Wer sind wir eigentlich? Generationen-Bücher wechseln einander noch schneller ab als Klimakatastrophen. Auf die Generation Alpha (Internet-geprägt ab 2013) folgt schon Generation Beta (KI). Und dazwischen Generation Greta und Corona. Zeit, sich mit wirklichen Generationen-Schicksalen zu beschäftigen, die uns hervorgebracht haben.
Generationen von Menschen gleicher Zeit erleben ähnliche Schicksale und Einflüsse. Neuerdings werden die Generationen immer kleinteiliger; und ihr Schicksal wird schon bald mit den Babyjahren als vollendet betrachtet, wenn etwa der Geburtsjahrgang 2025 als „Generation Beta“ bezeichnet wird, weil ihr Leben angeblich oder vielleicht oder aber auch nicht durch Robotik und künstliche Intelligenz geprägt ist.
Publizistik wird eben immer kurzatmiger, zumindest historisch; Unterschiede werden aufgepumpt, kleinste Lebensschicksale zur Generationenfrage deklariert. Dabei können diese Schicksale nur im Rückblick verstanden werden – Schicksal kommt über uns, während wir leben. Und vieles ist nicht neu, nur vergessen. Auch unsere steif und ernst aus den frühen Schwarz-Weiß-Fotos blickenden Ahnen haben gelebt und geliebt und gehofft und gebangt; wie wir? Und während sie uns so fern erscheinen, sind sie uns nah. Aber ihr Leben wurde dann anders als es bei ihrer Geburt vorgezeichnet schien.
Es lohnt sich, das eigene Leben und die eigene Herkunft im Rückspiegel zu sehen. Die Margo-Trilogie von Cora Stephan, ursprünglich bei Kiepenheuer & Witsch (KiWi) erschienen und seit 2026 als Taschenbuch in der Edition BuchHaus Loschwitz neu aufgelegt, ist so eine Möglichkeit. Die Romanautorin, Journalistin und TE-Kolumnistin erzählt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts als große Familien- und Frauensaga. Die drei Romane bauen aufeinander auf und umfassen den Zeitraum von den 1930er Jahren bis in die Nachwendezeit. „Ich glaube, ich habe all die Jahre mit all den anderen Büchern nur geübt, um endlich diese drei Romane zu schreiben, absolute Herzensbücher, eine Liebeserklärung an Städte und Menschen, an die ältere Generation und – ja: auch an Deutschland. An das Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg, dem der schwere Rucksack Schuld angehängt wurde. An Schlesien, das, wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, immer noch zu Deutschland gehören würde. Und an all die Menschen, die sich unverzagt durchgeschlagen haben, obwohl die Zeitläufte nicht danach waren“, erklärt sie mir.
„Das Thema schlich sich über Jahre hinweg an. Manchmal hadere ich mit mir, dass ich mich nicht früher an die Arbeit gemacht habe – denn Stoff gab es genug: Meine Tante und meine Eltern haben jede Menge beschriebenes Papier hinterlassen. Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen, Briefe. Hier habe ich Details gefunden, die in der »großen Erzählung« nicht vorkommen und auf die es doch (auch) ankommt. Der Blick auf die Geschichte mit all ihren Details und Querschlägern vermasselt einem das scharfe und oft selbstgerechte Urteil (auch über die eigenen Vorfahren). Man wird gnädiger. Und man vermeidet jenen Rückschaufehler, der unweigerlich entsteht, wenn der Autor mehr weiß, als seine Personen zum jeweiligen Zeitpunkt wissen konnten.“
Im dritten Band schließlich geht es um Alard von Sedlitz, schlesischer Adel, Vater dieses Kindes, und dessen Freundschaft mit Liam Broedie, aus dem schottischen Clan der Broedies. Alard ist Schlesier, kein Preuße – und Liam ist Schotte, kein Engländer. Das ermöglicht beiden, über die Gräben zwischen Großbritannien und Deutschland hinwegzublicken. Sie halten gegen jeden Widerstand ihre Freundschaft aufrecht. Auch, als Deutschland in Trümmern liegt.
Gibt es ein Happy End? Ein wenig. Aber das wird hier nicht verraten.
Cora Stephan. Trilogie. Ab heute heiße ich Margo – Margos Töchter – Über alle Gräben hinweg – Edition Buchhaus Loschwitz, Klappenbroschur, 3 Bände, 50,00 €




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