Die liberal-konservative Lebenseinstellung ist vergleichbar mit dem Steigenlassen eines Drachens im Wind: Konservativ mit der Glaubensbasis wie an einer Schnur gebunden sein, um dadurch Freiheit zum Fliegen und zur Höhe zu gewinnen.
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Konservativ sein = „bewahrend“ sein, heißt nicht: „Das haben wir immer so gemacht und daran ändern wir auch in Zukunft nichts.“ Kein Wunder, wenn sich die „Progressiven“ über solchen starrköpfigen Pseudokonservatismus lustig machen. Wer will, dass alles unflexibel beim Alten bleibt, der will, dass es im Laufe der Zeit verschwindet.
„Konservativ sein“ heißt: „Ich habe ein wunderschönes Haus von meinen Vorfahren überliefert bekommen. Dieses Haus muss ich ständig renovieren und in Schuss halten, damit es nicht verfällt und mir und meinen Nachkommen erhalten bleibt. Aber dabei werde ich die tragenden und bewährten Wände aus diesem Haus nur dann verändern oder gar abreißen, wenn ich erwiesenermaßen bessere tragende Wände habe.“
Konservativ ist also dem Neuen und Progressiven gegenüber aufgeschlossen. Aber aus der Sicht des Konservativen ist nicht alles progressiv, was sich „progressiv“ nennt. Nicht jede neue Idee, die ohne Evidenz das Alte verachtet und die manchmal sogar der erwiesene Weg in den Abgrund ist, ist „progressiv“. „Progressive“, die allzu achtlos mit den tragenden Wänden des Hauses umgehen, sind eine Gefahr für das Haus des Lebens. Glaube ist immer auch ein Kulturkampf gegen die Parteiungen, die die tragenden Wände des christlichen Glaubens leichtfertig niederreißen.
Christlicher Glaube kann nur konservativ sein. Jesus Christus, das sagt schon der Name der Christen, ist der Mittelpunkt des christlichen Glaubens. Sein Wort und sein Leben und sein jüdischer Glaubenshintergrund, die uns in der Heiligen Schrift vermittelt werden, sind zu bewahren. Jesus Christus als Fenster in Gottes Herz hinein ist das wunderschöne Haus, das mir geschenkt ist und in dem ich mich zuhause fühlen darf. Die Gnadenlehre und das daran orientierte Glaubensverständnis sind die tragenden Wände, die Jesus Christus als Zentrum des christlichen Hauses alle Ehre geben.
Jesus Christus, die Heilige Schrift, die Gnade und der Glaube – mit diesem Kompass und seinen vier Richtungen habe ich aber auch viel Freiheit. Das ist die liberale Seite des Glaubens.
Die Heilige Schrift, die mir Jesus Christus nahebringt, ist eine vielfältige Bibliothek mit 66 Büchern mit einer Entstehungszeit von mehr als 1600 Jahren. Da ist ethisch und politisch nichts eindimensional gleichgeschaltet.
Jesus Christus hat sehr liberale Seiten. Bei einer Predigt über das Wort Jesu „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Markus 2,27) hat ein Gottesdienstbesucher mich nach dem Gottesdienst gefragt, ob Jesus nicht ein bisschen zu liberal gewesen sei.
Die Gnadenlehre als tragende Wand des christlichen Glaubens ist ein Bollwerk gegen allen einengenden Moralismus.
Christlicher Glaube geht nur konservativ, Jesus Christus bewahrend. Und konservativer Glaube geht mit Jesus Christus nur liberal-konservativ.
So ergibt sich aus dem Innersten des christlichen Glauben heraus die spannende Dialektik von liberal-konservativ. Eine liberal-konservative Grundeinstellung bringt eine wunderbare Lebendigkeit in den christlichen Glauben. Ständig bin ich in dem Dialog: Wo kommt das Bewahren des Guten zu kurz, wo dagegen kommt die Freiheit zu kurz. In diesem strukturell-unverzichtbaren Dialog bleibt der christliche Glaube lebendig und ist bewahrt vor seiner Erstarrung.
Zudem verhindert die Raumeröffnung „liberal-konservativ“, dass ich in der Fremdwahrnehmung in eine einzige (verschlossene) Schublade hineingepresst werden kann. Wer mich in die liberale Schublade steckt, der übersieht meine konservative Verortung. Wer mich in die konservative Schublade steckt, der übersieht meine liberale Orientierung.
Die Liberalität meines Glaubens ermöglicht es, dass ich viele Etiketten für meinen Glauben akzeptiere:
Mein Glaube hat katholische Seiten. Jesus Christus ist als Herr der Welt nicht nur immer konkret und persönlich, sondern gleichzeitig auch „universell“ und „allumfassend“. Die katholische Kirche und Theologie und Sinnesfreude bereichern, sofern sie Jesus Christus groß machen.
Mein Glaube ist offen für die orthodoxe Kirchenfamilie, für die Wertschätzung der Heiligen Dreifaltigkeit, für die lebendige Tradition der Kirche, für den Fokus auf Liturgie und Ikonen als Gottes Brücke zu uns, sofern Jesus Christus im Mittelpunkt steht.
Mein Glaube ist ökumenisch, denn Jesus Christus als Kern aller christlichen Konfessionen verbindet alle Christen, sofern diese auf Jesus Christus ausgerichtet sind.
Mein Glaube kann auch „evangelikal“ genannt werden, denn „evangelisch radikal“ (lat. „radix“ – „die Wurzel“) = „in der frohen Botschaft verwurzelt“ kann nicht schlecht sein.
Auch gegen das Etikett „pietistisch“ habe ich nichts einzuwenden; der Pietismus als Laien- und Bibelbewegung hat bis heute anregende Seiten gegen Klerikalismus und Amtskirchentum.
Und selbstverständlich bin ich „bibeltreuer Christ“; denn ohne die Heilige Schrift würden wir Menschen für den Glaubensbereich oberhalb der Sonne, das heißt in Bezug auf Gott, im Dunkeln tappen.
Allerdings lehne ich die Adjektive sozialistisch, moralistisch und gesetzestreu als zentrale Bestandteile für den christlichen Glauben ab, da solche Einstellungen der Differenziertheit und Freiheit des christlichen Glaubens nicht gerecht werden.
Angesichts der Fülle der christlichen Konfessionen und Konfessionsfamilien ist es gar nicht leicht, als Christ seine Orientierung zu finden. Mein liberal-konservativer christlicher Glaube hat einen wunderbaren Kompass mit den vier Himmelsrichtungen Christus-Schrift-Gnade-Glaube, die mir geborgen und frei den Weg weisen.


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