Der Sieg Assads, Moskaus und Irans in Syrien ist der Vater ihrer kommenden Niederlage

Die EU, vor allem Deutschland als führende Wirtschaftsmacht, wären gut beraten, gemeinsam mit der neuen amerikanischen Administration auf Moskau einzuwirken, die militärische Intervention Russlands in Syrien so schnell wie möglich zu beenden.

Bei vielen rechtschaffenen Demokraten in Europa herrscht Verzweiflung. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen habe versagt, klagte Bundeskanzlerin Angela Merkel, nachdem die Stadt Aleppo in die Hände der Truppen Assads gefallen war. Die Armee des Diktators, aber auch die mit ihr verbündete Luftwaffe Russlands und die Bodentruppen Irans sowie die von Teheran abhängigen schiitischen Hizbollah-Milizen, hatten mit unvorstellbarerer Grausamkeit auch gegen die Zivilbevölkerung den Widerstand der Regimegegner gebrochen und Aleppo erobert.

Zahlt sich eine skrupellose, ja terroristische Kriegsführung, die bewusst auch gegen unbeteiligte Frauen, Kinder und Männer vorgeht, am Ende aus? Das Regime Assads ist ohne Zweifel auf dem Weg zum kurzfristigen militärischen Erfolg. Es wird nicht lange dauern, dann werden die Truppen des Gewaltherrschers die bewaffneten Verbände der syrischen Opposition landesweit niedergeschlagen haben. Das Land wird von der Ba’ath-Regierung in Damaskus und ihren Verbündeten beherrscht sein. Also auch ein Sieg Putins und des iranischen Mullah-Regimes? Mission accomplished?

Noch ein Vietnam …

Falsch! Die Geschichte lehrt, dass ein militärischer Sieg, der gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit errungen wird, unweigerlich zum Vater einer kommenden Niederlage wird. Dieses strategische Gesetz gilt nicht erst seit der Besetzung Iraks durch die Armeen der USA und ihrer Verbündeten nach einem „Blitzkrieg“ im Jahre 2003. Von wegen „Mission accomplished“, wie der amerikanische Präsident Bush bald erkennen musste, als seine soeben noch siegreiche Armee und die Verbände der US-Alliierten in einen Guerilla-Krieg verwickelt wurden, der bis heute andauert. Vor Irak haben die USA entsprechende Kriege in Afghanistan, vor allem aber in Vietnam, verloren.

Kein Land jedoch hat dermaßen verheerende Geschichtslektionen erlitten und dabei einen so hohen Blutzoll entrichten müssen wie Russland. Die Russen haben erlebt, wie der kecke Franzosenkaiser Napoleon 1812 trotz seines gewaltigen 600.000-Mann-Heeres in den Weiten Russlands, in der Kälte des Winters und an der Gegenwehr des von Marschall Kutusow organisierten Widerstandes jämmerlich scheiterte. Damit war der Anfang vom Ende seiner Herrschaft besiegelt. Knapp 130 Jahre später meinte Adolf Hitler dank moderner Technik die Sowjetunion militärisch zerschlagen und in Russland „Lebensraum“ für die Deutschen erobern zu können. Das Ergebnis ist bekannt. Die Verluste ebenfalls. Ein Resultat der deutschen Niederlage war die mehr als vierzig Jahre währende Teilung unseres Landes. Trotz dieser Geschichte ließ sich die Sowjetführung ab Ende 1979 zu einer militärischen Intervention in Afghanistan hinreissen. Obwohl modernste Waffen zum Einsatz kamen, erlitten die Sowjets im folgenden Jahrzehnt eine vernichtende Niederlage, die das Ende der kommunistischen Herrschaft beschleunigte.

Dies ist nun knapp dreißig Jahre her. Vladimir Putin meint – wie so mancher Eroberer vor ihm – die Gesetze der Geschichte überlisten zu können. Also entsendet er „nur“ seine Luftwaffe und entsprechende Sicherungsverbände nach Syrien. Die „dreckige“ militärische Eroberungsarbeit am Boden überlässt der Kreml den Iranern und deren libanesisch-schiitischen Bütteln. Trotz dieser raffinierten Strategie werden die Russen am Ende ihren Mittelmeerstützpunkt Tartus ebenso verlieren wie ihre militärische Position in Syrien. Denn weder die Syrer noch die anderen arabischen Staaten werden vergessen, dass die Russen sich an der Seite eines verhassten alawitischen Gewaltherrschers in einen Krieg gegen die Bevölkerung eingelassen haben.

… und Afghanistan

Das gleiche historische Verdikt gilt auch für Iran. Das persische Reich ist seit Jahrtausenden eine entscheidende Macht im Nahen und Mittleren Osten. Doch sobald die Perser die Grenzen ihres Landes überschritten und Eroberungskriege, etwa gegen Griechenland, unternahmen, erlitten sie Niederlagen, die ihr Reich an den Rand der Vernichtung brachten. Selbst Revolutionsführer Ayatollah Khomeini kannte diese geschichtliche Regel. Daher beschränkte er sich nach der Invasion seines Landes durch Saddam Husseins Armeen darauf, die Eroberer zurückwerfen zu lassen. Iran selbst versuchte zu Zeiten des Revolutionsführers nicht, seine Nachbarn zu erobern.

Diese Selbstbeschränkung hat Iran längst aufgegeben. Neben dem Aufbau eines Atomwaffenprogramms (das durch ein Abkommen mit den ständigen Sicherheitsratsmächten und Deutschland zunächst eingefroren wird) interveniert Teheran heute militärisch unter anderem in Jemen, Syrien und Libanon. Das macht den schiitischen Iran in der zumeist sunnitischen arabischen Welt noch verhasster, als er ohnehin ist.

Nach der militärischen Rückeroberung Syriens durch Assad und seine iranischen und russischen Verbündeten werden diese rasch feststellen, dass das zerstörte Land mit Millionen Flüchtlingen ein Fass ohne Boden ist. Die Terroristen des Islamischen Staates ebenso wie die freiheitlichen Kräfte der Opposition werden sich neu organisieren und durch einen Mehrfronten-Guerillakrieg das Regime Assads und seine verbündeten Truppen ausbluten lassen.

Schadenfreude über die bevorstehende Niederlage von Assads Diktatur und dessen Alliierten wäre jedoch unangebracht. Der sich unweigerlich verschärfende Bürgerkrieg in Syrien wird auch auf die umliegenden Länder, vor allem auf Libanon und Irak, übergreifen. Die Konflikte im Nahen Osten, dem Vorhof Europas, werden sich verschärfen. Die EU, vor allem Deutschland als führende Wirtschaftsmacht, wären gut beraten, gemeinsam mit der neuen amerikanischen Administration auf Moskau einzuwirken, die militärische Intervention Russlands in Syrien so schnell wie möglich zu beenden. Im Interesse des Kreml, aber auch von uns Europäern und nicht zuletzt der geschundenen Bevölkerung Syriens.

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