Bei den islamistischen Anschlägen in Brüssel vor zehn Jahren gab es 35 Tote, Hunderte Verletzte, die Opfer aus verschiedenen Nationen. Der Brüsseler Terror zeigt: Wegsehen hat tödliche Folgen. Damals wie heute. Die Gefährdungslage in Belgien und Europa ist nicht mehr identisch mit 2016, aber sie ist keineswegs verschwunden.
picture alliance / dpa | /Ncy
22. März 2016 – 7 Uhr 57: Die Abflughalle des Brüsseler Flughafens ist gut besucht. Schlangen vor den Check-In-Schaltern. Auch vor dem Brussels Airlines Schalter, an dem der Flug nach Tel Aviv abgefertigt wird und am Delta-Schalter für den Flug nach New York. Minuten vorher haben drei Belgo-Marokkaner ihre Gepäckwagen mit den schweren Koffern vor der Starbucks-Filiale in der Halle abgestellt und genießen ihren letzten Kaffee – den letzten vor dem Paradies. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen ruhige Gesichter.
7 Uhr 58: Zwei Explosionen erschüttern das Gebäude. Eine gigantische Druckwelle reißt Gliedmaßen ab, köpft, Deckenpanele des recht hohen Gebäudes fallen, Glassplitter fliegen umher und töten, Rauch vernebelt die Sicht, dazu große Schrauben, die wie Schrapnells herumfliegen und sich brutal in Körper bohren.
Das Gespräch am Handy von zwei jungen Geschwistern mit den Eltern jäh unterbrochen, eine Jungverheiratete verblutet am Bankautomaten, ein Obdachloser, der einen Kaffee an einem Stand trinkt, stirbt. Panik bricht aus. Es gibt Allahu-Akbar-Rufe von Gepäckarbeitern, aber es gibt auch den marokkanischen Angestellten, der Erste Hilfe leistet und einem Verletzten das Handy zum Telefonieren übergibt. Unvergessen das ikonische Bild der verletzten indischen Stewardess, in zerrissener Kleidung auf einer Bank sitzend.
Die schwere Bronzeplastik in der Abflughalle hat massive Abdrücke der Schrauben. Zwei Attentäter haben sich zeitgleich in die Luft gesprengt, der Dritte flieht und wird später behaupten, die Druckwelle habe ihn an der Zündung gehindert. Er macht sich seelenruhig zu Fuß auf den Weg in die Stadt und wird später aufgegriffen werden.
Sobald sich die Nachricht in den Medien verbreitet, wird das Handynetz durch zahlreiche Anrufe um Familienmitglieder und Freunde Besorgter lahmgelegt. Dabei sind auch Fahrgäste der Metrolinie Richtung Innenstadt, die ihre Angehörigen beruhigen und um 9 Uhr 11 sterben werden.
9 Uhr 11: Metrostation Malbeek im Europaviertel. Zwei Terroristen mit Rucksäcken sind drei Stationen vorher eingestiegen. Einer verlässt den U-Bahn-Wagen, wirft seinen Rucksack mit Sprengstoff in den Papierkorb, der andere sprengt sich in die Luft. Der überlebende Terrorist wird nie identifiziert und bleibt verschwunden. Die Druckwelle ist so stark, dass durch die Reflexion der Druckwelle an der Decke der Zug zentimetertief in das Gleisbett gedrückt wird. Neben dem Tunnel ist eine Tiefgarage, die Backsteine der Mauer dort fliegen aus der Wand. Überlebende und Fahrgäste des Gegenzuges retten sich über die Gleise des verrauchten Tunnels zur nächsten Bahnstation.
Insgesamt sind 35 Opfer zu beklagen, aus 14 Nationen, und 340 Verletzte. Viele Verletzte bleiben monatelang in Krankenhäusern, eine Person stirbt, da die Krebsbehandlung unterbrochen wird, eine begeht Selbstmord, eine andere wählt die in Belgien legale Euthanasie. Lange währt der Kampf um die Erstattung von Behandlungen und monatelangen Berufsausfällen.
Chaos bricht auf den Straßen aus, die Hauptachsen sind für Rettungsfahrzeuge reserviert. Draußen herrschen Chaos und zugleich eine unheimliche Leere und Ruhe in der Innenstadt.
Keine 24 Stunden später besucht der belgische König als Staatsoberhaupt die Orte der Attentate, das Königspaar besucht einen Tag später Schwerverletzte in den Krankenhäusern, eine Geste, auf die die Opfer von Attentaten in Deutschland vergeblich warten werden.
Der „Islamische Staat“ übernimmt schon bald die Verantwortung für den Terroranschlag. Die Annahme, man werde vom Terror schon verschont, wenn man in Belgien nicht zu sehr gegen islamische Radikale durchgreife, hat sich nicht bestätigt.
Es ist dieselbe Terrorzelle, die auch für die mörderischen Attentate von Paris verantwortlich ist, die den Anschlag mit Unterstützung weiterer Terroristen verübt. Die sind eigens über die Balkanroute nach Deutschland gekommen und wurden dann aus einem Asylantenheim abgeholt.
Zu den zentralen Figuren gehörten die Brüder Ibrahim und Khalid El Bakraoui, der Bombenbauer Najim Laachraoui, außerdem Mohamed Abrini („der Mann mit dem Hut“) und Osama Krayem. Die Struktur war also keine lose Gruppe von Sympathisanten, sondern ein arbeitsteiliges Terrornetz mit Verstecken, falschen Identitäten, Waffen- und Sprengstofflogistik.
Sie haben in einem Apartment den Sprengstoff TATP aus frei erhältlichen Chemikalien hergestellt. Dieser reagiert auf Erschütterungen und ist nur begrenzt haltbar. Anleitungen für die Herstellung und Verwendung der „Mutter des Satans“, wie der Sprengstoff heißt, sind in der Terrorszene verfügbar.
Der Gestank bei der Herstellung ist offensichtlich Nachbarn nicht aufgefallen. Er soll für weitere Attentate außerhalb Belgiens dienen, Gerüchte sprechen später von einem Kindergarten im Pariser Büroviertel La Defense und dem französischen katholischen Institut „Civitas“.
Eine Woche zuvor, am 15. März, planen belgische und französische Polizisten auf der Suche nach den Verantwortlichen der Anschläge von Paris eine Hausdurchsuchung. Sie stoßen auf Widerstand; zwei Terroristen werden getötet, als sie erfolgreich die Flucht des Dritten, des überlebenden Terroristen von Paris, ermöglichen. Er wird drei Tage später verhaftet.
Der Rest der Zelle fürchtet nun aufzufliegen und annulliert die Pariser Pläne. Die Logistik scheint nur noch für nahe Anschläge zu reichen. Obwohl Belgien und insbesondere Brüssel die Heimatbasis ist, scheint die Beteiligung Belgiens an der Koalition im Irak mit 6 F-16 gegen den Islamischen Staat ein ausreichendes Motiv zu sein.
Früh morgens am Tag des Anschlags haben die Flughafenattentäter ein Taxi bestellt. Sie reagieren ungehalten, als der Kofferraum kleiner als erwartet ist und Gepäckstücke zurückbleiben müssen. Ausdrücklich verbieten sie dem Taxifahrer auch, die Gepäckstücke zu berühren und nehmen das Einladen selbst vor. Der Taxifahrer wird später die Polizei zu dem Apartment führen, das weiteren Sprengstoff und Waffen enthält.
Der Terroranschlag von Brüssel demonstriert deutlich: Die Strategie der Toleranz gegenüber islamistischen Bestrebungen ist endgültig gescheitert. Ein tödlicher Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel wird folgen, dazu die Ermordung zweier schwedischer Fussballfans infolge einer dortigen Koranverbrennung, ein Attentat auf die Passagiere des Zuges Amsterdam-Paris wird durch das Eingreifen von zufällig anwesenden amerikanischen Soldaten in Zivil verhindert.
Die Einwanderung aus Marokko setzt in den 60er Jahren ein. Die ärmeren Viertel von Brüssel wie Molenbeek, Teile von Schaerbeek und Saint Josse sind heute bevorzugte Ziele der Einwanderer. Wohnraum ist günstig, zumal viele Belgier aus den alten Reihenhäusern fliehen und in die Vororte ziehen. So manche der in Belgien geborenen Kinder dieser Einwanderer sind entwurzelt und empfänglich für die Botschaft radikaler Prediger. Die Gewährung des lokalen Wahlrechts an Nicht-EU-Bürger tut ein Übriges. In Molenbeek etwa schließt der sozialistische Bürgermeister einen Pakt mit den Einwanderern.
Nach Jahrzehnten ist dieser Ansatz jedoch überholt, die Einwanderer trennen sich von den Sozialisten und haben nunmehr eigene islamische Listen. Die Sozialisten haben ihre Aufgabe erfüllt, es ist Zeit für den Entrismus der Muslimbrüder, die gezielte Unterwanderung des politischen und kulturellen Systems.
Armut und Bildungsferne, das Gefühl des Underdogs sind für eine Minderheit der Weg zur Radikalisierung. Der Katalysator kommt mit den islamistischen Predigern. Bereits 1989 werden der Imam der Hauptmoschee Brüssels in der Nähe der EU-Institutionen und sein Assistent ermordet – weil sie zwar das Buch der satanischen Verse von Salman Rushdie verurteilen, die Todes-Fatwa aber nicht unterstützen. Der westliche Kampf gegen den Islamischen Staat schließlich ist der Durchbruch für die Fundamentalisten. An U-Bahnstationen in den Problemvierteln werden Jugendliche für den Kampf angeworben. Sind sie dazu nicht bereit, so wird zumindestens eine Spende erwartet. Selbsternannte Tugendwächter sorgen für die Trennung von Frauen und Männern an einer U-Bahnstation. Alles bekannt, aber es hat keine rechtlichen Konsequenzen.
Die Täter der Attentate: Kleinkriminelle, Drogendealer, Gescheiterte, Weiberhelden, alimentiert durch das großzügige belgische Sozialsystem. Dass jemand eine Kneipe betreibt, gleichzeitig als Arbeitsloser Stütze bezieht, fällt da nicht auf. Unterschiedliche Dateien und keine Kommunikation im Behördenapparat führen zu einer eklatanten Dysfunktionalität. Das einzige, was funktioniert, ist der marokkanische Geheimdienst.
Versager werden durch radikale Prediger zum Opfer stilisiert, Mordanschläge als Weg ins Paradies verkauft. Auffällig, dass bei den Attentaten die beiden, die doch folgen wollten, darauf verzichtet haben. Gruppendruck, um letzten aufkommenden Zweifeln zu begegnen?
Lessons learned? Bewaffnete Soldaten patroullierten nach den Attentaten in der U-Bahn, in Supermärkten, die Geheimdienste wurden gestärkt und Rettungspläne überarbeitet. Das Vorfahren zur Abflughalle ist unterbunden, das bedeutet für Passagiere fünf Minuten Fußweg verbunden mit temporären Prechecks von Personen und Gepäck im Freien vor der Abflughalle, mit dem Ergebnis großer Menschenansammlungen und damit potentieller Ziele.
Die EU verstärkte ihre Gesetzgebung in Sachen Antiterror 2017, die allerdings immer noch nicht vollständig in deutsches Recht umgesetzt ist. Hierzu gehört auch die umfassende Unterstützung von Terroropfern. Aber wo kein Terror, sondern „nur“ Anschläge angeblich verwirrter Personen ohne Terrorbezug, da keine Terroropfer und entsprechend keine Verpflichtung zur Unterstützung im Sinne der Richtlinie.
Lessons not learned? Das Fastenbrechen unter Allahu-Akbar-Rufen in der Kirche Saint Jean de Molenbeek im Sinne der Toleranz, ausgerechnet zum Jahrestag der Anschläge 2025 und das Wegschauen beim Marsch der Islamisten durch die Institutionen.
Es gab einen Staat, der die Gefahr kannte, aber sie nicht rechtzeitig beherrschte. Genau darin liegt die bleibende politische Brisanz. Denn Terror entsteht selten aus dem Nichts; er wächst dort, wo Parallelmilieus, schwache Sicherheitskoordination, Gefängnisradikalisierung und grenzüberschreitende Netzwerke zusammenkommen. Die heutige Gefährdungslage in Belgien und Europa ist nicht mehr identisch mit 2016, aber sie ist keineswegs verschwunden. In Belgien liegt die allgemeine Terrorwarnstufe nach Angaben der belgischen Bedrohungsanalysebehörde CUTA/OCAM weiterhin bei Stufe 3 von 4 – also „ernst“ bzw. „serious“. Das bedeutet: Ein Anschlag gilt als möglich und wahrscheinlich.
Der IS in seiner damaligen Form mag militärisch stark geschwächt sein, aber die terroristische Methode lebt weiter. Die Gefahr kommt heute diffuser daher, oft weniger als große Kommandostruktur, dafür häufiger als Mischung aus Online-Propaganda, Einzeltäterdynamik, Nachahmung, jugendlicher Radikalisierung und importierten geopolitischen Konflikten.
Europa hat nicht nur ein Terrorproblem, sondern ein dauerhaftes Sicherheitsproblem durch offene Gesellschaften ohne ausreichende Wehrhaftigkeit. Solange radikale Milieus fortbestehen, Online-Radikalisierung explodiert und europäische Nachrichtendienste sowie Polizei nur hinterherlaufen, bleibt der Satz gültig: Der Anschlag von damals ist vorbei — die Gefährdung von heute nicht.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Na ja, es ginge doch ohne Attentate, wenn sich die Männer beschneiden und lange Bärte wachsen lassen und die Frauen züchtig vehüllen und sich nicht allzu weit weg vom Herd wagen. Mein Allah, stellt euch bloß nicht so an, anpassen, liebe EU-Bürger! Ihr wollt es doch mehrheitlich so.
PS: Oh je, was machen dann bloß die restlichen 75 oder mehr Geschlechter?O
Terror ist fürchterlich, aber ändert Gesellschaften nicht in der Tiefe. Die tiefe Gefahr für Westeuropa ist die kulturelle Islamisierung.
Diese kommt durch Indoktrination via Internet („Internet-Dschihad“), Predigten in Moscheen, die demographische Entwicklung („Geburten-Dschihad“), „anerkannte“ Islamverbände, massive Förderung durch Links-Grün (Fastenbrechen im Bundestag!), Machtdemonstration in Schulen. Islamische Propagandisten besetzen öffentliche Ämter und wollen uns weis machen, der Islam sei eine „Religion des Friedens“ und kein Programm zur Errichtung einer Theokratie. Art. 4 Grundgesetz (Religionsfreiheit) ist Einfallstor zur Abschaffung des Grundgesetzes.
Auch viele Muslime warnen. Bisher vergebens.
So schrecklich eindrücklich die Beschreibung dieses islamistischen Terroranschlages ist, danke, dass TE daran erinnert.
Leider wird so etwas nie in das Bewusstsein derjenigen einsickern, die veranwortlich sind, Terroristen, Kriminelle und Gefährder nach Europa eingelassen zu haben. Die – ganz im Gegenteil – den Islam und damit auch Islamisten, auch noch fördern wollen oder sich ihnen bereits unterworfen haben.
“ Die Gefährdungslage in Belgien und Europa ist nicht mehr identisch mit 2016, aber sie ist keineswegs verschwunden“
Der Terror mag zurück gegangen sein, die Gefähdungslage ist um ein X-faches gestiegen.
Wenn im deutschen Parlamentsgebäude bereits ein muselmanisches Festbankett veranstaltet werden kann, dann sind die Terroristen doch schon auf der Ziellinie.