Brüsseler Neronismus: Von der Leyens Neues Bauhaus liegt in Trümmern

Ursula von der Leyens fixe Idee, der Architekturbewegung des Bauhaus frisches Leben einzuhauchen, ist gescheitert. Ein weiteres Milliardengrab tut sich auf – dabei sollte alles doch so schön klimaneutral und CO2-frei werden.

picture alliance / Anadolu | Dursun Aydemir

Über den römischen Kaiser Nero hält sich die Legende, er habe im sprichwörtlichen Cäsarenwahn Teile Roms niedergebrannt, um Platz zu schaffen für Bauprojekte, die vom Größenwahn der beginnenden römischen Krise zeugten. Zyniker würden mit Blick auf die europäische Politik Ähnliches vermuten. Handelt es sich bei der Zerstörungsideologie des Degrowth möglicherweise um eine psychologisch nicht geklärte Erneuerungsneurose des politischen Establishments der EU und der künstlichen Verknappung von Energien? Das mit dem Brandmauerkartell eng verbundene Juste Milieu europäischer Großstädte jedenfalls ist bereit, die wertschöpfenden Fundamente der Ökonomie in Trümmer zu legen.

Metropolen wie Berlin, die zunehmend im Kulturkonflikt stehen, ebenso wie Städte wie Paris oder Birmingham, bezeugen die These des raschen Verfalls europäischer Kultur. Verfall besitzt ja bekanntlich eine eigene, beinahe romantische Ästhetik; ein Hauch von Wehmut schwingt immer mit beim Blick auf das vormals Glänzende. In der modernen Kunst und Architektur erleben wir nicht selten den Versuch, das vermeintlich Schöne und Überlegene der Vergangenheit zu überwinden. Frei interpretiert ließe sich die Architekturbewegung des Bauhaus, die eine Generation von Architekten während der Weimarer Republik in ihren Bann schlug, als Versuch deuten, mit der Ästhetik des Vergangenen final abzuschließen. Nichts sollte mehr an jene Schönheitsideale erinnern, die Europa über Jahrhunderte geprägt hatten und aus religiöser Symbolik, handwerklicher Meisterschaft und dem Streben nach Vollkommenheit hervorgegangen waren. Nun rückte nackte Funktionalität in den Fokus.

Es muss sich während der lähmenden Corona-Lockdowns ereignet haben, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – vielleicht in Architekturbüchern schmökernd – auf die Idee verfiel, jener legendären Bauhaus-Bewegung neues Leben einzuhauchen. New European Bauhaus (NEB) sollte sie heißen – EU-europäisch im Geiste, runderneuert, ökologisch rein und selbstverständlich CO₂-frei: Von der Leyen als paneuropäische Zensorin der Ästhetik, eine Visionskraft, die Tradition und Moderne verschmelzt und dabei das Neue, ökologisch und moralisch Überlegene gebiert. Der Geist eines Hegel-Homunkulus strömte durch Brüssels graue Bürokratenlandschaft.

Fördermittel in Höhe von 1,4 Milliarden Euro standen sofort bereit. Auch Kunst und Architektur zählen aus Sicht der Brüsseler Zentralplaner zu Bereichen, die bewirtschaftet werden müssen und mithilfe eines Netzwerks aus Subventionsadern am Leben gehalten werden. Kunst ist Politik, Schönheit eine Frage, die nur das Politbüro korrekt beantworten kann. Zudem gilt von der Leyen als großzügige Kulturmäzenin, die mit äußerster Vorsicht, seriös und fiskalisch stets mit sicher geführter Hand die nie versiegenden Brunnen der europäischen Steuerzahler zu verwalten versteht. Dieser Ruf beschränkt sich selbstverständlich auf die politische Echokammer. Und was sind schon 1,4 Milliarden angesichts des neuen Superbudgets von zwei Billionen Euro, das der Siebenjahresplan der Brüsseler Kommissare vorsieht?

Rund 2.000 Akteure, Aktivisten und politisch nahestehende Künstler fanden sich schnell im NEB-Netzwerk zusammen und erfüllten die formale Abrufquote der Fördermittel – was zu erwarten war. Kunst aus dem Reagenzglas, politisch eingefärbt, wie es sich gehört: das ist EU-Europa in der Gegenwart.

Scheitern musste dieser kuriose Versuch der Wiederbelebung eines ästhetischen Zombies an der fehlenden öffentlichen Wahrnehmung und Präsenz in der wahren Kulturszene. Von Beginn an begleitete eisiges Schweigen in den Medien das Projekt. Es blieb regelrecht in Pilotphasen hängen. Möglicherweise waren die Artefakte vielen lokalen Repräsentanten und Bürgermeistern auch einfach peinlich. Und wer wagt es unter diesen Umständen, lokale Budgets zur Erhaltung und weiteren Förderung dieses Unfugs aus den immer knapperen Kassen zu finanzieren?

Frei interpretiert war die Bauhausrevolution ein Kind der Moderne – getragen von dem Willen, die Ästhetik der Vergangenheit, den Klassizismus ebenso wie die ornamentale Formensprache historischer Epochen zu überwinden. Simplifikation und der Verzicht auf Schönheit, auf Klasse und Stil – sind typische Merkmale der EU-Bürokratie und der sie tragenden Ideologie, weshalb der Bauhausstil auch die korrespondierende Architektur dieser EU sein könnte. Die Nachricht vom Scheitern des NEB kommt daher auch überraschend. Doch am Ende gilt: Kunst und Architektur folgen evolutionärer Logik im zivilisatorischen Fortschritt. Sie sind nicht planbar, sondern prozessualer Ausdruck einer Kultur im Ringen um die großen Fragen ihres Daseins, von Schönheit und um Formen zur Überwindung des Hässlichen. Bauhausarchitektur verleiht jedem Sozialismus seine idealtypische, gruselige Ästhetik: minimalistisch, funktional, Ausdruck eines menschlichen Geistes, der sich dem Gott reiner Funktionen unterordnet. Es ist nachvollziehbar, dass das Bauhaus Politikern wie Ursula von der Leyen ästhetisch nähersteht als die überwältigende mediterran-antike Architektur.

Von der Leyens New European Bauhaus ist also Geschichte. Zum einen ist dies selbstverständlich eine gute Nachricht, wird der Fördermittelfluss in die öffentliche Manipulation von Kunst und Architektur, die am Ende doch nur in Staatspropaganda mündet, minimal abgebremst. Wir dürfen kurzzeitig aufatmen: Denn man möchte sich ein Bauhaus-Modell im Geiste von der Leyens tatsächlich nicht ausmalen.

Die eiskalte, beinahe fensterlose Außenfassade würde einen schauerlichen Innenraum der Sprödigkeit verbergen: stählerne Wasserhähne, kantige Freischwinger von der Bequemlichkeit eines mittelalterlichen Folterinstruments, ein weißer, steriler Kamin ohne jede Behaglichkeit, ein fugenlos gegossener Sichtbetonboden, alles getaucht in das fahle Licht von Milchglas, das dem Raum jede Wärme entzieht. Die Wände – ästhetisch gebrochen durch geometrische Farbflächen, die nur von einem kubischen Schrank aus lackiertem Sperrholz teilweise verdeckt werden. Kein Ornament, keine Patina, keine Geschichte – die abweisende Ästhetik einer Verwaltungsbehörde verdrängt das reiche kulturelle Erbe der Europäer mit der dummen Faust.

Allerdings wissen wir genau, dass einmal geraubte Steuermittel in der Folgezeit anderen Förderprojekten zugutekommen. Überzeugte Etatisten wie Ursula von der Leyen oder Friedrich Merz kennen keine Budgetkürzungen. Daher gibt es auch vorerst kein Zurück mehr vom wachsenden Hyperstaat der EU. Man wagt es kaum, den Vorhang beiseitezuziehen, um zu erfahren, welche alternativen Kunstprojekte dem 80.000 Mann starken Bürokratenheer in Brüssel vorschweben, um den verbliebenen Resten europäischer Ästhetik endgültig den Garaus zu machen. Mit der Verwandlung unserer Kulturlandschaften in eine Dystopie aus Windmühlenriesen und versiegelten Solarflächen ist Brüssel diesem Ziel der vollkommenen Demoralisierung jedenfalls ein großes Stück nähergekommen.

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Kommentare ( 4 )

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Thomas Klingelhoefer
1 Stunde her

Die Dame scheint endgültig dem Cäsarenwahn zum Opfer gefallen zu sein.
Dieses Schicksal teilt sie mit anderen Politikern, die Hybris ist grenzenlos.

Danke Herr Kolbe für die Berichte aus dem Irrenhaus der politischen Narzissten.

Haba Orwell
2 Stunden her

> New European Bauhaus (NEB) sollte sie heißen – EU-europäisch im Geiste, runderneuert, ökologisch rein und selbstverständlich CO₂-frei: Von der Leyen als paneuropäische Zensorin der Ästhetik, eine Visionskraft, die Tradition und Moderne verschmelzt und dabei das Neue, ökologisch und moralisch Überlegene gebiert.

Es scheint eine alte Tradition zu sein – ein paar Jahrzehnte früher hatte Buntschland bereits einen, der was mit gigantischen Bauprojekten hatte und halb Berlin umbauen wollte. Auch er hatte übrigens was gegen Russen bzw. generell Slawen. Über Überlegenheit redete der Herr sehr viel.

Raul Gutmann
2 Stunden her

Die EU ist die menschenfeindlichste Organisation sei Menschen Gedenken.
Daß sie dennoch existiert wirft ein bezeichendes Licht auf die politische Kultur der Gegenwart.
Dafür wurde 1918 die Monarchie abgeschafft.

J. Braun
1 Stunde her
Antworten an  Raul Gutmann

Ach wo, die Monarchie wurde abgeschafft, weil die Sozialisten auf diese Weise endlich an die Macht und damit an das Geld der anderen gelangen konnten. Der Fehler war, daß dieses ganze Gesindel nicht schon im 19. Jahrhundert mit Stumpf und Stiel ausgerottet wurde. Das hätte Millionen Tote verhindert. So geht das Gesindel heute noch um.