Papst Leo XIV. und Donald Trump und irdische Erlösungssehnsüchte

In den Dunkelheiten der täglichen Nachrichten sehnen sich viele nach Erlösung. Papst Leo XIV. malt den Menschen populistisch im Geiste von John Lennons „Imagine“ eine friedliche und harmonische Welt vor Augen, in der das Böse sich in Wohlgefallen auflöst. Trump inszeniert sich populistisch als Supermann, der mit brutal-harter Hand das Böse niederkämpft und so die Welt erlöst.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Uncredited

Papst Leo XIV. hat in dieser Woche das muslimische Algerien besucht. Dabei macht er mit einseitigen Aussagen auf sich aufmerksam:

Zum einen plädiert er mit dem Heiligenschein des Evangeliums für eine politische Appeasement-Ideologie, wenn er sagt: „Ich bin kein Politiker, ich spreche vom Evangelium. Den Führern dieser Welt sage ich: Schluss mit den Kriegen!“ Statt vernünftige und schlagende Argumente gegen den Krieg bringt Leo XIV. lediglich eine nebulöse und autoritäre Inanspruchnahme „des Evangeliums“.

Zum anderen sieht er keine Probleme bei der Gemeinschaft von Christen und Muslimen: „Die heutige Zusammenkunft beweist, dass wir lernen können, einander zu respektieren, miteinander in Harmonie zu leben und eine Welt des Friedens bauen zu können.“ Dabei steht der Papst als vermeintlicher „Stellvertreter Christi“ in weißem Talar neben einem hohen muslimischen Geistlichen in einer großen algerischen Moschee. Der muslimische Geistliche trägt in Partnerlook ebenfalls einen weißen Talar, der Reinheit und Erlösung symbolisiert. Meine afghanische Bekannte, die kein Kopftuch trägt und die darum keinen Kontakt zur Familie haben darf, hätte wohl nichts dagegen, wenn die frommen Wünsche des weiß gekleideten Papstes nicht nur heiße Luft wären.

Der Papst erinnert mich bei seiner Harmonie-Inszenierung an John Lennon, der in dem Video seines Liedes „Imagine“ aus der Dunkelheit heraustritt, um in einem weißen Haus, in einem weißen Raum, an einem weißen Klavier, an der Seite seiner weiß gekleideten Yoko Ono das Lied „Imagine“ zu singen. In diesem Lied geht es ebenfalls um die Erlösung der Welt in Frieden und Harmonie. Form und Inhalt sind bei dem katholischen Papst und dem gottlosreligiösen John Lennon erstaunlich ähnlich. Beide stehen als geistige Zwillinge für die Sehnsucht der Menschen nach Auflösung des weltweiten Bösen in Wohlgefallen.

Ganz anders geht der amerikanische Präsident Donald Trump die menschliche Sehnsucht nach Erlösung an. Er verharmlost nicht das Böse als eine mehr oder weniger leicht zu überwindende Dummheit oder Bosheit. Trump billigt dem Bösen große Macht zu. Und er weiß das Böse sehr genau zu verorten. Doch dann inszeniert er sich selbst als der Supermann, der als herausragender Held und religiöse Kultfigur das Böse mit brachialer Stärke zerschmettert. Sein KI-Bildchen auf seinem Account, auf dem er sich selber als christusgleiche-messianische Erlösergestalt ikonographierte, kommt bei seinen religiösen Kernwählern nicht unbedingt gut an, da solche Bilder den Geruch der Blasphemie verbreiten.

Trumps Rambo-Rhetorik mit Heiligenschein passt zu seinem Erlösungsversprechen, genau wie Papst Leo XIV. mit seiner klerikalen Rhetorik zu seinem vermeintlich christlichen Erlösungsversprechen passt.

Für mich ist in der Nachfolge von Jesus Christus die Erlösung kein irdisch-politisches Hoffnungsprojekt. Für mich ist Erlösung bereits vollbracht in Kreuz und Auferstehung Jesu als Geschenk Gottes (Johannes 19,30). Ich tue mich darum schwer, sowohl mit dem Papst, der das Evangelium politisch einseitig instrumentalisiert, als auch mit Donald Trump, der das Evangelium zur politischen Selbstinszenierung missbraucht.

Mir fehlt bei beiden die Demut, dass Frieden und Harmonie meist nur Millimeterarbeit sind und dass oft genug „gut gemeint“ das Gegenteil von gut ist.

Mir fehlt bei beiden die Weisheit, dass das Böse in mir, in anderen und sogar im Krieg meist gar nicht so leicht einzuordnen ist.

Mir fehlt bei beiden das nüchterne, sachliche und vernünftige politische Abwägen.

Mir fehlt bei beiden die Erkenntnis, dass das Böse dermaßen tief die Strukturen dieser Welt erfasst hat, dass es ohne göttliche Erneuerung dieser Welt keinen Frieden und keine Harmonie geben kann. Glück ist als Dauerzustand auf dieser Welt nicht vorgesehen.

Jesus sagt es ähnlich nüchtern: „In der Welt habt ihr Angst.“ Die menschlichen Sehnsüchte nach Frieden und Harmonie können innerweltlich nicht erfüllt werden, weder durch Trump noch durch John Lennon und Leo XIV.

„In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Jesus Christus in Johannes 16,33).

Die Erlösung als Glaubens-Geschenk befreit den Christen dazu, allen Versuchungen zu widerstehen, die Sehnsüchte nach Erlösung innerweltlich erfüllen zu müssen. Der Weg zur Hölle ist oft genug mit religiösen und pseudoreligiösen innerweltlichen Erlösungsversprechungen gepflastert.

Allen irdisch-päpstlich-trumpischen Heilsversprechungen halte ich entgegen: Werden wir menschlich; suchen wir uns argumentierend, streitend, korrigierend und lernend durch’s irdische Leben, zuversichtlich, versöhnt und jenseitig geborgen bei Gott in Jesus Christus.

Einen von Gott gesegneten Sonntag allerseits.

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Kommentare ( 81 )

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81 Comments
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giesemann
1 Monat her

Gehen wir doch gleich in die Transzendenz, lieber Herr Pfarrer Zorn, wozu noch leben in der Immanenz? What is life? A tale, told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing. (nach W.S., eigener Duktus). Der Moslem lehrt uns: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“. Dazu *David Motadel/Historiker | 04.11.2015: „Eine für Soldaten praktische und sympathische Religion“, schwärmte Heinrich Himmler. Im Zweiten Weltkrieg wollte das NS-Regime Muslime zum Kampf gegen die Alliierten aufstacheln. Doch diese Versuche waren weniger erfolgreich als von Berlin erhofft. NS-Geschichte – Wie die Nazis den Islam vereinnahmen wollten. Vllt. klappt es jetzt? Den Nazis hat das gefallen –… Mehr

achijah
1 Monat her
Antworten an  giesemann

Meine Antwort auf Ihre Frage: Die Verankerung in der Transzendenz macht frei, nüchtern und fröhlich in der Immanenz zu leben, selbst wenn diese manchmal total irre ist. Die Verankerung in der Transzendenz ist eine klasse Lebenshilfe.

giesemann
1 Monat her
Antworten an  achijah

Einverstanden, Herr Zorn – wenn es nicht allzu transzendenzial- indoktrinär wird … . Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht/Besonnenheit, Jahreslosungen für 1933, 1949 und 1984, Jahreslosungen seit 1930. Das war mein Konfess-Spruch, hat mir gut gefallen. Mein Pfarrer damals, der das für mich ausgesucht hatte (1964) meinte dazu: Ein schwieriger Spruch, anspruchsvoll, aber du verstehst ihn. Sie auch? Allein deshalb gibt es die Immanenz, in der wir leben sollen&müssen, sonst wäre sie gänzlich sinnlos. Und zwar ein Leben fern von Gott, also „in Sünde“. Gott will es… Mehr

Retlapsneklow
29 Tage her
Antworten an  giesemann

Entscheidend ist bekanntlich, was hinten rauskommt. Wenn ich nur Zorn gelesen hätte, und sonst nichts anderes verstanden und erlebt, wäre ich vermutlich Atheist.

Ich sehe in der Quintessenz relgelmäßig, wie er die Religion zerdeppert, nicht zuletzt durch Widersprüche zwischen Theorie und seiner praktischen Umsetzung, ob nur erklärt oder gemacht – womit sich das Urteil durch ihn selbst ergibt, nicht durch meine Meinung.

achijah
29 Tage her
Antworten an  giesemann

Wunderbarer Konfess-Spruch. Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir als Mail Ihre Adresse, dann schicke ich Ihnen ein kleines Kärtchen, das meine Frau und ich für einen Gottesdienst entworfen hatten.

Retlapsneklow
1 Monat her
Antworten an  achijah

Erzählen Sie doch mal was Konkretes, was Sie in (nicht von?) der Transzendenz erleben. Und was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Verankerung? Bitte nicht auf chinesisch.

Michaelis
1 Monat her

Dass sich Trump durch die an sich völlig neutralen Gebetsworte des Papstes angesprochen und provoziert fühlt, zeigt ja eindeutig, dass auch er genau weiß, wer diesen Krieg begonnen hat. Im übrigen hat es rein gar nichts mit „politischer Einmischung“ zu tun, wenn ein Papst – ausgerechnet noch um die Osterzeit – für Frieden in der Welt betet. Übrigens auch für Frieden zwischen den Weltreligionen! Dass dieses Anliegen hier von einem „protestantischen Publizisten“ verwässert wird, finde ich recht bedenklich!

Last edited 1 Monat her by Michaelis
achijah
1 Monat her
Antworten an  Michaelis

Sorry, ich bin halt kein klerikaler Appeasement-Ideologe. Und dass ein Protastant Probleme mit dem Papst hat, passt doch.

Retlapsneklow
1 Monat her
Antworten an  achijah

Umso mehr stellt sich die Frage, wer in Sachen Religion und ihrer Umsetzung kompetenter ist. Während der Papst das Heilende anstrebt, arbeiten Sie unermüdlich für Gegnerschaft, Spaltung.und Mauern.

Mich wundert nicht, dass Sie in der EKD – das sind alles Protestanten – keine Aufgaben mehr bekommen. Auch dort aus eigener Kraft abgespalten. Protest gegen alles, was trotz aller Fehlleistung der EKD oder der Papst mit seinen Appellen an die Menschlichkeit näher an der Religion ist als Sie mit Ihrem Abschied davon.

Merken Sie eigentlich nicht, dass Sie alles zersägen, was Sie theoretisch vortragen?

Michaelis
29 Tage her
Antworten an  achijah

Also lieber mit den evangelikalen Fanatikern in den USA marschieren als mit einem nach Frieden suchenden Papst? Weil der Katholik ist?

achijah
29 Tage her
Antworten an  Michaelis

Nein. Bitte nicht so schwarz-weiss denken. Christen haben so viele Möglichkeiten, sich in dem Raum der Friedensethik zu positionieren, den Jesus in den Evangelien eröffnet. Pazifismus ist davon sicherlich eine Möglichkeit. Aber Pazifismus-Ideologie, die eine Linie für alle Christen vorschreiben möchte, entspricht nicht der Friedensethik Jesu, der bei der Steuerfrage Steuern an Rom befürwortet hat, obwohl ein Großteil der Steuern in die römische imperialistischen Armee ging.

Und übrigens: Für Frieden habe ich im Ostergottesdienst auch gebetet. Aber meine Gebete richten sich an Gott und nicht an die politischen Journalisten im Flugzeug.

Retlapsneklow
29 Tage her
Antworten an  achijah

Aber den Papst kritisieren Sie trotzdem, der nicht nur betet, sondern selber Friedensanstrengungen zwischen den Kulturen unternimmt – während Sie jetzt so reden aber sonst das Gegenteil befeuern.

giesemann
1 Monat her

Der 2. Johannesbrief ist ein kurzes neutestamentliches Schreiben (nur 13 Verse), das an eine „auserwählte Herrin“ (Gemeinde oder Person) gerichtet ist. Der Verfasser („der Älteste“) mahnt zur Wahrheit, Liebe und zum Gehorsam gegenüber dem Gebot Christi, in der Lehre zu bleiben. Er warnt eindringlich vor falschen Lehrern, die die Menschwerdung Jesu leugnen.
Sie meinten wohl Johannes 2, 22

giesemann
1 Monat her

Sie maßen sich Dinge an, von denen Sie nichts verstehen, schweigen Sie fortan.

steadyrollingman
1 Monat her

Mit dem Papst legt man sich nicht an. Der gestörte Narzißt Trump wird das bei den Wahlen zu spüren bekommen. Stalin hat einmal spöttisch gefragt, wieviele Panzer der Papst denn habe. Er braucht sie nicht. Erinnern wir uns doch mal an die Rolle des polnischen Papstes beim Niedergang des Sowjetreichs.

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  steadyrollingman

Wer sich mit wem da „anlegt“ und sich einmischt ist nicht erst offen, seit dieser Leo auf dem Heiligen Stuhl sitzt. Heute schicken sie nicht nur aus Rom Boote Richtung Afrika, um die Eroberer übers Meer zu bringen – sie kritisieren auch die USA für ihre Abschiebepolitik. Tom Homann schlug Päpsten nun mehrfach vor, sich um ihre eigenen Geschäfte zu kümmern, statt den Amerikanern ins Ausreisegeschäft zu reden: https://www.cbsnews.com/news/pope-francis-trump-tom-homan-immigration-deportations/ https://www.foxnews.com/politics/border-czar-tom-homan-slams-catholic-church-says-secure-border-saves-lives Und hier neu: https://www.foxnews.com/politics/border-czar-homan-fires-back-pope-leo-explains-what-vatican-leaders-dont-know-about-immigration . . @POTUS : „I want him to preach the Gospel. I’m all about the Gospel — but I also know that you cannot let a… Mehr

steadyrollingman
1 Monat her
Antworten an  Kassandra

Mein Kommentar war nichts anderes als eine Feststellung, schon gar nicht eine Bewertung der Abschiebepolitik von Donald Trump.

Deutscher
1 Monat her

„Nüchternheit bleibt auf der Strecke“

…sagt jemand, der an jungfräuliche Schwangerschaften und leibhaftige Himmelfahrten glaubt.

giesemann
1 Monat her
Antworten an  Deutscher

Alle fangen als Jungfrau an, s. zB UNICEF prangert Kinderehen an – DW – 07.06.2019 und Kinderheirat – Wikipedia und Kinderehen weltweit: Die wichtigsten Fragen und Antworten und Weltbevölkerungskonferenz: Neuer Anlauf für Frauenrechte – DW – 12.11.2019. Die UNO, unicef wissen das – und somit die ganze Welt. Bloß ist es eben selten der Hl. Geist, der alte Jungfernstesser. Als Befruchter. Als Flieger weiß ich, wie man leibhaftig auffährt … . Halleluja. Wenn das sogar der Prophet auf einem Gaul schafft, dann fliegen sogar Scheunentore. Gut, der war vorher immerhin auf den Tempelberg geritten. Fliegerspruch am Flugplatz: Alle reden vom… Mehr

Retlapsneklow
1 Monat her

Was ist zu sehen? Alle, die sofort eine Lösung wollen, können sie nur durch Krieg lösen. Aber sie lösen nichts wirklich. Es sieht nur vorerst so aus. Die Ruhe, falls es sie überhaupt gibt, wäre eine Friedhofsruhe.

Sie konnten den anderen Weg des Papstes nicht lesen. Sie haben kein Zutrauen, dass man es überhaupt anders als mit Krieg lösen kann. Wer das nicht kann, sollte sich lieber heraushalten, um die Sache nicht noch schwieriger zu machen als sie schon ist.

OJ
1 Monat her

Liegt Trump mit seinen Äußerungen gegen den Papst richtig ❓
Definitiv JA. Der Papst soll sich um seine Schafherde kümmern und sich aus der Politik komplett heraushalten ❗

Maunzz
1 Monat her

„Böse“ ist ein Wort, um Kinder zu schützen und infantile Erwachsene zu erziehen. „Ich gehöre zu den Guten“ ist gleichbedeutend zu „Er [also ich] ist ein Böser.“

thinkSelf
1 Monat her

„Mir fehlt bei beiden die Demut, dass Frieden und Harmonie meist nur Millimeterarbeit sind und dass oft genug „gut gemeint“ das Gegenteil von gut ist.“ Da sind alle großen Religionen schon lange weiter. Die fussen alle der grundlegenden Erkenntnis das ein allgemeiner Zustand von „Harmonie und Frieden“ in der realen konstitutiv ausgeschlossen ist. Weshalb das Heil eben nur außerhalb des Seins möglich ist. Die Antwort, wie man damit umgeht ist allerdings sehr unterschiedlich. Der Buddhismus gibt hier die radikalste und konsequenteste Antwort: Nämlich die Überwindung des Seins an sich („Nirvana“). Das Christentum plädiert für die Akzeptanz dieser Tatsache („Erbsünde“), das… Mehr