliner Terrorfahrt davor zu „spekulieren“. Vielleicht raste der junge IS-Anhänger ja auch aus ganz anderen Gründen in die Menge?

Die Politikerin arbeitete früher als Religionslehrerin in NRW; fünf ihrer Schüler reisten 2013 nach Syrien aus, um sich dort dem IS anzuschließen. Neben den Konstrukteuren der Abdul-AfD machen medial die bekannten Aluhelmverbände mobil, indem sie fragen, warum dieser Anschlag jetzt passiert, „ausgerechnet vor drei wichtigen Wahlen“. Dazu gehört beispielsweise diese Person mit ÖRR-Hintergrund.
— p3likan (@p3likaan) July 26, 2026
Erwartungsgemäß auch Relotius Online:
In der ARD schwurbelt ein TV-Experte etwas über Extremisten zusammen, „die Anschläge vor Wahlen planen“. Bei dem Stichwortgeber handelt es sich um keinen anderen als Thomas Mücke, den Geschäftsführer des „Violence Prevention Network“, der Abdul Ballout ein freundliches Wesen bescheinigte und keinerlei Anschlagsgefahr erkennen konnte.
Wie auf TE schon mehrfach geschrieben: In Deutschland ereignen sich mit dem Nagelbombenattentat in Ansbach und der Todesfahrt von Anis Amri auf dem Breitscheidplatz 2016 bis jetzt ständig kleinere und größere islamische Anschläge. In Deutschland mit seinen 16 Bundesländern, einer Bundes- und einer Europaebene finden in dichtem Abstand Wahlen statt. Einige Anschläge fallen deshalb zwangsläufig in das Vorfeld irgendeiner Wahl, wobei für „Vorfeld“ sowieso keine genaue zeitliche Eingrenzung existiert. Außerdem warnen beispielsweise das U.S. Department of State, aber auch Sicherheitsbehörden seit längerem vor islamischen Anschlägen auf CSD-Paraden in Europa. Der Berliner Anschlag ereignete sich jetzt, weil der Berliner CSD jetzt stattfand – einige Wochen vor Wahlen. Wer dessen Teilnehmer treffen will, kann schlecht im Januar zuschlagen. Um das Offensichtliche festzustellen, genügt ein Normalmaß praktischer Intelligenz. Nach Berlin kramten Linkstwitterer massenweise die alte, längst hundertfach widerlegte Desinformationsklamotte des Zentralen Dunjahayali-Funks aus dem Archiv: Das ZDF erfand 2025 im Wortsinn „verdächtige russische Suchanfragen“ vor den Attentaten von Aschaffenburg und München.
Derartige Artefakte lassen sich durch die entsprechende Bedienung der Suchmaske nach Belieben künstlich erzeugen. Sowohl BND als auch der Verfassungsschutz wiesen die Verantwortlichen schon vorab darauf hin, dass sie auf den gequirlten Unfug eines angeblichen Datenexperten hereingefallen waren. Der Beitrag lief trotzdem im Demokratieabgabensender. Und er dient bis heute High Performern auf X und anderswo zur Unterfütterung ihres Glaubens, dass Moskau hinter jedem Anschlag steckt, den dieses Milieu zum Schutz des eigenen Weltbilds ganz dringend wegerklären muss.
Wobei sich die Frage stellt, ob die Verbreiter es tatsächlich selbst glauben oder schlicht auf ein entsprechend strukturiertes Publikum spekulieren. Jedenfalls liefern sie den Lösungsweg nicht mit: Also, wie Putin die Berliner Justiz dazu bringen konnte, den Täter von Berlin nicht ins Gefängnis, sondern zum Deradikalisierungsvoodoo zu schicken.
Die Fahrt des Polizeibekannten in die CSD-Menge trägt, so schlimm sie war, allerdings weniger zum allgemeinen Unsicherheitsgefühl bei als die vielen kleineren und größeren Messer- und Schusswaffen-Ereignisse, die sich relativ gleichmäßig über das Land und das Jahr verteilen. Am 14. Juli bedrohte ein afghanischer Asylbewerber im oberbayerischen Ruhpolding erst einen Schaffner im Regionalexpress, und jagte dann Passagiere über den Bahnsteig, darunter zahlreiche Kinder, am nächsten Tag tötete – siehe oben – ein 22-jähriger als Asylbewerber abgewiesener afghanischer Migrant den Studenten Marius Dick in Trier. Am gleichen Mittwoch schoss ein Türke in Dresden um sich und rief „Allahu akbar“. Der Mann namens Mehmet Ü. ging 2013 wegen zweifachen versuchten Mordes ins Gefängnis, kam aber angesichts der Schwere des Delikts erstaunlich schnell wieder frei. Vor allem durfte er in Deutschland bleiben. Am 11. Juli fügte ein Rumäne einer jungen Frau am Bahnhof von Traunstein Schnittverletzungen am Kinn zu, eine Nacht später stach ein junger Türke einem anderen vor einer Traunsteiner Spielhalle ein Messer in den Rücken. Gegen den rumänischen Messertäter von Traunstein erließ die Staatsanwaltschaft Haftbefehl, setzte ihn aber sofort wieder gegen Auflagen außer Vollzug.
Genauso handhabte es die zuständige Justizbehörde im Juni in Schwäbisch Gmünd: Sie beantragte zwar im Juni erfolgreich einen Haftbefehl gegen einen 21-jährigen Afghanen, der im dortigen Bud-Spencer-Freibad laut Aussagen vier Mädchen zwischen zwölf und vierzehn sexuell bedrängte – einer führte er den Finger in die Scheide ein –, setzte ihn aber sofort außer Vollzug. Der Mann muss dafür nur der Auflage folgen, vorerst kein Freibad zu betreten. Falls er sich nicht daran hält, droht ihm vermutlich kein schwerer Nachteil – sondern nur den Kindern, die ihm zu nah kommen. In Magdeburg ging im Juni ein 20-jähriger Migrant aus Afghanistan aus dem Nichts heraus auf zwei Frauen los, die er schlug und würgte. Nicht etwa nachts im Park, sondern tagsüber auf offener Straße. Die Polizei stellte ihn und wählte ein für neue deutsche Verhältnisse scharfes Mittel: die Gefährderansprache. Nach der kurzen Begegnung mit der Staatsmacht stürzte sich der Afghane auf die nächste Frau. Erst dann folgte ein Haftbefehl. Hier darf man wirklich einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Landtagswahl vermuten – nicht, was die Tat betrifft, aber den Umstand, dass der Mann wirklich erst einmal hinter Gitter kam. Selbstredend heißt das nicht, dass er schon bald das Land verlassen muss.
In den Abstiegsmedien findet nicht die leistete Debatte darüber statt, was es mit einem Land anrichtet, wenn jeder damit rechnen muss, im öffentlichen Raum zum Zufallsopfer zu werden – in der Metropole, in der ehemals beschaulichen Kleinstadt, im Regionalexpress, tagsüber. Was es für Eltern bedeutet, wenn sie die Nachricht bekommen, dass ihr Kind nicht mehr lebt, nicht weil es zu einer gefährlichen Bergtour aufgebrochen wäre – sondern weil es, wie der erwähnte Marius Dick aus Trier, zum Supermarkt um die Ecke wollte und nicht mehr zurückkam. Es gibt immer wieder typische Täter, während die Opfer nur eins gemeinsam haben: Sie bewegten sich ohne Leibwächter und Panzerlimousine durch die Öffentlichkeit.
Eine Low-Trust-Gesellschaft zeichnet sich auch dadurch aus, dass die meisten Bürger nicht nur von Politik und Justiz in Sachen Sicherheit kaum noch etwas erwarten, sondern auch nicht von der Polizei, die es wie in dieser Szene noch nicht einmal schafft, ihre eigenen Fahrzeuge zu schützen. Low Trust, dahingegangenes Sozialkapital – das zeigt sich auch in der resignierten Hinnahme der Vermüllung und Verrottung öffentlicher Räume. Vor kurzem postete die aus „Bauer sucht Frau“ bekannte Influencerin Anna Heiser ein kurzes Video, in dem sie ihren Eindruck vom heutigen Deutschland beschreibt, das sie zum ersten mal seit Jahren wieder bereiste.
Erstaunlich viele Menschen gerade in Berlin und NRW verfügen mittlerweile über die Fähigkeit, einen Anblick wie beispielsweise den des S-Bahnhofs Yorckstraße oder des Bahnhofs Südkreuz einfach wegzufiltern.

Man muss noch einmal zurück ins Jahr 2015 gehen, zu der berühmten Rede Katrin Göring-Eckardts, in der sie ihre Freude darüber mit sportpalastähnlichem Stimmdruck äußerte, dass sich das Land jetzt drastisch ändern werde. Immerhin sprach sie wenigstens aus, was andere Verantwortliche, allen voran Angela Merkel, seinerzeit einfach abstritten: dass es nämlich eine durchpazifizierte, feminisierte Gesellschaft bis zur Unkenntlichkeit verformt, wenn man innerhalb historisch kürzester Zeit Millionen bindungslose junge Männer aus zerrütteten Weltgegenden ansiedelt, in denen sich Gewaltanwendung, Schwulenfeindlichkeit, Antisemitismus und Frauenverachtung von selbst verstehen.
In der gleichen Rede sprach Göring-Eckardt damals von einer „neuen, besseren Gesellschaft“, die sich nun durch diesen Zustrom herausbilden werde. Sie konnte also mit der alten Bundesrepublik ersichtlich nichts anfangen, die ihr offenbar zu geordnet und bürgerlich vorkam. Es ging ihr nicht in erster Linie um die geschenkten Menschen, wie sie sich ausdrückte. In den Neuankömmlingen sah sie in erster Linie eine Schwungmasse zur Zerstörung der Verhältnisse. Natürlich auch Wählerpotential für ihre Partei – was praktisch auf das Gleiche hinauslief. Die Grünenpolitikerin stand damit nicht allein. Noch etwas deutlicher tritt diese Mischung aus Überdruss an der Ordnung und intellektueller Ödnis bei dem SPD-Politiker Michael Roth hervor, der 2015 darüber frohlockte, dass es in Deutschland ab sofort „spannungsreicher“ zugeht. Elf Jahre später sinniert er auf X, wie so etwas wie das CSD-Attentat nur passieren konnte.


Roth, Abitur in Heringen, Politikwissenschaftsstudium, Karriere ohne jeden Ausflug ins normale Berufsleben, Aufstieg bis zum Staatsminister – seine Vita liest sich wie die von Dutzenden anderen Funktionären. Sein „spannungsreich“ von damals verrät die Lust auf ein Abenteuer, eine Eskapade aus der eigenen Lebenslangeweile, immer natürlich mit dem Gedanken, dass andere den Preis dafür zahlen. Göring-Eckardt, er und viele andere wollten in diesem September 2015 ihr Augusterlebnis genießen, ganz ähnlich wie ihre Vorfahren, die 1914 den Kriegsbeginn als Ausbruch aus der verachteten Normalität feierten. Auch damals gab es dieses Gefühl vor allem in den gehobenen Kreisen.
Sie haben bekommen, was sie unbedingt wollten: ein drastisch verändertes Land. Sehr spannungsreich. Ein Land, in dem schon der Weg zum Supermarkt in einer Kleinstadt Nervenkitzel bietet.
Allerdings finden sich auch alle anderen in der Gesellschaft des niedrigen Vertrauens und der Verwahrlosung wieder, die ihre alte halbwegs verlässliche und unspannende Heimat gern behalten hätten. Wer bleibt, der muss nach Wegen suchen, damit zurechtzukommen, und zwar ohne die Altersversorgung einer Katrin Göring-Eckardt und eines Michael Roth und ohne einen Audi A8 samt Chauffeur wie Heidi Reichinnek.
Andere sagen sich in Anlehnung an die ehemalige Bundesverweserin aus der Uckermark: Das ist nicht mehr mein Land. Und gehen. Immerhin müssen sie dann einem Karl Lauterbach nicht mehr den Lebensunterhalt mitfinanzieren. Das allein dämpft schon mal den Abschiedsschmerz.





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