Kulturkampf in Frankreich: Wenn Schweinefleisch zum Politikum wird

Er entstand in der Coronazeit, als Landwirte und Weinbauern um ihre Existenz bangten. Heute ist der „Canon français“ eine Art gesamtfranzösisches Oktoberfest, mit viel Musik, gutem Wein und Spanferkel. Linke ÖRR-Medien und Islamvertreter sind empört, weil das Fest Muslime angeblich bewusst und „symbolisch“ ausschließe.

screenshot via X/ Laurent VE

4000 Franzosen sitzen in einer zeltartigen Halle in Caen in der Normandie zusammen. Sie sind gekommen, um zu feiern. Und dazu gehört neben rotem Wein, französischem Käse und Aufschnitt: auch das französische Schwein. Hinzu kommen Chansons von Michel Delpech, Sardou oder Charles Aznavour. Außerdem jede Menge Baskenmützen und Hosenträger – so beobachteten es jedenfalls anwesende Medienvertreter.

Ja, es ist wahr: Der junge Franzose trägt wieder Barett, die traditionelle Mütze der Hirten, nicht nur jener aus dem Baskenland, die in Frankreich seit langem zum Symbol des populären Widerstands geworden ist. An diesem Tag könnte die Kopfbedeckung tatsächlich programmatisch gemeint sein. Aber wäre sie damit etwas so anderes als Dirndl und Lederhose beim Oktoberfest? Diese Kleidungsstücke sind bekanntlich eine höchst integrative Angelegenheit. Auf der Münchner Wiesn wirft sich bekanntlich auch der weitest angereiste Tourist den Trachtenjanker über und trägt karierte Hemden mit Lederhose.

— Laurent | VE 🏳️🇺🇦 (@VivrEuropeen) June 7, 2026

Wo aber die Integration endet, zumindest im heutigen Frankreich, das ist der Schweinefleischgenuss. Nach dem Bericht eines Journalisten des öffentlichen Senders France Inter (vergleichbar dem hiesigen DLF) wurde es auf der Website der Muttergesellschaft Radio France noch einmal protokolliert. Über ein Mikrophon ruft jemand, so will es der Bericht: „Und jetzt das Schwein!“ Und in der Tat sieht man auf Bildern ganze Spanferkel, die durch den Saal getragen werden, so wie in Bayern auch noch gelegentlich. Vielleicht bringt das ja sogar Glück. Jedenfalls soll einer am Tisch die Worte gesagt haben: „Man muss eben Schweinefleisch haben. Schweinefleisch schreckt ab. Mit Schweinefleisch hast du Ruhe.“ Und mit diesen, oberflächlich betrachtet, rätselhaften Worten entlässt der Journalist seine Leser, ohne weiteren Kommentar.

Ein anderer Besucher warf offenbar ein, man könne eine Wahlurne hier aufstellen und würde wohl 3.999 Stimmen von 4000 für Le Pen und Bardella bekommen. Das erläutert der erste dann wieder mit den Worten: „Ab einem gewissen Punkt hat man die Nase voll.“ Man hat die Nase voll – von bestimmten Problemen, von Kriminalität und auf die Spitze getriebenem Multikulti, von der neuen ‚Unübersichtlichkeit‘ der eigenen Lebensumstände, wo bald der alteingesessene Franzose gezwungen sein wird, Arabisch und Senegalesisch mit dem Zuwanderer zu sprechen. Es soll sie schon geben, die Sportvereine, in denen es heißt: Hier sagt man Salam Aleikum, nicht „Bonjour, Monsieur“.

Nichts mit Hass und Hetze

Der „Canon français“ geht auf einen Verein zurück, der 2021 gegründet wurde. In der Coronazeit versuchte sich ein Weinbergsbetreiber mit dem Projekt über Wasser zu halten. Im Rahmen eines großen Festmahls sollten Produkte lokaler Hersteller präsentiert und degustiert werden. Die Institution ist also wirklich als Akt des Widerstands gegründet worden, mit starker Verwurzelung bei den Vieh- und Landwirten Frankreichs. „Canon“ bedeutet hier also so viel wie: was man eben in Frankreich traditionell tut, ein gastronomisch-agrikultureller Kanon, und leider nichts mit Hass und Hetze.

Und es ist wahr: Vieles ist schräg an diesem France-Inter-Bericht, der von anderen Medien aus dem Staatsdunst begierig aufgegriffen wurde. Wo immer eine Hand auch nur halbschlaff in die Höhe geht, wird ein Nazi-Gruß daraus gemacht. Und überhaupt sei die traditionelle Kleidungswahl ja schon „identitär“, meinen wiederum einige Online-Nutzer mit eigener Meinung. Die Organisatoren sprechen derweil von bewusster Meinungsmache durch die Journalisten der Staatssender-Familie. Ein ÖRR-Bericht trägt den Titel „Der Canon français: das extreme Bankett“.

Mit etwas anderer Stoßrichtung dagegen die private Meinungspresse: Ein „riesiges, typisch französisches Bankett“, fast wie in Asterix und Obelix, nennt der Autor der linken Tageszeitung Le Monde die Festivität namens „Canon français“. Der „Canon“ dürfe genauso stattfinden wie die beliebten „free-parties“ der Jugend, auch wenn sich der Journalist mit keinem von beidem identifiziert.

Der Canon jedenfalls wird immer beliebter. Er findet an immer mehr Orten in Frankreich statt, in allen vier oder sechs Ecken des Landes. Eine linke Bürgermeisterin versucht da schon mal, sie zu verhindern. Tatsächlich wirken die Feste aber eher wie eine französische Version des Oktoberfestes.

Der Ärger der Linken und Maréchals Erwiderung

Laut BBC und anderen ärgern die Feste vor allem die radikale Linke. Im Hintergrund stehe ein „ultrakonservativer Milliardär“ heißt es dann, der die Feste mitfinanziert. Um die 80 Euro soll aber daneben der Eintritt kosten.

Der Journalist von France Inter war sicher nicht zufällig und ohne Hintergedanken auf den „Canon“ in der Normandie gegangen. Er versuchte, einen Skandal zu konstruieren, wo keiner war. Auch bei France Info (dem ÖRR-Schwestersender) liest man, dass es „rassistische Äußerungen“ gegeben habe und zweifelhafte Gesten. Am Ende habe man gar die Marseillaise gesungen … Aber andere Beobachter vermochten auf den Videoaufnahmen keinen „Hitlergruß“ erkennen. Und überhaupt: Welchen Sinn hätte der in Frankreich, wo sogar nationale Kreise sich immer noch eindeutig von Deutschland abgrenzen?

Der Rektor der Großen Moschee von Paris, Chems-eddine Hafiz, wirft den Veranstaltern derweil offen vor, einen Teil der Bevölkerung auszuschließen. Ja, schlimmer noch, die Muslime des Landes würden „symbolisch“ ausgeschlossen, indem man sich ausgerechnet dazu entschließe, Schweinefleisch zu servieren. „4000 Gäste versammelten sich um einen Spanferkel am Spieß – ein Bankett, das als Feier französischer Werte präsentiert wurde“, ereifert sich der Rektor, und all das angeblich nur, um eine andere Gruppe „daran zu erinnern, dass sie in Frankreich nicht zu Hause sind“. Ja, wie überaus böswillig ist es, den nordafrikanischen Muslimen diese Tatsache nicht nur ins Gedächtnis zu rufen, sondern sie ihnen sogar live und in Farbe vorzuexerzieren.

Andere erwidern, dass Hafiz sehr enge Beziehungen zum algerischen Regime pflegt und nun offenbar den Franzosen sagen will, was sie zu tun und zu lassen hätten. Das sagte der rechte Bürgermeister von Chalon-sur-Saône, Gilles Platret. Marion Maréchal sekundierte: „Wir sind in Frankreich: Hier essen wir Schweinefleisch in allen Variationen, immer und überall. Wenn Ihnen das nicht passt, können Sie jederzeit woanders hinziehen, zum Beispiel in ein Land, in dem die Scharia gilt.“

Was passiert, wenn der Islam die Mehrheit hat

In einem anderen Video zeigt Maréchal, welches Bedürfnis der „Canon français“ – entstanden aus der Not der Coronazeit – heute bei vielen Franzosen erfüllt. Die Veranstaltung bildet einen Rückzugsort vor den immer weiter ausgreifenden Ansprüchen der Muslime in Frankreich, die quasi heute schon erwarten, dass sich die Regeln des Landes nach denen ihrer Religion richten: kein Schweinefleisch, kein Wein, kein Essen in der Fastenzeit und so weiter und so fort. Gibt man an einer Stelle nach, dann folgen offenbar so viele andere Anwendungsfälle.

In diesem Video erzählt Maréchal von Frankreich als einem muslimischen Land: „An dem Tag, an dem man zu einem muslimischen Land wird, werden die Meinungs- und Gewissensfreiheit nicht mehr dieselben sein.“ Mit der Gleichheit von Männern und Frauen sei es dann vorbei, mit gemischten Schulen ebenso. Außerdem verweist sie auf die prekäre Rolle von Minderheiten in der muslimischen Welt hin. Dem allen stellt Maréchal ein Recht auf die Kontinuität gegenüber: dass die Kinder und Kindeskinder der heutigen Franzosen sich auch in Zukunft in ihrem Land zu Hause fühlen können. Das betreffe im übrigen auch assimilierte Einwanderer, deren Lebensweise genauso in Frage gestellt werde.

Man kann wohl sagen: Gegen all diese Tendenzen ist der „Canon français“ ein mehr als heimlicher Protest. Auch wenn man zunächst den Eindruck des Rückzugs der Franzosen in eine geschützte Zone nicht ganz vermeiden kann. Am Ende gilt: Je mehr der „Canon“ sich ausbreitet, desto mehr akzentuiert sich damit immerhin eine Gegenstimme gegen die von der Obrigkeit diktierten Politiken und am Ende auch eine Gegenwirklichkeit. In Wahrheit zeigt die von ÖRR-Medien mit entfachte Diskussion vor allem den Willen, diese Wirklichkeit zurückzudrängen, die aber auch noch einmal majoritär im Lande werden könnte.

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