Gaskraftwerke oder Speicher noch und nöcher?

Strom kann produziert und gespeichert werden. Dafür gibt es bewährte Technologien. Aber speichern ohne produzieren funktioniert nicht. Je größer der Anteil an Zufallsstrom im Netz, umso größer ein theoretischer Speicherbedarf. Großbatterien scheinen die Lösung, aber wie immer ist die Hoffnung auf einzelne Technologien unbegründet, wenn man nicht das gesamte System betrachtet.

IMAGO/Hans Blossey

Die Diskussion um Ersatzkraftwerke auf Gasbasis, die nach dem Atom-Aus und vor dem Kohle-Aus die nötige Netzsicherheit liefern sollen, gestaltet sich für die begeisterten Energiewender nicht einfach. Die Frontalangriffe auf Wirtschaftsministerin Katherina Reiche machen zwar viel Radau, sind aber inhaltlich dünn hinsichtlich der Tatsache, dass bereits der Vorgänger und verkannte Messias Robert Habeck eine ähnliche Anzahl an Reservekraftwerken ausschreiben wollte.

Die Behauptung, „Erneuerbare“ könnten konventionelle Kraftwerke ersetzen, lässt sich inzwischen auch vor schlichtem grünem Fußvolk nicht mehr aufrecht erhalten. Zu offensichtlich sind inzwischen Mangel und Überschuss im Stromnetz mit extremen Preisschwankungen an der Börse. Erzeugst Du volatil, hast Du zu wenig oder zu viel. Deshalb verschiebt sich die Diskussion auf Stromspeicher, die angeblich Kraftwerke ersetzen könnten. Kraftwerke und Speicher sind aber verschiedene Elemente im Netz mit verschiedenen Aufgaben. Kraftwerke produzieren Strom und sind damit wertschöpfend. Speicher bewahren auf.

Bevor gespeichert werden kann, muss produziert werden, erst dann können Erzeugung und Verbrauch voneinander entkoppelt werden. Dies ist dann ein wirkungsgradbelasteter und somit Kosten verursachender Vorgang. Der effektivste Betrieb eines Stromnetzes ist der direkte Verbrauch des erzeugten Stroms, dann schlagen nur die Netzverluste zu Buche.

Zurzeit sind die Marktbedingungen für Stromspeicher angesichts der großen Preissprünge im Großhandel lukrativ. Diese werden durch große Mengen subventionierten zufälligen Stroms verursacht. Schon die Speicherung über wenige Stunden, von der solarstromreichen Mittagszeit bis nach Sonnenuntergang bringt in den warmen Jahreszeiten eine erhebliche Marge. Am 1. Mai um 14 Uhr betrug der Marktpreis im Intraday-Handel -450 Euro pro Megawattstunde (MWh), um 22 Uhr dann +414, das Ergebnis der Speicherung wären 864 Euro pro MWh gewesen oder 86,4 Cent pro Kilowattstunde. Das haben Investoren erkannt und wollen nun so schnell wie möglich so viel wie möglich Batteriekapazitäten ans Netz bringen. Die Eile ist auch dadurch geboten, dass mit wachsender Batteriekapazität das Geschäftsmodell verloren geht, denn jede Anlage trägt dazu bei, die Schwankungen auszugleichen. Ab einer gewissen Anzahl von Batterien, die direkt im Netz wirken (nicht die für den Eigenbedarf) lohnt sich die Investition nicht mehr.

Die Forderung, viele Batterien sollten schnell gebaut und angeschlossen werden, ist wie vieles unplausibel und realitätsfern. Was geht in Deutschland schnell, außer dem wirtschaftlichen Abstieg? Selbst wenn es gelänge, viele Großbatterien schnell zu besorgen, was Druck auf Rohstoffe und Preise auslösen würde, ist der Netzanschluss das Nadelöhr. Dabei ist es nicht damit getan, ein paar Kabel einzuklemmen, für jedes Gerät müssen Netzberechnungen durchgeführt werden. Das ist höhere Mathematik bis in den Bereich komplexer Zahlen hinein, wo eine Quadratzahl auch negativ sein kann. Dass die Netzbetreiber vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und der Demografie nicht jede Menge Spezialisten dafür zusätzlich abstellen können, liegt auf der Hand. Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz nimmt bis 2029 keine weiteren Anträge an.

Dazu kommt der Konflikt um die Netzverknüpfungspunkten. Hier konkurrieren die „Erneuerbaren“ mit Rechenzentren, Gewerbegebieten, Elektrolyseuren, zumindest als angedachte Investitionen. Dazu kommt die Differenz von Investoreninteresse (Gewinnmaximierung) und der Netz- und Systemdienlichkeit. Hier scheint sich im Gegensatz zum Ausbau der „Erneuerbaren“ die Einsicht durchzusetzen, dass das System wichtiger ist.

Speichern noch und nöcher

Begeisterte Energiewender argumentieren, mit ganz vielen Großbatterien könnte man sich neue Gaskraftwerke ersparen. Wie viele es denn sein müssten, errechnet man lieber nicht. Unten im Bild die Tagesproduktion eines einzigen 500-Megawatt- Kraftwerksblockes in der Lausitz (rot) und die davon speicherbare Strommenge der Großbatterie „Big Battery“ in Schwarze Pumpe und der „Lausitz-Battery“ in Boxberg. Das nächste Projekt am Standort Jänschwalde soll doppelt so groß werden wie die Anlage in Boxberg. Man könnte nun hochrechnen, wie viele Großbatterien für die Tagesproduktion eines solchen Kraftwerksblockes nötig wären. Zu berücksichtigen wäre zudem, dass die Batterien Gleichstrom ausspeisen, der über Wechselrichter erst netzkompatibel gemacht werden muss. Sie sind netzfolgend, also im Gegensatz zu Gaskraftwerken nicht schwarzstartfähig. Sie sind gut geeignet, kleine Frequenzschwankungen auszugleichen, aber völlig unzureichend und viel zu teuer, um windschwache Zeiten auszugleichen.

Bis 2030 sollen übrigens noch fünf solcher 500-Megawatt-Blöcke in der Lausitz abgeschaltet werden, ersatzlos. Diese durch Speicher ersetzen zu wollen, ist völlig irreal.

Zudem ist es sachlich ohnehin nicht korrekt, die Kapazitäten von Kraftwerken und Speichern in einen Topf zu werfen, wie es viele tun. Es kommt auch niemand auf die Idee, die Kapazitäten einer Automobilfabrik mit denen von Parkplätzen zu addieren. Ist der Parkplatz leer, oder der Stromspeicher, braucht es neue Produktion. Die ist in der hellen Jahreszeit oft im Überfluss vorhanden, weil der subventionierte Ökostrom am Bedarf vorbei produziert wird. Das liegt vor allem an der exzessiv ausgebauten PV-Stromerzeugung. Insgesamt hat die installierte Kapazität an Wind- und PV-Stromerzeugern im April 2026 die 200.000-Megawatt-Schwelle überschritten. Der maximale deutsche Bedarf beträgt in den hellen Monaten nur noch etwas über 60.000 MW.

Anders stellt sich die Lage in der dunklen Jahreszeit dar. Die PV-Stromerzeugung ist dann unerheblich, der Bedarf mit über 75.000 MW in der Spitze hingegen höher. Die eigentlich nötigen intersaisonalen Stromspeicher gibt es nicht. Das Thema des grünen Wasserstoffs ist leise am Sterben. Anders bei der Speicherung von Energie als Rohstoff. Gaskavernen, Öltanks und Kohlehalden speichern wie eh und je Energie sicher und preiswert und bleiben erhalten.

Mut zur Lücke

Mehrere Bundesregierungen bewiesen und beweisen mit dem Atom- und Kohleausstieg einen ausgeprägten Mut zur Lücke. Seriöse Prognosen gehen von einem Ausbaubedarf an gesicherter Leistung von 20 bis 30 Gigawatt (GW) bis 2030 aus. Dabei ist der künftige Bedarf in der Annahme unsicher. Die gute Nachricht ist: Unser Stromverbrauch steigt nicht, er sinkt. Trotz der beabsichtigten All-Electric-Society führt die Abwanderung und Schließung von Industriebetrieben zu sinkendem Verbrauch. Betrug der Bruttostromverbrauch im Jahr 1990 noch 551 Terawattstunden (TWh), stieg dann bis 2010 auf 619 TWh, fiel dann aber wieder bis 2025 auf 526 TWh ab (Quelle: AG Energiebilanzen). Mit weitergehender Deindustrialisierung wird der Bedarf trotz zunehmender E-Mobilität und vermehrtem Einbau von Wärmepumpen auch künftig abnehmen. Bisherige Prognosen gingen von einer Verbrauchssteigerung auf 600 bis 700 TWh bis 2030 aus. Aus heutiger Sicht ist das unrealistisch.

Der Krieg um den Iran verschärft unsere Versorgungslage, die uns durch mehrere Fehlentscheidungen immer abhängiger vom Ausland gemacht hat. Zumindest der Strom fließt für uns nicht durch die Straße von Hormus. Einst waren wir führend in der Kerntechnik, die CCS-Technologie stand 2012 kurz vor der großtechnischen Erprobung. Die EU-Fördermittel waren bereits überwiesen, als Merkel wie üblich die Fahne in den Wind drehte und auch diese Option gesicherter und emissionsarmer Stromerzeugung abwürgte. Bereits damals gab die Windlobby die Richtung vor.
Es wäre folgerichtig, den Kohleausstieg mit dem Bau der Ersatzkraftwerke zu synchronisieren. Alles andere wäre nicht Mut zur Lücke, sondern klimapolitischer Übermut. Ein heißer Test steht 2030 in NRW bevor, wo dann der Kohleausstieg gesetzeskonform umgesetzt werden muss. Aber vielleicht wird dann virtueller gespeichert – noch und nöcher.


Unterstützung
oder

Kommentare ( 12 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

12 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Raul Gutmann
26 Minuten her

Ein merkwürdiger Artikel. – Das Eingangspostulat, Strom könne … gespeichert werden, dafür gäbe es bewährte Technologien, wird nicht begründet. Die Feststellung, Stromspeicher seien angesichts der großen Preissprünge im Großhandel lukrativ, bezieht konkludent sich auf die Speicheranbieter. Es folgt eine „dubiose“ Graphik über Kraftwerksblock Lausitz, der Großbatterie „Big Battery“ in Schwarze Pumpe …
Ist es in Wirklichkeit nicht vielmehr so: Nennenswerte Stromspeicherung in volkwirtschaftlichen Größen gibt es nicht und wird es voraussichtlich nicht geben. Daher sind alle Modelle, volatile Stromerzeugung nachfragegerecht zu glätten, Makulatur.

Fulbert
38 Minuten her

Das wird ein Geschäft! Den Strom bei passendem Wetter günstig produzieren, dann speichern und in Flauten teuer verkaufen. Wenn irgendwann genug Speicerkapazitäten zur Verfügung stehen sollten, könnte man theoretisch den Strom immer knapp und damit teuer halten, indem man vornehmlich für die Speicher produziert, statt den Markt zu versorgen.

Eselsbruecke
53 Minuten her

Mich würde interessieren, ob sich jemand mal die Mühe gemacht hat, mit einem „educated guess“ abzuschätzen, wie groß der Materialaufwand dafür sein soll. Dabei stellt sich maßgeblich die Frage nach der Speichertechnologie (Akku, Redox-Flow etc. …). Dann muss das Ganze Lastmanagement berücksichtiogt werden. Und last but not least: Über welches Volumen bzw. welche Masse an Speichern reden wir hier für eine (winterübliche) Dunkelflaute von 7 Tagen?
Am Schluss könnte nämlich das gleiche Ergebnis herauskommen, wie bei PV- und Windkraftanlagen: „Prinzipiell geil, aber keiner will sie in Sichtweite geschweige denn vor seiner Haustür stehen haben.“

PulsarOperator
55 Minuten her

Da sehe ich doch Frau Kemfert vor mir, die mit dem ihr typischen Gesicht kneifen in die Kamera spricht, wir hätten Speicher noch und nöcher. Das ist die Mathematik eines Amazonas-Indigenen, der mit den Fingern zählen kann. Alles darüber hinaus ist „Haare auf meinem Kopf“

Mausi
56 Minuten her

„Zu offensichtlich sind inzwischen Mangel und Überschuss im Stromnetz mit extremen Preisschwankungen an der Börse“: Das glaube ich nicht. „offensichtlich“ mag ja sein. Aber nicht für die breite Masse. Denn wo wird darauf hingewiesen? So richtig? Vielleicht, wenn man einen Stromtarif auf Tagesbasis oder gar Stundenbasis gebucht hat? Damit kenne ich mich nicht aus. Oder „man“ muss alternative Medien lesen.

Lars Baecker
1 Stunde her

Mir kann niemand erzählen, dass es möglich sein soll, elektrische Energie eines Industrielandes in ausreichendem Maße in physischen Batterien (Akkus) zu speichern. Wie groß sollen die denn bitteschön sein? Und wie gefährlich erst, wenn man bedenkt, welche Energiedichte da zusammenkommt. Und überhaupt, wo sollen die dafpr erforderlichen Rohstoffe herkommen. Mit dem angeblichen Klimaschutz ist so etwas sicherlich auch nicht zu vereinen, ebenso wie diese Windkraftanlagen, die in ihrer Lebenszeit mehr Co2 freisetzen, als sie bei der Stromproduktion einsparen. Diese Energiewende ist eine einzige ideologisch verplante Fehlgeburt spinnerter Weltverbesserer, für die MINT-Fächer Regale für Kaugummis sind.

Peter Klaus
35 Minuten her
Antworten an  Lars Baecker

Nur Pumpspeicherkraftwerke sind für die „Speicherung“ sinnvoll: Umwandlung von elektrischee Energie (nachts das Wasser wieder hochpumpen) in Lageenergie und dann wieder zurück in elektrische (tagsüber das Wasser durch die Turbinen lassen) und das jeden Tag wiederholen. Nur Deutschland hat die Topografie dazu gar nicht „Pumpspeicherkraftwerke (PSW) weisen einen hohen Gesamtwirkungsgrad von typischerweise 70 % bis 85 % auf. Sie zählen damit zu den effizientesten großtechnischen Stromspeichern. Verluste entstehen hauptsächlich durch Reibung und Wärmeentwicklung in Pumpen, Turbinen und Rohren (ca. 15–25 %)“…alles andere ist zwar in der Theorie technisch machbar, aber schlicht und ergreifend unbezahlbar für die Verbraucher, außer es wird… Mehr

yeager
1 Stunde her

Die Gestaltung der „Energeiwende“ ist einfach nur komplett irre. Es werden einfach Kraftwerke abgerissen ohne Plan womit diese ersetzt werden.
Das ist als ob man ein Haus abreißt, weil es eine vage Absicht gibt stattdessen eine Villa zu bauen, und im Sommer kann man ja eh draußen essen und schlafen. Wer dann fragt, wo man dann im Winter unterkommen soll bis von der Villa wenigstens ein Dach existiert, von der es bisher weder Plan noch Finanzierung oder gar Baumaterial gibt wird als „Faschist“ beschimpft.

Bernd Simonis
1 Stunde her

Diese Diskussion führe ich in sozialen Medien Tag für Tag, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Eigentlich gehört der Disput in die grossen Tageszeitungen (heute hat die FAZ immerhin Argumente gegenubergestellt, ohne selber zu einer Entscheidung zu kommen). Die vor uns liegenden Entscheidungen sollten faktenbasiert und rational getroffen werden, davon hängt viel ab. Enttäuscht bin ich von Klimademos. Die Mitläufer dort haben im Ansatz nichts begriffen. Die Parteien weichen aus, spielen wie immer auf Zeitgewinn (wofür eigentlich?). Daher fürchte ich, Entscheidungen werden verschleppt auf den St. Nimmerleinstag.

Britsch
56 Minuten her
Antworten an  Bernd Simonis

Spielen wie immer auf Zeitgewinn. Vielleich deshalb, daß alles weiter läuft wie bisher und so weiter Tatsachen geschaffen werden?
Die Publikmachung, daß die Abkehr von der Atomkraft ein Fehler war, ist erfolgt als das letzte Kraftwerk zerstört war?

Freigeistiger
40 Minuten her
Antworten an  Bernd Simonis

Mit typischen Grünen bzw. Grüninnen eine rationale, faktenbasierte und wissenschaftlich informierte Diskussion zu den Themen Klima/CO2, Energiewende oder Massenzuwanderung führen zu wollen ist in aller Regel aussichtslos. Meist wird gleich blockiert (rechts, Leugner etc.), allenfalls werden ein paar Glaubenssätze mit pseudowissenschaftlichem Anstrich geäußert.
Diese Leute vertrauen den linksgrünen MS-Medien und lassen außer den dort vertretenen und verbreiteten Meinungen kaum etwas gelten (bei Corona war das besonders ausgeprägt).
Da haben die Vernünftigen in der Gesellschaft noch eine harte Nuss zu knacken, aber die Realität ist auf ihrer Seite.

Haba Orwell
1 Stunde her

> Die Diskussion um Ersatzkraftwerke auf Gasbasis, die nach dem Atom-Aus und vor dem Kohle-Aus die nötige Netzsicherheit liefern sollen, gestaltet sich für die begeisterten Energiewender nicht einfach.

Vor allem aktuell – weltweit bleibt LNG aus der Golfregion aus, was auch den Preis antreibt. Wäre man bloß bei Atomkraft und Kohle geblieben (bei der Braunkohle ginge es noch, wenn man sofort Spinnereien aufgibt).