Achijah Zorn predigt gegen den Strom – pointiert, streitbar und unbequem. Seine Texte erinnern an Luthers Ernst im Glauben und fordern Taten statt Worte. „Geborgen, frech und frei“ ist ein Plädoyer für gelebte Überzeugung statt kirchlichen Komfort. Ein Buch für alle, die mehr erwarten als wohlfeile Moral und leere Versprechen.
Vorstellen muss ich Achijah Zorn nicht. Den Lesern von Tichys Einblick ist er wohlbekannt, denn jeden Samstag steigt er auf die virtuelle Kanzel, um dort das Vorwort zum Sonntag zu verkünden. Dabei kommt einiges von dem zur Sprache, was Gläubige von ihrer Kirche erwarten dürfen, in den Einrichtungen der EKD aber nicht mehr zu hören bekommen. Deshalb lohnt es, Zorn zu lesen.
Unter den vielen schwarzen Raben, die in den leeren Kirchen nach Futter suchen, ist er ein weißer. Luther, die Zunge und das Schwert des deutschen Geistes, wie Heinrich Heine ihn genannt hatte, ist ihm wichtiger als die Bischöfe, die Kirchenpräsidenten und die Ratsvorsitzenden, die lieber im Fernsehen auftreten als vor der Gemeinde. Zorn besteht auf dem Priestertum aller Gläubigen und macht auf seine Art davon Gebrauch.
„Geborgen, frech und frei“ heißt die Sammlung seiner Gedanken, die demletzt im Eigenverlag erschienen ist. Geborgenheit ist das Leitmotiv, das ausgiebig variiert, am Ende dann zum Geborgenheitsglauben, ja zur Geborgenheitsgewissheit gesteigert wird. Mit „frech“ meint Zorn „unangepasst, respektlos, draufgängerisch und dreist. „Wer frech ist,“ schreibt er, „kriegt garantiert Ärger. Aber es lohnt sich“. Es lohnt sich, weil es frei macht.
Das Buch sucht nach einer Antwort auf Luthers Frage nach dem gnädigen Gott. Verbo solo, sola fide, allein durch das Wort, allein durch den Glauben heißt die Auskunft eines guten Lutheraners. Nur dass das Wort dann aber doch nicht reicht; es müssen Taten folgen, der Glaube muss sich bewähren, sich an seinen Früchten zu erkennen geben. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, auf diesen Kalauer läuft es am Ende auch bei Zorn hinaus.
Wirklich? Sind die Zehn Gebote – oder Verbote – mit ihrem unerbittlichen „Du sollst“ und „Du sollst nicht“ nur Vorschläge, Angebote, Einladungen zum Austausch von Meinungen, zum Aushandeln von Kompromissen? Das glauben nur Diskursethiker; und denen sollte man nicht glauben. Zorn will es den Menschen leicht machen, doch das ist eben nur die halbe Botschaft. Max Weber hat sie ergänzt, als er an den Befehl erinnerte, dem anderen die zweite Backe hinzuhalten, „unbedingt, ohne zu fragen, wieso es dem anderen zukommt, zu schlagen“ und folgerte: „Eine Ethik der Würdelosigkeit – außer für einen Heiligen“.
Das Zeichen der christlichen Kirche, das Kreuz, ist leider unbequem. Es verspricht viel, verlangt aber auch viel – von denen jedenfalls, die es auf dem Rücken und nicht wie Bischöfe und Kirchenpräsidenten auf der Brust tragen. Diese Gottesdiener sind mit sich selbst zufrieden, haben als Lebenszeitbeamte mit Pensionsanspruch ja auch allen Grund dazu. Sie repräsentieren eine Kirche, deren Zukunft in den Sternen steht, weil ihr die Gläubigen in Scharen davonlaufen.
An diesen Früchten kann man sie erkennen. Achijah Zorn findet sie unschmackhaft, er will andere, schönere, bessere Früchte. Er wirbt für eine Kirche, die den Glauben, den sie fordert, auch verdient; hoffentlich mit Erfolg.
Achijah Zorn. Geborgen, frech und frei. Konsequent gegen Moralismus in Kirche und Gesellschaft. Eigenverlag, Hardcover, 280 Seiten, 10,00 €



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