Spanien ist Weltmeister – Es gibt ihn noch, den Fußballgott der Gerechtigkeit

Ferran Torres schießt Spanien gegen Titelverteidiger Argentinien zum Weltmeister. Ein Finale zwischen großer Inszenierung, harter Gegenwehr und Fußballromantik endet mit einem einzigen Schuss unter die Latte. Es gibt ihn noch, den Fußballgott der Gerechtigkeit.

picture alliance / DPPI media | Alexandre Martins

Es gibt Momente im Fußball, die wirken erfunden. Zu kitschig für Hollywood. Zu perfekt für Netflix. Zu unglaublich für jede Drehbuchkonferenz. Und dann kommt der Fußball, setzt sich irgendwo auf die Tribüne, grinst und sagt: „Hatte ich es nicht angekündigt?“ Diese Weltmeisterschaft endet nicht einfach mit einem Finale. Sie endet mit einem Spektakel. Mit einem WM-Pokal, der frei Haus im Louis-Vuitton-Koffer geliefert wird. Mit einer Abschlussschau, bei der man irgendwann nicht mehr weiß: Sind wir noch bei einer Fußball-WM oder bereits bei einer Oscar-Verleihung? Alles irgendwie in XXXL, aber auch schön, farbenfroh und spektakulär.

Mit Donald Trump und Gianni Infantino im Mittelpunkt der großen Bühne – zwei Männern, die wissen, wie man eine Weltveranstaltung inszeniert, und dennoch hinter schusssicheren Hartglasscheiben geschützt werden müssen. In Amerika ist leider alles möglich. Auch Ausnahmezustände.

Und dann kommt Robbie Williams ins MetLife Stadium und liefert den Soundtrack für einen Abschluss, der genau zu dieser manchmal überdrehten, manchmal absurden, aber trotzdem faszinierenden WM passt. Mehr Show, noch mehr Stars und noch viel mehr Lametta.

Sogar die Halbzeitpause bekommt eine eigene Super-Bowl-Dimension: nicht mehr nur 15 Minuten Verschnaufpause, sondern fast eine zusätzliche Unterhaltungsschau. Das Finale bis dahin zwischen Titelverteidiger Argentinien und Spanien? Eine Nullnummer.

Die Frage bleibt: Was ist eigentlich das Hauptspektakel? Der Fußball? Oder alles, was darum herum gebaut wird? Vielleicht beides. Aber am Ende gewinnt immer noch das Spiel. Und dieses Spiel hat wieder einmal bewiesen, warum Fußball größer ist als jede Inszenierung.

Der Fußball ist ein schlechter Mathematiker

Zurück zum Anfang dieser verrückten WM. Die Tipps unter Kollegen waren ungefähr so treffsicher wie ein Schussversuch aus 40 Metern bei Wind und Regen. Deutschland rutscht früh aus und ist raus. Der Nimbus als Turniermannschaft? Längst futsch.

Brasilien früh raus. Die Türkei, von vielen als Überraschungsmannschaft gesehen, schafft es nicht einmal ins Sechzehntelfinale. Dafür kommen Kap Verde und Japan weiter. Wer hätte darauf gesetzt? Der Fußball ist eben ein schlechter Mathematiker. Er ignoriert Wahrscheinlichkeiten, lacht über Statistiken und zerstört jede sichere Prognose. Meist in der Nachspielzeit. Oder er lässt den Ball vom Innenpfosten ins Feld zurückspringen. Notfalls nimmt der Videoassistent einen Treffer zurück, weil ein Kicker mit einer Nasenlänge kalibriert wird. Abseits!

Und danach sitzt der Fußball irgendwo in einer Ecke des Stadions, grinst und sagt: „Ich habe es euch doch gesagt.“

Ein Finale wie aus einem Fußballmärchen

Und dann dieses Endspiel. Spanien gegen Argentinien. La Roja gegen die Albiceleste. Der Europameister und Weltmeister von 2010 gegen Titelverteidiger Argentinien. Eigentlich hätte Hollywood hier schon das Drehbuch bestellt. Denn im Mittelpunkt stehen zwei Spieler, deren Geschichte kaum ein Autor gewagt hätte.

Lionel Messi und Lamine Yamal. Der König und der mögliche Thronfolger. Der letzte Tanz und der erste große Schritt. Die Geschichte beginnt nicht im MetLife Stadium. Sie beginnt in einer Badewanne. Rückblick: Barcelona, 2007. Ein 20-jähriger Lionel Messi hält ein kleines Baby im Arm. Eine harmlose UNICEF-Aktion. Ein paar Fotos. Ein kurzer Moment. Niemand ahnt, dass dieses Bild fast zwei Jahrzehnte später plötzlich wie eine Nachricht aus der Zukunft aussieht. Dieses Baby? Lamine Yamal. Seine Zahnspange bekommt er bald weg.

Der Fußball besitzt manchmal einen absurden Humor. Er lässt einen jungen Messi ein Kind baden und bringt beide später auf die größte Bühne der Welt. Hollywood würde dieses Drehbuch ablehnen: „Zu unrealistisch.“ Der Fußball würde nur lächeln.

Der König und der Junge

Messis Geschichte kennt jeder. Rosario. Barcelona. Ein kleiner Junge, dessen Körper nicht den Erwartungen entsprach, dessen linker Fuß aber aussah, als hätte jemand einen Zauberstab darin versteckt. Er wurde nicht nur ein Spieler. Er wurde eine ganze Epoche.

Yamal kommt aus Rocafonda, einem einfachen Viertel bei Barcelona. Auch er wurde vom Barça-System entdeckt. Auch er besitzt diese Mischung aus Straßenfußball, Frechheit und Eleganz.
Aber das Schönste an dieser Geschichte: Yamal versucht nicht, Messi zu verdrängen. Er verehrt ihn.

Doch dieses Finale erzählt nicht nur die Geschichte zweier Spieler. Es erzählt auch die Geschichte zweier Trainer: Lionel Scaloni und Luis de la Fuente. Auch hier schrieb der Fußball sein eigenes Drehbuch. Denn 2017 war Scaloni noch kein Weltmeistertrainer. Er saß im Klassenzimmer. Mit Stift und Notizblock. Der Lehrer? Luis de la Fuente. Gestatten: der neue Weltmeister. Kein Selbstdarsteller. Kein Trainer, der sich wichtiger nimmt als seine Mannschaft.

Das Finale: Nervosität statt Zauberfußball

Und dann das große Finale. Vielleicht nicht das spektakulärste Spiel dieser WM. Vielleicht sogar ein Endspiel, das von seiner Bedeutung erdrückt wurde. Der Rasen stumpf. Die Beine schwer. Die Nervosität riesig. Argentinien ging mit seiner bekannten Härte im Mann-gegen-Mann in dieses Spiel. Nicht immer schön. Nein, im Gegenteil: sehr unangenehm. Spanien dagegen wollte den Ball manchmal regelrecht ins Tor tragen. Noch ein Pass da, hier noch eine Kombination. Bitte noch einen Moment der Perfektion.

Doch beide Mannschaften und Trainer wussten: Ein Fehler kann alles entscheiden. Wer macht den ersten? Denn Endspiele werden selten durch Schönheit gewonnen. Sie werden durch diesen einen Moment entschieden.

Der Moment des Ferran Torres

Und dann kam dieser Moment. Nicht die Statistik. Nicht der Ballbesitz. Nur der eine Fußball. Ferran Torres bekommt seine Szene. Jenen Augenblick, von dem jeder Spieler träumt. Nico Williams legt uneigennützig mit dem Hinterkopf ab, Ferran fackelt nicht lange und zimmert den Ball mit links unter die Latte.

Das erlösende Tor. 1:0 für Spanien.

Und plötzlich ist alles entschieden. Spanien ist Weltmeister. Nach Verlängerung und gefühlt 25 Fouls der Argentinier. Es gibt ihn also doch noch: den Fußballgott der Gerechtigkeit.

Abschied von einer besonderen WM

Diese Weltmeisterschaft endet auch mit einem Abschied. Einem Abschied vom alten 32er-Teilnehmerfeld. Diese WM war mit 48 Nationen viel zu aufgebläht. Von einer WM, bei der jede Partie sofort Bedeutung hatte. Keine Zeit zum Verstecken. Keine Möglichkeit, sich langsam ins Turnier zu schleichen. Mehr Mannschaften bedeuten mehr Geschichten. Aber manchmal fragt man sich auch: Wird größer automatisch besser?

Am Ende bleiben nicht nur Ergebnisse. Es bleiben Bilder.

Messi, der König einer Ära, wird gefeiert und weint. Yamal, der vielleicht gerade seine eigene Ära beginnt. Trainer Scaloni, der Argentinien wieder zum Ruhm führte, verdrückt Tränen. Aber nicht, weil ihm Trump mit roter Krawatte die Silbermedaille umhängt.

Es bleibt De la Fuente, der Spanien zurück an die Spitze brachte. Und Ferran Torres, der mit einem einzigen Moment unsterblich wurde.

Der Fußball ist kein Taschenrechner. Er ist ein Märchenbuch. Manchmal schreibt er ein Kapitel, das niemand erwartet. Manchmal bringt er Vergangenheit und Zukunft zusammen. Manchmal entscheidet ein einziger Schuss über die Ewigkeit.

Spanien ist verdienter Weltmeister.

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Kommentare ( 42 )

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verblichene Rose
17 Stunden her

Wenn man sich demnächst darauf einigt, dass wirklich NATIONALmannschaften spielen, dann schaue ich vielleicht auch wieder bei der WM zu.

Freidenker
20 Stunden her

Das Spiel selbst war für den neutralen Beobachter über weite Strecken langweilig, aber das Multikulti-Regenbogen-Spektakel in der Halbzeitpause war für mich der Höhepunkt dieser völlig misslungenen Kommerzveranstaltung. Trinkpausen während des Spiels für zusätzliche Werbeblöcke, satte 104 Spiele, um den Weltmeister zu ermitteln, völlig überzogene Ticketpreise, Hinterzimmerabsprachen und Kungeleien bei der Vergabe der WM-Austragungsorte: Die FIFA zeigt, wohin die Reise gehen wird, wenn politische Entscheidungen in die Hände korrupter Funktionäre geraten. Egal ob FIFA, IOC, UN oder EU – Funktionäre sind und bleiben Funktionäre. Am Ende regieren die Sponsoren. Mit Sport hat das nichts mehr zu tun.

Last edited 20 Stunden her by Freidenker
GermanMichel
21 Stunden her

Faszinierend mal völlig ungefiltert zu sehen wie „anders“ (und vor allem primitiv) die US Kultur ist, und wie inkompatibel zur europäischen.

Der abstoßende Kult um PoC und People of sexual Deviation konnte in seinem Ursprungsland beobachtet werden, und die absurd verlogene Show um den Weltfrieden im Land der Kriegstreiber schlechthin.

Geradezu ein historisches Lehrbeispiel waren die beiden Endspiele. Während Spanien den Anfang der Entwicklung zeigte, ein Araber und ein schwarzer bereichern die spanische Elf, haben England und Frankreich den Endpunkt der Entwicklung gezeigt – zwei mal Afrika-Auswahl mit Fake Etikett.

Argentinien das zweite Mal als einzige europäische Mannschaft im Turnier.

R.Baehr
21 Stunden her

Merkwürdiges Verständnis des Autors für diese Inszenierung. Z. B. Trinkpausen, nur deswegen wohl eingeführt, um noch mehr Werbung im FS zeigen zu können. Ansonsten jede Menge merkwürdiger Schiedsrichterentscheidungen, Kommentatoren und sogenannte Experten die nur die vermeintlichen Superstars verherrlichen und zwar ununterbrochen bis zum Erbrechen und ansonsten großteils nur Unsinn quatschen, einzig und allein bleibt Spanien ist verdient Weltmeister geworden und die deutsche Söldnertruppe ebenso verdient hinausgeflogen aus dem Turnier und die Kleinen haben die Großen mal richtig aufgemischt.

Dieter Rose
21 Stunden her

Alles für Spanien 🇪🇦
… kommt jetzt der spanische Staatsschutz?

MariaundJosef
22 Stunden her

Ich habe angewidert während der FIFA-„GötzenVerherrlichung“ abgeschaltet, gleich zu Beginn. Das hatte nichts mit Fußball zu tun, sondern nur mit Money!

Nibelung
16 Stunden her
Antworten an  MariaundJosef

Im alten Griechenland mußten sie noch aus allen Ecken der damals bekannten Welt zu Fuß anreisen um sich zu Ehren der Götter zu messen und das ist der qualitative Unterschied zu heute und das „Damentreten“ im Trikot ist noch zusätzlich eine einzige Zumutung und wenn die nichts anderes zu tun haben um die Männerdomäne nachzuäffen, belegt es der ganzen Welt, wie man mit dieser Geschäftsidee selbst Frauen vermarktet und die schrecken vor nichts zurück, wenn es Kohle verspricht und man nur dumm genug sein muß um sich dafür auch noch zur Verfügung zu stellen.

rainer erich
22 Stunden her

Im Unterschied zu manchen Begeisterten auch auf TE ist mein Fazit deutlich negativer. Von einem Format , an dem 25 %, demnächst 50 %, der Nationen teilnehmen, dann 2 Monate oder länger, über eine Fläche von 20 Mio qkm, halte ich wenig. Immerhin konnten neue Flugdistanzrekorde aufgestellt werden. Zumal man dann Magenta abonnieren müsste, von den Zeiten abgesehen. Gigantomanien gehen leicht auf Kosten auch der spielerischen Qualität, welche von anderen Aspekten abgelöst wurde. Bis in das Finale. Bei derartigen Inszenierungen ist es logisch, dass das Spiel selbst nur zu Teil oder zur Gelegenheit mutiert. Zu den “ neuen “ Prioritäten… Mehr

Ohanse
22 Stunden her

Aber für Friedrich Merz war die DFB-Elf der Turniersieger. Alles andere wäre Nörgelei. Und der Friedrich lässt sich auch eine krachende Niederlage nicht kaputtreden. Wäre ja noch schöner, wo er doch sonst nichts vorzuweisen hat.

Johann P.
23 Stunden her

Jawohl, Spanien ist verdienter Weltmeister! Da spielte nämlich eine Nationalmannschaft(!), die diese Bezeichnung noch verdient, ein perfekt eingespieltes Team und keine Einzeldarsteller, kämpferisch und auf den Erfolg aus. Und ein Trainer, der ruhig und gelassen von der Seitenlinie aus seine Spieler motivierte, Gratulation! Und „Die Mannschaft“? Ach ja, die waren zwar auch dabei, haben es aber vorgezogen, Haltung zu zeigen und die USA möglichst schnell wieder zu verlassen – und das war auch gut so!

Peter Klaus
23 Stunden her

Das einzig wahre Highlight: Ronaldo & Ronaldinho im Buggy in Brasilien-Trainingsanzügen. Und gleichzeitig VARgentinien im Finale.