Die Armut in Afrika ist menschengemacht

Angeblich ist der globale Norden für die Hungerkrisen in Afrika verantwortlich. Mehr Geld soll es richten. Doch die Hilfsgelder verfestigen lediglich die Wohlfahrtsmentalität, die Armut bleibt. Afrikaner müssen selbst Verantwortung für die Verbesserung ihrer Situation übernehmen.

picture alliance / Bildagentur-online | Sunny Celeste

Das Narrativ ist nicht totzukriegen: Immer wieder wird der „globale Norden“ für Hungerkrisen in Afrika verantwortlich gemacht. Zuletzt forderte der „Medienexperte“ Ladislaus Ludescher, ein 100-Milliarden-Hunger-Sondervermögen zu schaffen.

Doch bevor noch mehr Geld unkontrolliert in den globalen Süden fließt, sollte man sich lieber mit den wahren Gründen für die Hungerkrisen auf dem Kontinent befassen.

Von seinen natürlichen Voraussetzungen her könnte Afrika problemlos autark in seiner Nahrungs- und Energieversorgung werden. Dennoch machen Hungersnöte in Afrika gerade jetzt wieder Schlagzeilen, weil seit Jahrzehnten die ländliche und landwirtschaftliche Entwicklung vernachlässigt wurde.

Gegen die stets wiederkehrenden Krisen könnten sich die betroffenen Regierungen besser wappnen. So gibt es zum Beispiel im von Dürre geplagten Äthiopien kein Forschungsinstitut, das sich mit Wasser beschäftigen würde. Es gibt günstige, wassersparende Bewässerungssysteme, beispielsweise aus Israel, doch hapert es oft am Willen der Regierungen, diese Methoden durchzusetzen.

In Gegenden, wo bis zu vierzig Prozent der Ernte durch unsachgemäße Lagerung wieder verloren gehen, würde eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Ausbildung helfen.

In vielen Dörfern Afrikas gibt es kaum Strom, kaum Straßen und die Bevölkerung ist – von wenigen Elitenzirkeln abgesehen – verarmt. 38 afrikanische Länder haben ein Ernährungssicherungs-Programm, aber nur Ruanda, Ghana, Senegal und Benin haben begonnen, es in die Tat umzusetzen. Staatliche Investitionen in ländliche Infrastruktur, Logistik, landwirtschaftliche Dienstleistungen und bessere Anbaumethoden sind notwendig, um Nahrungsreserven aufzubauen.

70 Prozent aller Afrikaner leben auf dem Land, und ihr Auskommen hängt von der Landwirtschaft ab. Oft gibt es nicht einmal einen Pflug. Der Boden wird mit einer Hacke oder Machete bearbeitet. Kleinbauern brauchen unbedingt Zugang zu neuen Agrartechnologien, wie etwa Hybridsamen und Mineraldünger, und zu Krediten. Außerdem müssen die Barrieren für den regionalen Nahrungsmittelhandel abgebaut werden. Bildung hilft, wenn sie praxisrelevante Fähigkeiten vermittelt.

Gesellschaftspolitische Veränderungen gehen in Afrika zäh vonstatten. Noch ist in den Köpfen vieler in ländlichen Gebieten lebender Afrikaner eine hohe Kinderzahl gleichbedeutend mit Reichtum. Das hat für einige Länder prekäre Folgen. 6,89 Kinder gebiert eine Nigrerin durchschnittlich in ihrem Leben. Die Bevölkerung Nigers steigt bis 2030 jährlich um etwa eine Million. Dann werden es in dem Land, das zu zwei Dritteln aus Wüste besteht, 34 Millionen sein. Da 80 Prozent der Männer und Frauen über 15 Jahre weder lesen noch schreiben können, haben sie kaum Chancen auf ein geregeltes Einkommen. Sie verdingen sich als Tagelöhner, treiben mit irgendetwas Handel, bewachen etwas oder versuchen ihr Glück in Europa.

In Afrika südlich der Sahara müssen die jungen Mädchen eine bessere Schulbildung erhalten und über Verhütungsmöglichkeiten informiert werden, damit sie nicht als Jugendliche schwanger werden. Frauen, die ihre Familie planen dürfen, sind generell gesünder und besser gebildet. Auch in der Landwirtschaft hängt der Erfolg entscheidend von den Frauen ab. Je weniger Gleichberechtigung in einem Land herrscht, desto größer ist das Ernährungsproblem.

Entweder reichen die angebauten Nahrungsmittel nicht, oder die Menschen können sie sich nicht leisten. Eine produktivere Landwirtschaft könnte dazu beitragen, dass die Nahrungsmittelpreise sinken. Dort, wo Menschen hungern, rufen die Regierungen nach Hilfe aus Europa oder Amerika, anstatt selbst Verantwortung zu übernehmen. Afrika, das vor 60 Jahren noch Nahrungsmittel exportierte, ist inzwischen bei der Grundversorgung abhängig von Importen und internationalen Hilfen. Afrikanische Staaten importieren jährlich Lebensmittel im Wert von bis zu 100 Milliarden US-Dollar.

Die angolanische Volkswirtschaft ist in allen Bereichen auf Importe angewiesen. Darunter Grundnahrungsmittel wie Reis, Eier, Gemüse (Kartoffeln, Süßkartoffeln, Tomaten, Kohl, Knoblauch, Zwiebeln, Mais und Maniok) und absurderweise sogar Früchte (Mango, Bananen und Ananas).

Importe aus Europa oder Brasilien sind langfristig bestimmt keine Lösung des Ernährungsproblems. Das herrschende Personal ist derzeit mehr an Billigimporten (z.B. Hühnerfleisch, Tomatenmark oder Milchpulver) zur Versorgung der politisch einflussreichen Städter interessiert, als an der Förderung der politisch wenig interessanten Bauern. Nationale Machteliten neigen dazu, die Wünsche ihrer eigenen ethnischen Gemeinschaft und ihrer Wählerschaft in den Städten zu erfüllen. Das hat Vorrang vor objektiven wirtschaftlichen Entwicklungszielen. Bei schwachen demokratischen Strukturen ist es schwer, Politik zur Ernährungssicherung und damit zur Armutsreduzierung voranzutreiben.

Der ehemalige Präsident Nigerias, Olusegun Obasanjo, sagt: „Die Menschen sprechen über Armut in Afrika. Gott hat Afrika nicht arm gemacht. Die Armut in Afrika ist nicht von Gott geschaffen, sondern von Menschen verursacht. Wir haben Afrika mit unserer Politik, ihrer Umsetzung und unserem Umgang mit dem Markt, der Verarbeitung und der Lagerung von Lebensmitteln arm gemacht.“ – Die Armut in Afrika ist menschengemacht. Ja, Hungersnöte auf dem Kontinent sind in der Regel menschengemacht. Länder wie z.B. Äthiopien, Kenia, Südsudan, Simbabwe geben weit mehr Geld für Waffen aus als für die Ernährungssicherung der eigenen Bevölkerung. Von dort kommen die lautesten Rufe nach Hilfe.

Ausblick

Es gibt durchaus einige Länder, in denen die Armut erfolgreich reduziert wurde. Um einige zu nennen: Botswana, Ruanda, Mauritius, teilweise Senegal, Benin, Ghana. Andere werden von Autokraten und deren Clans regiert, etwa Kamerun, Uganda, Angola, beide Kongos, Äquatorialguinea oder Simbabwe. Andere haben Militärregierungen – seit 1960 gab es ca. 200 Putsche.

Ist es eigentlich so schwer, in Afrikanern eigenständig handelnde Individuen zu sehen und keine kleinen Kinder, die dem Norden ausgeliefert sind? Aber es ist natürlich viel schöner, sich als Helfer der minderbemittelten Armen dieser Welt zu fühlen, als anzuerkennen, dass nur die Gesellschaften im globalen Süden selbst etwas ändern müssten und tatsächlich selbst Verantwortung dafür tragen, was vor Ort passiert, wie sich z.B. das Bevölkerungswachstum, die Landwirtschaft und die Wirtschaft entwickeln.

Deutschland ist längst nicht mehr in der Lage, die ganze Welt zu unterstützen. Die Zeiten sind vorbei und das ist auch gar nicht erwünscht. Den fortwährenden Aktivismus der guten Gesinnung muss man mit einem Fragezeichen versehen. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte werden nicht zur Kenntnis genommen. Unsere Gaben lösen tiefgreifende gesellschaftliche Grundprobleme nicht. Sie schaffen jedoch eine Wohlfahrtsmentalität. „Hilfe zur Selbsthilfe“ wird zur hohlen Phrase.

In sehr wenigen Ländern ist es gelungen, mit Entwicklungshilfe afrikanische Antriebskräfte zu wecken und zu stärken. Zum mangelnden Entwicklungsstreben haben wir dagegen kräftig beigetragen, weil wir den Afrikanern nicht zutrauen, z.B. Straßen oder Brunnen ohne ausländischen Beistand zu bauen. Was hindert denn afrikanische Staaten, ihre geringen Lohnkosten zu nutzen und Straßen arbeitsintensiv zu bauen? Nun – warum sollen sie Probleme lösen, wenn sie „outsourcen“ und sich vom globalen Norden versorgen lassen können?

Es gibt genügend Stimmen aus Afrika, die klar sagen, dass die Helfer-Attitüde, mit der Moralisten aus Europa ihnen erklären, wie die Welt funktioniert, genau das ist, was Korruption und Elend am Laufen hält.

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Kommentare ( 1 )

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AlNamrood
2 Stunden her

Die Umstände sind seit mindestens den 70ern bekannt. Eigentlich sogar früher. Afrikaforscher und die Kolonialmächte haben sehr früh festgestellt, dass man mit Afrikanern nichts sinnvolles anfangen kann. Die Chinesen machen diese Erfahrung grade. Siehe Empire of Dust.

Gleichzeitig wird es ohne Zwang niemals eine Abwendung von „humanitärer Hilfe“ geben, weil teleskopischer Altruismus fester Bestandteil einer feminisierten Gesellschaft ist.