Solche Szenen sind hierzulande noch weit entfernt: Anthony Faucis Anwalt wird demonstrativ aus dem Saal abgeführt. Fauci verweigerte in allen Fragen die Aussage, aber seine Tagebücher beweisen Täuschungsversuche seit 2020 – vom Virusursprung über Lockdowns bis hin zur Sterblichkeit.
picture alliance / Sipa USA | JNA PRESS
Es ist ein Erfolg, wie man ihn sich für Deutschland oder die EU wünschte. Die privaten Aufzeichnungen eines Gesundheitsfunktionärs aus der Coronazeit wurden losgeeist und sind nun dank Vorladungen aus dem zuständigen Ausschuss des US-Senats Gegenstand der öffentlichen Diskussion. So etwas scheint im alten Europa fast unvorstellbar. Hier verschwinden sogar elektronische Dokumente wie Ursula von der Leyens brisante Pfizer-Kurznachrichten rettungslos. Die Öffentlichkeit tappt im Dunkeln, weiß aber trotzdem Bescheid.
In den USA ist Anthony Fauci schon in etwas größerer Bedrängnis. Der Immunologe und langjährige Direktor des nationalen Instituts für Infektionskrankheiten (National Institute of Allergy and Infectious Diseases, NIAID) sah sich am Mittwoch dazu genötigt, die Aussage zu verweigern, und das 111 Mal, wie Fox News nachgezählt hat. Fauci verweigerte die Antwort zu einer jeden Frage. Das ist laut dem fünften Zusatz der US-Verfassung sein gutes Recht; niemand muss sich vor Gericht oder sonstwo selbst belasten. Aber es entspricht dann doch einem – wenn auch sehr bedingten – Schuldeingeständnis. Fauci hat Angst – so sagt er selbst –, „irgendetwas“ zu sagen, das Pauls „wiederholte öffentliche Versprechen rechtfertigen könnte, dass ich, in seinen Worten, hinter Gittern lande“.
Hat Fauci also in seinen früheren Aussagen vor dem Kongress immer die reine Wahrheit gesagt? Genau darum sollte es eigentlich auch in der von Senator Rand Paul (Rep., Kentucky) initiierten Befragung vom Mittwoch gehen. Doch Fauci sagte auf spektakuläre Weise nichts. Auf den Rat seiner Anwälte verweigerte er die Aussage. Das tat er angeblich unter Schmerzen, aber er tat es. Sein Anwalt saß dabei übrigens demonstrativ in der ersten Reihe neben Fauci, was letztlich zu seiner Abführung aus dem Saal führte. In Deutschland ging das laut Stefan Homburg andersherum: Bundestagspolizeischutz für Christian Drosten.
Für Fauci geht es um alles
In den USA geht es um Faucis Kopf, mindestens um seine persönliche Freiheit, aber eigentlich um viel mehr, um sein Lebenswerk, und das kann man in einigen der Video-Ausschnitte deutlich sehen. Fauci fürchtet die Befragung durch seinen langjährigen Kontrahenten Paul, einen libertären Gegner der allermeisten Corona-Maßnahmen. Er fürchtet insbesondere, des Meineids überführt zu werden, und das wäre kein Pappenstiel bei Aussagen vor dem Kongress. Eine Falschaussage wäre mit Gefängnis bis zu fünf Jahren strafbar, wahlweise auch mit Geldstrafen. Beides würde Fauci nicht gefallen. Darum hat er die Absicht zu schweigen.
Am 26. Januar 2020 schrieb Fauci in sein Tagebuch: „Jetzt wissen wir, dass der Markt nicht die Quelle [der Epidemie] war, sondern deren Verstärker.“ Die erste Infektion sei schon Anfang Dezember 2019 aufgetreten, und zwar ohne jeden Bezug zum Fischmarkt in Wuhan. Ende Januar wusste der Immunologe also mit Gewissheit, dass der Markt nicht der Ursprung des neuen Coronavirus war. Zuvor hatten die Chinesen dieses Faktum unter Verschluss gehalten. Ebenso erfuhr Fauci am 3. Februar von seinem chinesischen Kollegen George F. Gao, Generaldirektor des Chinesischen Zentrums für Krankheitskontrolle und -prävention, dass asymptomatische Ansteckung möglich sei. Die Unterdrückung dieser Information hielt Fauci für einen Grund der weltweiten Ausbreitung.
Warum wiegelte Drosten bei „Gain of Function“ ab?
Doch im äußeren Leben veröffentlichte Fauci im März 2020 – nach langwierigen Diskussionen – zusammen mit Christian Drosten, Peter Daszak, Jeremy Farrar und anderen Koryphäen den scheinbar wissenschaftlichen Artikel „The Proximal Origin of Sars-CoV-2“ („Annäherung an den Ursprung von Sars-CoV-2“), in dem sich die Forscher vehement gegen die „Verschwörungstheorie“ einer künstlichen Herkunft des Virus aus einem Bio-Labor aussprachen. Und so stand der Huanan-Markt erneut im Fokus des öffentlichen Interesses. Nun wurden alle möglichen Kandidaten durch die Yellowpress getrieben, vom Marderhund über Schleichkatzen und Bambusratten bis zum Stachelschwein.
In Wahrheit hingen aber nur zwei von zwölf beteiligten Forschern der Theorie eines natürlichen Corona-Ursprungs an: Christian Drosten und Ron Fouchier. Ron Fouchier war, so schreibt Fauci, zusammen mit anderen „der ursprüngliche Gain-of-Function-Pionier“, die Ablehnung einer Kritik an Gain-of-Function-Forschung von Fouchier erwartbar gewesen. Warum aber kam von Drosten derselbe Input, dasselbe Abwiegeln in diesem Punkt?
Die zehn anderen Forscher hielten eine „bewusste Einfügung“ der Furinspaltstelle des berüchtigten Spike-Proteins für möglich, denkbar oder wahrscheinlich. Dieses Merkmal, das die beteiligten Forscher von keinem anderen Fledermaus-Virus kannten, erhöhte die Ansteckungsrate des Virus bei Menschen drastisch. Und immerhin war den zehn Forschern bewusst, dass Shi Zhengli an der Universität Wuhan seit Jahren Gain-of-Function-Forschung betrieb, und dabei exakt am Spike-Protein und seiner Bindung an die menschlichen ACE2-Rezeptoren – das ist genau der Mechanismus, der Sars-CoV-2 so ansteckend für Menschen machte.
Faucis Dreh mit der „versehentlichen“ Einfügung
Derweil glaubte Anthony Fauci an eine „versehentliche“ Einfügung des neuen Merkmals. Und was auch immer das sein sollte, Fauci hielt ein solches „Versehen“ laut Tagebuch für wahrscheinlicher als die absichtliche Einfügung.
Öffentlich sagte er später aber wieder etwas anderes und erklärte, ein natürlicher Ursprung sei viel wahrscheinlicher als ein Laborunfall. Anfang März lobte er intern die Arbeit an dem Artikel: Eine „gute Arbeit“ habe man da geleistet. Vorangegangen war die Ausrufung eines internationalen Gesundheitsnotstands durch die WHO und eine große Aufregung über das Coronavirus, das aus Sicht der Forscher zu „Verschwörungstheorien“ geführt hatte. Dem wollte, musste und konnte man so entgegentreten.
Eines der Ziele war die Erstellung „chimärischer Viren“ im Wuhaner Bio-Labor, wie nun auch aus den Fauci-Tagebüchern hervorgeht. Im Juli 2019 wurde eine Verlängerung des Programms genehmigt. Im April 2020 wurde das Programm in Panik erst beendet, dann wiederaufgenommen und schließlich suspendiert. Im April 2023 setzte das NIH die Zusammenarbeit mit der EcoHealth Alliance fort, die sich bis ins Jahr 2027 ziehen sollte. Im Januar 2025 beendete Trumps Gesundheitsministerium jede Zusammenarbeit mit Peter Daszaks EcoHealth Alliance.

Wissenschaft, die doktrinär statt informierend ist
Inzwischen weiß man auch, dass die Virus-Forschung mit vielen „Virus-Durchgängen“ durch Versuchstiere operiert, wodurch sich zufällige Mutationen ergeben. Könnte das Coronavirus Ergebnis eines solchen Verfahrens gewesen sein? Und wusste Fauci davon? Gehörte er am Ende selbst zu den Planern entsprechender Versuchsanordnungen? Oder hat er sich mit anderen zum Benutzen der Gen-Schere verabredet, also doch zur absichtlichen Einfügung von Merkmalen?
In jedem Fall wäre es die Aufgabe Faucis und anderer Experten gewesen, die Öffentlichkeit objektiv auch über die Unsicherheiten im eigenen wissenschaftlichen Weltbild zu informieren. Stattdessen leisteten sie der Vorstellung einer doktrinären Wissenschaft Vorschub, wie man sie allerdings schon aus linken Kreisen und aus der Klimawandel-Propaganda kannte. Nun sollte es auch die eine unumstößliche „Wahrheit“ über das Coronavirus geben, was offensichtlich ein Instrument zur Lenkung der Massen werden sollte, ein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Wenn es nicht tiefere Verbindungen verdecken sollte, die den Forschern auch selbst hätten gefährlich werden können.
Stolz auf Schulschließungen
Diese Fragen bilden eine Spur bei möglichen politischen und später vielleicht strafrechtlichen Ermittlungen gegen Fauci und Konsorten. Daneben geht es Senator Paul um die politische Rolle des Experten während der Corona-Epidemie.
Aber Fauci war sogar Chef der Covid-Taskforce im Weißen Haus. Tatsächlich hat sich in der Corona-Zeit erwiesen, wie empfindlich dieses System aus Politik und (vermeintlicher) Wissenschaft sein kann. Politiker hatten zum Teil eine eigene Agenda, die sie wissenschaftlichen Akteuren aufzwangen, aber letztlich stammten die Signale für das Agieren von einigen quasi auserwählten Individuen, die wie der Immunologe und NIAID-Direktor, Anthony Fauci, eine besondere Kompetenz für sich beanspruchen konnten. In der Aggregation solcher Koryphäen, die sich mustergültig im Brief der zwölf Bio-Forscher zeigte, kann man am ehesten den Ursprung der Corona-Maßnahmen sehen.
Auch diese Figuren wurden natürlich gemacht, so wie in Deutschland Christian Drosten mit seinen Podcasts. Fauci freute sich kräftig über seinen neuen Ruhm, notierte sich eher ironisch zu verstehende Trump-Zitate („du bist ein richtig berühmter Typ“) und nannte sich nach einem netten Porträt auf der Titelseite der Washington Post den „berühmtesten und meistdiskutierten Menschen des Landes … eine der bekanntesten Persönlichkeiten weltweit“. Trump machte ihn am Ende zum wissenschafts- und gesundheitspolitischen Sprecher der US-Regierung, was Fauci wiederum stolz notierte. Auch Rand Paul vermutet Eitelkeit als zentralen Antrieb hinter Faucis Corona-Karriere.
Daneben hat er sich aber vielleicht auch bei der Frage seines Einflusses auf politische Entscheidungen der Falschaussage vor dem Kongress schuldig gemacht.
— Rand Paul (@RandPaul) July 27, 2026
Er beeinflusste die Corona-Politik weltweit
Erst etwas später, nachdem die Lockdown-Entscheidungen auch aufgrund von Faucis Drängen (in den USA aber eher auf regionaler und lokaler Ebene) getroffen waren, zeigte sich Trump entsetzt von Faucis Wirken und dem der Corona-Beauftragten seiner Regierung, Deborah Birx: „Sie und Fauci haben das Land und die Wirtschaft zerstört. Ich hätte nie auf Sie hören dürfen. Sie haben uns völlig ruiniert.“ Diesen O-Ton können wir heute den Fauci-Tagebüchern entnehmen. Birx soll ihm das so erzählt haben.
Und in noch einer Frage hat Fauci sich in Widersprüche verwickelt. Das ist die Sterblichkeit durch das Coronavirus. In seinem Tagebuch schätzte Fauci die Sterblichkeit am 8. Februar 2020 auf gerade einmal 0,2 oder 0,3 Prozent – also etwa das, was man auch von einer Grippewelle erwarten kann. Später sollte er diesen Wert in öffentlichen Aussagen dramatisch nach oben „korrigieren“: Am 11. März erklärte er vor dem Kongress und unter Eid, die offizielle Sterblichkeitsrate liege bei etwa drei Prozent. „Zehnmal tödlicher als die saisonale Grippe“ sei das Virus, so das damals gegebene offiziöse Fazit des NIAID-Direktors, der allerdings anfügte, dass dieser Wert bei Berücksichtigung der asymptomatischen Fälle auf nur noch ein Prozent sinke.
Faucis Einfluss auf die öffentliche Meinung der USA und indirekt in anderen Ländern blieb über die gesamte „Pandemie“ hinweg beträchtlich. So bereitete er den allgemeinen Kurswechsel zur Maskenpflicht vor, den auch Drosten mitmachte. Und er setzte sich sehr nachdrücklich für Impf- und Boosterpflichten ein. Sein Modell, das Thema in einer früheren Befragung war, wurde in anderen Ländern, auch Deutschland, geflissentlich befolgt: „Pandemie der Ungeimpften“, Druck auf Arbeitnehmer, alle diese Rezepte sind auch aus dem deutschen Diskurs bekannt.
Immer neue Gipfel der Selbstkorruption Faucis
Und dann gibt es noch ein Thema, das brisant scheint: Fauci hat während der „Pandemie“ hochdotierte Preise erhalten, darunter den Dan-David-Preis der gleichnamigen Stiftung und der Universität Tel Aviv, der mit einem Preisgeld von einer Million US-Dollar verbunden war. Und um diese Preise zu bekommen, soll Fauci auch persönlich Druck auf seine Kollegen ausgeübt zu haben. Auf NIAID-Fördergelder sollten Preise für den NIAID-Direktor folgen, und Fauci setzte das ihm untergebene Personal ein, um derlei Deals einzufädeln. Und das ist ein weiterer Gipfel der Selbstkorruption Faucis.
Rand Paul, das muss man diesem politischen Überzeugungstäter lassen, hat sich in seinen Gegner verbissen und ein Sündenregister gesammelt, das explosiv ist und die Geringfügigkeitsgrenze schon lange überschreitet. Doch Paul ist auch nicht allein. Neben ihm saßen einige Senatoren, die nicht weniger aufgebracht waren über die katastrophalen Fehlentscheidungen der Politik in Folge der schlechten Beratung Faucis. Zu ihnen zählt Senator Bernie Moreno (Rep., Ohio), der erklärt, dass er wegen der verfehlten Corona-Politik 2020 seine Unternehmen verkaufte und in die Politik ging. Moreno spricht davon, dass viele damals wussten, dass die 1,5-Meter-Regel Quatsch war, dass Arbeitnehmer und Soldaten zur „Impfung“ gezwungen wurden, dass die Schulschließungen „katastrophal dumm“ waren.
Und zuletzt stellte Senator Josh Hawley (Rep., Missouri) fest, dass Fauci keineswegs ein Recht auf Verweigerung der Aussage habe, weil er zum Kreis derer gehört, die von Präsident Biden kurz vor dem Amtsabtritt begnadigt wurden.





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